Barbara Zippel zeigt modische Ergebnisse ihrer Arbeit im Laden der Pflanzenfarben-Manufaktur. (c) Bettina Koch

Pflanzenfarbe trifft Naturfaser

Ein bislang einzigartiges regionales Projekt zu Färberpflanzen führt Landwirte, Fachleute für natürliche Farbstoffe sowie kreative Köpfe aus der Textil- und Modebranche zusammen.

Von Bettina Koch

Die Wertschöpfungskette für Pflanzenfarben steht und soll im Herbst in ihrer ganzen Schönheit sichtbar werden – auf einem naturfarbenfrohen Mode-Event am 2. Oktober in der Villa Toepffer in Magdeburg. Mit dem ersten Anbau von Rubia tinctorum, auch Echte Färberröte oder Krapp genannt, sowie von Reseda luteola (Färber-Wau, oder auch Gelb- oder Gilbkraut) sind regionale Rohstoffgrundlagen gelegt.

Die Glieder der Kette von Saatgut und Pflanzenbau bis zur Textilgestaltung führten die Biologin Dr. Barbara Zippel, Inhaberin der Pflanzenfarben-Manufaktur in Magdeburg, und ihr Lebenspartner Axel Wähling, Geschäftsführender Gesellschafter der NIG Nahrungs-Ingenieurtechnik GmbH in Magdeburg, zusammen.

Pflanzenfarbe: Anbau ist Neuland

Das Reseda-Saatgut vermehrt die Rose Saatzucht Erfurt, auch die Krapp-Jungpflanzen zieht der Ökobetrieb an. Die APH eG Hinsdorf GbR in Quellendorf bei Köthen startete im vergangenen Herbst auf kleiner Fläche mit dem Anbau der Färberpflanzen und betrat damit Neuland. Geschäftsführer Thomas Fischer ist gespannt auf die Ernte im Sommer.

Aus den getrockneten und zerkleinerten Blättern und Blüten extrahiert NIG in Magdeburg dann den gelben Farbstoff. Das Unternehmen liefert insgesamt elf Pflanzenfarben in standardisierter Qualität in Pulverform an Industriekunden weltweit. Die Farben werden z. B. für die umweltfreundliche Produktion von Textilien, Spielzeug und Tapeten verwendet. Barbara Zippel entwickelt die Rezepturen für die Farben, färbt Wolle und Stoffe aus Naturfasern in ihrer Werkstatt und gibt Wissen und Erfahrungen in Kursen weiter.

Zum Färben fertiger Kleidungsstücke fährt sie nach Bayern zur Fröhling Textilconsulting GmbH in Lisberg bei Bamberg. „Ich kann in meiner Werkstatt in einem Gang nur etwa anderthalb Kilogramm Stoff färben, beim Färbespezialisten Fröhling sind es dreißig Kilogramm“, erklärt sie. Der Familienbetrieb sei auf das Veredeln von Baumwolle und Leinen spezialisiert und gefragter Partner vieler großer Unternehmen, wenn es um Farbentwicklungen gehe.

Nicht nur in der eigenen Manufaktur, auch beim bayerischen Partner setzt Barbara Zippel die Färbeflotte für ihre Produkte selbst an und ist während des kompletten Färbevorgangs dabei.

Welche Vorteile das Färben bereits fertig genähter Kleidungsstücke bietet, erklärt Annett Weigelt, Schneiderin und Textilgestalterin in Magdeburg: „Zum einen entstehen used-Effekte, zum anderen kann ich mit Ziernähten, die nach dem Färben entfernt werden, dezente und zugleich wirkungsvolle Akzente setzen“, so die Inhaberin der Schneiderei Nadelöhr. Von ihr werden auf der geplanten Modenschau u. a. drei Leinenmäntel, Kleider und Jacken zu sehen sein.

Weitere Beteiligte

Außerdem würden durch Kombinieren verschiedener Materialien wie Leinen und Seide in einem Kleidungsstück im Färbegang verschiedene Farbnuancen erzielt, da beide die Farbe unterschiedlich intensiv annehmen, erklärt Barbara Zippel. Weitere Handwerkerinnen aus der Region sind Partner ihrer Pflanzenfarben-Manufaktur. Dazu gehört die junge Designerin Gerda-Luise Schwander aus Seehausen in der Altmark, die mit Tetzlove Design ein eigenes Label aufgebaut hat. Gemeinsam haben Zippel und Schwander am letzten Märzwochenende auf dem Landhof Neulingen bei Arendsee die Frühlingskollektion „Klamottage Naturelle“ – pflanzengefärbte Leinenbekleidung für Damen und Herren – präsentiert.

„Bisher beziehen wir die Rohstoffe für unsere Pflanzenfarben-Produktion vor allem aus Italien und den Niederlanden“, berichtet Axel Wähling. Er ist froh, in der APH Hinsdorf einen interessierten, engagierten regionalen Partner gefunden zu haben, und hofft, dass aus diesem Anbauversuch auch eine langfristige Kooperation entsteht.

Vorbereiten der Technik für die Krapp-Pfl anzung in der APH Hinsdorf im Vorjahr.
Vorbereiten der Technik für die Krapp-Pflanzung in der APH Hinsdorf im Vorjahr. (c) Bettina Koch

Der Betrieb säte voriges Jahr auf einem Hektar Reseda luteola aus und pflanzte auf einem halben Hektar Krapp. „Reseda hat sich gut entwickelt“, sagt Geschäftsführer Fischer. Allerdings wüchsen die Pflanzen anfangs sehr langsam und gäben damit Unkräutern viel Raum, sich auszubreiten.

Spezialtechnik nötig

In den kommenden Wochen wird der Pflanzenbestand dicht und der sommerliche Blütenteppich zum Magneten für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten. Für eine kurze Zeit zumindest, denn die Blühzeit ist zugleich Erntezeit. „Wir stimmen uns da mit unseren kooperierenden Imkern ab“, sagt Fischer.

Für Aussaat als auch Ernte wird spezielle Technik benötigt. Für eine normale Drillmaschine ist das Korn der Reseda viel zu winzig. Spezialtechnik zum Säen und Häckseln leiht sich die APH deshalb von einem Spezialisten. „Vielleicht müssen wir auch von Hand ernten“, so der Betriebsleiter. „Und wir werden testen, ob im Spätsommer eine zweite Ernte möglich ist.“ Am Ende müsse das Verhältnis von Kostenaufwand und erzieltem Preis stimmen. „Wenn es finanziell Sinn macht, bleiben wir am Thema dran.“


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Das gilt auch für den Anbau von Rubia tinctorum. Die Pflanztechnik wurde ebenfalls ausgeliehen. „Wir haben den Boden von Anfang an sehr intensiv durchgearbeitet, einmal wurde per Hand Unkraut gezogen“, sagt Fischer. Die Jungpflanzen wurden 2020 in den Boden gebracht und können im dritten Jahr, also 2022, geschlegelt und gerodet werden. Krapp speichert den roten Farbstoff in seinen Wurzeln. Diese müssen zunächst auf der Erde abtrocknen, dann werden sie gewaschen, getrocknet und zerkleinert, bevor sie bei NIG weiterverarbeitet werden – zu rotem Pulver in standardisierter Qualität. Barbara Zippel freut sich schon auf die Ernte. Und selbst wenn die Zeit knapp wird: Mode aus regionalen Pflanzenfarben soll auf der Herbstschau unbedingt mit dabei sein.


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