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Regionale Schlachtung – die Quadratur des Kreises

Die Skandale der großen Schlachthöfe sind insbesondere in den letzten Monaten im Gedächtnis geblieben. Regionale Schlachtung ist zwar gewünscht, aufgrund der Politik und zu viel Bürokratie jedoch schwer umzusetzen.

Es kommentiert Hilmar Baumgarten

Oft habe ich mich geärgert. Wenn ich mal wieder bei einem älteren Fleischer auf dem Land eingekauft habe und er mir erzählte, dass er gern wieder selbst schlachten würde. Dafür hätte er aber ein neues zertifiziertes Schlachthaus errichten müssen, was angesichts der immer wieder verschärften Hygienevorschriften völlig utopisch erschien. Geärgert habe ich mich auch, wenn in regelmäßigen Abständen über Schlachthofschließungen berichtet wurde. Oft waren das Betriebe, die wenige Jahre zuvor mit großen Förderbeträgen, also mit Steuergeldern, aus dem Boden gestampft worden waren. Und dann erst die Doppelmoral derjenigen, die mir erklären wollten, wie moderne Landwirtschaft auszusehen habe, umweltbewusst und tiergerecht natürlich. Aber ihr Fleisch haben die meisten dieser Gesprächspartner am liebsten eingeschweißt und billig gekauft, obwohl das aus finanziellen Gründen nicht notwendig war.

Himar Baumgarten Redakteur

Rückgang der Tierproduktion

Wenn ich mir die Entwicklung der Schlachthofstrukturen in Ostdeutschland aber genauer ansehe, wird offensichtlich, dass die Rahmenbedingungen sehr komplex sind. Vorschnelle Schuldzuweisungen verbieten sich. Da ist zum einen der starke Rückgang in der Tierproduktion nach der Wende. Fakt ist, dass viele Mastanlagen aus DDR-Zeiten in der bisherigen Form nicht weiterbetrieben werden konnten. Der starke Konkurrenzdruck aus den westdeutschen Veredlungsregionen ließ dann vielerorts Investitionen in einen Umbau der Anlagen nicht lohnenswert erscheinen und die Landwirtschaftsbetriebe konzentrierten sich zunächst auf den Marktfruchtanbau.

Viele Schlachtbetriebe wiederum waren in der Bausubstanz uralt und aufgrund gewisser Mangelerscheinungen im Sozialismus sorgte vielfach nur der Rationalisierungsmittelbau für die Funktionsfähigkeit der Ausstattung. So erschien der Politik und den Treuhändern die Idee verlockend, einfach ein gutes Dutzend moderner Schlachthöfe von großen Investoren auf die grüne Wiese bauen zu lassen und so gleich noch die Innenstädte, wo sich die älteren Betriebe oft befanden, zu bereinigen. Viele kleinere Schlachtstätten blickten aber auf eine lange Tradition zurück und hatten eine hochmotivierte Belegschaft und Geschäftsführung.

Überleben tun nur die größten

Dass diese Betriebe nach 1990 nicht gleich alle schließen würden, hätte man sich auch ausrechnen können. So entstanden dann die Überkapazitäten, die ein Grund für das Schlachthofsterben sind. Ein weiterer Grund ist in der grenzwertigen Rentabilität der gesamten Branche zu finden. Wo die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kaum noch einen Gewinn zulassen, überleben nur die Größten, und das mit all den bekannten negativen Begleiterscheinungen … Grund hierfür ist vor allem der ungenierte Preisdruck des Lebensmitteleinzelhandels.


Fleischer zerlegen Schweinehälften.

Regionales Schlachten ist die Ausnahme

Thüringen, das sich seiner Wurstspezialitäten rühmt, kann sich mit den im Land gemästeten Schweinen nur zu 70 Prozent selbst versorgen. Gravierender ist allerdings, dass gut zwei Drittel der Schweine gar nicht mehr im Freistaat geschlachtet werden. mehr


Meint die Politik es jetzt wirklich ernst mit der Förderung regionaler Wertschöpfung, so reichen Investitionszuschüsse in neue Schlachtstätten vor Ort nicht aus. Entscheidend wird vielmehr sein, den rechtlichen Rahmen erfolgversprechender zu gestalten, Hygienevorschriften behutsam anzupassen und der Billigfleischmentalität im Handel einen Riegel vorzuschieben. Dies kann nur gelingen, wenn alle Akteure bereit sind, sich an einen Tisch zu setzen und in der jeweiligen Region auch an einem Strang zu ziehen. Es bringt also nichts, wenn man sich nur ärgert. Besser ist es, selbst mit anzupacken. Und hier sind wir alle gefragt. Denn Fleisch aus regionaler Erzeugung ist oft gar nicht viel teurer und der Erlös kommt über die hier gezahlten Steuergelder wieder uns allen zugute. Da kann dann man guten Gewissens genießen …


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