Kritischer Blick: Wolfgang Wagner prüft und bündelt das geerntete Schilf. (c) Thomas Uhlemann

Schilfrohrweber: Rascheln muss es

Es ist ein jahrhundertealtes, aber aussterbendes Handwerk – das Schilfrohrweben. Doch in Pritzerbe im Havelland hat es überlebt. Wir haben den brandenburgischen Rohrwebern über die Schultern geschaut.

Von Bärbel Arlt

Heftige Windböen pfeifen durchs Schilf, tags zuvor hat es zudem noch geregnet. Wolfgang Wagner zieht die Stirn kraus: Das Wetter ist für die anstehende Schilfrohrernte nicht ideal. „Besser wären knackige minus zehn Grad. Dann lässt sich das Schilf gut schneiden. Aber durch den Wind fällt es kreuz und quer und damit nicht so, wie wir es fürs Binden gern hätten. Und Nässe bedeutet natürlich mehr Aufwand beim Trocknen. Aber was hilfts, bis zum 29. Februar muss die ­Ernte eingebracht sein. Danach beginnt die Schonzeit für die Brutvögel“, sagt der Museumsmitarbeiter der wohl noch einzigen deutschen Rohrweberei. Und so zieht sich sein Kollege Daniel Lorenz warm an und die Kapuze tief ins Gesicht, wirft den Balkenmäher an und schon geht es den Pflanzen an den Kragen bzw. ans Rohr.

Schilf: Vollkernig und robust

Auf rund 2.000 m2 wächst das Schilf oder besser gesagt Miscanthus direkt neben der Rohrweberei am Pritzerber See. „Das ist ein bambusähnliches Schilf aus Asien, robust, genügsam, widerstandsfähig, pflegeleicht. Die Pflanze wächst um die 25 Jahre immer wieder nach, ist vollkernig, also nicht hohl, und reckt sich trockenen Fußes in die Höhe. Das heißt, sie ist keine Wasserpflanze. Das hat den Vorteil, dass wir bei der Mahd nicht wie im Schilfgürtel am See in ein empfindliches Ökosystem eingreifen und auch ohne Frost ernten können“, klärt uns Wolfgang Wagner auf. Allerdings seien die Halme mit um die 2,5 bis 3 m ziemlich kurz, was möglicherweise am trocknen Sommer im vergangenen Jahr liegt. Normalerweise schießen sie vier Meter und mehr in die Höhe.



Kultiviert wird Miscanthus in Pritzerbe, das zur Stadt Havelsee gehört, seit 1998. Bis dahin wurde das im naheliegenden See reichlich vorkommende Schilf geerntet, was entweder vom Kahn aus oder meist bei Frost erfolgte. Denn dann konnte das Rohr über der Eisfläche geschnitten werden. Doch zugefrorene Seen sind Mangelware geworden, die Schilfgürtel stehen unter Naturschutz und sind Rückzugsort für seltene ­Vögel wie die Rohrdommel. „Im vergangenen Jahr hatten wir eine“, schwärmt Wagner und führt uns zum Schilferlebnissteg, der 42 m in den Schilfgürtel des 190 ha großen Sees hineinragt.

In Pritzerbe wird Schilf zur Kunst. (c) Thomas Uhlemann

Direkt neben dem Steg hat ein Biber seine Burg gebaut – und verlassen, denn das Niedrigwasser hat den Burgeingang freigelegt. Und das mag der Nager gar nicht. Doch die Burg hatte schnell neue Bewohner. „Jetzt wohnt eine Minkfamilie drin“, weiß der 58-Jährige, der die putzigen Tiere schon oft gesehen hat. Uns zeigen sie sich leider nicht. Wen zieht es bei diesem stürmischen Wetter schon aus dem geschützten Bau. Und auch uns zieht es wieder ins Museum zurück.

Dort webt Heike Wagner wie zu uralten Zeiten an einem Handwebstuhl eine Schilfmatte. „Das wird ein vier Meter langer Sichtschutz für einen Balkon“, verrät sie, während sie Halm für Halm übereinanderlegt und mit Bindegarn fest verknotet. Ruckzuck geht das – wenn man den Dreh raus hat. Und den hat sie. Jeder Handgriff sitzt. „Selbst angeeignet.“ Seit vielen Jahren arbeitet die 57-Jährige in der Rohrweberei und webt Schilfrohrmatten – mit sehr viel Freude, wie sie sagt, wenngleich sie auch gern an ihre Zeit als Kranführerin im Stahlwerk Brandenburg zurückdenkt. Sie hat dort gelernt, im Vierschicht-System die Öfen befüllt – und Ehemann Wolfgang kennengelernt.

Schilfrohrweber: Tradition bewahren

Doch mit dem Aus für das Werk musste für die Kranführerin und den Elektriker eine neue berufliche Herausforderung her. Nie hatten sie sich träumen lassen, dass das mal die Rohrweberei in Pritzerbe sein würde, die seit fünf Jahren ein Museum ist. „Ein produzierendes Museum“, präzisiert Wagner. Das heißt, hier werden nach alter Tradition in Handarbeit Schilfrohrmatten vor allem als Wind- und Sichtschutz für Balkon oder Terrasse, Fensterrollos und auch Schattendecken für Gärtnereien, Abdeckungen für Wintergärten gewebt – ganz nach den individuellen Wünschen der Kunden, die vor allem auch aus Berlin kommen. „Durch die Bundesgartenschau 2015 sind viele auf uns aufmerksam geworden und regionale, nachwachsende Naturprodukte sind im Trend und gefragt“, freut sich Wolfgang Wagner.



Berlin war übrigens schon immer ein Hauptabnehmer havelländischer Schilfrohrmatten. Bei einem Rundgang durch das kleine Museum erfahren wir warum: Mit der Industrialisierung um 1900 und dem damit verbundenen Bauboom entstanden nicht nur Ziegeleien, sondern auch Rohrwebereien. Denn ein gefragtes Baumaterial war das sogenannte Unterputzgewebe mit dem natürlichen Rohstoff Schilf, das im wasserreichen Havelland reichlich vorhanden war und so siedelten sich Rohrwebereien bevorzugt dort an. Die in Pritzerbe gibt es allerdings erst seit 1946. Ein Einwohner der Stadt erwarb nach dem Zweiten Weltkrieg das ehemalige Schützenhaus, machte es zu einer Rohrweberei, wurden doch nach dem Krieg Putzmatten fürs Baugewerbe dringend gebraucht.

Seit den 1960er-Jahren hat dann allerdings der Beton das Schilf abgelöst und die Webereien wurden zu einem sterbenden Gewerbe. In Pritzerbe hat es bis heute überlebt. Zwar hängte 1998 der letzte Rohrweber auch hier sein Handwerk an den Nagel, doch danach übernahmen   zunächst das Lehniner Institut für Weiterbildung Maschinen und Anlagen, dann der Arbeits- und Ausbildungsförderungsverein Potsdam-Mittelmark und schließlich die Stadt Havelsee die Rohrweberei – immer mit der Maßgabe, das traditionsreiche Handwerk zu erhalten und fortzuführen. 

Arbeiten im Museum

Tradition zum Anfassen: Besucher können in Pritzerbe alles über das Rohrweben erfahren. (c) Thomas Uhlemann

Seit 2015 ist der Standort der Rohrweberei ein Museum, in dem alle Schritte der Produktion von der Ernte über die Trocknung bis hin zum Schälen und Weben immer noch in Handarbeit erfolgen. Und das schauen sich Ausflügler, aber vor allem auch viele Kita- und Schulgruppen an. Die Kinder können sich als Rohrweber ausprobieren, selbst kleine Matten weben oder aus Schilf zum Beispiel Tiere basteln. Und sie erfahren viel über ihre Heimat, den Natur- und Sternenpark Westhavelland.

Das 1.315 km2 große Areal kennt Karsten Batsch, der sich im kleinen Museumscafé zu uns gesetzt hat, wie aus seiner Westentasche. Seit 2012 ist der 62-jährige pensionierte Beamte als Natur- und Landschaftsführer im Park unterwegs und er erzählt uns vom Hochzeitstanz der Großtrappen im Mai, vom nächtlichen Sternenhimmel, der sogar die Milchstraße offenbart, vom Zug der Kraniche und dem Einfall der Gänse im Herbst. Und er legt uns den kleinen historischen Stadtkern von Pritzerbe ans Herz und die Fähre, die seit Jahrhunderten den Ort mit Kützkow auf der anderen Havelseite verbindet, wo er zu Hause ist und als Imker 20 Bienenvölker betreut. „Wir setzen im Havelland auf sanften Tourismus“, sagt er zum Abschied und verrät uns noch, dass er mit seiner Kapitänsmütze auch das Image der alten Havelschiffer pflegen möchte.

In der Zwischenzeit hat Daniel Lorenz bei Wind und Wetter etliche Quadratmeter Schilf geerntet und Wolfgang und Heike Wagner machen sich ans Bündeln, damit die Halme schnell zum Trocknen unters Schleppdach kommen. Nach der Trockenphase wird das Reet dann von Blättern und kurzen Halmen gesäubert „Rascheln müssen die Halme“, sagt er. Dann sind sie trocken, können geschält, gewebt und verkauft werden – ganz so wie es die alten Havel­länder seit Jahrhunderten getan haben.

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