(c) Sabine Rübensaat

Türchen #10

Wie meistert eine junge Landwirtin mit Kind die aktuellen Herausforderungen in der Landwirtschaft? Um das zu erfahren, haben wir den Familienbetrieb Fischer in der Nähe von Neustadt (Dosse) besucht.

Von Bärbel Arlt

Pure Idylle und Stille empfangen uns hier in der brandenburgischen Ostprignitz – obwohl der Landwirtschaftsbetrieb nur rund hundert Meter von der Bundesstraße 5 entfernt ist. Auf den Feldern des Reiterhofes Fischer wetteifert der gelbe Raps mit dem blauen Himmel, auf den Koppeln wiehern und galoppieren aufgeregt die jungen Hengste in der Frühlingssonne, die Kühe wiederum fressen in aller Seelenruhe frisches Heu – und mittendrin in diesem kleinen Paradies erwartet uns Johanna Fischer mit ihrem Baby.

Johanna Fischer mit Henry im Rapsfeld
„Flieg, Henry, flieg!“ (c) Sabine Rübensaat

Landwirtschaft mit Baby – alle helfen mit

Auch sie strahlt zufriedene Ruhe aus, nur der fünf Monate alte Henry wird in seinem Kinderwagen etwas ungeduldig. „Er hat Hunger“, sagt Johanna. Doch ihre Mutter Anne hat den mittäglichen Brei – den ihre Tochter immer aus frischen Zutaten zubereitet – schon warm gemacht, schnappt sich den Enkel, „damit ihr in Ruhe miteinander reden könnt“, ruft sie uns zu. „Unser Haupterwerb ist die Landwirtschaft. Das heißt, wir sind in erster Linie Landwirte und Tierhalter, führen aber noch Reit- und Ferienbetrieb, denn von nur einem Standbein könnten wir nicht leben“, fasst Johanna die Aufgaben des Familienunternehmens kurz zusammen.

Das alles schaut nach jeder Menge Arbeit aus. „Ist es auch“, sagt die 26-jährige junge Mutter, die im vergangenen Jahr mit in den elterlichen Hof eingestiegen ist. Und wie das Leben manchmal so spielt, kam wenige Monate später Nachwuchs auf die Welt – der kleine Henry, der das Hofleben seither mitbestimmt und, so scheint es, auch die Hauptrolle spielt. Während Johanna ihrer Mutter nachschaut, sagt sie lachend: „Meine Familie ist meine große Stütze. Mama geht in ihrer Oma-Rolle voll auf, und auch Papa schiebt den Kleinen hin und wieder mal.“

Auch Bruder Daniel, der nicht auf dem Hof der Familie lebt, unterstützt den Familienbetrieb. „Er hilft uns zum Beispiel in Erntezeiten, kümmert sich um Maschinen und Neuanschaffungen.“ Henrys Papa, der in der Saison in einem landwirtschaftlichen Lohnunternehmen arbeitet, hat leider momentan nur sehr wenig Zeit für den Nachwuchs. „Doch das wird sich im Winter ändern“, sagt Johanna Fischer, lässt den Blick über den Hof schweifen und erzählt von ihrer Kindheit und ihren Zukunftsplänen.

Rückblick: Vom ruinösen LPG-hof zum familienbetrieb

Doch zunächst ein Blick in die Vergangenheit des Hofes. Nach der Wende hatten Anne und Marco Fischer, die in Potsdam wohnten, den ehemaligen Vierseithof des Onkels übernommen. Viele Jahre gehörte er zur LPG und war in einem ruinösen Zustand. Doch Marco Fischer hatte Pläne mit dem rund 10.000 Quadratmeter großen Anwesen. Als passionierter und erfolgreicher Dressurreiter mit mehreren DDR-Meistertiteln in der Tasche und Bereiter im Pferdegestüt Neustadt (Dosse) wollte er in der idyllischen Ostprignitz als damals 21-Jähriger seine Leidenschaft zum Beruf machen und einen Reitbetrieb mit Pensionspferdehaltung, Reitunterricht und Pferdezucht aufbauen.

So wurden im Laufe der Jahre Ställe und Scheunen saniert, eine Reithalle und ein Wohnhaus gebaut. Ackerland wurde für Pferdekoppeln und Futteranbau gepachtet und dazugekauft. Auch drückte der gelernte Pferdewirt noch mal die Schulbank für den Pferdewirtschaftsmeister und den Landwirt.

1992 war er mit Ehefrau Anne und Sohn Daniel auf den Hof gezogen. Für die gelernte Physiotherapeutin sicherlich kein leichter Schritt, die Massagebank mit den Gummistiefeln zu tauschen. Doch sie stand hinter den Plänen ihres Mannes und betreut noch heute Kinder, die Spaß am Reiten haben oder es lernen möchten.

Henry – der kleine Star des reiterhofes fischer

Johanna Fischer kennt diese turbulenten Anfangsjahre der Familie nur aus Erzählungen. 1994 kam sie in Kyritz zur Welt, und die Landwirtschaft wurde ihr gleich mit in die Wiege gelegt. Bei der Hofarbeit waren sie und ihr vier Jahre älterer Bruder – wie jetzt der kleine Henry – immer mit dabei. „Überhaupt war unsere Kindheit hier auf dem Hof superschön. Computer und Playstation, so etwas brauchten wir nicht.“

Schon im Alter von drei Jahren meisterte hatte sie ihr erstes Reitturnier und machte mit 16 den Traktorführerschein. Und während sie von ihren glücklichen Kindertagen schwärmt, übergibt Anne Fischer ihrer Tochter wieder den kleinen Henry, der jetzt zufrieden, gesättigt und frisch gewindelt ist. Und das nutzen wir aus und starten gleich mit dem Fotoshooting. Ob vorm Traktor, im Rapsfeld oder vor der Mutterkuhherde – Henry gibt alles als kleiner Star des Hofes.

Und wer im Rampenlicht steht, der will natürlich auf gar keinen Fall zurück in den Kinderwagen. „Viel lieber liegt er im Traktor in seinem Kindersitz und lässt sich durch die Gegend kutschieren“, verrät Johanna, die mit dem Baby, wenn es keine andere Lösung gibt, auch mal übers Feld tuckert. Denn während sich ihre Eltern überwiegend um den Pferdebetrieb kümmern, hat sie den landwirtschaftlichen Teil des Betriebes, also Kühe und Acker übernommen, und es schwirren eine Menge Zukunftspläne durch ihren Kopf, über die es mit Vater Marco durchaus so manche Diskussion gibt.

Reiterhof Fischer: ZUKUNFT MIT DIREKTVERMARKTUNG

In einem Punkt aber sind sich beide einig: Für kleine landwirtschaftliche Betriebe wird es immer schwieriger, die aktuellen Herausforderungen zu meistern. „Mit den großen landwirtschaftlichen Unternehmen können wir nicht mithalten, der Preiskampf ist zu hart.“ Und so sieht Johanna die Direktvermarktung als Zukunftschance für den Familienbetrieb – mit Hofschlachtung und Hofladen.

Auch möchte sie wieder ein paar Ziegen und Schweine auf den Hof holen und Lehrlinge für die Landwirtschaft ausbilden. Den Schein dafür hat sie bereits in der Tasche. Und auf dem Acker würde sie statt klassisch Weizen, Gerste und Raps auch Nischenprodukte wie Dinkel, Lupine oder Erbsen anbauen. „Unser Hof hat noch sehr viel Potenzial und Luft nach oben, und ich habe Lust, das alles anzupacken.“ Basiswissen dafür hat die 26-Jährige, hat sie doch an der Hochschule Neubrandenburg ein duales Studium Agrarwirtschaft absolviert und sich in ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema Direktvermarktung beschäftigt.

Dennoch hat sie großen Respekt vor den finanziellen Belastungen durch Investitionen und vor allem vor den vielen bürokratischen Hürden, Regeln und Gesetzen, die zu meistern und einzuhalten sind. Auch fehlende Infrastruktur macht das Landleben nicht immer einfach und attraktiv. Wege zu Kita, Schule, Supermarkt, Banken, Ärzten sind mitunter weit.

Johanna weiß, wovon sie spricht, denn am Familienhof kommen weder Bus noch Bahn vorbei. Mit dem Rad wurde zur Schule und zu Freunden gefahren, wenn es die Eltern mit dem Auto nicht einrichten konnten.

Netzwerker gesucht für den Erfahrungsaustausch

Über all die kleinen und großen Probleme, die ein kleiner landwirtschaftlich geführter Familienbetrieb so mit sich bringt, würde sich die junge Mutter sehr gern mit anderen jungen Landwirtinnen und Landwirten austauschen, die in ähnlicher Situation sind und ihre Zukunft in der Landwirtschaft sehen. Denn dort sieht Johanna ihre auf jeden Fall. Nicht umsonst wurde auf dem Hof eine Scheune zur Wohnung umgebaut und der Entschluss gefasst, in den Familienbetrieb mit einzusteigen und ihn weiterzuführen. „Ich liebe es, Mutter zu sein, aber ich liebe auch meine Arbeit und möchte beides gut miteinander verbinden und meistern.“

Natürlich ist auch Corona an dem kleinen Unternehmen nicht spurlos vorübergegangen. Seit Monaten gibt es keinen Reitunterricht, Ferienwohnungen konnten an Urlauber nicht vermietet werden. Das sind finanzielle Verluste, die für den laufenden Hofbetrieb, aber auch für Investitionen dringend gebraucht werden. „Doch wir kommen zurecht“, versichert Johanna Fischer und ist optimistisch, dass es nach Corona schnell wieder aufwärtsgeht. Turniere reiten wird sie aber nicht mehr. Ihr letztes Sportpferd wird verkauft.

Johanna nimmt mit einem lachenden und weinenden Auge Abschied. Auf sie warten jetzt andere Aufgaben – der kleine Henry und die Weiterführung des Landwirtschaftsbetriebes, den ihre Eltern vor rund 30 Jahren gegründet haben – unter Bedingungen, die auch nicht leicht waren. Doch sie haben es geschafft. „Und wir packen das auch“, sagt Johanna und schaut in den Kinderwagen, in dem Henry zufrieden schläft. Und wenn er aufwacht, dann ist immer jemand für ihn da. So ist das eben in einem Familienbetrieb.


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