Sprechstunde mit Dorfkümmerin Estella Ehrich-Schmöller. ©Birgitt Schunk

Landengel & Dorfkümmerin

Fahrdienste und Arzttermine organisieren, Hausbesuche machen und auch mal den Blutdruck messen – Estella Ehrich-Schmöller ist engagierte Dorfkümmerin in und um Kirchheilingen in Thüringen. Initiator dieses Pilotprojektes ist die Stiftung Landleben mit dem ehrgeizigen Ziel: die Dörfer wachhalten! 

Von Birgitt Schunk

Die Zeit ist stehen geblieben in der alten Dorfkneipe von Tottleben. Die Gardinen ­tragen Rüschen, die Stühle sind leer. An der Theke wird kein Bier mehr ausgeschenkt. Estella Ehrich-Schmöller kennt noch die Zeiten, in denen an den Tischen geschwatzt, gefeiert, gesungen und auch ein Gläschen getrunken wurde. Heute sitzt sie alleine hier und wartet auf die Leute aus dem Dorf, die mit einem Anliegen zu ihr kommen. Die 56-Jährige ist seit Februar in sechs Orten des thüringischen Unstrut-Hainich-Kreises als „Dorfkümmerin“ unterwegs.  

Es ist heiß an diesem Juninachmittag. „Wahrscheinlich zu heiß für die Älteren“, sagt sie. Meist sind sie es, die den Weg hierher- finden. Nur eine Seniorin schaut in der Sprechstunde an diesem Tag vorbei, weil sie gerne den Fahrdienst zum Arzt nutzen ­möchte – und ist schnell wieder verschwunden. Estella Ehrich-Schmöller hat ihr zugesagt, dass alles seinen Gang geht. Leicht fiel es anfangs den Dorfbewohnern nicht, diesen Weg zu nutzen. „Inzwischen hat sich das Angebot herumgesprochen und wird gut angenommen – manchmal wollen die Menschen aber einfach auch nur ein paar Worte reden.“  

Die gelernte Krankenschwester hat jedoch nicht nur ein Ohr für ältere Semester. Bei ihr am Tisch saß auch schon ein Ehepaar, das eigentlich hinten und vorne nicht so richtig wusste, wie es weitergehen sollte. Seelische Probleme, Arbeitslosigkeit, zig Schreiben von Ämtern – das alles wuchs den Mittvierzigern, die sich abgekapselt hatten, über den Kopf. Estella Ehrich-Schmöller half und versuchte zudem, dass der Mann ­wieder Fuß fasst. Heute erledigt er bei einem Senior, der an Krücken geht und dessen Söhne wegge­zogen sind, Arbeiten im Garten. „Ich habe das vermittelt und den Kontakt hergestellt – es ist erst mal ein Anfang, sich wieder an Aufgaben heranzuwagen“, freut sich die Dorfkümmerin. „Das bringt beiden Seiten etwas.“ 

Sie kennt viele Leute in den Orten und weiß inzwischen, wo Hilfe notwendig ist. Wenn Senioren nicht zu ihr kommen, dann fährt sie auch zu Hausbesuchen und schaut nach dem Rechten. Ab und an misst sie zudem hier und da den Blutdruck. „Das darf ja jeder machen heutzutage“, sagt sie – und könnte als ehemalige Krankenschwester noch mehr für die älteren Menschen tun, doch als medizinisches Personal ist sie nicht angestellt. Und deshalb gibt es Grenzen in ihrer täglichen Arbeit, die sie einhalten muss. Zu tun gibt es dennoch genug. 

Dörfer brauchen nicht nur Geld für Wegebau 

Die couragierte Frau ist in den sechs Orten im Auftrag der Stiftung Landleben unterwegs, die es seit 2011 gibt und die in Kirchheilingen ihre Geschäftsstelle hat. „Es ist ein Pilotprojekt für ganz Thüringen“, sagt   Stiftungsvorsitzender Frank Baumgarten. Dennoch war es nicht einfach, das Ganze anzuschieben, denn Personal wurde bislang im Rahmen der Dorferneuerung so nicht gefördert. „Es kann aber nicht sein, dass es nur Geld gibt für Wegebau oder neue Fassaden – wir haben heute viele andere Sorgen auf dem Lande.“ Baumgarten, der zum Vorstand der ortsansässigen Agrargenossenschaft Kirchheilingen gehört, ließ jedoch nicht locker – und erreichte eine Förderung. Die Gelder für die Stelle werden zwar nicht direkt über Zuschüsse finanziert, sondern gehen erst einmal an die Stiftung, die wiederum als Dienstleister die Dorfkümmerin eingestellt hat. Befristet ist die Stelle bis zum Februar 2020. Doch daran mag derzeit erst mal keiner denken. Froh ist man, dass die Arbeit gut angelaufen ist. An den Plänen für die Zukunft wird aber bereits kräftig gearbeitet.  

Nicht auf staatliche Regelungen warten 

Wenn die Dorfkümmerin in ihren Sprechstunden Fahrtermine zum Arzt, zur Physiotherapie oder zum Wochenmarkt nach Bad Langensalza koordiniert, dann kann sie auf das – wie es offiziell heißt – „Mobilitätsangebot“ des Vereins „Landengel“ zurückgreifen. Es ist das jüngste Projekt der Stiftung Landleben, die seit Jahren immer wieder nach neuen Wegen sucht, um das Dorfleben wachzuhalten. „Dass dies alles von staatlicher Seite geregelt wird, darauf brauchen wir nicht zu warten“, weiß Baumgarten. Ein Kleinbus, den sechs ehrenamtliche Fahrer im Rentenalter steuern, wurde deshalb für die Vereinsarbeit angeschafft und bringt die Senioren von A nach B. Rund 160 Mitglieder hat der Verein derzeit, die einen   Mitgliedsbeitrag von zwölf Euro im Jahr zahlen. „Es ist erst einmal ein Anfang“, sagt der Stiftungsvorsitzende und geht davon aus, dass sich das alles weiter etabliert und Akzeptanz findet. „In drei, vier Jahren könnte es die Bereitschaft geben, durchaus auch diesen Beitrag im Monat zu zahlen – so viel dürfte vielen das Angebot wert sein.“  

Wir wollen organisieren, was fehlt 

Baumgarten weiß aber auch, dass es nicht nur Befürworter gibt. „Wir wollen keine Konkurrenz zu anderen Anbietern schaffen, sondern nur das organisieren, was bei uns fehlt.“ Mit den öffentlichen Linien, die nur zu bestimmten Zeiten und nicht vor der Haustüre fahren, ­kämen die Senioren schließlich nicht zum Arzt und wieder retour. Nachgedacht wird auch, wie man das „Landengel“-Projekt auf rechtlich sichere Füße stellen kann. „Ob Genossenschaft oder gemeinnützige GmbH – wir prüfen das alles derzeit“, sagt Christopher Kaufmann – er ist  Projektleiter bei der Stiftung Landleben. Als er begann, ging es zunächst erst einmal um eine Bestandsaufnahme. Er nahm zu Interviews auf der Couch in den Wohnzimmern der Leute Platz, was der Gesprächstour den Beinamen „Sofastudie“ einbrachte. Kaufmann befragte vor vier Jahren alle über 60-Jährigen in den sechs Dörfern danach, was wichtig für sie sei. Es ging um Mobilität, Lebenshilfe, Beratung, medi­zinische Grundversorgung und eben Daseinsvorsorge insgesamt – viel Handlungsbedarf also. „Wir müssen uns selbst Strukturen auf dem Land schaffen, die zukunftsfähig sind“, sagt er.   

„Wir wussten also nach der Umfrage, was gebraucht wird, und machen uns seitdem auf den Weg, Partner zu suchen“, erklärt Stiftungsvorsitzender Frank Baumgarten. Vom Zahnarzt über den Apotheker bis hin zu Hebammen oder Friseur sowie dem eigenen Agrarbetrieb sind 16 Mitstreiter schon im Boot – und es sollen noch mehr werden. „Es muss doch möglich sein, all das, was Menschen mit Betreuungsbedarf brauchen, zusammenzubringen.“ Er weiß aber auch, dass Ärzte soundso viele Patienten im Quartal brauchen, damit es sich rechnet – bei der Friseurin ist das nicht anders. „Wir wollen den Versuch starten, die kleinstmögliche Einheit zu finden, wo alles noch funktionieren könnte“, lautet Baum­gartens Anspruch, der sich selbst „eine gewisse Sturheit“ bescheinigt, wenn es um neue Pfade geht. „Wir können nicht so weitermachen wie bisher.“ Wenn er am Morgen durch seinen Heimatort Kirchheilingen fährt, begegnen ihm vier verschiedene Pflegedienste. Jeder hat schließlich die freie Wahl bei der Suche nach einem Anbieter. „Das ist an sich auch okay, doch das macht die Sache natürlich auch teurer, die Kosten gehen immer mehr nach oben – wäre ein Pflegedienst in einem Ort, könnte effektiver ge­arbeitet werden.“ Ginge es nach ihm, müsste die Gemeindeschwester neu erfunden werden.  

Gesundheitskioske für die Dörfer 

Doch mit einer Kopie von damals ist es vielleicht heute auch nicht mehr getan. Die Stiftung hat neue, kühne Pläne, die sogar ein Projekt der Internationalen Bauausstellung Thüringen sind. In den sechs Dörfern, um die sich die Stiftung kümmert, sollen kleine Gesundheitskioske entstehen. „Möglichst zentral an der Bushaltestelle“, sagt Baumgarten. Hier soll die Dorfkümmerin künftig ihre Sprechstunden abhalten, aber auch der Arzt wird zu festen Zeiten vorbeikommen. Das Wartezimmer kann zudem als Treffpunkt am Nachmittag für gesellige Runden genutzt werden. Angedacht ist solch ein Gesundheitskiosk für fünf Orte. In Kirchheilingen, dem größten Dorf, soll das Landambulatorium mit Arzt erhalten und mit Physiotherapie sowie Friseur ausgebaut werden. Ein Ideenwettbewerb wird alsbald starten.  

Kirchheilingen bringt es allerdings auch gerade mal auf nur rund 800 Einwohner. Recht wenig, um all diese Angebote ohne Weiteres vorhalten zu können. Dass hier jedoch viel geht, hat man in den letzten Jahren schon mehrfach bewiesen. Einen Kindergarten gibt es noch am Ort. 2011 wurde die Grundschule geschlossen – und drei Jahre später mit Unterstützung der Stiftung mit einem freien Träger wieder eröffnet. „Wir haben mit zehn Kindern begonnen und waren die kleinste Schule Thüringens“, sagt Baumgarten. Inzwischen könnte er sich auch gut eine Gemeinschaftsschule vorstellen, in der die Kinder und Jugendlichen auch über die vierte Klasse hinaus länger gemeinsam lernen. Ein Topschwimmbad gibt es außerdem noch im Dorf, in das sogar viele Badegäste aus der Kurstadt Bad Langensalza kommen.  

Angefangen hatte die Arbeit ­der Stiftung, in die zu Beginn die ­Gemeinden als Grundvermögen Ländereien und Häuser einbrachten, mit einem anderen Projekt. Doch auch da ging es natürlich darum, das Landleben am Leben zu halten. Die Stiftung baute acht barrierefreie Bungalows  mit Satteldach – Einfamilienhäuser im Kleinformat. Für ältere Menschen, die gerne im Dorf bleiben wollten, aber ihr Haus alleine nicht mehr bewirtschaften konnten, gab es so eine Alternative. Die Idee dahinter war, dass die Alten weiter zur Gemeinschaft gehörten, ihre Bauernhäuser aber für Jüngere bereit- stellten, die wiederum ortsansässig bleiben konnten. So wollte man Alt und Jung im Dorf halten.

„Dieser Häusertausch funktionierte aber nicht durchweg“, sagt Baumgarten. Dennoch sind die acht Bungalows vermietet. Heute wohnen in den kleinen Häuschen auch ältere Menschen, die von auswärts in die Nähe ihrer Kinder gezogen sind. „Diese Klientel hatten wir am Anfang gar nicht auf dem Schirm.“  Darüber hinaus hat die Stiftung weiteren Wohnraum geschaffen, um junge Leute am Ort zu halten. Die ehemalige alte Schule in Kirchheilingen brachte die Kommune in die Stiftung ein. Das Gebäude von 1834 ist inzwischen saniert und bietet zwei moderne Wohnungen mit jeweils 90 Quadratmetern. Über Bank und Förderung wurde alles finanziert, mit den Mieten wird der Kredit abgezahlt. „Es ist wichtig, auch auf dem Dorf Mietwohnungen für junge Paare zu haben, die zu Hause ausziehen und für sich sein wollen – ansonsten wandern sie in die Stadt ab.“ Zwei weitere neue Bungalows sind noch geplant. „Vielleicht muss man aber auch hier noch andere Wege gehen und Neues probieren“, ist Baumgarten überzeugt. Von der Bauart her sei heute ­leider nicht alles förderwürdig. „Das muss ebenso auf den Prüfstand. Früher haben die Menschen in Höhlen gelebt – wenn man immer am Alten festgehalten hätte, wären wir heute noch dort untergebracht.“  

Das Leben auf dem Land muss weitergehen 

Der Landwirt, der heute in einem Unternehmen mit 3.400 Hektar Fläche sowie Milchkühen, Schafen und Schweinen in Verantwortung steht, will „nichts Unmögliches“. Aber das Leben auf dem Lande müsse weitergehen, sagt Baumgarten, der hier in Kirchheilingen  auf eine schöne Kindheit und Jugend zurückblickt.

„Wir müssen uns nicht am Stammtisch über irgendwelche Dinge, die wir nicht beeinflussen können, aufregen. Hier aber kann jeder etwas tun.“  

Die Genossenschaft führt in Kirchheilingen eine Landfleischerei, in der man nicht nur Fleisch und frische Wurst kaufen kann, sondern wochentags auch eine Tasse Kaffee und Mittagstisch bekommt – ein Treffpunkt also. Darüber hinaus gibt es vieles für den täglichen Bedarf, denn einen Supermarkt hat der Ort nicht. Neu ist die Landfactur des Betriebes, die für heimische Genüsse produziert – vom Wein über Säfte und Öle bis hin zu selbst gebackenen Plätzchen. Einmal im Monat treffen sich hier auch die Mitglieder des Vereins „Landengel“ zum Kaffeeklatsch. Die Landfactur ist offiziell zudem ein Lernort – Grund- und Förderschüler kommen gerne hierher. Baumgarten ist überzeugt, dass dies alles dem Landleben guttut und der langfristige Trend weg von den großen Metropolen geht. „Die Menschen werden irgendwann wieder Sehnsucht haben nach Einfachheit, Gemeinschaft, Natur und Nähe.“ 

Ein Dorf in Thüringen feiert den Kürbis

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