Ein begehbares Geschichtsbuch

Das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich am heutigen 8. Mai 2020 zum 75. Mal. Ein wichtiger Schauplatz der Geschichte ist die heutige Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf.

Von Bärbel Arlt
(Fotos: Thomas Uhlemann)

75 Jahre Kriegsende – doch der große Rummel wird in der brandenburgischen Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf ausbleiben. Denn seit Mitte März hat Corona auch hier für Stille gesorgt. Die Antiquariate mussten schließen, im Bücherstall fanden keine Veranstaltungen statt und auch Museen und Bunkeranlage konnten nicht besichtigt werden. Seit dem 1. Mai ist das nun wieder möglich. „Jetzt wagen wir den Neustart – aber sehr schaumgebremst“, sagt Werner Borchert von der Bücherstadt-Tourismus GmbH. So finden Führungen durch die Bunkeranlage nur oberirdisch statt und unter Einhaltung alle Corona-Eindämmungsregelungen.

Werner Borchert führt eines der drei Antiquariate
Werner Borchert führt eines der drei Antiquariate.

Ist mit dem Neustart die Durststrecke vorbei? „Keineswegs“, sagt Borchert und verweist darauf, dass die letzten Wochen für die kleine Firma mit vier angestellten Mitarbeitern ein herber Schlag waren. „Wir hatten keinerlei Einnahmen, haben relativ geringe Rücklagen und sämtliche Buchungen nationaler wie internationaler Gäste wurden abgesagt.“ Ein finanzieller Verlust von rund 20.000 €. Hinzu kommen abgesagte Vorträge, Veranstaltungen wie der „unterirdische Sonntag“ oder das Militärfahrzeugtreffen, die auch Geld in die Kassen gespült hätten. „Aber wir sind optimistisch und legen Schritt für Schritt wieder los“, so der Geschäftsführer, auch wissend, dass das Interesse vor allem an der Bunkeranlage Maybach I. groß ist.

„Ab 1937 wurde sie als Hauptquartier des Oberkommandos des Heeres errichtet und besteht aus zwölf Bunkergebäuden, die als Landhäuser getarnt und über einen Tunnel miteinander verbunden waren“, erzählt Historiker Hans-Albert Hoffmann. Herz der Anlage war in 20 m Tiefe der Nachrichtenbunker Zeppelin. Von dort aus wurden die Truppen der Wehrmacht geführt. Rund 8.000 Generäle, Offiziere, darunter auch Widerständler des 20. Juni 1944, sowie viele Zivilisten, darunter allein 1.000 Frauen, haben hier gearbeitet, weiß Hoffmann, der sich seit 1994 intensiv mit der Wünsdorfer Militärgeschichte beschäftigt und aktuell am Buch „Wünsdorf – Hauptstadt der GSSD“ arbeitet, das im Juli erscheinen soll.

Hans-Albert Hoffmann erklärt die Geschichte der als Wohnhäuser getarnten Bunkeranlage.
Hans-Albert Hoffmann erklärt die Geschichte der als Wohnhäuser getarnten Bunkeranlage.

„Von Wünsdorf aus wurde der Krieg gegen die Sowjetunion geführt, als Siegermacht hat sie sich dann auf dem sechs Quadratkilometer großen Gelände über Jahrzehnte etabliert“, so der 71-Jährige. Denn ab 1952 wurde der Militärstandort, dessen Geschichte bis in die Kaiserzeit reicht, zum Sitz des Oberkommandos der sowjetischen/russischen Streitkräfte in Deutschland. Die Maybachbunker mussten, wie im Potsdamer Abkommen beschlossen, als militärische Anlage zerstört werden und wurden 1947 gesprengt. Wünsdorf selbst wuchs zu einer Garnisonsstadt heran, in der an die 35.000 Militärangehörige, teils mit Familie, lebten. So gab es neben den militärischen Anlagen auch Schulen, Theater, Geschäfte.

Im Museum "Roter Stern" in Wünsdorf
Im Museum „Roter Stern“. 
Jürgen Dronsz, Mitarbeiter der Bücher- und Bunkerstadt, im Museum Roter Stern.
Jürgen Dronsz, Mitarbeiter der Bücher- und Bunkerstadt, im Museum „Roter Stern“. 

Einen Einblick in das Leben der „verbotenen Stadt“ bietet das Museum Roter Stern, das in einem ehemaligen kaiserlichen Pferdestall sein Domizil hat. Von der Eheurkunde über Fotoalben, Suppenkellen, Kindertretauto bis hin zu Zahnarztstuhl, Uniformen und Gewehren ist dort vieles von dem zu sehen, was nach dem Abzug der russischen Truppen 1994 auf dem Gelände geblieben war. Hans-Albert Hoffmann hat damals das Gelände mit beräumt und berichtet von rund 50.000 t Sperrmüll, der zusammengetragen wurde und von den Plänen, Wünsdorf zu einer blühenden Waldstadt zu machen. Viele der Ideen, wie die einer Beamtenstadt, scheiterten.

Das Gutenberghaus mit Museum, Antiquariat, Bunker-Shop.

Doch Fuß gefasst hat seit 1998 die Bücherstadt, die in den Anfangsjahren vom Land Brandenburg gefördert wurde. Doch als die Zuschüsse nicht mehr flossen, stand sie Ende 2002 vor dem Aus.

Schon damals haben Werner Borchert und seine Mitstreiter einen Neustart gewagt – ohne finanzielle Hilfen und mit einem engen Zusammenspiel von Antiquariaten, Kultur, Museen, Gastronomie und Militärgeschichte und damit sozusagen ein begehbares militärhistorisches und kulturelles Geschichtsbuch geschaffen. Ein Konzept, das mittlerweile jährlich rund 20.000 Besucher aus allen Ländern nach Wünsdorf zieht. Und Werner Borchert hofft, dass auch der jetzige Neustart gelingt und die Bücher- und Bunkerstart wieder auf die Beine kommt.

„Am 8. Mai“, so Borchert, „wird es eine Kranzniederlegung am Museum Roter Stern geben und im Laufe des Jahres werden wir noch einige Veranstaltungen nachlegen und nachholen – auch verbunden mit der Hoffnung, dass die Bücher- und Bunkerstadt Erinnerungen wachhält und ein Mosaikstein deutsch-russischer Freundschaft bleibt.“


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