Yvonne Tietze schaut im Schaugarten der Landmanufaktur nach der Qualität der Äpfel – hier bei der Sorte Heuchelheimer Schneeapfel. Fotos (c) Thomas Uhlemann

Ihre Majestät – die Königin von Biesenbrow

Beim Crémant mag der eine oder die andere an Frankreich denken. Doch das edle Getränk wird auch in der Brandenburger Uckermark hergestellt. Wir haben uns in der dortigen Landmanufaktur umgeschaut und noch mehr majestätische Apfelprodukte entdeckt, die den Gaumen kitzeln.

Von Bärbel Arlt

Biesenbrow – kommt Ihnen dieses Dorf auch bekannt vor? Ja, klar! Es ist der Geburtsort des Schriftstellers und Journalisten Ehm Welk, der hier 1884 geboren wurde, seine Kindheit und Jugendzeit verbrachte und das in den „Heiden von Kummerow“ verewigt hat. Doch auf seinen Spuren wollen wir diesmal nicht wandeln, sondern auf denen einer Königin, die heute in Biesenbrow in aller Munde ist. Und diese Spuren führen uns ins majestätische Apfelreich von Yvonne und Mathias Tietze.

Familiendomizil in der Uckermark

Nein, sie sei nicht die Königin von Biesenbrow, lacht die 47-jährige Chefin der Landmanufaktur. Doch bevor sie das Geheimnis um die Königin lüftet, führt sie uns zunächst in den Schaugarten. Dortwachsen und leuchten am Spalier 120 verschiedene Apfelsorten um die Wette und tragen Namen wie Gärtnermeister Simon, Minister von Hammerstein, Berlepsch, Alkmene und Ananasrenette. Es sind alte Apfelsorten, die in Vergessenheit geraten, in ihrem Geschmack aber bis heute einzigartig und unverwechselbar sind. „Diesen Schatz der Natur müssen und wollen wir unbedingt erhalten“, sagt Yvonne Tietze, die gemeinsam mit Ehemann Mathias und den beiden Kindern 2008 in die Uckermark zog. „Wir wollten raus aus Berlin, haben hier ein Familiendomizil gesucht – und es in Biesenbrow gefunden“, erzählt sie.

Allerdings war der Hof in einem sehr verwahrlosten Zustand. Die Gebäude waren ruinös, die Brennnesseln standen meterhoch. Dennoch haben sich die Tietzes, die beruflich Projekte für die Umgestaltung von Innenstädten, Gebäuden und Plätzen entwickeln, sofort in das rund 150-jährige Bauerngehöft verliebt, steckten viel Herzblut und finanzielle Mittel in Sanierung und Wiederaufbau. „Doch irgendwann spürten wir, dass uns das nicht mehr reichte, wir mehr brauchten und wollten als nur ein Familiendomizil.“ Und wie das Leben manchmal so spielt, kam ihnen dafür die Offenbarung ganz unerwartet und zufällig, als bei Freunden zu einem Essen Apfelwein kredenzt wurde. „Der war so fantastisch und stand einem guten Riesling in nichts nach“, schwärmt die studierte Diplom-Kauffrau.

Tausend Apfelbäume später

Und von Stund an waren die Tietzes im Apfelfieber. Sie zogen durch die Landschaft, pflückten Äpfel und wagten sich auch an den ersten eigenen Apfelwein. „Doch geschmeckt hat der überhaupt nicht“, erinnert sich Yvonne Tietze. Die Flinte sofort wieder ins Korn werfen, kam aber nicht in Frage, und es wurde nach Erklärungen und Lösungen gesucht. Den wohl wichtigsten Rat gab ihnen ihr Freund mit auf den Weg: „Äpfel sammeln und daraus Wein machen, so funktioniert das nicht. Ihr müsst euch schon mit den Äpfeln beschäftigen.“ Und das taten sie auch – mit Energie und Leidenschaft, auch wenn so mancher sie damals vielleicht für städtische Spinner gehalten haben mag.

„Ja, der Gedanke, hier in Biesenbrow Tausende Apfelbäume zu pflanzen und die Früchte zu Sekt verarbeiten zu wollen, war ja auch irgendwie irrsinnig“, gibt Yvonne Tietze lachend zu. „Doch entweder es packt einen oder nicht. Ein Dazwischen gab es für uns nicht.“ Ermutigt, nicht aufzugeben, hat sie vor allem auch ein Besuch in der Obstbauversuchsanstalt in Müncheberg. Und nach anfänglichem Zögern konnten sie auch deren Chef und Pomologen, „Apfelpapst“ Dr. Hilmar Schwärzel, für eine Zusammenarbeit gewinnen. Mit ihm gemeinsam wurden 2015 die ersten 1.500 Apfelbäume per Hand veredelt und gepflanzt. Inzwischen sind es 3.500 Bäume, die auf der Plantage am Rande von Biesenbrow wachsen – viele alte deutsche Sorten sind es, aber auch viele internationale und junge, neue Sorten.


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Es sind Äpfel, die mit ihrem Säure-Zucker-Verhältnis und ihrem Aroma die Eigenschaften besitzen, die es für Apfelerzeugnisse mit erstklassiger Qualität braucht und die damit den Ansprüchen der Tietzes an ihre Produkte gerecht werden. Und dazu gehören allem voran ein Crémant, aber auch viele sortenreine Apfelsäfte und immer wieder neue Produkte wie ein sherryähnlicher Likörwein.

Mit neuen Ideen vorran

„Wir investieren sehr viel Zeit in die Produktentwicklung, probieren und experimentieren unglaublich viel“, so Yvonne Tietze, die uns in die Schatzkammer der Landmanufaktur führt – in einen Gewölbekeller, in dem rund 5.000 Flaschen Crémant reifen. Ein Schaumwein, der nach französischem Verfahren und unter Verwendung originaler IOC-Hefe in Flaschengärung hergestellt wird. „Wir dürfen ihn natürlich nicht Champagner nennen, denn dieser Begriff ist gesetzlich geschützt. Zudem ist unser Crémant nicht aus Weintrauben, sondern aus Äpfeln. Und wir lagern ihn durchaus bis zu vier Jahre. Das macht ihn im Geschmack einzigartig rund, weich, vollmundig und die Perlage noch feiner.“ Ein Geschmack, der auch internationale Juroren überzeugt hat.

Kaltvergärung des Apfelsaftes. (c) Thomas Uhlemann

Auch im jüngsten Bruder des prickelnden Crémants, dem Likörwein „La Reine de pomme“, stecken viel Leidenschaft, Herzblut und Zeit. Während Yvonne Tietze eine Probe aus dem Fass zieht, Farbe und Geruch prüft, erzählt sie uns, dass die Idee für den uckermärkischen Aperitif bei einem Besuch in einer Sherrymanufaktur auf Madeira entstanden ist. Und seit fünf Jahren reift er nun erfolgreich in Biesenbrow in Sherryfässern – aber wohlbemerkt nach einem selbstentwickelten Verfahren, das natürlich geheim ist. Nur so viel sei verraten: Im dritten Reifejahr wird das sogenannte Solera-Verfahren, mit dem Sherry hergestellt wird, abgebrochen und dem Apfelwein wird Apfelsaft aus einer geheimen Apfel- sorte zugesetzt. „Das nimmt dem Aperitif den trockenen holzigen Geschmack, macht ihn weicher und vollmundiger, so Yvonne Tietze. Und damit hat auch er auf internationalem Parkett überzeugt und Prämierungen in die Uckermark geholt.

Nun wird uns auch klar, was es mit der „Königin von Biesenbrow“ auf sich hat. Denn der Name steht für das Feine, das Besondere, das Edle, das Außergewöhnliche der Biesenbrower Genussprodukte. „Und das beste Synonym, das alle diese Eigenschaften vereint, ist nun mal eine Königin“, lüftet Yvonne Tietze das Geheimnis.

Aktuelle Probleme: Trockenheit und Corona

Noch bis Oktober werden die Biesenbrower Äpfel für Säfte, Likörwein und Crémant handgepflückt, ausgesucht, dann sortenrein und schonend gepresst. „In diesem Jahr sind wir mit den Erträgen relativ zufrieden“, so Yvonne Tietze, wenngleich die Dürrejahre Spuren hinterlassen haben. Die Trockenheit hat die Bäume geschwächt und den Ertrag um ein Drittel dezimiert. Vor allem schmerzt auch, dass es allein im vergangenen Jahr 1.000 neu gesetzte Bäume aufgrund der Trockenheit nicht geschafft haben. „Als wir 2015/16 mit den Pflanzungen begonnen hatten, gab es noch ausreichend Regen. Inzwischen müssen wir bewässern“, so die Manufakturchefin und spricht auch über Hypegetränke wie Ingwer Shot, die nahezu wöchentlich auf den Markt drängen.

Auch die Coronazeit war für das kleine Unternehmen nicht einfach, der Umsatz brach ein. Doch jetzt geht es wieder aufwärts, setzten doch Kunden zunehmend auf Regionalität. „Wir kommen mit Verkauf und Versand momentan kaum hinterher“, so Yvonne Tietze. Und wer weiß es schon – aber ganz sicher würde auch Ehm Welk die Königin von Biesenbrow unterstützen, schätzen und – genießen.


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