Junges und starkes Team: Christian (33) und Richard (31) Weber arbeiten gern und effektiv zusammen – jeder mit seinen Stärken. © Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber – Jedes Standbein zählt

Der Schönberger Geflügelhof Weber ist breit aufgestellt: Nicht nur die Eierproduktion, auch die Geflügelmast gehört zu den Spezialitäten des Betriebes. Gerade zu Weihnachten, wenn die Gänse sehr beliebt sind, läuft für die Gebrüder Weber die Direktvermarktung auf Hochtouren.

von Anja Nährig

Geschnatter von überall her. Ob rechts, ob links – nur welches Geflügel da lauthals kommuniziert, ist nicht sofort ersichtlich. Wen wundert’s, sind doch die Ställe des im nordwestlichen Zipfel Sachsens gelegenen Landwirtschaftshofes um das ganze Dorf Schönberg verteilt. Dann, direkt am Hang, hinter der ursprünglichen Hofstelle, entdecken wir eine weiße Schar wohlgewachsener Gänse, die an den noch stehenden Maispflanzen zupfen. „Die lieben sie“, kommentiert der junge Tierwirtschaftsmeister das friedliche Bild. Gern würde er mehr Zeit mit den Tieren auf der Weide verbringen und sie intensiv beobachten. Doch derzeit gibt es jede Menge für die Brüder Christian und Richard Weber zu tun. Das Weihnachtsgeschäft für den Geflügelhof Weber steht vor der Tür.

Geflügelhof Weber

Die frischen Gänsebrüste. ©Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber

Karsten Mehlhorn ©Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber

Packstelle. Richard Weber und Karsten Mehlhorn haben die Packstelle fest im Griff. Von hier aus werden ca. 250 Hofläden und Supermärkte beliefert. © Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber

© Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber

Gänsebrüste werden mir Ursalz eingerieben. ©Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber

… und drei Wochen vakumiert gelagert, danach in Buchen-Wacholderrauch kalt geräuchert. ©Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber

Die „Eier-Hotline“ in Schönberg: Anne Kallwitz (27) und Uta Klöser (54) nehmen alle Bestellungen freundlich entgegen. ©Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber

Dritte Generation: Christian mit Tochter Johanna und Senior Jürgen – ob seine Enkelin sich auch mal fürs Wirtschaftsgeflügel interessieren wird? ©Sabine Rübensaat

Geflügelhof Weber

©Sabine Rübensaat

Damit der Fuchs nichts stiehlt

Pünktlich um sieben Uhr öffnen sich die Tore des Gänsestalles, wo die Vögel nachts ruhen. Mit einem ca. zwei Hektar großen fuchssicheren Auslauf umgeben, gibt es in dem großzügigen Gebäude (mit Wintergarten) in den Nachtstunden zusätzlich etwas Kraftfutter und ganztägig Wasser. Doch wenn die Sonne aufgeht, drängt es die Tiere nach draußen. Als erstes laufen sie in die Luzerne. Haben sie sich dort kurz satt gefressen, marschieren sie weiter zum Mais. Die 3 500 Gänse haben mittlerweile fast stattliche sieben Kilogramm Lebendgewicht erreicht. „Wenn sie durch den Mais sind, gehen sie zum Saufen und für die Mittagsruhe gerne in den Stall zurück“, erklärt uns Richard. Sie hätten ihren eigenen Rhythmus, am Nachmittag würden sie eine zweite, ähnliche Runde drehen.

Richard und Christian bewirtschaften zusammen seit 2006 mit ihrem Vater Jürgen den Geflügelhof. Christian stieg zwar schon 2004 in den Betrieb ein, doch alle drei tragen zu gleichen Teilen die Verantwortung und das Interesse für die Landwirtschaft. Eigentlich seien die Gänse das Steckenpferd des Vaters, erzählt Christian und deutet mit einer Hand auf die Hofund Wohnstelle, wo sich mehrere groß ausgebaute Vogelvolieren befinden. Ganz klar, Jürgen ist ein Züchter der ersten Stunde. Und seine Söhne? Beide lachen. „Wir haben es mehr mit den Zahlen“, so Richard. 15 Prozent des Gesamtumsatzes generieren die Webers über die Gänsemast und Vermarktung. Zum eigenen Mastvieh kommen 4 500 Tiere in Lohnmast dazu, die in der hofansässigen Schlachterei verbrauchsfertig hergerichtet werden. Bevor die Mastgänse den Stall in Schönberg betreten, ziehen sie für Berufskollegen im Drei-Wochen-Rhythmus Gänseküken vor. Ca. 2 500 frisch geschlüpfte Küken aus Wermsdorf, der Eskildsener Brutstätte, werden pro Durchgang vorgezogen.

Mit Spezialitäten alles verwerten

Von den Eiern und der Mast allein kann man zwar leben, aber jedes Standbein mehr verringert das unternehmerische Risiko. Die Direktvermarktung garantiert den Webers deutlich bessere Preise als im Handel. Doch der Aufwand für Arbeit, Organisation sowie Logistik ist ebenfalls deutlich höher. 2009 bauten sie einen EU-zertifizierten Schlachthof auf ihrem Hof – so ergeben sich keine langen Transportwege der Tiere. In der letzten Woche vor Weihnachten steht das Schlachtband nicht mehr still. Verkauft werden die Freilandgänse über den eigenen Hof und über Läden anderer Direktvermarkter, auf Wochen- und Bauernmärkten sowie in Fleischereien in ganz Sachsen.

Im knapp null Grad kalten Kühlhaus, hinter dem Zerlegetisch, treffen wir Manuel Farr, den 27-jährigen Fleischermeister. Seit September vergangenen Jahres arbeitet er für den Geflügelhof und lässt sich immer neue Produkte einfallen. Zurzeit hat er sich auf Gänsebrüste spezialisiert und bietet sie den Kunden in geräucherter Form an. „Leider wollen zu viele nur die Keulen der Vögel“, beklagt Christian. Deshalb mussten sie sich für die anderen wertvollen Fleischteile eine Vermarktungsalternative ausdenken. Mit Ursalz werden die frischen Gänsebrüste eingerieben und drei Wochen vakuumiert gelagert, danach in Buchen-Wachholderrauch kalt geräuchert. „So ist das Fleisch haltbar und schmackhaft gemacht und wir können es auch außerhalb der Saison vermarkten“, legt uns Manuel dar.

Nicht nur der Braten zählt

Von den Gänsen allein könnten die Webers nicht leben. Der Geflügelhof ist vielfältig aufgestellt und verdient das meiste Geld in der Eierproduktion. Fast 75 000 Legehennen, davon der größte Teil in Freiland- und nur 9 000 in Bodenhaltung, produzieren täglich fast 65 000 Eier. Für das Kerngeschäft des Betriebes wurden 2009 abseits des Ortes neue Ställe und eine Packstation gebaut. Auch das Büro und die Distribution, für die Richard der Experte ist, wanderten in die Außenstelle. Herzstück neben den neu gebauten Lager- und Büroräumen ist die Sortiermaschine. Hier werden die Eier nach Farbe, Gewicht, Qualität und Stabilität maschinell verlesen und gekennzeichnet. Die vermarkteten Bioeier erhalten die Webers von Vertragslandwirten aus der Umgebung.

Karsten Mehlhorn, gelernter Tierwirt und erst 25 Jahre alt, bedient wie ein alter Hase die große Maschine. Zusammen mit seinen Kollegen hat er in nur sieben Stunden die angefallenen 100 000 Eier sortiert (Foto). Als Jürgen Weber den Betrieb 1990 gründete, wagte man von solch einem Durchsatz nicht zu träumen. Vater Weber begann damals mit 9 000 Legehennen. Glücklich, sich endlich als Landwirt selbstständig zu machen, ergriff er die Chance und kaufte ein zum Mauerfall nicht fertiggestelltes Stallgebäude. Mit einer eigenen kleinen Brüterei ausgestattet, begann der gelernte Maschinenschlosser seine Karriere als Eierproduzent.

Zudem dauerte es nicht lange und 1994 liefen auch erstmals 200 Gänse über die Schönberger Wiesen. Als das Verbot der Käfighaltung gesetzlich beschlossen war, stellte Jürgen Weber 2002 auf die Freilandhaltung um, 2005 investierte er, damals schon zusammen mit Sohn Christian, in einen weiteren Neubau für 18 000 Tiere. 2009 wurde neben den Lager-, Sortier-, und Büroräumen auf dem Außenbereich nochmals um 40 000 Legehennenplätze erweitert. Dass die Haltung tiergerecht stattfindet und einer hohen Qualität entspricht, beweist nicht nur die KAT-Zertifizierung. 2010 wurde der Geflügelhof für die besonders artgerechte Haltung der Legehennen, 2014 für die der Gänse vom Freistaat Sachsen ausgezeichnet.

Verschieden für den Ausgleich

Nicht nur der Vater hat ein sogenanntes Händchen für das Federvieh, Sohn Christian ist seinen Spuren gefolgt. Auch wenn dessen Herz weniger für die Zucht und mehr für die Ökonomie schlägt. Frühzeitig verdiente sich Christian das Taschengeld für sein Hobby – Motorrad – in den Hühnerställen seines Vaters. Je besser die Eierausbeute, umso mehr konnte er verdienen. Obwohl er auch etwas mit dem Hotel- und Restaurantgewerbe geliebäugelt hatte, entschied er sich nach dem Abitur für eine Landwirtschaftslehre. Viel Erfahrung konnte er bundesweit mit Praktika auf den unterschiedlichsten Höfen sammeln. 2008 qualifizierte er sich zum Meister am Lehr-, Versuchs- und Fachzentrum für Geflügel- und Kleintierhaltung in Kitzingen, der einzigen Ausbildungsstätte für diese Fachrichtung in Deutschland.

„Um heutzutage die geforderten Tierwohlkriterien zu erfüllen, benötigt man gut qualifizierte Mitarbeiter“, weiß Christian. Nur durch eine intensive Tierbeobachtung ist ein schnelles Eingreifen in großen Herden möglich.

Zusammen mit dem Landesamt Sachsen laufen derzeit Versuche mit einer Herde zum Schnabelkürzen. Bei den Tieren wurde auf diese Maßnahme verzichtet, um mögliche Faktoren für das Federpicken ausfindig zu machen. „Das bedarf deutlich mehr Arbeit und einer intensiveren Betreuung“, so Christians erste Einschätzung zum Verfahren. So geradlinig, wie der Weg für Christian war, so gab es für Richard anfangs mehrere Umwege, bis er nach Schönberg kam. Nach dem Wegzug aus dem Ort entschied er sich anfangs für eine Lehre als Kfz-Mechaniker. Die schlechte Bezahlung im Lehrberuf ließ ihn zwei Jahre auf Montage gehen, bis er 2005 auf den Hof zurückkam, um zunächst auszuhelfen. Ein körperliches Leiden des Vaters veranlasste Christian, Richard mit ins Boot zu holen. Das gute Händchen für die Maschinen machte ihn schließlich kaum noch entbehrlich, weshalb der Einstieg in den Betrieb schnell geebnet wurde. Seine damalige Entscheidung nicht bereuend, kümmert Richard sich hauptsächlich um die Distribution der Eier und die Packstelle. „Mein Bruder ist der im Büro, ich bin der auf dem Traktor“, gibt Richard gerne zu.

Sein eigener Chef zu sein, daran haben sich die Brüder leicht gewöhnt. Jeder hat seinen eigenen Verantwortungsbereich, weshalb sie sich nicht in die Quere kommen. Und obwohl der Vater oft Bescheid wissen möchte, was seine Jungs so treiben, ist er als Preisrichter für Zuchtgeflügel viel unterwegs und lässt ihnen entsprechend freie Hand. „Mehrere Meinungen bringen den Erfolg“, erklären uns die Brüder. Auch wenn der Vater am Ende das endgültige Stimmrecht besäße, würden sie alles fair und konstruktiv ausdiskutieren. Schließlich sollen alle drei mit den strategischen Entscheidungen gut leben können.

Frisch, frischer – einfach direkt

Der große Aufschwung zur Direktvermarktung entstand eigentlich erst mit einem Angebot von Edeka. Webers Geflügelhof sollte die Supermarktkette direkt mit einer größeren Menge Eier beliefern. Dafür wurden die neuen Legehennenställe gebaut und die Mitarbeiterzahl auf nunmehr 19 feste und drei Teilzeitarbeitskräfte erhöht.

80 % der Produkte vermarkten die Brüder direkt, neben Eiern und Geflügelfleisch werden daraus auch Nudeln und Likör hergestellt. Für die Eier hat sich Christian einen besonderen Clou ausgedacht: Sie werden in einer Mehrweg-Schachtel im Lebensmittelmarkt angeboten. So haben die Verbraucher die Möglichkeit, ihre Eier selbst auszusuchen und tun etwas für die Umwelt, freut er sich. So frisch wie das Gemüse in der Theke ausliegt, sollen die Käufer auch die Eier mitnehmen können – diese Qualität wird bezahlt, sind sich die Webers sicher. In der Erfindung immer neuer Absatzwege und Produkte wird Christian nicht müde. Mittlerweile sind neben Gänse- und Entenfleisch auch Freiland- und Maishähnchen über die Webers zu erwerben. Nicht alle Tiere stehen in den eigenen Ställen, der Geflügelhof konzentriert sich hauptsächlich auf die Eierproduktion. So mästet beispielsweise Sven Knüpfer, ein benachbarter sächsischer Landwirt, die Hähnchen in Lohn. Geschlachtet wird wiederum in Schönberg.

Nach zahlreichen Jahren des Wachsens möchten die Brüder für 2016 jetzt etwas Ruhe in ihr Leben bringen. Gibt es doch auch noch Häuser zu bauen und Kinder beim Großwerden zu begleiten. So möchten sie den Betrieb im kommenden Jahr konsolidieren und die neu geschaffenen Arbeitsabläufe optimieren. Das Prinzip für die Zukunft: Alle bestehenden Kunden sollen mit dem vielfältigen Angebot des Geflügelhofes bedient werden können. „Vielleicht finden sich aber auch noch mehr Kunden im Restaurantgewerbe“, hofft Christian. Außerdem suchen die Webers weitere sächsische Landwirte, die über ausreichend Grünlandflächen mit anliegenden Mais- und Stallflächen (z. B. leer stehende Scheunen, Lagerhallen oder alte Kuhställe) verfügen. Gerne würden sie weitere Tiere in Lohn mästen lassen. Ganz so ruhig wird es also mit Sicherheit nicht auf dem Hof …

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