Spekulieren über Dorfleben 2037

06.04.2017

© Heike Mildner

Das Modell „Die vernetzte x-te Dimension“ versucht sichtbar zu machen.

Der Countdown läuft: Die Städte werden im Geschwindschritt zu „Smart Citys”, in denen man (fast) alles mit Smartphone und Internet erledigen kann, und auf dem Lande reißen wir den Arm als Antennenverstärker hoch und beten die Satelliten an, um einen Strich mehr auf der Empfangsskala des Mobiltelefons zu erheischen. Das digitale Zeitalter bietet Riesenchancen, gerade für das Leben auf dem Lande. Jedoch steht längst nicht mehr die Frage, ob man drin ist im Netz, sondern wie schnell man sich in ihm bewegen kann. Es geht um die Wurst, und die heißt Geschwindigkeit.

Lässt man die tatsächlichen Gegebenheiten kurz einmal beiseite und gönnt sich eine Spinnrunde, werden die Möglichkeiten deutlich: Wie sieht das Dorf der Zukunft aus, in dem das Prinzip der digitalen Vernetzung radikal angewandt worden ist?

 

Spekulatives Design

 

Henrik Adler und seine Kollegin vom Fraunhofer-Institut stellten die Modelle vor. © Heike MildnerIm Auftrag der Plattform Ländliche Räume der Andreas-Hermes-Akademie erarbeitete das Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) drei Zukunftskonzepte für die ländlichen Räume. Die Leitfrage des auf fünf Monate angelegten Entwicklungsprozesses lautete: Wie können die ländlichen Räume durch digitale Technologien neue Belebung erfahren? Als Zeithorizont für die Zukunftsbilder wurde das Jahr 2037 angesetzt. In einem eintägigen Workshop Ende Oktober 2016 brüteten zwanzig Akteure aus zehn Bundesländern darüber, wie sich für den Einzelnen, die Kommune (Dorf) und die Gesellschaft (Vogelperspektive) das Leben auf dem Lande im Jahr 2037 darstellt. Unter den 20 Alltagsexperten und Vorausdenkern aus den ländlichen Räumen waren Landwirte und Winzer, Journalisten und Blogger, Start-up-Gründer und Co-Working-Space-Betreiber, Digital-Ingenieure und Menschen aus dem Bildungs- und Sozialbereich. In moderierten Denk- und Kreativräumen entwarfen sie Bilder der digitalen Zukunft. Die Ergebnisse des Workshops wurden gemeinsam mit Experten aus den Bereichen Mobilität und Geografie geclustert und zu komplexen Zukunftskonzepten weiterentwickelt. Drei Themenfelder zeichneten sich ab: Mobilität, Vernetzung und Innovationsförderung. Fraunhofer-Designer entwickelten daraus drei spekulative Prototypen: Die Konzepte und Modelle „Dynamische Sphären“, „Die vernetzte x-te Dimension“ und „Das Ministerium für endogene Potenziale“ wurden am 25. Januar beim Fachforum im Rahmen der Grünen Woche vorgestellt und zum Ausgangspunkt einer lebhaften Debatte.

Schon rein optisch unterschied sich die Vorstellung von den anderen Fachforen: Keine „Bestuhlung”, sondern ein Raum, in dem die drei gebauten Modelle (Foto o. l.) im Mittelpunkt und die Teilnehmer drumherum standen. Dazu Pinnwände, auf denen die Zuhörer ihre Gedanken zum Thema hinterlassen konnten.

Die Modelle rückten die Stärken des ländlichen Raumes in den Fokus und luden zum Weiterspinnen ein: Wird es die Konkurrenz Stadt und Land in der digitalen Zukunft überhaupt noch geben? Werden Grenzen in Zukunft noch durch ein Ortsschild angezeigt oder vielmehr durch die Grenzen des digitalen Netzwerks? Wie wäre es, Daten gemeinschaftlich zu generieren und gemeinschaftlich zu entscheiden, wer Zugriff auf welche Daten hat?

 

Lebendige Zukunft

 

Einer der 20 „Mitspinner” ist in seiner ländlichen Realität der Zukunft schon ein ganzes Stück näher gekommen. Janosch Dietrich, der mit vier Mitstreitern in Klein Glien bei Bad Belzig in Brandenburg, anderthalb Autostunden von Berlin entfernt eine Co-Working-Station gegründet hat, die Anfang Mai eröffnen wird. „Eine was?”, wird sich mancher fragen, der nicht gerade in der Kreativszene Berlins mit dem Laptop unterm Arm durch die Straßen rennt. Co-Working-Stations sind Orte, an denen am Computer arbeitende Einzelkämpfer zusammenkommen, um in Gesellschaft anderer ihr jeweils eigenes Projekt voranzutreiben. 10 000 gebe es davon weltweit, 100 in Berlin, erzählt Janosch Dietrich. Sein Gründerprojekt heißt denn auch Coconat: community and concentrated work in nature.

Eine Chance, große, leer stehende Häuser zu beleben? In Klein Glien schon. Coconat hat Platz für 50 Computerarbeiter, die in einem entspannten und geselligen Umfeld arbeiten und übernachten wollen: „Wenn du in der Stadt lebst, kennst du mit Sicherheit diese Momente, in denen du dem Lärm und Grau für einen Moment entfliehen möchtest und einfach nur Stille und Grün um dich herum haben möchtest. Coconat liegt im Landschaftsschutzgebiet Brandenburger Osthavelniederung. Die Gebäude sind umgeben von Wäldern und Wiesen; Badeseen und die Havel (wir haben sogar einige Kanus) liegen nur wenige Gehminuten entfernt; zu hören gibt es nichts außer Wind, Vögeln und dem sanften Klappern der Computertastaturen.”

 

Dörfliche Vernetzung

Dörfliche Vernetzung. © Heike MildnerSteffi Trittel (u. r.), Landfrau und Bürgermeisterin der Gemeine Hohe Börde in Sachsen-Anhalt mit 14 Ortschaften und 18 700 Einwohnern, informiert ihre 120 Gemeinde- und Ortschaftsräte bereits per iPad über anstehende Entscheidungen, Vorhaben und Termine. Der große Vorteil sei, dass sie unabhängig von der Zeit mit allen Vorlagen usw. ausgestattet sind. „Was nicht so ganz einfach ist, ist die Sicherung der Daten”, sagt Trittel auf der Landfrauenveranstaltung zum Ehrenamt 4.0 auf dem Zukunfstforum ländliche Entwicklung. Der Anbieter, der für die Sicherheit zuständig ist, statte sie notwendigerweise andauernd mit neuen Passwörtern aus. Es sei schwer, den Überblick zu behalten. Auch die Engagement-Drehscheibe, in der ehrenamtliche Aktivitäten vernetzt sind, wäre ohne Internet nicht denkbar. Aber „Man muss es auch wollen! Und man will, wenn man merkt, dass man günstiger und bequemer ans Ziel kommt”, so Trittel.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr