„Ich bin keine, die allein vor sich hin forscht“

05.03.2015

© Sabine Rübensaat

Dr. Sandra Rose-Meierhöfer

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BauernZeitung: Sie spielen Fagott in einem renommierten Berliner Laienorchester, dem Jungen Ensemble. Kann es sein, dass aus Ihnen auch eine veritable Musikerin geworden wäre, hätte das Schicksal seine Weichen anders gestellt?
■ Rose-Meierhöfer: Ich habe nur ganz kurz darüber nachgedacht, nach dem Abitur, wo man dies oder jenes überlegt. Wirklich in Erwägung gezogen habe ich es wohl nie.

Ihre beruflichen Verpflichtungen sind mit der Ernennung weiter gewachsen. Werden Sie überhaupt noch Zeit für Ihr musikalisches Hobby haben?
■ Sicher nicht mehr ganz so viel, komplett aufgeben werde ich es nicht.

Was hat den Ausschlag für ein Studium der Agrarwissenschaften gegeben? Sind Sie dahingehend durch irgendwen geprägt?
■ Es gibt mütterlicherseits ein paar Wurzeln im gärtnerischen Bereich. Daher eine Prägung abzuleiten, wäre ein bisschen bemüht. Ich bin in Berlin aufgewachsen, war aber immer sehr naturverbunden, vor allem tieraffin. Deshalb wollte ich zunächst Veterinärmedizin studieren, was aufgrund des damaligen Numerus clausus schwierig war. Einer meiner Freunde machte mich auf die Agrarwissenschaften aufmerksam. Ich schrieb mich ein, mit der Option, nach dem Vorstudium möglicherweise zu wechseln. Meine Eltern haben meinen Entschluss ein bisschen zurückhaltend aufgenommen.

Wie das, bei so einer ehrenwerten wie handfesten Wissenschaft?

■ Meine Zwillingsschwester, die in unserem Ensemble übrigens Oboe spielt, hat Pharmazie studiert, und sie fanden Veterinärmedizin wohl ein Stück adäquater.

Dafür haben Sie jetzt eine 36-jährige Professorin zur Tochter!
■ Mein Vater hat mir allerhand dafür mitgegeben. Er hatte eine Firma für Metallbau, daher kommt meine Affinität zur Technik und den Naturwissenschaften. Wir waren als Kinder viel in der Firma unterwegs. Bei diesen oder jenen Arbeiten sagte mein Vater immer: Los, das können Frauen auch! Ich nehme ein ausgeprägtes naturwissenschaftlich-technisches Verständnis für mich in Anspruch.

Der Bereich Technik der Tierhaltung ist seit Längerem ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Wenn sich jemand wissenschaftlich mit Tieren beschäftigt, denken die meisten Leute erst mal an Verhaltensforschung.

■ Da sehe ich mich eher weniger. Ich mag Tiere, probiere aber gern technische Dinge aus. Daran muss man einfach Spaß haben, wenn man eine Landtechnik-Professur innehat.

Die Technik der Tierhaltung und die Veterinärmedizin zielen beide auf eine hohe Leistungsfähigkeit der Tiere bei optimaler Gesundheit.
■ Die Agrarwissenschaften insgesamt bergen mehr Potenzial als die Veterinärmedizin und eine viel größere Vielfalt. Ich habe dann gar nicht mehr den Versuch unternommen zu wechseln.

Entsprach das Studium Ihren Erwartungen?
■ Es war die große Bandbreite, die das Studium spannend gemacht hat. Ich hatte noch das volle Programm, Vorlesungen in Landtechnik, Tierhaltung, Züchtung; es gab eine Futtermittelkunde-Professur.

Erst mal haben Sie Ihr Studium abgeschlossen, und zwar mit der absoluten Traumnote 1,2.
■ Ein Uni-Mitarbeiter vermittelte mir dann den Kontakt zum Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim. Dort wurde ein Doktorand gesucht. Tja, wenn man mir das zutraut, dachte ich damals, mit 22, 23 ... So kam ich zum ATB und zum Melken, ohne dass ich da intensiv Vorwissen besaß. Ich hatte vorher zwar Nutztierwissenschaften als Schwerpunkt im Studium gewählt, viele Praktika in Milchviehbetrieben absolviert, und melken konnte ich auch, aber ich fühlte mich mehr in der Tierernährung als in der Melktechnik zu Hause.

Seit Ihrer Promotion 2005 zieht sich ein roter Faden durch Ihre Forschungen und zahlreichen Veröffentlichungen bis hin zur Habilitationsschrift. In Stichworten: Optimierung von Tierhaltungssystemen und Arbeitsbedingungen der Menschen, speziell Einwirken des Melkens auf die Zitzenkondition, Gewährleistung eines optimalen, stabilen Vakuums beim Melken. Letztendlich geht es um viertelindividuelles Melken, also darum, dass vor dem Hintergrund von Eutererkrankungen jede Zitze nach ihren physiologischen Gegebenheiten gemolken wird. Woran arbeiten Sie aktuell?
■ Ich bearbeite ein Projekt auf diesem Gebiet, es geht um die Entwicklung eines neuartigen Melkbechers. 1903 wurde der Zweiraummelkbecher erfunden, seitdem hat sich da nicht viel getan. Mit den Ökonomen hier in Neubrandenburg bearbeiten wir ebenfalls ein Thema zur Melktechnik. Meine drei Doktoranden forschen auch auf diesem Gebiet, aber anders akzentuiert, zum Beispiel in Richtung Physiologie, zur Zelldifferenzierung in der Milch, um mehr Schlussfolgerungen darauf ziehen zu können, wie Tier und Technik interagieren.

Automatische Melksysteme, die viertelindividuelles Melken erlauben, gibt es doch schon.
■ Die Systeme melken im Ansatz viertelindividuell, es ist jedoch viel Ausbau nötig. Konventionelle Technik und automatische Melksysteme, die viertelindividuell melken, sagen wir, über eine viertelindividuelle Schlauchführung verfügen, sind zwar am Markt. Aber deshalb wissen wir noch lange nicht, wie das Vakuum, die Pulsation beschaffen sein müssen. Es fehlt ein Online-System, das die Milch tatsächlich so viertelindividuell untersucht, dass die Tiere am Roboter selektiert werden können. Da besteht noch viel Forschungsbedarf. Ehrlicherweise man muss sagen, dass der Schritt zum viertelindividuellen Melken an sich, technisch betrachtet, schon ein Erfolg ist, der sich in den nächsten Jahren hoffentlich positiv auf die Tiergesundheit und damit auf die Nutzungsdauer auswirken wird.

Das Thema hat nach wie vor etliche neuralgische Punkte. Welchen würden Sie gern knacken, zumindest ein Stück weit?
■ Sie meinen den Traum des Wissenschaftlers vom Melken? Das Problem beim Melken stellt sich dreigeteilt dar: Milch ist erst mal ein sehr schwer zu handelnder Stoff, sie verklebt alles; dazu kommt das Tier mit seiner Physiologie; letztlich die Technik. Zusammen sind das extrem viele Parameter. Ziel ist es, ein Melksystem tierindividuell oder sogar zitzenindividuell so einstellen zu können, dass es optimal beim Tier wirkt, es also letztlich möglichst wenig negativ beeinflusst. Um so ein Melksystem wirklich praxisrelevant hinzubekommen, dafür fehlen uns noch diverse physiologische Grundlagen.

Welche zum Beispiel?
■ Wie sind das optimale Vakuum oder die Pulsation beschaffen – das ist die Kernfrage. Wir haben in den letzten Jahren gemeinsam mit Physikern von der Uni Potsdam versucht, das mit Modellen abzubilden. So ein bisschen Milchfluss in einem Melkzeug zu modellieren, das sollte doch nicht so schwer sein, haben wir anfangs gedacht und mussten feststellen: Es ist wesentlich komplizierter, weil in diesem Melksystem viele biologische und technische Parameter zusammenfließen, die sich gegenseitig beeinflussen.

Geduld war schon immer eine Forschertugend. Wie passt Ihr Temperament damit zusammen?
■ Der geduldigste Mensch bin ich sicher nicht. Aber ich habe ja noch mindestens 30 Jahre Zeit zum Forschen. Auch der Weg zum Ziel ist spannend. Man erreicht immer wieder Teilziele, gewinnt Erkenntnisse, auch Rückschläge bringen einen weiter.

Sie haben an der Humboldt-Uni gelesen, an der Uni Cottbus und schon vor Ihrer Ernennung in Neubrandenburg. Die Studierenden schätzen den hohen Praxisbezug, hört man.
■ Ich finde es spannend, anwendungsorientiert zu arbeiten und auch zu lehren und versuche, problemorientiertes Grundlagenwissen mit Praxisbezügen zu verbinden. Wenn Sie den Studierenden nur Theorie präsentieren, ist das nicht zielführend. Andererseits ist es auch wertvoll, neuere wissenschaftliche Forschungsergebnisse vorzutragen, die vielleicht noch nicht so ganz praxisbezogen, aber von großer Relevanz sind.

Diese Mixtur garantiert Aufmerksamkeit?
■ Man muss die Studierenden immer motivieren. Wenn es beispielsweise um Baurecht geht, ist es manchmal schwierig, das Auditorium voll auf seine Seite zu ziehen. Ich versuche dann, ein paar Praxisbeispiele einzuflechten, um den Bezug herzustellen. So wird deutlicher, dass auch ein vielleicht spröder, sehr abstrakter Stoffhohe Relevanz hat.

Das Zeitalter von Google und Co. hat seine Tücken. Ich gebe etwas ins Internet ein, und schon wird mir was Fertiges ausgespuckt.
■ Ja, das unterdrückt mitunter eigenes Denken, Kreativität. Manche Studierende sind am Anfang auch nicht gewöhnt, im Team zu arbeiten. Ich binde Bachelor- und Masterarbeiten in meine Forschungsprojekte ein. Das ist ein Impuls, um Lösungen oder Ideen zu entwickeln. Leider ist es streckenweise immer noch Usus, dass die Studierenden ein eher abgegrenztes, alleinstehendes Thema bekommen. Viele machen, wie ich beobachte, im Laufe des Studiums doch sichtbar eine große Entwicklung. Am Ende steht in der Regel eine gute gemeinschaftliche Präsentation. Manche Absolventen sagen mir später, sie hätten bei mir etliches fürs Leben gelernt. Der Spaß, selbst etwas zu erarbeiten, wächst mit der Zeit. Da springen dann sehr gute Ideen oder Umsetzungspläne für die Praxisbetriebe heraus.

Zum Beispiel?

■ Wir haben einen Sauen-Betrieb besichtigt, der von Kastenständen auf Gruppenhaltung umrüsten musste. Die Studierenden haben sich die Ställe angesehen, Bauzeichnungen gemacht, untersucht, wie der Stall aussehen muss, wie viel Platz er pro Tier braucht, welche Fütterungssysteme eingebaut werden können. Wir haben außerdem einen konventionellen Milchviehstall mit Auslauf in Richtung Wellfare-Stall umgebaut.

Welche neuen persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten erhoffen Sie sich durch die Professur?
■ Durch eine Professur hat man noch einmal eine freiere Position hinsichtlich der Forschung, und es bedeutet eine persönliche Weiterentwicklung. Ob mit der gleichen Intensität wie bisher, ist natürlich fraglich. Immerhin liegt an der Hochschule ein größerer Teil meiner Arbeit auf Lehre und Ausbildung. Ich habe 18-Semester-Wochenstunden zu bestreiten, bisher waren es vier. Viel hängt davon ab, was für eine Arbeitsgruppe man sich aufbaut. Es braucht motivierte Promovenden und Studierende, mit denen zusammen man forschen und sich selbst weiterentwickeln kann. Wichtig sind mir fachübergreifende Projekte mit Kolleginnen und Kollegen, beispielsweise aus dem Fach Architektur oder mit den Geowissenschaftlern. Eine Zusammenarbeit mit den sozialen Bereichen in Richtung Arbeitswirtschaft liegt gerade im Agrarbereich ebenfalls nahe. Die Tätigkeit im Pflanzenbau ist sehr saisonal geprägt. In der Tierhaltung geht es dagegen sieben Tage die Woche 24 Stunden rund.

Ist der geringe Altersunterschied zwischen Ihnen und den Studierenden eher hilfreich oder hinderlich?
■ Ich hatte bisher keine Probleme. Im kommenden Semester habe ich allerdings etliche Vorlesungen zu Themen zu halten, in denen ich forschungsmäßig nicht sehr tief drinstecke. Der komplette Teil der Pflanzenbautechnik zum Beispiel. Ich bin zwar auf dem Laufenden und habe immer mal wieder Tagungen besucht. Aber ich habe dazu einfach nicht geforscht. Könnte sein, dieser oder jener Praktiker, der in meiner Vorlesung sitzt, weiß mehr als ich. Dann kann er zum nächsten Mal einen unterstützenden Beitrag vorbereiten.

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen, auch im Hochschulbereich, lag 2012 bei etwa 20 Prozent. Ihre Berufung wurde im Rahmen des Professorinnenprogramms II der Bundesregierung gefördert. Kommt man da schnell in den Geruch, eine Quotenfrau zu sein?
■ Es gibt immer Leute, die das so sehen. Eine Landtechnikprofessorin ist schon sehr ungewöhnlich. In Neubrandenburg habe ich allerdings nicht das Gefühl, als Quotenfrau angesehen zu werden.

Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass der Fachbereich eine Dekanin hat und außer Ihnen noch zwei weibliche Professoren.
■ Die Kolleginnen und Kollegen haben mich durch die Bank positiv aufgenommen und gleichwertig akzeptiert. Ich habe schon immer im technischen Bereich gearbeitet und war es von Anfang an gewöhnt, dass da hauptsächlich Männer agieren. Eine Quote würde das auch nicht regeln. Denn wenn es keine Frauen gibt, die sich für Technik interessieren, nutzt sie nichts. Ich habe gerade an der VDI-Landtechnik-Tagung teilgenommen. Da brauchten Sie keine zwei Hände, um unter den rund 250 Teilnehmern die Anzahl der Frauen zu zählen.

Die viel beschworene Frauensolidarität ist ja auch mehr oder weniger eine Legende. Oft sind Frauen leider nicht in der Lage, sich gegenseitig zu unterstützen, was Männer deutlich besser können.
■ Sie verkaufen sich einfach geschickter, selbstbewusster. Frauen sind ehrlicher, stehen zu ihren Schwächen. Ich hatte das Glück, dass ich immer männliche Vorgesetzte hatte, die mich gefördert, zu Kongressen mitgenommen, mich mit wichtigen Leuten bekanntgemacht haben. Wenn das Geld aus dem Professorinnenprogramm bewilligt ist, wollen wir es dazu verwenden, weibliche Studierende stärker technisch fit zu machen. Viele haben da wenig Erfahrung, besitzen zum Beispiel keinen Traktorenführerschein.

Sie haben sich gegenüber hundert Prozent männliche Bewerber durchgesetzt. Mit welchen Stärken?
■ Ich denke, den Ausschlag hat die starke Akzentuierung auf der Forschung im Bereich Technik gegeben. Man möchte an der Hochschule weg von der reinen „Lehranstalt“. Nur Frau – das reicht eben nicht, um die Stelle zu bekommen.

Ihre wissenschaftliche Laufbahn haben Sie sehr stringent und zielstrebig betrieben, offenbar keine dreijährige Weltreise oder anderes zwischengeschaltet.
■ Als Wissenschaftler ist man ständig weltweit unterwegs. Ich bin 36, da schafft man das noch so, letztes Jahr war ich drei Monate mit einem OECD-Stipendium in Dänemark. Weltweite Vernetzung ist heutzutage notwendig. So bekommt man ganz frische Inputs, weil überall andere Gegebenheiten herrschen und daraus neue Ideen entstehen. Seit Jahren haben wir eine gute Kooperation mit der Türkei. Dort ist man fachlich übrigens auf einem viel höheren Stand als mancher denkt, ich war aber auch bis Neuseeland unterwegs. Gemolken wird überall gleich, das hat gewisse Vorteile.

Bewegt sich die agrarwissenschaftliche Forschung in Deutschland auf der Höhe der Zeit?
■ Ich würde ein „Sehr gut“ geben, die nordischen Länder sind punktuell hier oder da vielleicht besser. Deutschland ist aber entschiedener Vorreiter beim Precision Farming, bei der Automatisierung.

Welche Gipfel visieren Sie in nächster Zeit an?
■ Ehrlich gesagt, mache ich mir jetzt da keinen Kopf. Ich bin berufen, nun geht es erst mal darum, mich in die Lehre einzuarbeiten, mir weiterhin eine leistungsfähige effiziente Arbeitsgruppe aufzubauen. Dann wird man sehen, was sich noch so ergibt im Leben.

Berufliche Steilkarriere, Hobbys, gerade waren Sie zum Skilaufen …
■ Ausgleich und Außenkontakte braucht man. Ich bin auf jeden Fall ein sozialer, gruppendynamischer Mensch und überhaupt nicht der Wissenschaftler, der allein in seinem Büro sitzt und vor sich hin forscht.

Das Gespräch führte

Jutta Heise

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