Kommentar zum Heft 38/2019

Was genau wollt Ihr von den Bauern?

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Grüne Kreuze auf Rinder gemalt oder aus Holz am Feldrand aufgestellt, und schwarze Fahnen, mit denen Ministerinnen empfangen werden. Was ist los mit den Bauern? Das zu beschreiben ist nicht einfach. Wie auch die Stimmungslage in der Landwirtschaft. Vielleicht trifft es das Wort Ratlosigkeit am besten. Schon seit einigen Jahren steht die Landwirtschaft im kritischen Fokus der Öffentlichkeit. Mit manchen ungerechtfertigten Vorwürfen hat man umzugehen gelernt. Anderes staute sich auf. Das angekündigte Agrarumweltpaket der Bundesregierung dürfte der berühmte Tropfen sein, der das Fass überlaufen lässt.

Für die Ratlosigkeit
gibt es Gründe. Viele Landwirte haben längst erkannt, dass sich ihre Branche entschiedener der Nachhaltigkeit verschreiben muss. Und etliche von ihnen haben selbst dann an mehrgliedrigen Fruchtfolgen festgehalten, als bei Beratern Prämien- oder Marktoptimierung Hochkonjunktur hatten. Aber auch sie sehen sich jetzt mit Verboten und Einschränkungen konfrontiert. Einige davon werden kaum dazu beitragen, die proklamierten Ziele tatsächlich zu erreichen. Das gilt für das Verbot von Glyphosat, für das es keine wissenschaftlich begründbare Erklärung gibt. Oder für das Aus für Pflanzenschutzmaßnahmen in Schutzgebieten, die als Lebensraum in ihrem Ist-Zustand zu erhalten sind und nicht verändert werden dürfen. Oder für die Einführung eines Tierwohllabels, das außer Kosten nichts bewirken wird.

Obendrauf gibt es die Ankündigung,
kurz vor Ende der Förderperiode weitere Direktzahlungen aus der Ersten Säule in die für Agrar­umweltmaßnahmen reservierte Zweite Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) umzuschichten. Es gehe ja nur um 4,50 €/ha, wiegelt die Bundeslandwirtschaftsministerin ab. Mag sein. Je Arbeitskraft in den Betrieben Mecklenburg-Vorpommerns sind das 300 €, rechnet der Landesbauernverband vor. Dass die Betriebe sich das Geld aus der Zweiten Säule „zurückholen“ könnten, stimmt nur zum Teil. Denn in der Ersten Säule war es Einkommen, in der Zweiten Säule ist es Ausgleich für höheren Aufwand oder niedrigere Erträge. Wer kann von Entschädigungen leben?

Nahezu alle sind sich einig,
dass es Handlungsbedarf gibt. Der Schutz von Grundwasser, Klima und Artenvielfalt wurde offensichtlich zu lange nicht ernst genug genommen. Jetzt will die Politik Entschlossenheit zeigen. „Tiefe Zäsuren“ und „radikale Veränderungen“ sind angekündigt. Zurück bleiben Landwirte, die nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch und so­zial nachhaltig arbeiten müssen. Sie fragen sich vor allem eines: Was genau wollt Ihr jetzt von uns? Was sie zu hören bekommen, sind Floskeln: mehr Artenvielfalt, mehr Klimaschutz, weniger Stickstoffdünger, weniger synthetische Pflanzenschutzmittel. Das reicht nicht, um einen Betrieb zukunftsfähig aufzustellen. Denn andere, nach wie vor ebenfalls wichtige Fragen lassen sie offen: Was ist dann mit Versorgungs- und Lebensmittelsicherheit? Wonach sollen sich Ackerbauern richten, wenn die Lehren zur Pflanzenernährung nicht mehr der Maßstab sind? Wie können mustergültig wirtschaftende Betriebsleiter erfolgreich bleiben, wenn sie in ihren Entscheidungen eingeschränkt werden? Und vor allem: Wie lässt sich mit Landwirtschaft unter diesen Vorzeichen noch Einkommen erwirtschaften?

Die Grünen Kreuze werden sich vermehren.
Die Politik sollte das nicht falsch verstehen. Die sie aufstellen, befürchten nicht den Untergang des Abendlandes. Aber sie wollen wissen, welchen Spielraum sie haben, um nötige Veränderungen mit praxis­tauglichen Vorschlägen selbst gestalten zu können.

 

Herzlichst Ihr Ralf Stephan

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