Kommentar zum Heft 20/2019

Wer im Treibhaus sitzt, sollte sich bewegen

Liebe Leserinnen und Leser,

die Hoffnungen waren groß: Das Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs vergangene Woche im rumänischen Sibiu sollte es schaffen, den Klimaschutz in der europäischen Politik nachhaltig zu verankern. Dass das eigentlich kein „Kann“ ist,  sondern ein „Muss“, hatte schon der jüngste UN-Klimagipfel im Dezember im polnischen Katowice deutlich gemacht. Dort hatten sich Vertreter von fast 200 Staaten mühsam auf eine Umsetzung des Pariser Klimavertrags geeinigt. Zwei Wochen lang hatte man gerungen um Transparenz, Fortschritt und vor allem Vertrauen im Kampf um das Ziel, die Erderwärmung auf unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Die Beschlüsse seien 1.000 kleine Schritte zum Wohl kommender Generationen, so die Bilanz von Katowice.

Umso größer ist nun
die Enttäuschung, dass die Staats- und Regierungschefs in Sibiu dies nicht gewürdigt haben. Ihre Schlusserklärung mutet an wie Gummi, und der Klimaschutz taucht darin erst an letzter Stelle des letzten Spiegelstrichs auf. Vielen Beobachtern kamen daher Zweifel, ob die Staatenlenker wohl den Ernst der Lage überhaupt verstanden haben. Da wird gefaselt, man wolle „vereint durch dick und dünn gehen“ und sich „in Notzeiten solidarisch zeigen“, man werde einander immer respekt- und verständnisvoll zuhören. Wie schön – der Geist von Sibiu taugt fast zur europäischen Hymne. Nur gibt es mit dem Klimawandel ein Problem, das alle anderen zu Problemchen werden lässt, denn wir steuern nicht auf ein oder zwei Grad Erderwärmung zu, sondern auf drei.

Das haben andere Staaten längst begriffen. In dieser Woche ging das Beispiel Neuseelands durch die Presse. Im dortigen Parlament ist am 8. Mai ein Gesetzentwurf vorgestellt worden, nach welchem das Land bis 2050 klimaneutral werden soll. Vorgesehen ist dabei, den fossilen CO2-Ausstoß auf nettonull zu senken. Für die landwirtschaftlichen Methanemissionen wird – ausgehend von 2017 – bis 2030 eine Reduktion von 10 % und bis 2050 eine später noch genau festzulegende Senkung zwischen 24 % und 47 % vorgeschrieben. Premierministerin Jacinda Ardern betonte, dass Neuseeland mit dem Gesetz dazu beitragen werde, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. „Wir wollen die schlimmen Auswirkungen des Klimawandels vermeiden, denn die Alternativen sind die katastrophalen Kosten, wenn man nichts unternimmt“, so die Regierungschefin. Das klingt weise. Allein, es wurde auch in Neuseeland nicht einfach hingenommen. Bauernvertreter kritisierten sofort das Ausmaß der Änderungen – die vorgeschlagenen Werte gingen über glaubwürdige wissenschaftliche Empfehlungen weit hinaus und hätten gravierende Folgen für die Tierhalter. Die Landwirtschaft werde gezwungen sein, die Produktion herunterzufahren und Tierbestände abzuschaffen, denn es gebe „keine magischen Technologien“, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Dies werde dem Land enorme wirtschaftliche Kosten auferlegen und Regionen bedrohen, die von der Weidewirtschaft leben.

Nun ja, es kann gut sein, dass die Kollegen in Übersee damit recht haben. Und doch wird ihr Murren nicht helfen, denn beim Problem Klimaschutz ist es fünf vor zwölf auf einem Bombenzünder. Da müssen alle politischen Seiten raus aus ihren Schützengräben und partei- und lobbygruppenübergreifend etwas tun. Was machen übrigens Sie in Ihrem Unternehmen, um den Energieverbrauch zu senken? Und was tun Sie ganz privat in Sachen Klimaschutz? Schreiben Sie uns! Um diese Diskussion kommen wir nicht mehr herum, denn in dem Treibhaus aus Gas, um das es geht, sitzen nicht irgendwelche Versuchskarnickel, sondern wir selber!

Herzlichst Ihr Dr. Thomas Tanneberger

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr