Kartoffelanbau auf Talfahrt

18.06.2015

© Jürgen Drewes

Diethelm Hinz und André Harder kontrollieren die Keimung der Kartoffeln.

Diethelm Hinz muss lange buddeln. Seit der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Hellbach in Neubukow Kartoffeln gelegt hat, sind bereits sechs Wochen vergangen. Und noch immer ist kein Grün auf dem Acker unweit vom Reriker Salzhaff zu sehen. Endlich bekommt der erfahrene Landwirt, gut 20 cm tief im Damm, eine Knolle zu fassen. Die Keime sind selbst Anfang Juni noch kurz. Und so wird es noch dauern, bis das Nachtschattengewächs endlich Tageslicht zu sehen bekommt.

 

Zu kalt und zu trocken


Anbauexperte André Harder, Chef der Russower Landbau und Haffrind GmbH, einer 100-prozentigen Tochter der Neubukower Agrargenossenschaft, hat für die Auflaufverzögerung eine Erklärung: Das Frühjahr war zu kalt und auch zu trocken. Da wird es schwer, wie vorgesehen, bereits Anfang Juli die ersten Frühkartoffeln zu roden. In Kooperation mit dem Groß Lüsewitzer Züchterhaus Norika baut das Unternehmen rund 150 ha Kartoffeln an. Pflanz-, Speise- und Stärkekartoffeln gleichermaßen. „Ohne Kartoffeln würde uns was fehlen“, sagen Diethelm Hinz und André Harder unisono. Dabei verweisen beide auf eine ausgewogene Fruchtfolge im Unternehmen. „Gute landwirtschaftliche Praxis braucht Hackfrüchte. Nur weil die Erlöse nicht immer stimmen, die auslaufende EU-Marktordnung bei Zuckerrüben uns Kopfzerbrechen bereitet, können wir nicht gleich ganz auf den Anbau verzichten“, argumentiert Diethelm Hinz.


In vielen anderen Betrieben sieht man das wohl anders. Sowohl bei Zuckerrüben, da spielt auch die Superernte 2014 mit hinein, als auch bei Kartoffeln, sind die Anbauflächen  im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. „Mit Kartoffeln wurden lediglich 11 800 Hektar bestellt. 400 Hektar weniger als 2014. Kein Vergleich zu DDR-Zeiten. Da waren es in den drei Nordbezirken, dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern, bis zu 95 000 Hektar“, macht Dieter Ewald seine Bilanz auf. Der Geschäftsführer des Saatgutverbands MV verfolgt die Talfahrt des Kartoffelanbaus mit Bedauern. „Eigentlich sind wir bei den Standortbedingungen geradezu prädestiniert für eine vielfältige Kartoffelproduktion. Die anerkannte Gesundlage eignet sich vor allem für die Vermehrung von Pflanzkartoffeln. Doch leider ist aufgrund des Anbaurückgangs auch hierfür die Nachfrage zuletzt immer weiter gesunken“, so Ewald.


Allein beim Export zeigt die Absatzkurve leicht nach oben. Nachdem es beispielsweise der Nordring Kartoffelzucht- und Vermehrungs GmbH in Groß Lüsewitz, einem der größten deutschen Züchterhäuser, 2014 erst nach hartem Ringen mit den russischen Behörden gelungen war, die vereinbarten Lieferungen dorthin zu realisieren, war die Nachfrage in diesem Jahr sogar größer als vertraglich geregelt, heißt es aus der Groß Lüsewitzer Chefetage. Allerdings werden kaum noch Speisekartoffeln ins Gebiet der ehemaligen Sowjetunion geliefert. In den 1980er Jahren waren es jährlich bis zu 100 000 t. Auch LPGen in der Region Neubukow waren daran beteiligt.


Dort setzen Diethelm Hinz und André Harder inzwischen vor allem auf Selbstvermarktung. In einer entsprechend ausgerüsteten Halle können die Kunden aus einer Vielzahl von Sorten wählen. „Besonders gefragt sind Leila und die rotschalige Laura. Aber wir bauen auch immer mal wieder Neuzüchtungen an und lassen die dann verkosten“, so Kartoffelexperte Harder. Allein Norika hat in diesem Jahr mit Paroli, Samson, Swing und Nixe gleich vier neue Sorten herausgebracht.


Nachdem auch die letzten Reserven aus dem vergangenen Erntejahr nahezu aufgebraucht sind, hoffen alle Beteiligten in Neubukow, dass mit mehr Regen und deutlich höheren Temperaturen als bis Anfang Juni die Natur die Wachstumsverzögerungen doch noch aufholt. „Anfang Juli müssen wir am Markt sein, sonst suchen sich unsere Kunden womöglich andere Anbieter“, nimmt Diethelm Hinz’ den Wettergott in die Pflicht.


Auf eine Folie über den Dämmen, um so einen vergleichsweise frühen Erntestart zu erreichen, hat der Geschäftsführer aus Kostengründen verzichtet. Während der Kunde bei Erdbeeren und auch Spargel zum Erntestart auch schon mal etwas tiefer in die Tasche greift, sieht das bei Kartoffeln ganz anders aus, so Hinz‘ Erfahrung. Auch wenn die Direktvermarktung nach eigener Aussage kaum Gewinn abwirft, auf Kartoffelanbau wollen die Neubukower Anbauer nicht verzichten. „Diesbezüglich verfahren wir nach dem Prinzip: Ökologie schlägt Ökonomie“, so die beiden Geschäftsführer.

 

Aufwendige Investition


360 bis 400 dt/ha Speisekartoffeln sollen am Ende zu Buche stehen. Dass es nicht mehr werden liegt daran, dass die Felder bei anhaltender Trockenheit nicht beregnet werden können. „Das Gros unser Flächen ist lediglich gepachtet. Damit verbietet sich eine aufwendige Investition für eine Beregnungsanlage praktisch von selbst“, argumentiert Diethelm Hinz. Fehlende Beregnungsanlagen sind ein weiterer Grund dafür, dass vielerorts die Kartoffelproduktion ganz aufgegeben wurde. Hinzu kommt der spürbar höhere Arbeitsaufwand im Vergleich zu Getreide, Raps oder auch Mais sowie der umfangreiche Maschinen- und Gerätebedarf. Insgesamt gibt es nur noch 300 Anbauer im Land, die fünf und mehr Hektar mit Kartoffeln bewirtschaften.


Im Schweriner Landwirtschaftsministerium wird nach Auswegen aus dem anhaltenden Rückgang gesucht. „Bei der Neuverpachtung von Landesflächen werden Kartoffelanbauer bevorzugt, auch fördern wir den Bau von Lagerhallen und Beregnungsanlagen“, lässt Minister Till Backhaus wissen. Bisher bleibt all dies aber ohne durchschlagenden Erfolg.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr