Auf dem Melkkarussell finden 72 Kühe Platz. Melkzeugabnahme und Dippen erfolgen automatisch.(c) Sabine Rübensaat, Fritz Fleege

Karussellfahrt für 280 Kühe pro Stunde

Tierwohl in der Milchkuhhaltung spielt in der Agrargenossenschaft Reichenbach im Vogtland eine besondere Rolle. Die Milchviehanlage dort wurde nach neuesten Erkenntnissen errichtet. Davon haben sich auch Milcherzeuger des IVM ein Bild gemacht.

Von Fritz Fleege

Die Agrargenossenschaft eG Reichenbach im Vogtland zählt zu den innovativsten und erfolgreichsten Milchviehbetrieben in Sachsen und darüber hinaus. Dort werden 1.350 Kühe und 900 Jungrinder gehalten sowie 1.700 ha Land bewirtschaftet. Die Kühe kamen im vergangenen Milchwirtschaftsjahr auf 12.547 kg Milch mit 4,1 % Fett und 3,4 % Eiweiß. Die Bestandsergänzungsrate liegt bei 25 %. Die Rinder werden in einer 2011 bis 2014 neu errichteten und 2018 bis 2020 erweiterten Stallanlage gehalten. Jede Kuh kann sich dort bis auf die Zeit des Melkens frei bewegen. Die Jungrinder und die Kühe der ersten Laktation haben Zugang zu einem Laufhof.

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Video (c) Sabine Rübensaat

Mitglieder des Interessenverbandes der Milcherzeuger (IVM) besuchten dieses Unternehmen. Schließlich sehen sich viele Milcherzeuger nach den Plänen der Borchert-Kommission schon für die Tierwohlstufe 1 mit erheblichen Umbauforderungen konfrontiert. Deshalb sucht man nach Ideen und Möglichkeiten, wie künftige Aufgaben gelöst werden können. Sie ließen sich gut bewältigen – war man sich einig – bei einem kostengerechten Milchpreis. Doch die Auszahlungspreise dümpeln dahin, was schon viele Milchkuhhalter zum Aufgeben zwang.

Kühe laufen aus dem Melkkarussell
Auf dem Rückweg vom Karussell zum Stall passieren die Kühe mehrere Sortiertore. (c) Sabine Rübensaat, Fritz Fleege
Voestandsvorsitzender der Agrargenossenschaft Reichenbach Lars Bittermann
Lars Bittermann ist Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft Reichenbach. (c) Sabine Rübensaat, Fritz Fleege

eine Investition in die Zukunft

Daran kann Lars Bittermann, der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, gar nicht denken. Schließlich handelt es sich bei der neuen Anlage um eine Investition in die Zukunft. Finanziell dazu beigetragen hat auch eine leistungsstarke Biogasanlage (1,6 MW), die man mit Rindergülle, Maissilage und Futterresten betreibt und das Gas an die Stadtwerke liefert. Außerdem gab es eine Förderung vom Land über das Europäische Investitionsförderungs-Programm (EIP).

Zentrales Gebäude der Milchviehanlage der Agrargenossenschaft Reichenbach ist das Melkhaus. Darin dreht sich ein Außenmelkerkarussell von DeLaval. Für diese Technik hat man sich entschieden, um die Kosten in Grenzen zu halten, eine hohe Produktivität zu erreichen.

Außenmelkerkarussell mit 72 Plätzen im Milchkuhstall

Außerdem waren die Mitarbeiter an eine solche Technologie gewöhnt und wollten gern daran festhalten. Das betrifft auch die Zusammenstellung der Herden und das Management. Auf dem Melkkarussell finden 72 Milchkühe Platz. Jeweils zwei Mitarbeiter sind für die Eutervorbereitung und das Vormelken sowie das Ansetzen der Melkbecher zuständig.

Die Melkzeugabnahme und die Zwischendesinfektion erfolgen automatisch. Bevor die Kühe das Karussell verlassen, sorgt noch ein Dipproboter für die Desinfektion der Euter. Eine dritte Person holt die Kühe heran und reinigt die Liegeboxen. Der Rücktrieb erfolgt automatisch über Selektionstore vor den jeweiligen Gruppen im Stallbereich. Je Stunde werden auf diese Weise 280 Kühe gemolken – eine enorme Leistung bei zwei Arbeitskräften am Melkstand. Die Keimzahl der Ablieferungsmilch liegt meist um 150.000.

Tierwirtin versorgt Kälber
Zur Tierwirtin hat sich in Reichenbach Jona Leistl qualifiziert. Sie sorgt bei den Kälbern auch für soziale Kontakte. (c) Sabine Rübensaat, Fritz Fleege

Arbeit im Schichtsystem

Alle laktierenden Kühe werden täglich dreimal gemolken. Die Arbeit ist zweischichtig organisiert. Die Frühschicht beginnt um 6 Uhr, die Spätschicht um 16 Uhr. Wenn alle Milchkühe zum ersten Melken durch sind, kommen nach einer längeren Pause die ersten Tiere zum zweiten Mal dran. Etwa in der zeitlichen Mitte erfolgt der fliegende Schichtwechsel. Danach, wieder nach einer Pause, sind die Kühe zum dritten Mal dran. Gegen ein Uhr früh sind dann alle Arbeiten beendet.

Auch die Kälber- und Jungrinderaufzucht sowie die Fütterung der Rinder ist zweischichtig organisiert. Die Kälber und Hochleistungskühe erhalten täglich zweimal und alle anderen Rinder täglich einmal eine bedarfsgerechte Ration. Das Futter wird mehrmals mit mehreren Robotern herangeschoben. Fütterung, Stallreinigung und Einstreu erfolgen von Mitarbeitern in der Tagschicht, die Kälberbetreuung in zwei Schichten.

Alle Mitarbeiter haben entsprechend dem Schichtplan zwei bzw. drei Tage in der Woche frei. Je Milchkuh und Jahr beträgt der Gesamtarbeitszeitaufwand derzeit 38 Arbeitskraftstunden inklusive Urlaub und bezahlte Krankentage („bezahlte Arbeitskraftstunden“). Trotz der hohen Arbeitsproduktivität ist der Aufwand wegen der großen Flächen, Tränkanlagen und weiterer zahlreicher „Tierwohleinrichtungen“ erheblich. Daher meint man, neben der hohen Produktivität beim Melken nur durch einen großen Bestand ein akzeptables Arbeitszeitmaß je Kuh erreichen zu können.

Neue MilchkuhStälle mit viel Tierkomfort

Kühe auf Stroh
Vor und nach dem Kalben kommen die Kühe in Abteilen mit Tiefstreu unter. (c) Sabine Rübensaat, Fritz Fleege

Beim Bau der Milchviehanlage wurden bei der Agrargenossenschaft Reichenbach konsequent die Tierwohlkriterien berücksichtigt.

Die Offenfrontställe mit Außenklimakontakt können mit großen Ventilatoren gut belüftet und auch befeuchtet werden. Die Dächer sind wärmegedämmt. Zum Tierwohl tragen besonders die groß dimensionierten Trogtränken und Kuhbürsten bei.

Die Laufgänge aus Spaltenboden mit darunter liegenden Güllekanälen sind mit klauenschonenden, rutschfesten Gummieinlagen ausgestattet.

Für die laktierenden und trockenstehenden Kühe steht im Liegeboxenlaufstall mit Tiefliegeboxen bzw. Wasserbetten eine Grundfläche von über 8 m2 zur Verfügung. Für Tiere zwei Wochen vor dem Kalben und eine Woche danach sind es sogar je 12 m2.

Die Liegeboxenlänge beträgt in gegenständigen Boxen 2,70 m und in wandständigen Boxen 2,90 m. Die Breite beträgt für laktierende Kühe über 1,25 m und für hochtragende sogar 1,30 m. Der Nackenriegel ist gebogen, sodass er die Tiere beim Hinlegen und Aufstehen nicht behindert. Das Tier-Liegeplatz-Verhältnis beträgt 1:1 oder, bei bestimmten Kuhgruppen, noch darunter. Das Tier-Fressplatz-Verhältnis beträgt 1,2:1, bei Erstlaktierenden 1:1.

Kühe in Liegeboxen

Diese Liegeboxen sind mit bequemen Wasserbetten ausgestattet

Kuh unter einer Kuhbürste

Kuhbürsten tragen zum Wohlbefinden der Tiere bei.

Kälber bis zum zehnten Lebenstag werden in Einzeliglus auf Tiefstroheinstreu gehalten. Danach kommen sie bis zum Alter von drei Monaten in Gruppenhaltung mit Tränkautomaten unter. Jungrinder von drei bis acht Monaten sind in Abteilen mit Tiefstroheinstreu (über 5,0 m2 je Tier). Jungrinder über acht Monate bis kurz vor dem Abkalben kommen in einem Liegeboxenlaufstall mit außenseitigem Laufhof unter.

Futtermischwagen im Rinderstall
Mit dem Futtermischwagen werden täglich ein- oder zweimal bedarfsgerechte Rationen ausgebracht. (c) Sabine Rübensaat, Fritz Fleege

Herdenmanagement setzt Zeichen

Genauso wichtig wie die Unterbringung ist das Herdenmanagement. Dafür sind drei Spezialistinnen verantwortlich: die Leiterin der Milchviehanlage, Diana Lenk-Gläser, die Bestandstierärztin Christine Gumpert, neben Lars Bittermann zugleich Vorstand der Genossenschaft, und Annemarie Flach, die nach dem Studium der Agrarwissenschaften seit dem vorigen Jahr dabei ist.

Sehr gute Erfahrungen in der Tierüberwachung macht man mit dem Ohrsensor „Cowmanager“: Leistung, Aktivität und Körpertemperatur, aber auch Fress- und Liegeverhalten werden erfasst, Krankheiten beizeiten erkannt, erkrankte Tiere selektiert. Meistens ist es nur ein Prozent der Herde.

Das Sensorsystem zeigt auch die zu besamenden Tiere an. Alle Besamungen nimmt Masterrind vor. Zur Anpaarungsplanung dient „KuhVision“. Für die bedarfsgerechte Fütterung dient das von der Cornell-Universität (USA) entwickelte CNPCS-System.

Danach ermittelt man die Qualität der Silagen und berechnet die Rationen. Die Kühe erhalten stets bedarfsgerechte Rationen, damit sie in der Hochlaktation nicht zu viel an Gewicht verlieren und in der Spätlaktation sowie in der Trockenstehphase nicht zu stark verfetten. So treten Ketosen wesentlich seltener als früher auf.

Milchviehställe der Agrargenossenschaft Reichenbach
Die Milchviehanlage der Agrargenossenschaft Reichenbach wurde etappenweise aufgebaut. Sie zählt zu den modernsten in Deutschland. (c) Sabine Rübensaat, Fritz Fleege

Es stehen zwar keine baulichen Veränderungen mehr an, doch Sauberkeit auf den Gängen und in den Liegeboxen muss immer wieder neu organisiert und verbessert werden. Auch Lüftung und Beleuchtung sind immer wieder anzupassen. Grundsätzlich geht es darum, Stress im Stall zu vermeiden. „Die Kühe wollen sich langweilen und keine Aufregung haben“, sagt die Tierärztin, Christine Gumpert. So wird in jedem Stall auf eine stabile Gruppeneinteilung geachtet und diese möglichst nur selten umgestellt.

Fazit

Mit der Milchviehanlage Rotschau kann die Agrargenossenschaft eG Reichenbach optimistisch in die Zukunft schauen. Die neuen Stallungen werden auch höheren Anforderungen an das Tierwohl gerecht. Und man verfügt über qualifiziertes zuverlässiges Personal. Dank guter Aufstallung, Fütterung und Betreuung stieg die durchschnittliche Jahresleistung der Kühe auf über 12.000 kg, die Reproduktionsrate sank unter 25 %.


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