Auf Pferdeweiden mit Überbesatz an Tieren oder Trittschäden kann sich die Graukresse gut etablieren. © Sven und Peggy Morrell

Graukresse auf der Pferde-Weide: Giftige Pflanze auf dem Vormarsch

Die unscheinbare Graukresse breitet sich in Ostdeutschland stark auf Pferdeweiden aus. Für Pferde stellt das Kraut ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko dar. Im Heu kann es sogar tödlich wirken. Wie man Graukresse erkennt, bekämpft und welche Maßnahmen zur Vorbeugung möglich sind:

Von Sven und Peggy Morell, Pferde-Fachjournalisten

Ursprünglich stammt Graukresse (Berteroa incana) aus dem eurasischen Raum, seit etwa 15 Jahren gibt es den Kreuzblütler zunehmend auch in Deutschland. Laut dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) wächst die giftige Pflanze insbesondere auf leichten, sandigen Standorten oder Brachen. Von dort dringt sie auf magere Wiesen und Weiden vor – teilweise unterstützt vom Klimawandel. Graukresse ist mit ihrer grünlich-gräulichen, filzartigen Behaarung sehr gut vor Trockenheit geschützt. Der „normale“ Grünlandbestand hingegen leidet unter Dürre und Hitze, es entstehen Lücken in der Grasnarbe.

Genau diese Lücken nutzt die Graukresse. Experten vermuten, dass die Trockenheit der vergangenen Jahre, die in Ostdeutschlands stark ausgeprägt war, Graukresse bei der Ausbreitung half. Typische Probleme bei der Weidehaltung von Pferden wie Überbeweidung, Trittschäden oder zu tiefer Verbiss kommen der Ruderalpflanze zusätzlich entgegen.

Steckbrief der Graukresse

  • Wissenschaftlicher Name: Berteroa incana
  • Familie: Kreuzblütengewächse
  • Ursprung: eurasischer Raum
  • Einjährig bzw. winterannuell (Keimung im Herbst, Blüte im darauffolgenden Sommer)
  • Wuchsform: bis 80 cm hoch, selten über 1 m; ein (oder wenige) aufrecht stehende(r), sich verzweigende(r) Stängel
  • Typisch: gräulich-grünliche, filzige Behaarung
  • Blüte: von Mai bis August (weiß in Schirmtrauben; Bildung elliptischer Schoten (bis 4 mm lang) im Juni bis September

Graukresse auch im Heu giftig

Problematisch ist Graukresse (nach bisherigem Wissensstand) vor allem für Pferde. Dennoch: „Eine Giftigkeit für andere Weidetiere kann bislang nicht ausgeschlossen werden“, warnen etwa Katharina Weihrauch vom Beratungsteam Pflanzenbau und Sandra Höbel vom Beratungsteam Ökologischer Landbau des LLH.

Zwar lassen Pferde die filzige Pflanze aufgrund ihres kohlartigen Geschmacks auf der Weide meist stehen (Vorsicht: Es gibt Pferde, die Graukresse auch im frischen Zustand vertilgen!). Anders im Heu: Graukresse verliert beim Trocknen die abstoßende Wirkung und wird mitgefressen, doch leider verschwinden Giftstoffe wie Senfölglykoside sowie ein noch unbekannter Giftstoff im getrockneten Zustand nicht.

Graukresse: Symptome einer Vergiftung bei Pferden

Nach Aufnahme bestimmter Mengen kommt es laut Giftpflanzendatenbank des Instituts für Veterinärpharmakologie und -toxikologie der Universität Zürich u. a. zu Fieber, Ödemen (Schwellungen) an den Gliedmaßen, Hufrehe, Herzrasen, erhöhter Atemfrequenz und Austrocknung, im schlimmsten Fall zum Tod nach 48 bis 72 Stunden. Bei trächtigen Stuten sei ein Abort möglich.

Graukresse wird in der Datenbank in den Gefährlichkeitsgrad „giftig“ eingestuft, demnach erscheinen „Vergiftungssymptome nach Aufnahme großer Pflanzenmengen“. Als problematische Dosis wird ein Anteil von 30 % im Basisfutter (in der Regel Heu) angegeben.

Wie erkennt man Graukresse?

Im frischen Zustand kann Graukresse recht gut erkannt werden, Verwechslungsgefahr besteht laut Dr. Cornelia Rückert, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik, mit Hirtentäschelkraut. „In diesem Zusammenhang ist jedoch zu bemerken, dass dieses sehr viel eher blüht als die Graukresse“, erklärt die Fütterungsberaterin des Sächsischen Landeskontrollverbandes (LKV) in ihrem Ende Mai dieses Jahres veröffentlichten Beitrag auf dem Blog „Der Fütterungsberater“ des LKV Sachsen und der LKS (Landwirtschaftliche Kommunikations- und Servicegesellschaft mbH).

Die Fachtierärztin berichtet darin auch, dass „das Vorkommen von Graukresse in diesem Frühjahr ungewöhnlich hoch ist. Vor allem auf sandigen Böden erstrecken sich ganze Felder dieser weiß blühenden Pflanzen“.

Verdachtsfall: Tipps für Beprobung

Rückert betont in ihrem Beitrag, Graukresse wachse meist „nesterartig, sodass die Verteilung in einzelnen Ballen einer Heucharge mitunter sehr divergent sein kann.“ Dies sei wichtig bei einer Laboranalyse: Es sollten daher im Verdachtsfall „unbedingt mehrere Ballen beprobt werden und möglichst viele Einzelproben aus den einzelnen Ballen entnommen werden“. Eine solche botanische Untersuchung sei z. B. im Futtermittellabor der LKS möglich.

Hellhörig sollten Pferdehalter ihr zufolge dann werden, „wenn in einem Bestand plötzlich auffällig viele Tiere eine Hufrehesymptomatik zeigen und hierbei auch vermehrt Tiere betroffen sind, die eher nicht zu den typischen Rehekandidaten (EMS-Patienten) gehören“.

Problem mit Graukresse nicht neu

Ein bereits 2010 veröffentlichter Artikel von Wissenschaftlern der Freien sowie der Technischen Universität Berlin im Fachmagazin „Tierärztliche Praxis Großtiere“ verdeutlicht, dass die unterschiedliche Verteilung von Graukresse im Heu mitunter zu falschen Schlüssen führen kann: In einem Stall in Brandenburg traten zwischen August und November 2009 bei 23 von 100 Pferden Hufrehe-Symptome auf, zum Teil zusätzlich mit Fieber, ausgeprägten Ödemen und Lahmheit. Der Betrieb verfütterte ausschließlich selbst produziertes Heu. Die Pferde stammten aus verschiedenen Haltungsformen, es waren immer nur einzelne Tiere in den Gruppen betroffen. Daher wurde die Ursache „Futter“ zunächst verworfen.

Als jedoch ebendieses Heu in einem Nachbarbetrieb verfüttert wurde und dort nur 24 Stunden später ähnliche Fälle auftraten, erfolgte u. a. eine Überprüfung der botanischen Zusammensetzung des Heus. Diese brachte als Hauptbestandsbildner Knaulgras und Graukresse hervor. Interessant: Schon damals sprachen die Autoren der Graukresse „vor allem in den neuen Bundesländern eine sehr weite Verbreitung“ zu.

Vorbeugen: So schützen Sie Ihre Pferdeweide

Damit Graukresse gar nicht erst zum Problem wird, lautet der Rat der Experten: vorbeugen. Die Grasnarbe darf nicht zu sehr strapaziert werden. Eine starke, gesunde Narbe ist der beste Schutz vor unliebsamen Unkräutern und Giftpflanzen. Grundsätzlich fördert eine fachgerechte Grünlandpflege eine intakte Grasnarbe. Dazu gehören u. a. bedarfsgerechte Düngung, Pflegearbeiten im Frühjahr wie Schleppen, Striegeln oder Walzen sowie regelmäßige Übersaat. Bei Pferdeweiden sind ein der Flächengröße angepasster Tierbesatz und die richtige Balance von Nutzung- und Ruhezeit wichtig. Das Sperren der Weiden bei Nässe kann zudem großen Trittschäden vorbeugen.

Katharina Weihrauch hebt zudem die positive Wirkung des Kalkens hervor: Eine gute Kalkversorgung des Bodens wirke sich „positiv auf die Wurzelbildung der Pflanze und die Nährstoffverfügbarkeit aus, wodurch die Trockentoleranz und Nährstoffeffizienz der Bestände erhöht wird“.

Doch nicht immer können die geforderten optimalen Bedingungen für das Grünland wirklich umgesetzt werden. Ist z. B. zu wenig Weideland für zu viele Pferde vorhanden, müssen meist Abstriche beim Schonen der Grasnarbe gemacht werden, um den Tieren trotz knapper Fläche ausreichend Bewegung zu ermöglichen. Weiteres Problem: Anhaltender Trockenheit stehen Pferdehalter nahezu machtlos gegenüber – hier leidet die Grasnarbe zwangsläufig.

Eine Möglichkeit wäre, bei Nach- oder Übersaat verstärkt auf trockentolerantere Gräser wie Knaulgras, Wiesenlieschgras oder Wiesenrispe zu setzen. Doch auch hier gibt es Tücken. Weihrauch warnte etwa beim Odenwälder Grünland- und Futterbautag im April 2019 vor der Verdrängung anderer Gräser durch Knaulgras. Gleiches gelte für den anpassungsfähigen Rohrschwingel.

Wie lässt sich Graukresse bekämpfen?

Was können Pferdehalter tun, wenn sich Graukresse bereits breitgemacht hat? Katharina Weihrauch und Sandra Höbel vom LLH raten zum Ausreißen der Pflanzen inklusive der Wurzel. Ebenso könnten Herbizide mit dem Wirkstoff 2-Methyl-4-chlorphenoxyessigsäure (kurz MCPA), etwa U 46 M mit einer Aufwandmenge von 2 l/ha, Abhilfe schaffen. Die Applikation erfolge, wenn sich die Pflanze im Rosettenstadium befindet.

Da welke bzw. abgestorbene Pflanzenteile ihre Giftigkeit behalten (auch nach der Wartezeit), dürfen diese Bereiche nicht zur Futtergewinnung genutzt bzw. müssen die Pflanzenreste abgetragen und entsorgt werden. Nach mechanischer oder chemischer Bekämpfung ist eine Nachsaat empfehlenswert, um raschen Narbenschluss zu ermöglichen.

Zusätzlich empfiehlt der LLH das Mulchen im Juni, um das Aussamen und einen damit einhergehenden Anstieg des Samenvorrates im Boden zu verhindern: „Andernfalls überdauern die Samen im Boden mehrere Jahre und keimen, wenn die Witterung passt und die Konkurrenz durch den Altbestand fehlt.“ Immerhin kann eine einzelne Graukressepflanze bis zu 7.000 Samen bilden.

Die Autoren des im Fachmagazin „Tierärztliche Praxis Großtiere“ veröffentlichten Artikels „Graukresse (Berteroa incana) im Heu: ein ,neues‘ Gesundheitsrisiko für Pferde“ empfehlen gar: „Grünland, das aufgrund seiner Bodenqualität und Wasserversorgung oder aus anderen Gründen (Trittschäden, Überbeweidung, Grasnarbenschäden) keine geschlossene Grasnarbe zulässt und damit mittelfristig der Graukresse gute Entwicklungsbedingungen bietet, sollte gegebenenfalls von der Heugewinnung für Pferde ausgeschlossen werden.“

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