Kleiner Star im Kuhstall: Bullenkalb Luzifer eroberte das Herz von Wiedereinsteigerin Susanne Gnauk im Sturm. (c) Sabine Rübensaat

Milchviehhaltung: Zurück zu den Wurzeln

Wie erlebt eine Wiedereinsteigerin in die Milchviehhaltung die tägliche Stallarbeit? Susanne Gnauk, ehemalige Redakteurin der Bauernzeitung, berichtet künftig in loser Folge über ihr neues Berufsleben. Teil 1: Luzifer, das Bullenkalb, das keine Bananenmilch mag.

Von Susanne Gnauk

Erste Arbeitswoche im Kuhstall nach rund 30 Jahren Abstinenz. Sechs Uhr aufstehen ist human für Melker und trotzdem hart für eine ehemalige Redaktionsleiterin. Stallklamotten anziehen, Kaffee trinken, am Vorabend geschmierte Brote schnappen und über noch dunkle Landstraße zu den drei Kilometer entfernten Kuhställen fahren.

Ich hatte mir vorgestellt, dass Sandra Dorn, die Herdenmanagerin, mich ab dem ersten Tag an die Hand nimmt und in die Geheimnisse des Herdenmanagements einweiht. Stattdessen darf ich die Scheiße von Kuhbetten schieben und bin, gelinde gesagt, ernüchtert. Und mache prompt Fehler. Statt das Tageslicht im Stall anzumachen, lösche ich das Nachtlicht. Zappenduster wird es über den Kühen. Wie soll ich sie so zum Melkstand treiben, Tränken saubermachen, Liegeboxen reinigen?

Einige Kühe schlafen noch, die Köpfe zur Seite auf die Liegeboxenbegrenzung gebettet, als das Licht im „Schlafsaal“ endlich langsam angeht. Ich fahre einer Langschläferin über die Flanke, sie blinzelt mich mit langen Wimpern an. Ja, genau das wollte ich und wusste trotzdem nicht, wie es sich anfühlt, fast jeden Arbeitsschritt neu lernen zu müssen. Jede Nacht falle ich todmüde ins Bett. Ich ärgere mich über Sandra, weil ich nicht weiß, wie meine Perspektive aussieht, ich ärgere mich über einen Azubi, der einfach geht, während ich schwere Wassereimer kurz vor Feierabend für das Säubern der Tränkeeimer der Kälber über den Hof schleppe. „Schon Feierabend?“, frage ich ironisch. „Ja“, grinst er zurück. Am nächsten Tag streuen wir beide Ställe ein. Die Kälber springen wild durcheinander über das frische, helle Stroh, es ist für sie wie ein Bällebad für Kinder, was für eine Freude, ihnen zuzusehen!


Susanne Gnauk mit Fahrrad im Redaktionsbüro
(c) privat

Vom Redaktionsbüro in den Kuhstall

Susanne Gnauk war über 20 Jahre als Fachredakteurin für die Bauernzeitung und die DGS – Magazin für die Geflügelwirtschaft – dessen Redaktion sie bis 2020 leitete, tätig. In diesem Jahr nahm sie das Arbeitsangebot, das ihr die Landboden Wolde GmbH & Co. Landwirtschafts KG unterbreitete an und ging zurück zu ihren beruflichen Wurzeln: der Milchviehhaltung.


Mantra für die Kühe

Kuh 206 kommt vom Melkstand zurück und stupst mich von hinten an, als wollte sie mich grüßen. Bullt sie? Ich tätschel ihr über den Kopf. Kühe verstehen – das Buch hilft. Kühe sind demnach hochsensible Wesen und jede Kuh hat ihren eigenen Rhythmus. Sowieso ist hier alles im Rhythmus, die Melkmaschinen saugen im Takt das nährstoffreiche weiße Gut aus den Zitzen in die Leitungen.

Auf dem Rückweg vom Melkstand müssen die Kühe durch das Klauenbad. „Gaaanz fein, das machst Du gaaaanz toll, gaanz fein“, ist mein deutlich ausgesprochenes Lob und Mantra für die Kühe. Es scheint zu helfen, die Tiere gehen recht brav durch. Kälberiglus mit Stroh befüllen. Kälber anfüttern. Man muss oft mit viel Geduld und zwei Fingern vorm Maul die Kälber langsam zu den Nuckeln führen. Im Kälberdorf spiele ich Fangen mit den zwei Neuen. Ein aussichtsloses Spiel, sie sind viel schneller als ich, kreuz und quer springen sie über das Stroh. Ich muss sie am Halsband und durch Fassen an die Flanke in den Automaten bugsieren. Sobald sie aber mit dem Maul den Nuckel fühlen, saugen sie hastig. Na siehste, gar nicht so schlimm, wollte Dir doch nur die „Zitze“ zeigen. Kalb 28 weicht mir danach nicht mehr von der Seite.

Problemkalb luzifer

Bullenkalb Luzifer ist so eigensinnig wie seine Mutter. Sandra sagt, das macht das Jerseyblut. Kuh 133 brachte den kleinen Bullen an einem kalten Februarmorgen zur Welt. Der Jerseyeinschlag hat sich bei ihrem Nachwuchs im Phänotyp eindeutig durchgesetzt. Luzifer sah zu Beginn aus wie ein kleines Reh. Durchgängig braun, schaut er mit seinen großen dunklen Augen unter langen Wimpern und mit aufmerksamem Ohrenspiel neugierig aus seinem Iglu. Nie hört man auch nur einen Laut von ihm. Er lässt sich gern von uns liebkosen. Und er verweigerte von Beginn an nahezu konsequent den Milchaustauscher. Er soff einfach schlecht und von Tag zu Tag schlechter.

Wir zogen alle Register. Wir behandelten den Kleinen mit einem natürlichen Mittel aus verschiedenen Kräuterölen gegen Blähungen. Bei der nächsten Tränkung saufen unsere Problemkälber dann meist viel besser. Hilft das nicht, wägt Sandra weitere Maßnahmen ab: So setzt sie gern und erfolgreich ein Bicarbonat-Präparat gegen Übersäuerung des Labmagens ein. Signalisiert ein Kalb weiterhin Unwohlsein, bekommt es ein entzündungshemmendes Schmerzmittel. Bambi Luzifer bekam sogar eine zweite Eisenspritze. Nachmittags durfte ich mit ihm spazieren gehen – ein besonderes Privileg für ganz wenige Sorgenkinder.

Bullenkalb LUZIFER MAG KEINE BANANENMILCH

Wir nahmen ihm nach ein paar Tagen die wärmende, aber für den kleinen Kerl vielleicht auch zu schwere Kälberdecke ab. Das ganze Elend wurde sichtbar: Luzifer bestand fast nur noch aus Haut und Knochen. Was ihn nicht daran hinderte, neugierig seine Umgebung bei unserem Spaziergang zu erkunden. Er begrüßte die anderen Kälber, untersuchte die Strohballen, war mit ein paar flinken Schritten beim Färsenstall und ließ sich von den jungen Kühen beschnüffeln und abschlecken. Fast wäre mir das kleine Energiebündel darin entwischt. Ich konnte ihn gerade noch am Schwanz packen und aus dem Stall ziehen. Er kam mir vor wie ein Marathonläufer – kein Gramm Fett, aber flink.

Bambi wollte die Welt in einem kurzen Leben schnell erkunden und sonst nix, war mein Eindruck. Wenn er nicht leben will, können wir nichts machen, stellten Sandra und ich ratlos fest. Bei diesem Gedanken blutete gewiss nicht nur mir buchstäblich das Herz. Man versucht aber, sich von solchen Gefühlen zu lösen. „Ich glaube, er mag die Bananenmilch nicht“, sagte ich resigniert zu meiner Chefin nach der erneuten Milchverweigerung nach rund einer Woche. Unsere Kälbermilch verströmt neuerdings ein Aroma von Bananen. „Dann versuchen wir es halt mit Vollmilch“, erwiderte Sandra resolut. „Wir gehen alle Wege, ich gebe kein Tier verloren, bevor ich nicht alles ausprobiert habe!“

„Ich könnte heulen vor Glück“

Immer wieder erinnere ich mich an den Moment, als Bullenkalb Luzifer plötzlich ohne abzusetzen in aller Ruhe zwei Liter Vollmilch aus seinem kleinen grauen Plasteeimer wegnuckelte, als hätte er nie etwas anderes getan. Bullenkalb Luzifer war eben nicht nur ein Schlingel, sondern ein Feinschmecker und Banane mochte er gewiss nicht. „Ich könnte heulen vor Glück“, gestand ich Sandra. Sie schaute mich mit ihrem typisch prüfenden Blick über den Brillenrand an: „Lass es raus. Manchmal könnte man in unserem Beruf in Glücksmomenten wie diesem heulen, manchmal aus Verzweiflung, weil du einem Tier eben nicht helfen kannst.“

Sie hat beschlossen, dass wir Luzifer behalten und aufziehen. Er ist unser kleiner Star, alle Kinder und Eltern, die aus dem Dorf gern bei uns nachmittags vorbeischauen, lieben ihn. Und sein täglicher Freilauf ist zum willkommenen Abschlussritual eines Arbeitstages geworden.

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