© Klaus Meyer

Bonbon als Belohnung für Schweine

Wichtige Themen auf der Tagung der Ökoschweinehalter im niederländischen Almen waren geringe Verluste, Nabelbrüche, Vorteile der Lupinenfütterung, Controlling mittels Schlachtdaten sowie die Trennung von Kot und Harn.

Von Klaus Meyer

Ohne gesunde Tiere keine wirtschaftliche Schweineproduktion. Das war die Quintessenz der gemeinsamen Bioschweinetagung des Aktionsbündnisses Bioschweinehalter Deutschland, der Vereinigung Biologische Varkenshoulderij aus den Niederlanden und der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen in Almen (Niederlande). Die meisten der über 80 Teilnehmer (Landwirte, Berater und Vermarkter) kamen aus Deutschland.  

Ferkelverluste minimieren – so hieß das Thema von Hermann Vermeer von der niederländischen Forschungseinrichtung Wageningen Livestock Research. Im Rahmen seiner praxisnahen Forschung sieht er es als Herausforderung, die Schweine zu verstehen, damit er tiergerechte Haltungssysteme entwickeln kann. Die meisten Verluste treten in den ersten drei Tagen nach der Geburt der Ferkel auf. Besonders Zugluft ist gefährlich für die jungen Schweine. Deshalb empfiehlt der Forscher, an der Luke zum Außenbereich doppelte Streifenvorhänge, sowohl außen als auch innen. Die Forscher haben die Wirkung einer Fußbodenheizung beim Abferkeln auf die Ferkelverluste im Versuchsstall untersucht. Insgesamt konnte kein positiver Einfluss eines warmen Untergrundes in den ersten 30 Stunden nach der Geburt auf die Verlustrate festgestellt werden.

Einen Einfluss auf die Verlustrate hatte aber in einem Versuch die Länge der PVC-Streifen beim Ferkelnest. Grundlage der Untersuchung waren jeweils 56 Würfe mit kurzen und langen Streifen am Ferkelnest. Waren die PVC-Streifen zu kurz, reichten also nicht bis auf den Boden, war der Verlust mit 26,7 % an lebend geborenen Ferkeln höher als die ermittelten 17,9 % mit langen Streifen. Auch einen Einfluss auf die Verluste hat die Länge des Strohs. Es sollte nicht zu viel eingestreut werden und es sollte nicht zu lang sein.

Hungrige Sauen – mehr tote Ferkel

Beim Thema Fütterung gibt es ebenfalls einiges im Zeitraum um das Abferkeln zu beachten. Laut Vermeer sollte kurz vor dem Abferkeln nicht mehr auf Laktationsfutter gewechselt werden. Außerdem sollten die Sauen regelmäßig ihr Futter bekommen, denn je länger die Sauen ohne Nahrung sind, desto länger dauert die Geburt. Damit steigt das Risiko für Totgeburten. Nach der Geburt sollte die Futtermenge gleichmäßig erhöht werden.

In einem aktuellen Versuch wurden kleine (8 m²) mit großen Abferkelbuchten (24 m²) in den ersten ein bis zwei Wochen verglichen. Es stellte sich heraus, dass größere Buchten und damit die Möglichkeit für mehr Nestbauverhalten die Verluste nicht positiv beeinflussten.

Vermeer betonte zum Schluss, dass der Mensch den größten Einfluss auf die Verluste hat und gab noch ein paar kurze Hinweise, um die Verluste gering zu halten:

  • Rein-Raus-Prinzip,
  • Drei-Wochen-Rhythmus,
  • Würfe ausgleichen,
  • bei großen Würfen die schweren Ferkel ein paar Stunden wegsperren,
  • während der Fütterung der Sau alle Ferkel wegsperren,
  • Ammensauen können helfen,
  • die Sauen fünf bis sieben Tage vor dem erwarteten Abferkeldatum in die Abferkelbucht einstallen.

Nabelbrüche – Ursachen und Vorbeugung

Über das Problem von Nabelbrüchen klärte Ulrike Westenhorst von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen auf. Der Nabel ist während der Trächtigkeit für An- und Abtransport von Sauerstoff, Nährstoffen und Abfallstoffen überlebenswichtig. Er ist stark durchblutet und reißt normalerweise bei der Geburt ab. Das Ferkel muss selbstständig damit klarkommen. Optimal ist ein selbstständiges Abreißen bei etwa 10 cm Restlänge. Nabelbrüche treten immer mal wieder auf (bei 1 bis 1,5 % aller Schweine). Die Ausprägung von Nabelbrüchen ist unterschiedlich: von Verlusten über Kümmerer bis problemlos. Die Ursachen können vielfältig sein:

  • genetische Veranlagung: bei schwachem Bindegewebe schließt die Nabelpforte nicht richtig, bei Gewichtszunahme wird der Druck durch den Bauch immer größer und es kommt zur Vorwölbung,
  • Würfe von Jungsauen,
  • Nabelabszess im Saugferkelalter,
  • Fütterung und Fitness der Muttersau (Nährstoffversorgung, Vitamine, Milchfieber/Bakterien).

Treten bei Saugferkeln Nabelentzündungen auf, bildet sich Narbengewebe. Das ist nicht so stabil wie ein normaler Verschluss durch Bindegewebe. Außerdem schließt sich durch die Entzündung die Nabelpforte nicht richtig. Da das häufig nicht bemerkt und auch nicht behandelt wird, kommt es zu Infektionen durch Umgebungskeime, insbesondere Streptokokken.

Durch Zug auf den Nabel können Mikrorisse im Bindegewebe entstehen. Bei der Landwirtschaftskammer werden unterschiedliche Formen der Nabelpflege untersucht. Die Nabelschnur kann handbreit gekürzt werden, damit sie nicht mehr auf den Boden schleift, draufgetreten wird oder sie irgendwo hängen bleiben kann. Dabei darf aber auf keinen Fall Zug auf den Nabel ausgeübt werden, denn sonst kann das Bindegewebe reißen. Die Nabelschnur kann mit Jod desinfiziert werden. Das lässt die Nabelschnur schneller trocknen und vermindert die Gefahr des Aufsteigens von Keimen. Die Hygiene ist sehr wichtig. Hände und Gerätschaften müssen sauber sein. In der Abferkelbucht sind Kot und Nachgeburt zu entfernen. Hilfreich sind ein sauberes und trockenes Ferkelnest sowie ein Streupulver zum Abtrocknen und zur Desinfektion.

Der Boden in der Abferkelbucht sollte intakt sein. Raue Böden könnten Mikrorisse zur Folge haben. Abschließend empfahl Westenhorst, den Nabel bei der manuellen Kürzung nicht zu kurz abzuschneiden und ihn bei noch nicht abgetrocknetem Nabel am besten mit einer Klemme abzuklemmen. Stehen aus der Humanmedizin keine Klemmen zur Verfügung, kann man alternativ auch Verschlussklemmen aus der Küche verwenden, die natürlich desinfiziert und sauber gelagert werden müssen. Eine weitere Möglichkeit ist das Abbinden des Nabels. Vor dem Abklemmen sollte das Blut aus dem Nabel gestrichen werden.

Christian Wucherpfennig von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen berichtete über die Vorteile einer mehrphasigen Fütterung in der Mast. Eine bedarfsgerechte Fütterung kann zu Kosteneinsparungen führen und die Tiergesundheit verbessern, Stichwort Leberbelastung. Die Stickstoffausscheidung über den Urin kann ebenfalls dadurch verringert werden. Damit ist auch weniger Ammoniak in der Luft, die Stallluft besser und das Klima wird entlastet.

Besseres Fleisch mit Lupinen als Futter

Lupinen bringen mehr intramuskuläres Fett. Das ist das Ergebnis eines Versuchs der Landwirtschaftskammer zu Lupinen als Futtermittel in der Mast. Verglichen wurden zwei Rationen mit Ackerbohnen und Lupinen sowie Ackerbohnen und Raps. Die Inhaltsstoffe waren etwa gleich. Die Tageszunahmen und der Magerfleischanteil bewegten sich auf etwa gleichem Niveau, wobei die Lupinenmischung etwas schlechter abschnitt. Wie in der Abbildung zu erkennen ist, hat die Mischung mit den Lupinen im Organoleptischen Test (Bewertung von Saftigkeit, Aroma, Zartheit des Fleisches) wesentlich besser abgeschnitten. Das ist wahrscheinlich auf den wesentlich höheren Anteil an intramuskulärem Magerfleisch zurückzuführen. In einem jüngeren Versuch führte die Fütterung von Lupinen ebenfalls zu einem höheren Anteil an intramuskulärem Magerfleisch von 2,12 % gegenüber 1,44 % in der Kontrollgruppe ohne Lupinen.

Wie man anhand der Schlachtbefunde von Lunge, Brustfell, Herz und Leber Rückschlüsse auf die Tiergesundheit und Produktion treffen kann, zeigte Ulrike Westenhorst. Bei dem Projekt zum Schlachtdaten-Controlling erhalten die Teilnehmer einen Überblick über ihre Kennzahlen und eine Kommentierung der Befunddaten. Mit dieser Kontrollmöglichkeit lassen sich Entwicklungen erkennen und die Vermarktung verbessern. Über das IQ Agrar Portal werden laut Westenhorst die relevanten Daten der teilnehmenden Betriebe nach der Schlachtung vom Schlachthof direkt übermittelt. Sie wertet die Daten dann aus.

Gute Hygiene ist die beste Prophylaxe

Wie man ein latentes Problem in einem Ökoschweinebestand ebenfalls anhand der Schlachtdaten erkennen und lösen kann erläuterte Dr. Sabine Schütze vom Schweinegesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Ein Mastbetrieb mit 300 Plätzen, Vormast und Endmast in zwei unterschiedlichen Gebäuden, zweiphasiger Fütterung, regelmäßiger Impfung und einer ersten Entwurmung beim Ferkelerzeuger und einer unregelmäßigen Entwurmung in der Vormast berichtete über ständiges latentes Husten und Niesen im Stall. Je nach Witterung trat auch starker chronischer Husten auf. In schlimmen Fällen erfolgte ein Einzeltierbehandlung mit Antibiotika. Die klinische Untersuchung durch den Tiergesundheitsdienst stellte sehr uneinheitlich gewachsene Tiergruppen fest. Einzelne Vormasttiere schnieften und es trat trockener Husten in jeder Altersgruppe auf. Die Aufstallung war alt, Holzteile defekt und die Betontröge teilweise bröckelig. Die Lüftung in der Vormast war nicht optimal. Es trat Zugluft oder stickige Luft auf. Die Tiere lagen trotz Wind im Auslauf. Die Blutuntersuchung ergab keinen Virusnachweis bei PCV2, PRRS und Influenza. Alle 15 Tiere waren positiv auf APP.

Es wurden drei Lungen untersucht. Sie wiesen geringgradige Lungenentzündungen auf mit teils deutlicher Beteiligung eosinophiler Granulozyten. Die Schlachtbefunde zeigten über alle Untersuchungstermine eine hohe Schädigung der Lebern. Zusammen mit den Lungenuntersuchungen und dem Husten könnte das Problem der Befall mit Spulwürmern sein, da nach dem Verschlucken infektiöser Eier die Larven des Spulwurms durch die Leber in die Lunge wandern. Sie reizen die Lunge und veranlassen damit das Schwein zum Husten. Die Larven werden hochgehustet und wieder abgeschluckt. Im Darm entwickeln sich die erwachsenen Würmer, welche Eier produzieren. Diese werden mit dem Kot ausgeschieden und der Kreislauf beginnt von neuem.

Der Schweinegesundheitsdienst hat folgende Maßnahmen empfohlen:

  • eine zweite Entwurmung sechs Wochen nach der Einstallung und eine dritte Entwurmung sechs Wochen vor Mastende,
  • die marode Aufstallung sollte erneuert werden,
  • eine häufigere Reinigung der Entmistungsgeräte und Stiefel zumindest mit heißem Wasser,
  • Abflämmen der Flächen, wo es geht,
  • häufiger den Mistbereich abschieben und dann immer von den jüngeren Tieren hin zu den älteren Tieren, damit ein früher Befall nicht erfolgt,
  • außerdem sollten Windschutznetze im Auslauf installiert werden.
  • Die Schlachtbefunde der Tiere aus dem Maststall haben sich schon innerhalb eines Quartals deutlich verbessert, insbesondere bei den Leberbefunden. Schütze nannte weitere Maßnahmen, um Wurmbefall vorzubeugen:
  • saubere Tiere in saubere Buchten einstallen,
  • die räumliche Trennung von Vormast und Endmast, dabei am besten eigene Stiefel und Gerätschaften für jeden Stall benutzen,
  • kein Zurückstallen schwacher Tiere,
  • Reinigung mit heißem Wasser, Hochdruck und Schaumreiniger,
  • den Stall leer stehen lassen,
  • und die Desinfektion des Stalles mit Dampf (80 °C).

Abschließend fasste Schütze zusammen, dass das Offensichtliche nicht immer die Grundursache sein muss. Bei hartnäckigen Problemen sollte man mehr bzw. häufiger untersuchen. Eine gute Hygiene ist immer noch die beste Prophylaxe. Auch in Biobetrieben sollte man die Behandlung mit Antibiotika nicht zu lange herauszögern.

Kot und Harn trennen

„Schweine leben nicht gerne in einer Umgebung mit Ammoniak, da hungern sie lieber“, berichtete der Schweinefachtierarzt Kees Scheepens aus Oirschot, der die Rasse The Duke of Berkshire züchtet. 60 % des Stickstoffs, den die Schweine über das Futter ­aufnehmen, werden über Kot und Harn wieder ausgeschieden, der Rest bleibt im Körper. Das Problem in der heutigen Tierhaltung: Vermischen sich Kot und Harn, wandelt das Enzym Urease im Kot den Harnstoff im Harn sehr schnell und effektiv in Ammoniak um. Das Gas ist schlecht für die Umwelt, ebenso für Mensch und Tier. Es wird deshalb oft aus der Stallluft gefiltert. Die Luftwäscher an den Schweineställen sind für den Tierarzt Technik aus dem letzten Jahrhundert und nicht ungefährlich. So sollen schon mehrere Anlagen in Brand geraten sein.

Wenn man Kot und Urin von Anfang an trennt, sind die Ammoniakemissionen deutlich geringer. Deshalb gehen die Schweine von Scheepens auf ihre eigene Toilette. Und die ist nicht draußen im Auslauf, sondern drinnen im Stall. Die Schweinetoiletten sind ein Experiment, das der Landwirt und Tierarzt in seinem Stall durchführt. Zuerst erklärt Scheepens das Wesen der Schweine: „Die Allesfresser sind intelligent und von Natur aus sauber.“ Er möchte die Intelligenz der Schweine nutzen, um die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen.

Die Toilette ist zweigeteilt. Im linken Teil der Box werden die Tiere gefüttert und setzen dort ihren Kot ab. Das funktioniert relativ gut, indem man sofort beim Einstallen der Tiere den ersten Kot in der Box platziert. Das Pissoir ist der rechte Teil der Box. Damit die Schweine es benutzen, belohnt der Tierarzt sie mit einem Zitronenbonbon. Das funktioniert so: trifft mindestens 20 ml Flüssigkeit auf den Boden, fällt ein Bonbon in den Trog. Das Pissoir ist außerdem mit einer Tränke ausgerüstet.

Warum aber ein Zitronenbonbon? Scheepens nennt mehrere Gründe:

  • Schweine mögen sehr gerne den süßsauren Geschmack,
  • die Bonbons riechen gut,
  • beim Zerkauen knirschen die Bonbons, beides motiviert die anderen Schweine ebenfalls einen Bonbon haben zu wollen. 

Erste Resultate teilte Scheepens auch mit: Haben die Tiere keinen Auslauf, klappt das Kotabsetzen zu 100 % und auch das Pissoir wird einigermaßen gut besucht. Wesentlich schlechter sind die Ergebnisse, wenn die Tiere Zugang zu einem Auslauf haben. Der Schweinefachmann ist aber zuversichtlich, das Problem in den Griff zu bekommen.

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