Bei diesen Gerstenähren ist der Zwiewuchs deutlich erkennbar. (c) Sabine Rübensaat

Zwiewuchs: Wenn Bestände wieder grün werden

Regionale Niederschläge haben nach der Trockenheit in diesem Jahr zu Zwiewuchs geführt. Die Experten von feiffer-consult geben Tipps zu Erntetermin und Mähdreschereinstellungen.

Dr. Andrea Feiffer und Franz Klüßendorf, feiffer consult

Wenn Triebe unterer Ordnung sich mausern, beim Raps die Seitentriebe nochmal sprießen und die Bestände wieder ergrünen, wird es für den Mähdrescher schwierig. Zwiewuchs verschlechtert die Druscheignung ganz massiv. Das Stroh, gerade bei Wintergerste, Triticale oder Roggen, ist zähe und der Grünanteil bringt viel Feuchte ins Dreschwerk. Während des Drusches wird Zellsaft aus den Grünanteilen gequetscht, der zu einer Wiederbefeuchtung des Korns im Bunker führt. Diese kann durchaus bis zu 4 % betragen.

Mähdrescher mögen es trocken und jedes Prozent mehr an Strohfeuchte macht sich an der Abscheideleistung beim Dreschwerk und der bei der Reinigung bemerkbar. Die Leistung wird spürbar durch die Druschverluste begrenzt. Der Häcksler benötigt mehr Kraft und liefert trotzdem kein gutes Bild ab. Für den Mähdrescherfahrer ist es schwer, eine optimale Einstellung zu finden, weil die Ähren einen unterschiedlichen Reifegrad aufweisen.

Erntereihenfolge anpassen, Erntetermin aufschieben?

Der Reifeverlauf und der Anteil an Zwiewuchs sollen gut beobachtet und dokumentiert werden und daraufhin die Erntereihenfolge festgelegt werden. Die Unterschiede sind recht gut festzustellen.

Bei spät einsetzendem Zwiewuchs lohnt sich nicht, auf den besseren Druschtermin zu warten, zumal sich aus den zwiewüchsigen Ähren ohnehin keine Qualität generieren lässt. In früheren Zeiten war eine Vorerntesikkation erlaubt, heute nur noch in absoluten Ausnahmen. In Österreich ist es gänzlich untersagt. Der Erntetermin richtet sich also nach den reifen Ähren.

Bei Wintergerste besteht immer die Gefahr des Ährenknickens. Ist der Prozess erst einmal in Gang gekommen kann sich die Anzahl Knickähren bei rasantem Verlauf jeden Tag verdoppeln. Als Faustzahl bedeuten fünf Knickähren pro Quadratmeter etwa 100 kg/ha Verlust. Warten ist bei Wintergerste deshalb nur bedingt angesagt, insbesondere wenn der Zwiewuchs hauptsächlich in den Fahrgassen auftritt.

Beim Raps ist warten generell weniger problematisch. Die modernen Rapssorten sind von Haus aus recht platzfest und mit der Blütenbehandlung erhöht man, als Nebeneffekt, zusätzlich deren Platzfestigkeit. Wer genug Nerven hat wird meist mit Mehrerträgen bei Korn und Öl belohnt. Aber auch beim Raps wartet man nicht auf die allerletzten Spätaustreiber, der Mähdrescherfahrer muss zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Zwiewuchs fertig werden. Steht Weizen oder Raps zum Drusch an, entscheidet man sich eher für den Weizen. Weizen ist fallzahlempfindlich, Raps bietet mehr Sicherheit zum Schieben. Darüber hinaus ist er hochbeinig und trocknet auch zu späteren Zeitpunkten, wo die Tage kürzer werden, schneller ab als Weizen.

Beste Stunden nutzen

Für zwiewüchsigen Bestände reserviert man die trockensten und heißesten Erntestunden des Tages. Das erleichtert den ohnehin schwierigen Drusch. Hier lohnt sich auch das zwischenzeitliche Umsetzen. Droht eine Schlechtwetterernte kann diese Strategie dagegen gerade falsch sein. Hier nutzt man jede gute Druschstunde, um mit höchster Leistung, am Verlustlimit die qualitativ besten Partien einzufahren. Bei Beständen mit groß abgegrenztem Zwiewuchs kann man die reifen Schlagteile zuerst beernten und die „Grünflächen“ zu einem späteren Zeitpunkt. Der Probedrusch gibt Aufschluss über die Wiederbefeuchtung.

Scharfe Mähdrescher

Bei Ernteerschwernissen kommt es maßgeblich auf den guten Zustand der Arbeitsorgane an. Klingen mit abgenutzten Zähnen, Brüchen oder Riefen sollen ausgetauscht werden. Sie rupfen und reißen am Stroh. Das kostet Kraft, Diesel, Leistung und Nerven. Die Abstreifer werden so nah wie möglich an die Windungen gestellt, zum hinteren Abstreifer nicht mehr als 5 mm. Ist der Abstand zu groß, wirft die Schnecke das Erntegut an der Bordwand wieder hoch. Auch auf den richtigen Abstand der Schnecke zum Bodenblech kommt es an. Bandlaufwerke sind hier oft besser dran.

(c) Werkbild

Abgenutzte Hächslerklingen ergeben bei Zwiewuchs ein deutlich schlechteres Arbeitsbild. Auch hier gilt, und bei Zwiewuchs umso mehr, nicht am falschen Fleck sparen. Das betrifft auch die Dresch- und Korbleisten. Sind diese zu sehr abgenutzt, ziehen sie nicht mehr durch, die Abscheidung verschlechtert sich, die Verluste steigen an, Trommelwickler können drohen.

Raus aus den grünen Halmknoten

Das Druschgeschäft wird einfacher, je weniger Wasser durch die Maschine gefördert wird. Bei Zwiewuchs ist im unteren Strohabschnitt und in den Halmknoten noch enorm viel Feuchtigkeit. Jeder Zentimeter Stoppelhöhe wirkt sich spürbar aus.

Bei Raps wird ohnehin direkt unterhalb des Schotenpaketes abgeschnitten. Das erspart dem Mähdrescher etwa 4.000 l Wasser je Hektar im Vergleich zur kurzen Stoppel. Das Schneidwerk zieht nur das Schotenpaket ein, das Dreschwerk hat weniger sperriges Material zu verarbeiten, das Gut entmischt besser, die Körner kleben nicht am feuchten Material und die Verluste sinken.

Dreschwerkseinstellung

So intelligent moderne Mähdrescher auch heute schon sind, bei Ernteerschwernissen ist verstärkt der Fahrer gefordert. 

Bei Zwiewuchs wird die Dreschtrommeldrehzahl erhöht und der Korb weiter gestellt, um den Gutfluss in Gang zu halten und Verstopfungen zu vermeiden. So wird zwar auch mehr Zellsaft aus dem zweiwüchsigen Stroh geschlagen, aber der weite Korb und die höhere Drehzahl sorgen für den sogenannten Fegeeffekt, womit auch die Feuchtigkeit schneller abgeführt wird.

Einstelltipps bei Zwiewuchs

Der Ausdrusch von zwiewüchsigen, noch grünen Körnern wird nicht angestrebt. Die Druschschärfe richtet sich am Ergebnis des Ausdrusches sowie am Bruchkorn aus. Der Bruchkornanteil soll unter 3 % liegen. Ein gewisser Anteil nicht ausgedroschener Körner, insbesondere Kleinkorn, wird toleriert (bis 3 Körner in 50 bereits ausgedroschenen Ähren).

Bei der Wintergerste kann die Entgrannung bei Zwiewuchs große Probleme bereiten. Entgrannerbleche sind eine Wahl, aber die letzte. Sie verschärfen zwar den Drusch, verkleinern jedoch die Abscheidefläche unter dem Korb.

ArbeitsorganMEAnpassung der Mähdreschereinstellung Einstellhinweise
Trommel / RotorU/min+ 150 bis 200Schärfer, jedoch nur so hoch, dass ein genügender Ausdrusch erfolgt, aber wenig Wiederbefeuchtung durch ausgequetscht Zellsaft, Achtung, auf Bruchkorn achten
Dreschspaltmm+ 2 bis 4 So eng wie nötig und so weit wie möglich für gute Förderung und Fegeeffekt
Ober-/ Untersiebmm + 2 bis 4Stärker öffnen für gute Abscheidung, bei weitem Untersieb auf Überkehr achten
GebläseU/min +100 bis 150Erhöhen, um die schwerere Gutmatte anzuheben und die Körner besser abzuscheiden, Kümmerkorn soll mit in das Schwad befördert werden

Schwer auszudreschende Ähren bzw. Ährenspitzen kann man auch über die Überkehr nachdreschen, indem das Untersieb weiter geschlossen wird. Ein doppelter Rundlauf ist jedoch immer mit erhöhter Bruchkorngefahr verbunden, was man abwägen muss. Durch den Einbau von Druschsegmente im Vorkorb, z. B. bei Beschleunigerdreschwerken, intensiviert man den Drusch im Vorfeld und kann den gesamten Hauptkorb besser nutzen.

Reinigung aufdrehen

Zwiewüchsiges Erntegut ist feuchter und klebriger. Man benötigt deutlich mehr Wind, um die schwere Matte über dem ersten Drittel der Siebe anzuheben und in der Schwebe zu halten. Dann treten die Körner leichter durch die Matte und können von den Sieben besser abgeschieden werden. Das gilt auch im Besonderen für Raps. Die Körner sind auf Grund ihrer runden Form nicht sehr windanfällig. Andernfalls kleben sie gern an den feuchten Strohteilen und verursachen sehr hohe Verluste. Bei Zweiwuchs gilt: Siebe auf, Gebläse hoch. Auch den Besatz an Schmacht- und Kümmerkorn bläst man so mit in das Schwad.

Verlustmessgeräte kalibrieren

Verlustmessgeräte geben nur Tendenzen wieder, deshalb müssen sie kalibriert werden. Bei Feuchte besteht die Gefahr, dass die Sensoren stärker verschmutzen. Je schwieriger die Druschbedingungen sind, desto intensiver muss man die Verluste prüfen, weil sie sehr schnell „ausreissen“ können. Gerade bei Zwiewuchs entsteht viel Feuchtigkeit, die Körner kleben in der Matte und eine Abscheidung wird erschwert. Mit der Prüfschale kann man die Verluste sehr schnell und sicher erfassen und das Verlustmessgerät auf die tatsächlichen Gegebenheiten kalibrieren. Nur so kann man am akzeptierten Verlustniveau arbeiten und unterliegt nicht der Gefahr unkontrolliert hoher Verluste.


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