DLG-Wintertagung

01.03.2017

© Thomas Tannebeger

Weit über 1 000 Zuhörer im Tagungszentrum der HannoverMesse – da hielt sich DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer nicht lange bei der Vorrede auf. Die Lage der Landwirtschaft sei sehr, sehr ernst, und das einzig Hilfreiche sei die nüchterne Analyse der Fakten, sagte er zu Beginn seiner stark beachteten Rede. Die neuen Thesen der DLG zur Landwirtschaft 2030 (vgl. Bauernzeitung 5/2017, S. 18), die so manchem nicht gleich gefallen wollten, seien eben genau aus der fachlichen Analyse der Fakten heraus entstanden. „Aus der Wagenburg des ‚Alles ist gut‘ kann man kämpfen, aber nicht sprechen“, sagte Bartmer und forderte mehr Offenheit der Landwirte im Umgang mit Kritikern. Der DLG-Präsident ermunterte die Landwirte zu Selbstkritik und Selbstkorrektur. Das sei eine wesentliche Voraussetzung, Vertrauen zurückzugewinnen, Gestaltungsfreiheit zu behalten und überzogenem Ordnungsrecht zuvorzukommen.


Zu einer aktiven Haltung gehöre unterdessen auch das Eingeständnis, dass „Teile unserer Produktionskonzepte das Optimum überschritten“ hätten. Den Themen Nährstoffbilanzen, Resistenzen und Artenverlust, „aber auch ethischen Fragen in der Tierhaltung müsse der Landwirt sich unabhängig von der öffentlichen Debatte „kraftvoll stellen“ und seine Optimierungspfade von gestern ehrlich hinterfragen.


Die Aufgabe der DLG sieht ihr Präsident darin, Defizite aufzudecken und sinnvolle Lösung zu erarbeiten. In diesen Rahmen passten auch die von der DLG zu Jahresbeginn vorgestellten zehn Thesen. Die „große Chance“ der DLG liege darin, „frei von politischen Rücksichtnahmen“ und rein fachlich orientiert an die Öffentlichkeit zu treten. Mit dem Deutschen Bauernverband (DBV) stehe man im stetigen Austausch darüber, welche politischen Konsequenzen die aus fachlicher Sicht vorgetragenen Thesen hätten. Und ja, die Benennung von Defiziten habe immer auch eine politische Dimension, räumte Bartmer ein.

 

Maßvolle Entwicklung


Bei dem von der DLG skizzierten Modernisierungspfad geht es laut Bartmer allerdings „beileibe nicht darum“, die Landwirtschaft „auf den Kopf zu stellen, wie manche Wende-Propheten es suggerieren“. Schon der Blick in die jüngere Vergangenheit unterscheide sich „in Feld und Stall so grundlegend positiv von der idealisierten Welt des nur scheinbar besseren, bäuerlichen Erbes“. Von den Landwirten forderte der DLG-Präsident aber den „Willen zur Umsetzung, ein klares ethisches Bekenntnis zum ehrbaren Unternehmer“ und eine „zweifelsfreie Abgrenzung von den schwarzen Schafen“. Ihre nötige Weiterentwicklung auf Nachhaltigkeitsziele und Produktionssteigerungen hin könnten die Betriebe aber nur in einem „innovationsfreudigen gesellschaftlichen Umfeld“ vollziehen, das ihnen erlaubt, die „ganze Breite der Erkenntnis zu nutzen“. Diese Weiche müsse im Übrigen die Gesellschaft „neu stellen“.

 

Bioland gesprächsbereit


Der Präsident des Anbauverbandes Bioland, Jan Plagge, lobte die DLG für ihren Mut zu den „10 Thesen“. Er warb dafür, dass Vertreter konventioneller und ökologischer Produktionsweisen voneinander lernen. Auch im Ökolandbau gebe es in vielen Bereichen noch Verbesserungspotenzial. In Übereinstimmung mit Bartmer forderte er eine Honorierung „öffentlicher Güter“ wie der Artenvielfalt sowie der Luft- und Wasserqualität, für die der Staat gegebenenfalls einen Markt schaffen müsste.


Skeptisch zeigte sich Plagge gegenüber Verfahren wie dem Genom Editing. Die mit den Hoffnungen auf die neue Technologie verbundenen Vorteile wie die dezentrale und breite Einsetzbarkeit könne man sich gut ausmalen, ebenso aber auch negative Effekte. Der Sektor sollte Plagge zufolge auch im Blick behalten, dass seine Kunden nicht verunsichert werden. Ökobauern zeigten deswegen mehr Skepsis, seien aber nicht „technologiefeindlich“. Der Digitalisierung einschließlich Big Data und Automatisierung stehe man beispielsweise offen gegenüber. Der Bioland-Präsident warb im Plenum dafür, den „Innovationspfad Biolandbau für die Systementwicklung“ zu nutzen. Eine echte Agrarreform könne nur in der Zusammenarbeit der Bauern gelingen, „gleich, in welcher Bewirtschaftungsform“. Auch im Ökolandbau sei festzustellen, dass die Betriebe „vorrangig aus marktwirtschaftlichen Gründen“ umstellten. Aus Gründen wirtschaftlicher Anreize müsse die EU-Agrarpolitik zukünftig auch die Produktion öffentlicher Güter wie Umweltleistungen berücksichtigen. Das könnte laut Plagge realisiert werden, indem „Betriebssysteme bewertet“ und „schrittweise Nachhaltigkeitsindikatoren eingeführt“ werden. Dann ließen sich auch die Agrarbudgets begründen.

 

Reden als Daueraufgabe


Aus Sicht der Schweine- und Geflügelhaltung dürfte die Genehmigungspolitik neben den Vorgaben des Handels und den Vorstellungen der Verbraucher weiterhin ein maßgeblicher Einflussfaktor bleiben, schätzte der Tierhalter Stefan Teepker auf der Wintertagung. Er skizzierte im Plenum die aus seiner Betriebsperspektive „großen Trends“ bis 2030, zu denen er das Tierwohl als bleibenden und gewichtigen Faktor zählt. Die Tierhalter müssten sich dabei im Einzelnen auf ein Verbot von nicht kurativen Maßnahmen und den Ausstieg aus der Kastenstandhaltung einstellen. In der Sauenhaltung wird nach Teepkers Einschätzung bis 2030 das freie Abferkeln in die Diskussion kommen. Auch vor dem Thema „Außenklimareize“ sollte man „die Augen nicht verschließen“, sondern einen Blick ins Ausland werfen. Die Landwirte müssten sich aber generell bewusst sein, dass es immer Kritiker geben wird, „solange wir Tiere in Ställen halten“. Von daher müssten sie die Daueraufgabe für sich anerkennen, immer wieder zu zeigen, was möglich sei.


Insbesondere im Bereich der Hähnchenmast werden die Anforderungen an die Mäster nach Teepkers Ansicht nur in einer vertikalen Integration zu meistern sein. Arbeiten in der vertraglich festgelegten Kette bringe den großen Vorteil, dass die produzierten Erzeugnisse im Idealfall vorab verkauft seien. Landwirte könnten bei Investitionen in ihre Prozesse nur eingeschränkt in Vorleistung gehen und nicht alle Risiken tragen. Als weiteren Trend in dem Bereich nannte der Praktiker die weitere Ausbreitung von Onlinehandelsplattformen im Zuge der Digitalisierung. Auch der Dokumentation stehe eine Automatisierung bevor, und die Auswertung von Massendaten werde die Weiterentwicklung in Sachen Tierwohl zusätzlich befördern.

 

Systemstabilität sichern


Marktfruchterzeuger Hubertus Paetow beleuchtete unterdessen Entwicklungsmöglichkeiten und betriebswirtschaftliche Bewertungsmethoden für den Ackerbau. Die klassische, rein wirtschaftliche Betrachtung von Fruchtfolgen habe in der Vergangenheit dazu geführt, „dass wir sehr einfache, sehr intensive und damit auch instabile Systeme implementiert haben“. Viele Betriebe an der Ostseeküste „gehen mittlerweile im Ackerfuchsschwanz unter“, weil Herbizide keinen Effekt mehr zeigten. Darüber hinaus selektierten Ackerbauern mit engen Fruchtfolgen Unkräuter, die die Herbizidkosten in die Höhe trieben, erklärte Paetow. So werde das Produktionssystem „über kurz oder lang an die Wand“ gefahren. Paetow rechnete vor, dass erweiterte Fruchtfolgen ökonomisch nicht so weit entfernt von den bislang üblichen Rotationen liegen, jedoch weit mehr Nachhaltigkeit böten. Wer wolle, dass der Ackerbau „bleibt wie er ist“, müsse ihn verändern, so seine Schlussfolgerung.

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