Windpark Mürow 1: Vier der sechs Senvion-Mühlen des Windparks Mürow1 stehen auf dem Gelände der Dobberzin Agrar. Eine Erweiterung um zwei Mühlen ist genehmigt. (c)Catrin Hahn

Windkraft: Jackpot statt Krimi

„Für den Landwirt ist die Windplanung heute ein Krimi. Dabei ist es doch eigentlich ein Jackpot!“ Windberater Max Wendt unterstützt Flächeneigentümer bei den Verhandlungen mit Windkraftprojektierern – damit sie ihren Hauptgewinn erhalten.

Von Catrin Hahn

Ein strammer Wind geht über die Hügelrücken der nördlichen Uckermark. Die Windräder haben gut zu tun, einige sind bereits abgeschaltet und aus dem Wind gedreht. „Das sind die Neueren“, erklärt Windberater Max Wendt: „Die werden vom Netzbetreiber in der Regel vor den älteren Anlagen abgeschaltet.“ Diese zwar faire Regel ist angesichts zahlreicher stehender Turbinen dennoch ärgerlich, für Wendt ein Grund, sich künftig auch mit möglichen Speicheroptionen und der Nutzung von Überschussstrom befassen zu wollen. Erste Projekte dazu hat er bereits in Arbeit.

Doch derzeit ist das Kernthema des Windberaters die Beratung und Unterstützung von Landwirten bei der Verhandlung mit Windkraft-Projektentwicklern (Lesen Sie dazu auch den Beitrag in der Bauernzeitung 10/2020 ab Seite 34). Und das kam so: Aus einer Landwirtsfamilie stammend und schon immer an erneuerbaren Energien interessiert, fing Wendt 2011 nach dem Betriebswirtschaftsstudium beim Uckermärker Windspezialisten Enertrag als Projektierer an. „Das war total interessant, und ich habe viel über die ökonomischen Stellschrauben eines Windprojekts gelernt“, erinnert er sich an die Zeit. Doch schon bald fiel ihm bei seinen Gesprächen mit Flächeneigentümern auf, dass die Verhandlungen über Pachthöhen und -bedingungen oft nicht gerade zu deren Vorteil liefen – um es vorsichtig auszudrücken. Wendt wundert das nicht: „So ein Projektierungsbüro arbeitet mit hohen Risiken. 70 bis 80 Prozent der Projekte verlaufen im Sand. Wenn mal eins durchkommt und gebaut wird, dann müssen da entsprechend hohe Margen drin sein. Eine satte Gewinnbeteiligung für den Flächeneigentümer ist dann natürlich nicht das vorrangige Ziel.“

Windkraft: Wechsel auf die Seite der Eigentümer

Daraufhin begann er sich 2013 umzuschauen, an wen sich so ein Flächeneigentümer denn mit seinen Fragen wenden könnte. Und fand: niemanden. „Klar können die Flächeneigentümer zum Anwalt gehen. Der guckt sich an, ob es rechtlich wasserdicht ist, und verhandelt in der Regel auch einen aus juristischer Sicht vernünftigeren Vertrag. Jedoch hat der Rechtsanwalt oftmals kein tieferes Verständnis von der Pachtzusammensetzung und möglichen Pachtsteigerungen.“

Und da in Wendts Brust immer noch ein Landwirtsherz schlug, beschloss er, die Seiten zu wechseln und fortan im Interesse der Landwirte zu verhandeln: „Viele unterschreiben gleich den ersten Vertrag, der ihnen vorgelegt wird, weil sie denken, etwas Besseres kriegen sie nicht. Und sie glauben: Je schneller ich unterschreibe, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich am Ende auch wirklich die Mühle bekomme.“ Doch das sei ein Irrglaube, weiß Wendt. Viel wichtiger sei es, seine „Hausaufgaben“ zu machen, seine Verhandlungsposition zu bestimmen und zielgerichtet einzusetzen.

„Also habe ich mich entschieden, mich auf die Seite der Flächeneigentümer zu stellen. Ich verdeutliche das immer anhand der eigenen Landpachtverträge – der günstigen wie auch der ungünstigen – die der Landwirt mal frohen, mal schweren Herzens unterschreibt. Ähnlich ist es mit den Windverträgen – nur dass da noch ein paar Nullen mehr dranhängen. Hier das Feingefühl zu bekommen, wie weit wir mit den Planern verhandeln können, um letztlich ein schönes Projekt für alle zu generieren, welches zeitnah umgesetzt wird – das ist meine oberste Zielsetzung.“


Porträt Max Wendt

Max Wendt

Familie Wendt betreibt seit 300 Jahren Landwirtschaft in der Uckermark. Max Wendt, mittlerer von drei Söhnen, studierte Betriebswirtschaft und befasste sich währenddessen mit dem Thema Windenergie. Seit 2013 ist er als Berater für Flächeneigentümer tätig. Schon in den 1990er-Jahren hat sein Vater mit einigen Mitstreitern eine der ersten Windmühlen in der Uckermark gebaut.


Windkraft: Das Rundum-sorglos-Paket

„Der Landwirt braucht ein Rundum-sorglos-Paket“, ist Max Wendt überzeugt. „Landwirte müssen sich heute um so vieles kümmern – laufend ändern sich die bürokratischen Anforderungen der Behörden, Maschinen- und Landpachtpreise steigen unermüdlich, und am Horizont ist wieder kein Regen in Sicht –, da hat doch keiner die Zeit und das Wissen, diese Feinheiten zu durchschauen. Ich verhandle für Landwirte einen aus ökonomischer sowie rechtlicher Sicht optimierten Vertrag, den der Projektierer im Regelfall auch akzeptiert.“ Für den rechtlichen Teil holt sich Wendt juristische Unterstützung hinzu und arbeitet hier mit mehreren auf Windkraft spezialisierten Anwälten Hand in Hand.

Um dem Flächeneigentümer die Entscheidung für den Berater zu erleichtern und sich selbst zu bestmöglicher Vertragserfüllung zu motivieren, lässt sich der Windberater nur im Erfolgsfall bezahlen: „Ich werde am Mehrerlös beteiligt, den ich für den Landwirt heraushole. Meine Kunden gehen in keinerlei finanzielle Vorleistung.“ Seit acht Jahren bietet er nun schon seine Beratung zur Windkraft an und ist derzeit damit in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen aktiv.

„Geht mutig und selbstbewusst in die Verhandlungen“

Planung und Verwirklichung einer Windkraftanlage ist ein langwieriges und komplexes Geschäft. Bis zu zehn Jahre und mehr können hier durchaus ins Land gehen. Nach der Analyse des Projektentwicklers und der Identifizierung von Potenzialfläche werden in der Regel mit dem Flächeneigentümer Verträge abgeschlossen. Üblicherweise laufen diese Verträge nach fünf Jahren aus – in den meisten Fällen ist da noch nichts passiert. Manchmal entspricht die neu geplante Windkraftanlage auch nicht mehr der ehemals im Vertrag vereinbarten Anlage. Solch eine Planungsänderung öffnet dem Landwirt dann die Tür zur Nachverhandlung „auf Augenhöhe“.

Der Neuabschluss des Vertrages ist dann im Idealfall der Moment, zu dem der Windberater dazukommt: „In fünf Jahren kann sich in puncto Windkraft eine ganze Menge ändern – bei den Anlagengrößen, den Pachthöhen sowie eventuellen Erlössteigerungen, etwa durch Speicherintegrationen. Außerdem ist die Nachfrage nach geeigneten Flächen wesentlich höher als das Angebot. Da gibt es also viel zu verhandeln. Ich sage den Landwirten immer: Geht mutig und selbstbewusst in die Verhandlungen.“

Windkraft: vernünftige Pacht und gute Rendite als Ziel

Dabei unterstützt Wendt keineswegs nur Landwirte beim Abschluss eines Pachtvertrages: „Meine Kunden sind Agrargenossenschaften ebenso wie Einzelland­wirte oder ‚Lieschen Müller‘ mit ihrem Siedlerflurstück.“ Zwar ist in den neuen
Bundesländern die reine Verpachtung das Standardmodell, er ermutigt aber die Landeigentümer, sich auch am Betrieb der Windkraftanlage zu beteiligen. Das kommt, auch in Verbindung mit auslaufenden Förderperioden und einem anstehenden Repowering, inzwischen immer häufiger vor: „Ich appelliere an Landwirte, auf deren Eigentumsflächen mindestens zwei neue Mühlen errichtet werden sollen, über solche Beteiligungsoptionen nachzudenken. Ich helfe dann auch gerne dabei, die besten Betriebsrenditen zu erzielen. Der Landwirt soll im besten Falle beides erhalten – eine vernünftige Pacht sowie eine gute Rendite aus der Beteiligung.“

Das Ende der 20-jährigen Förderperiode und ein anstehendes Repowering entwickeln sich immer mehr zu heißen Themen: „Alte Windgebiete können neu beplant werden. Ich rate dazu, mich zu kontaktieren, sobald hier neue Vertragsangebote von Projektierern kommen. Allein schon deshalb, weil Landwirte oftmals nur ihren Uraltvertrag mit den damaligen Pachtkonditionen kennen. Dann wird schnell das neue Vertragsangebot für das Repowering-Vorhaben für bare Münze genommen, weil die dort angebotenen Pachten wesentlich höher erscheinen. Von diesem Vergleich sollte man sich aber unbedingt lösen und grundsätzlich hinterfragen, wo aktuell zeitgemäße und faire Pachtpreise liegen. Denn zwischen Erstangebot und final durchverhandeltem Vertrag liegen oftmals Welten – hier setze ich mich mit aller Energie dafür ein, dass in diesem Falle das Ergebnis ganz im Sinne des Landwirts ausfällt.“

Windpark 1 Windberater Max Wendt mit Landwirt Volker Zillmann
Windberater Max Wendt und Landwirt Volker Zillmann vor dem Windpark Mürow 1. (c) Catrin Hahn

Problem BVVG-Flächen

Schon vor seiner Beratungstätigkeit hat Max Wendt neben den Chancen mutigen Investierens auch die Tücken des Kleingedruckten kennengelernt. Sein Vater, der mit einigen Freunden Anfang der 2000er-Jahre einen Windpark in Eigenregie entwickelt hatte, musste mitansehen, wie die BVVG mit Inbetriebnahme 90 Prozent der Erlöse für sich einforderte. Die Behörde hatte beim Landverkauf eine Klausel eingefügt, nach der unverhältnismäßig hohe Pachtanteile abzuführen waren, wenn auf diesen Flächen jemals Windräder gebaut wurden. Hätte sich der Landwirt dagegen gesperrt, hätte die BVVG das Recht gehabt, den Landkaufvertrag rückabzuwickeln. „Am Ende standen Aufwand und Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zueinander“, so Wendt weiter.

Doch der Windberater sieht Licht am Ende des Tunnels: „Meine Familie klagt nun gegen die BVVG. Ich kann nur jeden betroffenen Landwirt ermutigen, seine Dreiseitigen Nutzungsverträge mit der BVVG und dem Planer gründlich von einem Fachanwalt prüfen zu lassen und ebenfalls gerichtliche Schritte zu erwägen. Hier lassen wir uns von dem Rechtsanwalt Franz Christoph Michel aus Netzow vertreten. Die Aussichten sind vielversprechend.“ Die persönlichen Erfahrungen haben Wendt dazu bewegt, Landwirte auch im Hinblick auf die BVVG-Problematik zu unterstützen.

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Brücken bauen zur Gesellschaft

Ein weiterer Bestandteil seiner Beratung – nicht ganz unwichtig angesichts der vielen Debatten über Windkraft – ist ein Spendenmodell für Gemeinden. In Absprache mit Projektierern und Flächeneigentümern wird oft eine regelmäßige Zahlung an örtliche Vereine vereinbart. Ein solches Modell findet auch bei jenem Windpark Anwendung, der zu großen Teilen auf den Flächen von Landwirt Volker Zillmann von der Dobberzin Agrar GmbH liegt. Hier, unweit des kleinen Dorfs Dobberzin am Stadtrand von Angermünde, drehen sich seit 2017 sechs Senvion Windräder mit je 3,2 MW Leistung, vier davon auf dem Land der Dobberzin Agrar. 2015, als Windberater Wendt auf den Plan trat, waren bereits zwei Fünfjahresverträge ausgelaufen, der dritte stand zur Verlängerung an. Mit Wendts Hilfe wurde neu verhandelt, wenig später begann die Bauphase. Seitdem spendet der Agrarbetrieb jährlich 4.000 € pro Anlage an örtliche Vereine. „Das sind 16.000 €, die da jedes Jahr fließen. So baut man eine Brücke zu den Anwohnern“, ist Zillmann überzeugt.

Die Spende fällt dem Landwirt nicht mehr schwer, nachdem Max Wendt die Windpachten ordentlich nach oben verhandelt hat. Dadurch kann der Betrieb das Vereinsleben vor Ort maßgeblich unterstützen und nebenbei die ausgezahlte Spende auch steuerlich geltend machen. Zillmann ist ihm dankbar: „Es gibt einem niemand einen Anhaltspunkt für solche Gestaltungsideen. Also fand ich das richtig, hier einen Berater hinzuzuziehen. Und das hat sich gelohnt!“

Für den Windpark Mürow 1 laufen derzeit die Vorbereitungen für eine Erweiterung um zwei Windkraftanlagen vom Typ N 163 des Herstellers Nordex mit einer Nennleistung von 5,7 MW. Für diese werden nach dem Willen der Politik höhere „Bürgerbeteiligungen“ fällig. Damit will die Regierung die Akzeptanz der Windenergie fördern. Vor diesem Hintergrund gehen voraussichtlich ab 2021 für jedes dann in Betrieb gegangene Windrad etwa 20.000 Euro direkt an die Kommunen. „Und das ist auch vernünftig so“, meint Berater Wendt dazu. „Die Politik handelt jedoch leider 20 Jahre zu spät. So wurde viel Akzeptanz auf der dörflichen Ebene verspielt. Jetzt das Ruder herumzureißen und Vertrauen neu aufzubauen, wird schwer – aber mit dem geplanten Abgabemechanismus werden hoffentlich die Weichen in Richtung erfolgreicher Energiewende im ländlichen Raum gestellt.“

„Die Windkraft subventioniert meinen Betrieb“

Zillmann ist froh, dass neben der Photovoltaik auch die Windenergieerzeugung ein Standbein des Landwirtschaftsbetriebes ist: „Wir haben davon wirklich profitiert. So mussten wir in den letzten drei miesen Jahren kein Land verkaufen, wie es viele in der Umgebung taten. Schließlich trage ich eine große Verantwortung, von meinem Betrieb leben ja fünf Familien. Die Windmühlen subventionieren in solch mageren Jahren meinen Betrieb maßgeblich.“ Allemal Grund genug, mutig, selbstbewusst und mit Unterstützung durch einen Fachmann in die Verhandlungen mit Windkraftprojektierern zu gehen!


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