Aktiv für Insekten: Jürgen Frenzel vom Landgut Hennickendorf (l.), arbeitet mit Kerstin und Lutz Pahl Hand in Hand. (c) Heike Mildner

Pioniere der Blühfläche

Das Landgut Hennickendorf und der Verein Blühstreifen Beelitz machen seit 2016 gemeinsame Sache. Das ergibt einen Erfahrungsschatz, der seinesgleichen sucht – und der auch in der Praxis gut funktioniert.

Von Heike Mildner

Sämtliche Flächen des Landguts Hennickendorf liegen im Landschaftsschutzgebiet Beelitzer Sander: rund 22 Bodenpunkte bei durchschnittlich sieben Hektar großen Schlägen. Rinderaufzucht (450 Bullen, 70 Kälber), Marktfruchtanbau (Getreide, Sonnenblumen, Raps) und Dienstleistungen sind die drei Standbeine des Betriebes. Auf 850 ha wachsen Roggen, Triticale, Wintergerste, Weizen, Hafer, Sonnenblumen, Mais, Öllein und Raps. Dazu kommen 145 ha Grünland, 40 ha Ackergras und Sonstiges.

Zu Sonstigem zählt Geschäftsführer Jürgen Frenzel 14 Hektar Dauerblühfläche, weitere vier Hektar ehemaliger Ackergrasfläche kommen in diesem Jahr hinzu. Letztere bestellt er zunächst mit einer einjährigen Blühmischung, im Herbst mit einer mehrjährigen. Bereits 2016, als noch niemand von Blühstreifen, Krefelder Studie oder Förderprogrammen sprach, kultivierte Frenzel auf sechs Hektar Bienenweide.


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Kein leichter Schritt

„Ich bin seit 50 Jahren Landwirt und gehöre zu der Generation, die darauf getrimmt ist, dass jede Tonne Getreide die Bevölkerung ernährt. Deshalb habe ich Schwierigkeiten, Fläche herzugeben, auf der nichts für die menschliche Ernährung angebaut wird“, sagt Jürgen Frenzel. Vor der Wende habe er den Bereich Futterökonomie und Melioration in der LPG-Pflanzenproduktion geleitet, habe zwischen 1978 und 1988 etliche Kilometer Gräben ziehen lassen und mit der Saatgraswirtschaft auch die Moordegradation vorangetrieben.

Schon Mitte der 80er-Jahre habe er gemerkt, dass sich der Bestand verschlechterte, die obere Bodenschicht zersetzte und kein Wasser mehr durchließ. Das zu renaturieren, wird eine Generation brauchen. Blühstreifen gehen deutlich schneller, und Frenzel will gegensteuern. Den Verein Blühstreifen Beelitz lernte er 2016 im Nachbardorf bei einem Vortrag über das Bienensterben kennen: „Es waren die ersten von “grüner Seite”, die unvoreingenommen mit den Landwirten redeten“, erinnert sich Frenzel. Und als Flächen für Blühstreifen gebraucht wurden, sprang er über seinen Schatten.

Frisch gesät: Blüh äche eines Spargelanbauers bei Beelitz (l.).
Frisch gesät: Blüh äche eines Spargelanbauers bei Beelitz. (c) Lutz Pahl

„Unsere Anfrage fiel auf sehr fruchtbaren Boden“, erinnert sich Kerstin Pahl. Gemeinsam mit ihrem Mann Lutz gründete die Naturschutz-Fachfrau den Verein, um selbst tätig zu werden, zu mobilisieren, zu vernetzen. „Von Anfang an war klar: Die Landwirtschaft muss sich verändern – aber nur mit den Landwirten“, erläutert Lutz Pahl, und traf offenbar den Ton. Neben Jürgen Frenzel waren es vor allem Spargelbauern, die dem Verein Flächen anboten. Sie hatten wegen Monokultur und Folien besonders hart um ein besseres Image zu kämpfen.

So blühte es in den Vorjahren: Auf der Webseite des Vereins sind viele Blühfächenbeispiele dokumentiert – Landwirte, Kommunen, private Gärten: www.bluehstreifen-beelitz.de . (c) Lutz Pahl
So blühte es in den Vorjahren: Auf der Webseite des Vereins sind viele Blühfächenbeispiele dokumentiert – Landwirte, Kommunen, private Gärten: www.bluehstreifen-beelitz.de . (c) Lutz Pahl

Know-how kam vonseiten des Vereins auch bei der Auswahl der Pflanzen: Sie sollten zur Fruchtfolge passen, mit ihrer Blüte die Bienenaktivität vom Frühling bis Herbst begleiten und nebenher tief wurzeln, Nährstoffe sammeln und Humus mehren.

Da die Saatgutmischung in der aktuellen Förderung vorgeschrieben ist, können wir uns hier kurz fassen. Leider seien die praktischen Erfahrungen dieser ersten Jahre nicht in die Förderrichtlinie eingeflossen, bedauert Kerstin Pahl. Dabei erhielt der Verein 2018 sogar den Brandenburger Naturschutzpreis, flog also nicht unterm Radar der öffentlichen Wahrnehmung.

Tipps für die Praxis

(c) Heike Mildner

Jürgen Frenzel beteiligt sich nur mit Ackerstreifen am aktuellen Landesprogramm. Seine Anbauerfahrungen sind nicht nur positiv, gerade in den Dürrejahren. Das Saatgut ist mit rund 400 €/ha teuer, und wenn man nachsäen muss und Bearbeitungskosten addiert, haben sich die 700 €/ha schnell in Luft aufgelöst.

Frenzels Blühflächen werden über den Verein gefördert, der wiederum mit dem Netzwerk Blühende Landschaft zusammenarbeitet. Die Praxis sieht so aus: „Die Saatleitung wird abgehängt, sodass die Mischung auf das feinkrümlige Saatbett fällt. Dann ganz leicht den Striegel darüberlaufen lassen und anwalzen“, so Frenzel.

2016/17 habe das gut geklappt, sei alles gut gewachsen. 2018/19 liefen nur die kräftigen Samen der Brassicaceaen auf. Dennoch: Die Wirkung sei da, hätten Imker ihm bestätigt. Nebenbei ist Frenzel in die Saatgutgewinnung von Wildpflanzen eingestiegen, hat bereits Schafgarbe per Mähdrescher geerntet und sammelt Erfahrungen.

In diesem Jahr will er mit dem Verein eine Blühstreifenhecke anlegen, die auch Vögeln und Hasen zugute kommt. Und für das laufende Flurordnungsverfahren entwickeln die Blühflächenpioniere mit landschaftsplanerischer Begleitung einen Biotopverbund. Einer muss ja anfangen. 

In Brandenburg sind 424 Anträge auf Förderung von Blühstreifen und Ackerrandstreifen mit einer Gesamtfäche von rund 10.000 ha eingegangen. Sie teilt sich folgendermaßen auf:
■einjährige Blühstreifen 1.485 ha
(99 Antragsteller),
■mehrjährige Blühstreifen 3.711 ha (184 Antragsteller),
■Ackerrandstreifen
4.892 ha (210 Antragsteller).

Die Richtlinie solle bis Mitte des Jahres evaluiert werden, heißt es vonseiten des Ministeriums.


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