Zwischen Zucht und Algebra

11.05.2016

© Sabine Rübensaat

Spaß beim Vorführen: Auf dem Hofgelände hat Felix, hier mit seiner Betreuerin Jessica Wolff, schon so manche Trainingseinheit absolviert, aber auch auf dem Vorplatz.

Bildergalerie: Zwischen Zucht und Algebra

Der Termin, den ich für unser Treffen vorgeschlagen hatte, war äußerst ungünstig. An dem Tag stand für meinen Gesprächspartner eine schriftliche Abiprüfung im Fach Mathematik an. Volles Verständnis daher für seine Absage, zumal ich jenen Tag, an dem meine Algebra-Kenntnisse gefordert waren, noch in Erinnerung habe. In ziemlich unangenehmer. „War gar nicht so schlimm“, meint Felix Ziem, als wir uns eine Woche später treffen. „Analytische Geometrie ist zwar nicht unbedingt mein Favorit. Ziemlich abstrakt, die Rechnerei. Aber ich denke, die Sache lief ganz gut.“ Persönliche Zielvorgaben für das Fach? „Eine 2,0 sollte drin sein!“ Und die angepeilte Abi-Note? „Die müsste noch ein bisschen besser ausfallen! Aber warten wir es lieber erst einmal ab!“


Denn in den nächsten Tagen gilt es für den hochgewachsenen jungen Mann mit der dunklen Brille noch einige Prüfungen zu bestehen. Deshalb wird Felix, anders als in den Jahren davor, nicht zur Brandenburgischen Landwirtschaftsausstellung BraLa fahren, um sich mit anderen Jungzüchtern im Vorführen und Bewerten von Kälbern und Färsen zu messen. Büffeln geht eben vor. Oder könnte es doch noch einen Grund geben, das Messegelände in Paaren aufzusuchen? Felix schüttelt zweifelnd den Kopf, ist sich nicht sicher. Die Entscheidung fällt dem Achtzehnjährigen nicht leicht, der sich schon als Steppke im Umgang mit Jungrindern übte. Die normalste Sache der Welt, wenn man wie er auf einem Bauernhof im Havelländischen aufgewachsen ist. „Ich fand es spannend, beim Füttern und beim Melken der Kühe zuzusehen und konnte es kaum erwarten, dem Papa und dem Opa zu helfen.“ Wenn die Familie loszog, um eine Rinderschau zu beschicken, musste der Junior unbedingt mit dabei sein, das erste Mal schon im Alter von vier Jahren. So lernte er beizeiten, worauf Züchter ganz besonders achten, nämlich auf ein solides Fundament, korrekte Gliedmaßen und ein straffes Euter. Wichtige Voraussetzungen für die Tiere, um gesund zu bleiben und viel Milch zu geben. Es war vor allem aber Felix’ Mama, die sein Interesse an der Zucht geweckt hatte. Astrid Ziem, seinerzeit beim Rinderzuchtverband Sachsen-Anhalt tätig, ist aktuell bei der Rinder-Allianz für die Herdbuchführung in der Region zuständig.

Der Familienbetrieb bewirtschaftet aktuell rund 100 Hektar Acker und 70 Hektar Grünland, um die 114 Holsteinkühe und 120 Jungrinder mit hofeigenem Futter zu versorgen. Die Milchleistung liegt gegenwärtig bei durchschnittlich 9 200 Kilogramm je Tier und Jahr, wobei großer Wert auf Langlebigkeit gelegt wird. Nicht von ungefähr können die Ziems darauf verweisen, dass gleich zwei Kühe bereits jeweils 100 000 kg Milch gaben. „Das war vor zwei beziehungsweise vier Jahren, da gab es ein richtiges Fest auf unserem Hof“, erinnert sich Felix. Doch Anlässe zum Feiern fanden sich noch öfter. Dafür sorgte unser Jungzüchter, der in den vergangenen Jahren jede Menge Auszeichnungen und Pokale einheimste. Diese bilden mittlerweile eine stattliche Sammlung, zu besichtigen im väterlichen Arbeitszimmer. Seine ersten Sporen verdiente Felix auf der BraLa 2012 als Junior-Champion, danach schlossen sich Jahr für Jahr Siege und gute Platzierungen bei nationalen wie internationalen Wettbewerben an (siehe Übersicht). Welcher Erfolg war der wichtigste? Felix muss nicht lange darüber nachdenken. „Das war die Deutsche Holsteinschau in Oldenburg, wo ich Bundesreservesieger wurde. Da sind die Besten aus ganz Deutschland angetreten, die alle mächtig was auf der Tasche hatten. In der riesigen Halle vor so vielen Leuten aufzutreten und dann auch noch den Zweiten zu machen, also das war schon ein tolles Gefühl.

“Was nicht nur bei den Eltern und den Großeltern im heimischen Buckow große Freude auslöste, sondern auch bei Jessica Wolff von der Agrargenossenschaft Hohennauen. Selbst lange Zeit als Jungzüchterin aktiv, kümmert sie sich heute um den Nachwuchs. Die blonde Frau organisiert Treffs in Milchviehbetrieben, wo die Mädchen und Jungen üben können, wie man Tiere für die Schauen und Wettbewerbe vorbereitet und selber vorführt. Der Ziemsche Hof gehört zu den Tierhaltungsbetrieben, die solche Aktionen unterstützen. Felix wurde quasi zu ihrem Ziehsohn, weil sie frühzeitig erkannte, welche Talente in ihm schlummern. „Er hat eine Riesengeduld, um die Rinder führig zu machen. Seine ruhige Art ist da außerordentlich hilfreich. Hinzu kommt, dass Felix erstaunlich viel Fachwissen hat.“ Was der junge Mann bei unserem Gespräch so ganz nebenbei unter Beweis stellt. Wir kommen auf Selektionsmerkmale bei der Rinderzucht zu sprechen und in dem Zusammenhang auf die genomische Selektion. Was darunter zu verstehen ist, frage ich Felix und kassiere eine Gegenfrage. „Wissen Sie das nicht oder wollen Sie mich nur testen?“ Dann aber erklärt Ziem junior nahezu lehrbuchreif, dass dabei der Zuchtwert eines Tieres direkt aus seinen Erbanlagen abgeleitet wird, indem man das Blut beziehungsweise Gewebe auf sogenannte genetische Marker untersucht. Dadurch lässt sich wertvolle Zeit sparen, versichert Felix, setzt aber noch eins drauf. „Zweifellos ein super Verfahren, bei dem man eines nicht vergessen darf: Es handelt sich um eine Schätzung, die mitunter ungenaue oder gar falsche Werte vermittelt.“ Deshalb sind der spezielle Blick des Züchters und seine Erfahrung nach wie vor eine Grundvoraussetzung, um die für die Zucht geeignetsten Tiere zu ermitteln, erklärt Felix. Was sein Vater mit einem Schmunzeln quittiert. Wie Fred Ziem versichert, habe er seinem Jungen bei der Berufswahl von Anfang an freie Hand gelassen. „Dass er nach dem Abitur – so wie ich seinerzeit – Landwirtschaft studieren will, freut mich natürlich.“ Wenn alles klappt, will er sich an der Fachhochschule in Kiel einschreiben, bestätigt Felix. Freunde von ihm hatten berichtet, dass das Studium dort sehr praxisorientiert sei.

Wie es danach weitergehen soll, ist aber für den Achtzehnjährigen noch offen. Eines Tages den väterlichen Betrieb zu übernehmen, wäre denkbar. Dann müssten aber Melkroboter angeschafft werden, sinniert der junge Mann. „Doch wenn die Preise weiterhin so tief im Keller bleiben, muss man sich gründlich überlegen, ob sich Investitionen in die Milch überhaupt lohnen.“ Für die Entscheidung lasse er sich aber noch ein bisschen Zeit, sagt Felix und lächelt. Vorab will er sich erst einmal einen Traum erfüllen: einen Jahrestrip quer durch Australien.

Anfang Oktober soll es losgehen, zusammen mit zwei Freunden. Die Idee: Auf Farmen arbeiten, beispielsweise bei der zu dieser Zeit beginnenden Mangoernte helfen, um sich das Geld für die Weiterreise von Nord nach Süd zu verdienen. Auf diese Weise lerne man Landwirtschaft, Land und Leute auf dem Kontinent kennen, meint Felix. Um Flug und Visum zu finanzieren, wird fleißig gespart. Dem soll auch noch ein weiterer Arbeitseinsatz bei der Agrargenossenschaft zwei Dörfer weiter dienen, wo sich Felix bereits mehrmals als Schlepperfahrer verdingt hat. „Das macht Laune“, versichert Felix. Deshalb lässt er sich auch nicht lange bitten, wenn Sondereinsätze fällig sind. So wie an diesem Tag, als der Nachbar auf dem Hof auftaucht und fragt, ob Ziem junior nicht mal vorbeikommen kann, um das bei Bauarbeiten entstandene Loch vor der Einfahrt zuzuschieben. Nach unserem Gespräch schnappt sich Felix den Schlepper und tuckert vom Hof.

Vorher aber muss noch ein Familienbild an historischer Stelle gemacht werden: mit Großvater, Vater und Enkel. Die BauernZeitung war vor mehr als einem Dutzend Jahren schon einmal hier. Damals ging es um die Betriebsübergabe von Friedrich an Fred Ziem. „Den Staffelstab sauber weitergereicht“, stand über dem Beitrag in Ausgabe 50/2003. Dieser vermittelte reichlich Erfahrungen, was in solch einem Falle alles zu beachten ist, damit der Hof erfolgreich weitergeführt werden kann. Und irgendwann auch die übernächste Generation zum Zuge kommt. Großvater Friedrich, der demnächst seinen 80. Geburtstag feiert und immer noch auf dem Hof nach Kräften Hand anlegt, blinzelt zuversichtlich in die Kamera. Und Großmutter Johanna holt einige der Pokale, damit sie ins rechte Licht gerückt werden können. Stolz auf den Enkelsohn? Was für eine Frage!

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr