Zwei wie Pech und Schwefel

19.11.2013

Zwei wie Pech und Schwefel © Anja Nährig

Zum Schluss noch einmal richtig abgeräumt! Kurz bevor sie die Altersgrenze als Vorführer im Jungzüchterwettbewerb überschritten haben, können sie sich die Pokale für die gelungenste Präsentation der Jungrinder abholen. Strahlend stehen die zwei Brandenburger Jungzüchter mit ihren dunkelblauen Schärpen mit goldener Aufschrift „Bester Vorführer“ für die Kamera bereit. Pierre Dabow und Paul Bierstedt, beide 25 Jahre alt, erreichen die Altersbeschränkung für diesen Wettbewerb. Ab jetzt gilt es, sich mit den „Großen“ im Ring zu messen. Doch auch dafür sind sie bestens vorbereitet.

Von den Kleinen zu den Großen

Angefangen hatte Pierre im Kleintierzüchterverein. Da man ihm aber das Geschick mit den Kühen in die Wiege legte, wechselte sein Interesse schnell. Bereits seine Großeltern waren in der Milchproduktion tätig. So lief er nach der Schule direkt in den Kälberstall und half ihnen, die Tiere zu tränken. Seine Eltern arbeiten ebenfalls in der Landwirtschaft, der Vater als Klauenschneider, die Mutter in der Agrargenossenschaft Vorspreewald in seinem Heimatort Turnow.

Aus diesem Agrarbetrieb stammte auch sein erstes Vorführrind Pia, mit dem er auf Anhieb einen zweiten Platz in der Altersklasse von zwölf Jahren belegte. Der Grundstein für seine Karriere als Jungzüchter war gelegt. Von da an konnte er nicht mehr von den schwarzbunten Milchrindern lassen. Immer wieder zog bzw. zieht es ihn auf die Tierschauen, und so ist es selbstverständlich, dass er seit mehreren Jahren im Betreuungsteam für die Nachzuchten der Blickpunkt Rind in Paaren mitwirkt. „Wenn man einmal Blut geleckt hat, dann ist es um einen geschehen“, begründet. Pierre heute sein Faible für die großen Wiederkäuer.

  

Blick über die Grenzen

Seit fünf Jahren erweitert er seinen „Kuh-Horizont“ auch national. Sein Aktivitätsradius erstreckt sich nicht mehr nur auf Brandenburg, er reist auch gern nach Verden in das Zuchtgebiet der Masterrind GmbH. Der bekannte Kuhfotograf Wolfhard Schulze, welchem er auch öfter zur Seite stand, stellte für ihn den Kontakt her. Heute kennt ihn dort fast jeder. Auch in Alsfeld ist er nicht mehr unbekannt, schließlich vertrat er dort die Brandenburger im Bundeswettbewerb. Im September 2011 fuhr er schließlich im deutschen Team nach Battice, ein Höhepunkt im Leben jedes Jungzüchters. Dort trat er in der Jungzüchterschule Belgiens im europäischen Vergleich für Deutschland an.

Neben seinen vielen Wettkämpfen übernahm er aber auch als Regionalgruppenleiter des brandenburgischen Vereins Verantwortung und betreute mehrere Landkreise. Heute ist er amtierender Vorstandsvorsitzender und engagiert sich stark für den jungen Nachwuchs. Natürlich hätte man ihn auch gerne in der Arbeit für den Rinderzuchtverband Berlin-Brandenburg (RBB) gesehen, diese lehnte er schweren Herzens ab. Die Angst, durch zu viel Routine seine Freude an den Rindern zu verlieren, war zu groß. Deshalb entschloss er sich kurzerhand zu eine Lehre als Tierpfleger im Cottbusser Zoo. Dass er damit nicht scheitern würde, ergibt sich schon aus seinem Lebenslauf. Das Gefühl und die Ruhe, welche man zum Zähmen der Rinder benötigt, hilft ihm mit Sicherheit bei der Arbeit mit den Wildtieren ebenfalls weiter.

Viele Erfolge als Jungzüchter wird er altersbedingt zwar nicht mehr erreichen, aber ein großer Moment in seinem Leben steht ihm mit der Teilnahme in Oldenburg vielleicht noch bevor.Im Juni wird er zur Nationalschau im Viererteam Brandenburgs zum letzten Mal um einen Jugendpokal streiten. Seine Laufbahn im Ring ist damit aber keinesfalls beendet. Mittlerweile wird er gerne von Betrieben für die Präsentation und Ausstellung der Kühe und Bullen auf Tierschauen engagiert. Auch wenn der Abschnitt als aktiver Jungzüchter zu Ende geht, bleibt er dem Verein mit seinem Erfahrungsschatz und seiner übernommenen Verantwortung erhalten.

 

Blindes Vertrauen zwischen den Jungs

Um mit jemandem richtig gut zusammenarbeiten zu können, braucht Pierre Vertrauen. In Paul Bierstedt, der „guten Seele“ des Brandenburger Jungzüchtervereins, hat er einen solchen Freund und Mitstreiter gefunden. Beide teilen ihre Leidenschaft für Kühe, auch wenn Paul sich mehr zu den mächtigen Fleischrindern statt den feingliedrigen Milchkühen hingezogen fühlt. Paul, in Perwenitz am Südhang des Glien aufgewachsen, ist seit 2007 als Vertreter für die schweren Rinderrassen im Verein tätig. Zusammen mit seinen Kollegen nahm er 2009 am ersten Bundesjungzüchterwettbewerb für Fleisch rindzüchter in Paaren im Glien teil. Danach kam er 2010 als Beisitzer in den Brandenburger Vorstand. Da der Bundesverband hauptsächlich von Holstein-Anhängern geprägt wird, überlegt er heute, gemeinsam mit Thekla Zachert, einer erfolgreichen Charolaiszüchterin aus dem Havelland, ob nicht sogar ein bundesweiter Verband für die Fleischrindjugend sinnvoll ist.

Wie aber kam Paul auf die Kühe? Seine Eltern sind studierte Agraringenieure, was für den ersten Kontakt in die Landwirtschaft sorgte. Genauso wie Pierre beschäftigte er sich anfangs mit den Kleintieren. Der Wechsel zu den Großen kam etwas später, zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits sein Abitur in der Tasche. Um dem Dienst an der Waffe aus dem Weg zu gehen, entschloss er sich 2007 zu einem freiwilligen ökologischen Jahr (FÖJ). Viel Zeit in der Natur zu verbringen war eine s seiner Ziele, ein weiteres, ein halbes Jahr davon als Praktikum für sein kommendes Agrarstudium anzurechnen.

 

Der Lehrer für die Fleischrinder

Durch Zufall geriet Paul im FÖJ an Peter Schollbach, einen über die Ländergrenzen hinaus bekannten Uckermärkerzüchter. Sofort begeisterte er sich für die in der DDR entstandene Rinderrasse. „Lehrer“ Schollbach war es auch, der ihn zu den Jungzüchtern schickte, wo er trotz seiner bis dato bestehenden Unerfahrenheit sehr freundlich aufgenommen wurde. Bald sollte auch die Unwissenheit über die verschiedenen Rinderrassen der Vergangenheit angehören und Paul sich zu einem der besten Jungzüchter Brandenburgs entwickeln.

Heute studiert Paul in Halle, wo er sein Masterstudium mit Schwerpunkt Nutztierwissenschaften beendet. Angefangen hatte er in Berlin, wollte aber seinem Interesse an der Tierzucht stärker nachgehen. Dafür ist er bei Professor Hermann H. Swalve, einem Spezialisten für Populationsgenetik und Tierhaltungssysteme der Rinderzucht, am besten aufgehoben. Mit einem Stipendium des RBB ausgestattet, wird er im Herbst seine Abschlussarbeit verteidigen können. Und dann? Ob im Rinderzuchtverband, in einer wissenschaftlichen Institution oder auf einem Praxisbetrieb – ganz sicher ist sich Paul noch nicht, wo er dann arbeiten möchte. Bei den vielen Möglichkeiten steht eines aber felsenfest: Seine Zukunft wird er mit Rindern bestreiten.

 

 

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