Zahlen lügen nicht

08.07.2014

© Dagmar Kinter

Neugeborenes Kalb

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Ohne eine gute Fruchtbarkeit keine Kälber und keine Milch. Die Reproduktion ist das zentrale Thema in der Tierzucht, denn wenn diese nicht dauerhaft funktioniert, ist die Erzeugung tierischer Produkte unmöglich. Seit vielen Jahren ist jedoch die verminderte Fruchtbarkeit in der Milchrindpopulation ein großes Problem und zählt mit 21,1 % zu den häufigsten Abgangsursachen. Die Zuchtwerte von Holsteinbullen beruhen auf den phänotypischen Leistungsunterschieden ihrer Töchter in dem jeweiligen Merkmal. Daher ist davon auszugehen, dass Töchter von Bullen mit unterschiedlichen Zuchtwerten in den Betrieben auch eine differenzierte Leistung zeigen.

Im Falle der Fruchtbarkeit, müssten Töchter von Bullen mit einem hohen Relativzuchtwert Reproduktion (RZR) auch in den Betrieben positiv auffallen. Doch gerade die Zuchtwerte für funktionale Merkmale mit geringeren Sicherheiten werden in der Praxis oft kritisch hinterfragt und deren Aussagefähigkeit zuweilen weniger ernst genommen, als Zuchtwerte mit hoher Sicherheit. Aufgrund dieser Problematik und der nicht zufriedenstellenden Fruchtbarkeitslage in den Milchviehherden wurde eine Untersuchung dazu an der Unversität Halle Wittenberg in der Betreuung von Professor Hermann H. Swalve und Dr. Monika Wensch-Dorendorf durchgeführt.

Niedrige Erblichkeit aber hoch variabel

Die Komplexität des Fruchtbarkeitsgeschehens wird besonders durch die vielfältigen Einflussfaktoren der Umwelt (Management, Haltung und Fütterung) als auch die einzelnen Heritabilitäten deutlich. Durchschnittliche Erblichkeiten von 0,01 bis 0,04 machen eine züchterische Bearbeitung dieses Merkmalkomplexes schwierig. Doch durch die hohe Variabilität ist das dennoch nicht unmöglich. Um diesem Effekt mehr Beachtung zu schenken, wurde im Jahr 2008 der Relativzuchtwert Reproduktion (RZR) in Deutschland eingeführt.

Für die vorliegende Analyse wurden die väterlichen Zuchtwerte der Dezember-Zuchtwertschätzung 2012 entnommen. Der Zusammenhang zwischen Zuchtwert und tatsächlicher Fruchtbarkeitsleistung in den Betrieben wurde anhand des Unterschieds zwischen den Töchtern der 25 % schlechtesten und der 25 % besten Bullen charakterisiert. Die Gruppenzuordnung erfolgte anhand des RZR.

Klare Unterschiede bei den Töchtern

Aus der Abbildung 1 wird ersichtlich, dass ein klarer Unterschied zwischen den tatsächlichen Töchterleistungen von Bullen mit unterschiedlichen Zuchtwerten besteht. Gehört der Vater zu den 25 % besten Bullen, so haben seine Töchter eine um 14,6 Tage verringerte Verzögerungszeit und die Zwischenkalbezeit verkürzt sich um mehr als 21 Tage. Auch die benötigte Besamungsanzahl ist bei diesen Kühen um 0,32 Besamungen kleiner. Unter Betrachtung der Korrelation zwischen dem RZR des Vaters und der durchschnittlichen Besamungsanzahl seiner Töchter wird der direkte Zusammenhang deutlich. Der Korrelationskoeffizient von r = -0,452 (p = 0,001) beschreibt, dass sich mit steigendem Vaterzuchtwert die benötigte Besamungsanzahl seiner Töchter signifikant verringert. Dieser Zusammenhang wird auch aus der Abbildung 1 klar ersichtlich. Hierbei steht jedes Symbol für einen Bullen. Angefärbt wurden diese nach ihrer RZR-Gruppenzugehörigkeit, wobei die Gruppe 1 die 25 % schlechtesten (RZR ≤ 98) und die Gruppe 4 die 25 % besten (RZR ≥ 111) Bullen repräsentiert. Die mittleren 50 % verteilen sich auf die Gruppen 2 und 3.

Ist die Zucht auf Fruchtbarkeit möglich?

Nachdem die Ergebnisse aus dem Gruppenvergleich und der Korrelationsberechnung positiv ausfielen und ein klarer Unterschied zwischen der Töchterfruchtbarkeit erkennbar war, lag es nahe, auch den Zuchtwert des Muttervaters mit einzubeziehen. Die Überlegung war, inwieweit sich ein langfristiger Einsatz von Bullen mit hohem RZR über mehrere Generationen auf die Fruchtbarkeit auswirkt. Daher wurden auch die Mutterväter anhand ihrer Zuchtwerte für Reproduktion in vier Gruppen eingeteilt und bildeten mit den Zuchtwertgruppen der Väter 16 Kombinationsmöglichkeiten. Laut der Theorie erhalten die Kühe 50 % der väterlichen und 25 % der großväterlichen genetischen Ausstattung, in diesem Falle ungeachtet der Rekombination in der Meiose. Beispielhaft am Fruchtbarkeitsparameter Rastzeit wurden in der Abbildung 2 vier Kombinationsmöglichkeiten zwischen der jeweils besten und schlechtesten Zuchtwertgruppe vom Vater und Muttervater abgebildet. Deutlich wird der Zugewinn durch die Einbeziehung des Muttervaters.

Zuchtwerte wie der RZR werden aus den Daten der gesamten deutschen Holsteinpopulation ermittelt. Sie zeigten trotz des recht kleinen Datensatzes und bei zum Teil geringen Sicherheiten der Zuchtwerte aussagefähige Korrelationen. Unter Berücksichtigung der niedrigen Heritabilitäten und der vielfältigen Einflussfaktoren auf die Fruchtbarkeit sind diese Ergebnisse mehr als zufriedenstellend. Daher ist der Einsatz von Bullen mit einem hohen RZR zu empfehlen, um die Fruchtbarkeit der Kühe nachhaltig zu verbessern.

Durch die Einbeziehung der Mutterväter konnte gezeigt werden, dass auch ein langfristiger Einsatz von RZR-starken Bullen lohnenswert ist. Gerade vor dem Hintergrund der Wirtschaftlichkeit, Tiergerechtheit und im Hinblick auf das gesetzte Zuchtziel der Deutschen Holsteins ist die Beachtung und Verbesserung der Fruchtbarkeit eines der wichtigsten Ziele der Rinderzucht. Daher ist seit vielen Jahren der Komplex Funktionalität ein wichtiger Bestandteil der deutschen Holsteinzucht. Aufgrund des langen Generationsintervalls in der Milchrindzucht dauert es mehrere Jahre, bis sich die Veränderungen im Zuchtprogramm auch in der Kuhpopulation widerspiegeln. Durch die Einführung des Relativzuchtwertes Fitness (RZFit) mit einer doppelten Gewichtung des RZR (20 %) haben die Betriebe ein gutes Hilfsmittel zur Verbesserung der Fruchtbarkeit und des gesamten Komplexes der Funktionalität zur Verfügung.

FAZIT: Durch den Gruppenvergleich sowie die Korrelationsberechnung konnte gezeigt werden, dass sich der Einsatz von Bullen mit einem guten Zuchtwert für Töchterfruchtbarkeit lohnt. Die Töchter der Bullen mit positiver Fruchtbarkeitsvererbung benötigen signifikant weniger Besamungen für eine Trächtigkeit als ihre Stallgefährtinnen. Die Verzögerungszeit ist geringer und die Zwischenkalbezeit kann durch den Einsatz von RZR-starken Bullen nachhaltig gesenkt werden. Dieser Effekt wurde über alle Betriebe hinweg bestätigt. Jedoch ist neben dem Einsatz von Bullen mit positiver Fruchtbarkeitsvererbung auch immer eine Optimierung des Managements nötig, um die Fruchtbarkeitsleistung in den Milchviehherden nachhaltig zu verbessern.

Drei Fragen an den Autor

Paul Bierstedt, 26 Jahre
Ausbildung: Masterstudium der Agrarwissenschaften an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg mit der Spezialisierung Nutztierwissenschaften.

Wie bist du auf das Thema für deine Masterarbeit gekommen, und wie entstand der Kontakt zur Rinderproduktion Berlin-Brandenburg GmbH (RBB)?
Der Kontakt zur RBB entstand schon vor meiner Studienzeit während meines ökologischen Jahres auf dem Gut Kemmen bei Peter Schollbach. Gestärkt wurde dieser durch meine Jungzüchtertätigkeit. Während meiner Studienzeit unterstützte ich die RBB bei diversen Veranstaltungen und konnte dadurch schnell Kontakte knüpfen. Im Gegenzug erhielt ich Unterstützung bei der Anfertigung meiner beiden Abschlussarbeiten. Bei der Themenauswahl war es mir wichtig, eine aktuelle Problematik zu behandeln, welche gerade für die Praxis von Relevanz ist. Nach Rücksprache mit der Geschäftsführung der RBB sowie Prof. Hermann Swalve als wissenschaftlichen Betreuer, trat schnell das Thema „Fruchtbarkeit von Milchrindern“ in den Fokus. Nach anfänglicher Skepsis meinerseits bin ich froh, dass ich mich auf einen für mich neuen Pfad gewagt habe und dieses interessante Thema bearbeiten konnte.

Welche Erkenntnisse konntest du mit der Arbeit für dich und die Landwirte gewinnen?
Die wichtigste Erkenntnis meiner Arbeit ist, dass man den Zahlen auch manchmal trauen sollte. In einer Zeit, in der die Datenflut immer größer und unüberschaubarer wird, ist es zuweilen schwierig, die Aussagekraft einzelner Parameter einzuordnen. Umso erfreulicher ist es, dass diese Arbeit bewiesen hat, dass die Landwirte und Züchter dem Relativzuchtwert Reproduktion (RZR) vertrauen können. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen dem RZR des Vaters und der Fruchtbarkeit seiner Töchter. Und gerade diese Erkenntnis ist aus meiner Sicht sehr wichtig für die Entscheidungsfindung bei den Landwirten, welcher Bulle zukünftig eingesetzt wird. Desweiteren sind Arbeiten, die den Bogen zwischen Theorie und Praxis spannen von hoher Wichtigkeit. Zum einen, um Vertrauen zu schaffen, zum anderen, damit die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse auch dort ankommen, wo sie hingehören und gebraucht werden.

Wie verlief dein Weg nach der Ausbildung und was würdest du jungen Studenten heute raten?
Nach meinem Studium hatte ich das Glück, sofort einen Job zu finden, der mir Spaß macht und mich fordert und fördert. Seit November 2013 bin ich bei der RBB angestellt und betreue seit April dieses Jahres als Zuchtinspektor Fleischrind die Betriebe im Süden Brandenburgs. Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig für junge Menschen mit Ambitionen für die Landwirtschaft, den Bezug zu Praxis zu finden und zu wahren. Dadurch ist es viel leichter, die Theorie zu verstehen und nachzuvollziehen. Nicht zu verachten ist auch der Kontakt zu Landwirten, Züchtern und Verbänden. Gerade für die zukünftigen beruflichen Aussichten ist das sehr hilfreich und öffnet die eine oder andere Tür. Durch den Brandenburger Jungzüchterverein, die RBB GmbH, als auch den Kontakt zu vielen Züchtern hatte ich beste Voraussetzungen für meinen Berufseinstieg.   

Es fragte ANJA NÄHRIG

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