Schubachs Könige der Lüfte

11.03.2014

© Sabine Rübensaat

Lisa Schubach mit dem Sibirischen Uhu Bubu

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Der erste Eindruck ist ein akustischer: Pfeifen, Kreischen und Schreien lassen den Besucher aufhorchen noch bevor er das Falknereigelände betreten hat. Was er zuerst sieht, ist Hertha Schubach im robust-hölzernen Kassenhaus. Lisas Mutter hält die Fäden des Familienunternehmens zusammen, kassiert, macht Termine und heißt Besucher willkommen. Zwar ist sie die einzige nicht ausgebildete Falknerin in der Familie, aber nach knapp 30 Ehejahren mit einem Falkner kennt auch sie sich mit den Greifvögeln bestens aus.

Ralf Schubach legte 1986 seine Falknerprüfung ab und ging seinem Hobby im DDR-Jagdverband nach. Damals lebten die Schubachs noch bei Halle an der Saale. Er war Maurer, sie Pflanzenschutzingenieurin. Ihr Sohn Elias, heute 36, bekam schon mit fünf Jahren den ersten Turmfalken auf die Faust. Bei Lisa, die nach dem Umzug der Familie nach Thüringen geboren wurde, wird es nicht viel später gewesen sein. Bewusst erinnern könne sie sich aber daran nicht, erzählt sie auf dem Weg zur Bergwiese hinter dem Falknereigelände. Hier soll das Titelbild für die BauernZeitung entstehen. Blauer Himmel, Sonnenschein, Bubu nimmts gelassen. Die sibirische Uhudame ist die gefiederte Diva des KiKa-Baumhauses, das immer vorm Sandmännchen kommt, und hat schon ein bisschen was von der Medienwelt gesehen. Ihre uhutypischen Federohren liegen an, aufmerksam schaut sie um sich. Die Fotografin fotografiert, Lisas Bruder macht Geräusche, lockt mit Futter und sorgt für die richtige Blickrichtung des Uhus. Bubu posiert geduldig, Lisa auch.

So ähnlich muss auch das Fotoshooting an der Oberbaumbrücke in Berlin begonnen haben, von dem Lisa später erzählt. Doch mit einem Mal war da der Himmel schwarz von Krähen, die Scheinangriffe auf Bubu flogen. Da standen die Federohren senkrecht: Alarm! „Wir mussten abbrechen“, erzählt Lisa, „das Wohlbefinden der Vögel geht immer vor. Wenn sie kaputt sind oder es ihnen langweilig wird, hören wir auf.“ Sie selbst müsse bei so einem Fotoshooting nicht nur auf die Tiere achten, sondern nebenbei noch immer schön gucken und Haltung bewahren. „Trotzdem macht es Spaß“, lächelt die 25-Jährige. Sie hat schon mit verschiedenen Fotografen gearbeitet, die sie meist mit einem der Greifvögel in Szene setzen: mit Bubu, den Schleiereulen Apollo und Athene, die Lisa selbst großgezogen hat, oder mit dem Schopfkarakara Punky, der zu ihren persönlichen Lieblingen gehört. Nicht alle Bilder gefallen ihr, auf manchen ist sie kaum zu erkennen. „Hauptsache den Fotografen gefällt es“, sagt Lisa gleichmütig, und Elias frotzelt: „Manchmal ist es auch besser, wenn man dich nicht erkennt.“ Geschwisterliebe.

Seit 2012 ihr Vater mit dem Adler- und Falkenhof auf Burg Greifenstein in Bad Blankenburg eine zweite Falknerei aufgebaut hat, bieten die beiden Juniorfalkner die täglichen Flugvorführungen am Rennsteig in Eigenregie an. Lisa moderiert, Elias hält sich verbal lieber im Hintergrund und „spielt den Laufburschen“ – wie er selbstironisch bemerkt. Das Besondere an den Flugvorführungen der Schubachs ist, dass Vögel und Publikum hautnah zusammentreffen. Schon ihr Vater trainierte besonders geeignete und kontaktfreudige Vögel für diese Begegnungen, und Lisa und Elias knüpfen daran an. So bekommen die Besucher beispielsweise rote Kappen auf und Punky hüpft von einem Kopf zum anderen. Oder Gänsegeier Merry schreitet die Besucherreihen ab. Besonderes eindrucksvoll ist es jedoch, wenn man selbst den Falknerhandschuh anziehen darf und einer der Greifer ihn anfliegt. Ein Dreikilo-vogel wie Bubu landet sanft wie ein Watteknäuel, und wenn der Uhu einen mit seinen großen, bernsteinfarbenen Augen anblickt, schaut man geradewegs in die Unendlichkeit. Dabei ist der Grund für sein Interesse alles andere als überirdisch: Es gilt dem Stück Eintagsküken, das der Falkner dem Gast in den Falknerhandschuh geklemmt hat. Sieben davon erarbeitet sich Bubu täglich bei den Flugshows oder beim Training. Sie werden als Tiefkühlware aus Holland geliefert und stehen ganz oben auf der Speisekarte der 24 Greifvögel. Außerdem gibt es Wild. 

Überhaupt ist das Futter der Dreh- und Angelpunkt bei der Falknerei. „Der Greifvogel geht immer den Weg des geringsten Widerstands – auch in der Natur“, erläutert Lisa. „Er bewegt sich nur, wenn er muss: Nahrungsbeschaffung, Balzzeit, Revierverteidigung. Ansonsten bleibt er stehen und nutzt jede Gelegenheit, um an Futter zu kommen. Der Falkner macht sich das zunutze.“ Die Ausbildung der Vögel erfolge nie mit Strafen, ausschließlich mit Belohnung. „Ich muss mir das Vertrauen des Tieres erarbeiten, und wenn ich es habe, kann ich ihm die Freiheit schenken, und es kommt zu mir zurück.“ Das Zusammenspiel von Mensch und Tier, das hier so bedingungslos funktioniert, sei es, was sie an der Falknerei am meisten fasziniert, sagt Lisa. Dass sie nach ihrem Forstwirtschaftsstudium in Erfurt 2010 als Bachelor of engineering ihr Hobby zum Beruf gemacht hat, zeigt, wie groß diese Faszination ist.

Und Lisa ist nicht die erste: Seit Jahrtausenden haben manche Menschen ein besonderes Verhältnis zu Greifvögeln (siehe Kasten). Allerdings stand die längste Zeit nicht ihr Schauwert, sondern die Beizjagd im Vordergrund. Der Begriff ist vom mittelhochdeutschen „beizen“ abgeleitet, was soviel bedeutet wie „beißen lassen“. „Auf der Beizjagd muss ich mich als Mensch gar kaum einmischen“, erzählt die Falknerin. „Beim Anwarterfliegen zum Beispiel steigt der Falke hoch, fliegt Ringe, guckt, was der Hund macht und wartet. Der Hund stöbert, und sobald er vorsteht, also Wild anzeigt, bleibt er stehen und der Falke greift an.“ Was so einfach klingt, setzt jahrelanges Training von Vogel, Hund und Mensch voraus. Noch teilen sich die Schubachs ihren Münsterländer namens Petri, einen typischen Falknerhund. Gerade tags zuvor war Elias mit ihm und Hella, einem Habicht, auf Jagd. Der gelernte Schornsteinfeger, der wie Lisa 2007 seine Falknerprüfung ablegte, ist außerdem leidenschaftlicher Angler. Auf Einladung des Fischers war er an dessen Teichen unterwegs. „Hella war erfolgreich, hat einen Graureiher gebeizt“, erzählt er. „Ein Kilo gegen drei Kilo. Das kann auch für den Habicht gefährlich werden, wenn er den Kopfgriff nicht beherrscht.“ Den jedoch haben sie mit Federspiel und Schleppe, einer Übungsatrappe, ausgiebig trainiert.

Ein Aufgabengebiet des Falkners, für das er auch bezahlt wird, ist das Vergrämen von Wildtieren wie Krähen, Tauben oder Kaninchen von Orten, an denen sie unerwünscht sind, besonders dort, wo keine Schusswaffen erlaubt sind. Außerdem hat sich Elias ein weiteres kommerzielles Standbein geschaffen. Gemeinsam mit Lisa und einer Auswahl an Greifvögeln, die auch außerhalb des vertrauten Geländes verlässlich fliegen, ist er mit seiner mobilen Falknerei eine Attraktion bei Waldjugendspielen oder Waldrallyes, auf Hochzeiten oder in Senioreneinrichtungen.

Dass seine beiden Sprösslinge die Leidenschaft für die Falknerei so uneingeschränkt teilen, freut besonders ihren Vater Ralf Schubach. In der DDR durfte er als privater Falkner keine kommerzielle Anlage wie die Greifvogelwarte betreiben. Dafür konnte er – was heute nicht mehr erlaubt ist – einen jungen Habicht oder Bussard aushorsten, um ihn für die Beizjagd zu trainieren. Erst nach der Wende durfte er als Falkner auch andere Greifvögel besitzen. Allerdings muss er sie nun von Züchtern kaufen oder selbst züchten. Und so dauerte es noch 16 Jahre bis am 1. Oktober 2006 die Greifvogelwarte Falknerei am Rennsteig eröffnet werden konnte. Zuvor sammelte Ralf Schubach Erfahrungen in anderen Falknereien, machte sich mit der Zucht vertraut, hatte Richtlinien und gesetzlichen Vorgaben von Haltung bis Volierenmaß zu studieren und ein Gelände für die Greifvogelschau zu finden. Das ehemalige Bienenzuchtgelände hinter dem Wirtshaus  „Ruhlaer Skihütte“ in Winterstein bei Ruhla mitten im Thüringer Wald erwies sich als geeignet und stand zur Pacht. Es ist kein typisches Gelände für eine Greifvogelwarte, die häufiger auf hoch gelegenen Burgen zu finden sind. Doch der Plan ging auf, die Besucher kommen.

Zu den täglichen Routinearbeiten der Falkner gehört das morgendliche Wiegen der 24 Greifvögel. Das Gewicht ist nicht nur Indikator für den Gesundheitszustand. „Ihr Futter erarbeiten sich die Tiere bei der Flugshow, auf der Jagd oder beim Training. Da kann es schon mal passieren, dass eines nicht genug abbekommt. Und das muss später dann ausgeglichen werden. Bei einem Hundertgramm-vogel wie dem Buntfalken müssen wir da ganz besonders achtsam sein“, erzählt Lisa. Auch die Gehege zu säubern, Gewölle zu sammeln und auszuwerten gehört zur Falknerroutine. Und nach Feierabend ist damit noch lange nicht Schluss.

Wenn Schubachs nach Hause kommen, werden sie schon von einer wechselnden Anzahl Sakerfalken, Steinkäuzen und Pfleglingsvögeln erwartet. Diesen Winter über teilen sie ihr Heim beispielsweise mit Wespi, einem Wespenbussard, der sich das Bein gebrochen hatte, gesund gepflegt wurde, jedoch den Abflug ins afrikanische Winterquartier verpasste. Sobald es warm genug sein wird, bekommt er seine Freiheit. Bis dahin dreht er seine Runden im warmen Wohnzimmer. Wespi hatte schon etliche Vorgänger. Lisa erinnert sich an zwei Waldohreulen, die erst fünf Tage alt waren, als sie gebracht wurden. Schubachs zogen sie auf und ließen sie im Herbst wieder frei. Hertha Schubach fällt Alfred, der Haubentaucher, ein. Der nahm eine Zeitlang Schubachs Badewanne in Beschlag und fraß zwar den Silvesterkarpfen, den Elias geangelt hatte, wollte sich aber nie auf Tauchstation begeben. Nach einer ersten missglückten Auswilderung stellte die Tierärztin fest, dass Alfreds Bürzeldrüse, mit deren Hilfe er sein Gefieder fettet, verstopft war. Das Problem wurde behoben, und Alfred war von nun an ein tauchender Haubentaucher wie alle anderen.

Um Pfleglinge wie diese kümmern sich Schubachs in ihrer Freizeit. Zwar gibt es eine Spendenkasse, aber das Geld darin würde nicht einmal für die Tierärztin reichen, die sich daher auch ehrenamtlich um die gefiederten Findelkinder verdient macht. Und auch die Zucht der Steinkäuze gehört zum ehrenamtlichen Engagement der Falknerfamilie. Sie arbeiten im Greifvogel- und Steinkauzprojekt Harzer Vorland e. V. mit. Ihre Steinkauznachzucht wird später beringt und ausgewildert.

Die Zucht der Sakerfalken ist hingegen ein privates Projekt. Den Greifvogelhandel mit arabischen Scheichs, bei denen Saker-, Ger- und Wanderfalken hoch im Kurs stehen, sehen Schubachs allerdings skeptisch. Sie seien der Meinung, dass die speziellen Anforderungen der Tiere nicht würdig sind. „Sie sollen Eigenschaften besitzen, die nicht zu vereinbaren sind, und als nordische Vögel haben sie Stress, wenn sie in die Wüste kommen“, erläutert Lisa ihre Ansicht. Anfragen habe es schon gegeben, aber Schubachs schicken ihre Sakerfalken nicht in die Wüste. Möglicherweise bereichern sie irgendwann die Flugvorführung. Für Lisa allerdings stehen andere Vögel auf dem Wunschzettel: ein Sekretär zum Beispiel, der in natura Schlangen jagt, ein Schmutzgeier, der mit einem Stein ein Ei zerschlagen kann oder ein zweiter Schopfkarakara. Ihre Mutter dagegen hätte gern ein moderneres Kassenhaus. Warum wir sie nach ihren Wünschen gefragt haben? Sonnabend ist Frauentag!

www.rennsteigfalknerei.de

Kleine Geschichte der Falknerei
Vor etwa 3 500 Jahren jagen Reitervölker in den Steppen Zentralasiens mit der Hilfe von Greifvögeln. Im 4. Jahrhundert nach Christus verbreitet sich mit der Völkerwanderung die Beizjagd in Europa. Nach den Kreuzzügen kommt die Falknerei auch im Abendland wieder verstärkt in Mode und entwickelt sich zum Privileg und Statussymbol des Adels. Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen verfasst um 1245 das Traktat De arte venandi cum avibus („Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen“). Für ihn ist der ideale Falkner auch der ideale Herrscher. Im 16. Jahrhundert gilt dem europäischen Adel ein großes Falknerkorps als Zeichen von Reichtum und Macht. Berufsfalkner bieten ihre abgerichteten Vögel allen europäischen Fürstenhäusern an. Im 18. Jahrhundert kommt  die Parforcejagd in Mode, dennoch hat die Falknerei ihre Fans: Karl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach betreibt eine der größten Falknereien in ganz Europa. Er gibt 1756 die Übersetzung des Falkenbuchs des Hohenstaufenkaisers in Auftrag, das unter dem Titel „Von der Kunst zu beizen“ erscheint. Die Französische Revolution bereitet ab 1789 auch der höfischen Falknerei  ein Ende. 1923 gründet sich in Leipzig der Deutsche Falkenorden (DFO), der die Falknerei als kulturelles Erbe in Theorie und Jagdpraxis erhalten will. 1959 spaltet sich aus den Reihen des DFO der Orden Deutscher Falkoniere (ODF) ab und 1990 schließen sich DDR-Falkner zum Verband Deutscher Falkner (VDF) zusammen, der mittlerweile auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Landesverbände hat.

Im Mittleren Osten sind Greifvögel und Beizjagd noch heute Statussymbol. Am 16. November 2010 nimmt die UNESCO die Falknerei u. a. in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Mongolei, Marokko, Qatar, Saudi Arabien, Österreich, Frankreich, der Slowakei, der Tschechischen Republik, Belgien und Frankreich in die „repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ auf.

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