Mit Herz und Hammer

21.11.2013

Auktionshalle © Heike Mildner

Gelassen stehen sie nebeneinander im frischen Stroh. Keine Spur von Konkurrenz, trotz der Körung am Vortag. 86 Fleischrindbullen – darunter viele Uckermärker, Charolais, Fleckvieh und Limousin sowie ein paar Angus, Blonde d’Aquitaine und Hereford – sollen an diesem winterlichen Märztag per Versteigerung den Besitzer wechseln. Seit 10 Uhr sind jede Menge Menschen im Stall. Einzeln oder in kleinen Gruppen sind die potenziellen Käufer unterwegs, begutachten die Tiere, machen sich Notizen, unterhalten sich leise, kalkulieren im Stillen, welchen der Kandidaten sie bevorzugen würden, was er sie kosten dürfte, wie begehrt er sein würde und wer gegebenenfalls als zweite oder dritte Wahl infrage käme. Eine Atmosphäre des Konjunktiv.

Ab mittags um eins gilt es, die Frage- in Ausrufezeichen zu verwandeln. Anne Menrath weiß, was auf sie zukommt. Es ist die dritte Auktion, bei der sie den Hammer schwingt. Die Stallkleidung gegen den schwarzen Businessanzug getauscht, ein prüfender Blick in den Spiegel, ein weiterer in die Unterlagen: Dann kann’s losgehen. Drei Männer in Schottenröcken stehen im Ring und rufen mit Dudelsäcken und Trommel die letzten Bratwurstverkoster auf die Plätze. Wenn das mal kein schlechtes Omen ist. Schließlich gelten Schotten nicht gerade als großzügig. In die letzten näselnden Borduntöne hinein begrüßt Anne Menrath die versammelte Fleischrindgemeinde. Keine zwei Minuten, und das Wesentliche zum Versteigerungsprozedere ist gesagt. Dann betritt Charolais-Siegerbulle Leo vom Weidenbusch, motiviert durch Leine, Führstange und gutes Zureden, den Ring. „Wir beginnen mit 2.000“, beginnt Anne Menrath, „Zwei-eins, zwei-zwei, zwei-drei, zwei-vier dort oben, zwei-sechs unten, zwei-sieben links ...“ Es geht unheimlich schnell, kaum ist ein Arm oben, ist die Meldung registriert, bestätigt und auch schon wieder überboten. Bei 3.000 lobt die Auktionatorin die Flasche „Bullenschuss“ aus, eine Beigabe zu jedem Tier, das für diese oder eine höhere Summe ersteigert wird. Jetzt geht es in Zweihunderterschritten weiter.

„Genetisch hornlos, acht – neun – acht, Bemuskelung neun, richtig schön fleischig, breiter Rücken, toller Bulle, wir sind bei viertausend, wer macht noch mit? Vier-zwei ...“ Die Ringman, die jeweils nur einen Teil des Publikums im Blick haben, leiten den Willen der Kaufwilligen verstärkt weiter. Adlerauge Anne entgeht nichts. Keine drei Minuten nach Beginn der Auktion haben Leo und 5 200 Euro unter Beifall und Gute- Laune-Musik vom Band den Besitzer gewechselt. Doch das Headset-Mikro muckert, setzt immer wieder aus. Anne behält die Nerven und redet weiter, bis die Techniker ihr ein Handmikro bringen. Das allerdings schränkt die Mobilität der Hände ein. Normalerweise zeigt sie mit der einen in Richtung Bieter und bedient mit der anderen den Auktionshammer. Ein paar Tiere weiter hat sie die Hände frei, das Headset sendet wieder. Besser so, denn auch wenn alles funktioniert, ist die Sache schon aufregend genug. Drei Stunden surft Anne Menrath in rasantem Tempo durch die Rassen, Genetiken und Angebote – im Schnitt zwei Minuten pro Tier. Besonders spannend fürs Publikum wird es, wenn sich zwei Bieter duellieren. Spannend für Anne wird es, wenn es auf den Rängen ruhig bleibt, ein Tier weniger Interesse erregt. Dann gilt es, dessen Vorzüge ins rechte Licht zu rücken und die Stimmung am Laufen zu halten. Manche Auktionatoren greifen in solchen Fällen schon mal auf einen pensionsberechtigten Blondinenwitz zurück. Annes Sache ist das nicht. Sie setzt eher auf Sachlichkeit und Konzentration. Und Letztere reicht sogar noch über die drei Auktionsstunden hinaus für ein Gespräch mit der BauernZeitung ... 

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