Jungzüchterin

15.11.2013

Jungzüchterin Rebecca Engel. © Sabine Rübensaat

Das elterliche Gehöft liegt mitten in Bugk, einem 200-Seelen-Ort bei Storkow. Hühner gackern über den Hof, Hunde balgen miteinander, während die Katze gelassen ihre Runden zieht. Das niedrige Backsteingebäude zur Rechten stammt aus dem 19. Jahrhunderts, in der mit einem großen Holztor versehenen Scheune daneben türmen sich Strohballen. Von hier sind es nur wenige Hundert Meter bis zum See, davor befindet sich eine Koppel, auf der Pferde weiden. Eine ländliche Idylle? „Nein“, sagt Rebecca Engel, „nur ein verdammt schöner Anblick. Der Rest ist harte Arbeit.“

 

Wir haben uns mit der Dreiundzwanzigjährigen verabredet, um mehr über ihre Leidenschaft für die rassigen Vierbeiner zu erfahren. Und um hinter das Geheimnis zu kommen, wie man zu Deutschlands erfolgreichster Jungzüchterin wird. Dem Wunsch nach einem Fotoshooting mit dem „besten Pferd im Stall“ kommt Rebecca lächelnd nach. Zeigt, wie souverän sie mit der als Staatsprämienstute geadelten Fanny Brown umgehen kann. Geduldig absolvieren beide Runde für Runde. Doch dann bittet Rebecca um Verständnis. „Ich muss mich um die Mutterkühe kümmern.“ Schlüpft in ihre grüne Latzhose, schnappt sich den Futtereimer, und raus geht’s zu der Charolaisherde am Ortsrand. Einem vor wenigen Tagen geborenen Kalb müssen Ohrmarken eingezogen werden. Nachdem das Muttertier mit Ablenkfutter versorgt ist und Stiefvater Roland Herfurth den putzmunteren Nachwuchs fixiert hat, setzt Rebecca ebenso routiniert wie vorsichtig die Zange an. Kurzes Aufbäumen des staksigen Vierbeiners, dann ist für ihn die Welt schon wieder in Ordnung. Ein Kontrollgang über die per Elektrozaun gesicherte und von einem Waldstreifen umsäumte Fläche schließt sich an. Die ­angehende tiermedizinische ­Fachangestellte mustert die knapp 40 Tiere einschließlich Bullen umfassende Herde. Alles in Ordnung? Keine Auffälligkeiten! Beruhigt steigt Rebecca wieder in den Wagen. Kein Zweifel, dass sie die robusten, an diesen Apriltagen noch mit einem zotteligen Winterfell versehenen Rinder mag. „Doch an den Pferden häng ich noch viel mehr!“

  

Mit Romy (Foto oben) fing alles an. Dieses dunkelbraune Shetlandpony mit der dichten Mähne hatte es Rebecca, damals gerade acht Jahre jung, sofort angetan. Wie flink es trotz seiner kurzen Beine unterwegs war. Und erst dieser sanftmütige Blick! Vor allem aber ließ es sich leicht reiten und von einer Minderjährigen gut beherrschen. Den Vierbeiner musste sie unbedingt haben! Rebeccas Eltern erfüllten diesen Wunsch sehr gern, kauften das von einem Hof bei Altlandsberg stammende Pony. Nicht ohne zuvor ihre Tochter aber noch einmal eindringlich darauf hingewiesen zu haben, dass solch ein Tier täglich Futter braucht, Pflege und Zuwendung sowieso. „Dafür musst du jetzt sorgen, Becky! Versprochen?“

 

Versprochen. Und Wort gehalten in all den Jahren. Romy hat mittlerweile ein nahezu biblisches Alter von 20 Jahren, erfreut sich noch guter Gesundheit und eines fast unbändigen Bewegungsdrangs. „Obwohl sie manchmal ein oller Sturkopf ist. Wenn sie nicht will, dann will sie nicht“, meint Rebecca. Sie gibt dem Pony, mit dem sie unzählige Turniere geritten ist und Fuchsjagden bestritten hat, einen liebevollen Klaps. „Beim Galoppieren sind wir meist an allen anderen vorbeigezogen.“

 

Zu den Jungzüchtern sei sie aber erst mit 16, 17 Jahren gestoßen, also ziemlich spät, berichtet sie. Die Mama habe sie einfach mitgenommen zu einem Seminar des Wulkower Zuchtvereins. „Das Ganze entpuppte sich dann aber als ein kleiner Wettbewerb, bei dem man sein Wissen und den richtigen Umgang mit den Tieren demonstrieren sollte.“ Vermutlich habe sie sich damals „ nicht ganz verkehrt angestellt“, formuliert Rebecca diplomatisch. Denn fortan war sie immer mit von der Partie, nahm an den Verbandsmeisterschaften teil, dann am Landesausscheid, qualifizierte sich für die Deutsche Meisterschaft und vor zwei Jahren gar für die Weltmeisterschaft in Frankreich. „Da saß ich allerdings nur auf der Reservebank.“ Aber immerhin!

 

Als „Ritterschlag“ bezeichnet sie ihre Berufung in den Jungzüchterkader des Pferdezuchtverbandes Brandenburg-Anhalt. Das war im Jahre 2009. Zwei Jahre später gehörte Rebecca zur erfolgreichsten Mannschaft bei den Deutschen Meisterschaften der Jungzüchter in Schleswig-Holstein. Das Team konnte im vergangenen Jahr den Titel verteidigen, während Rebecca zugleich in der Klasse der „älteren“ Jungzüchter den Einzelsieg einfuhr. Damit habe sie gar nicht gerechnet, versichert sie. „Schon an solch einem Ausscheid mit den besten Jungzüchtern teilzunehmen ist doch ein Gewinn. Denn jeder Wettbewerb bietet die Chance, dazuzulernen.“

 

Rebecca sieht sich so gar nicht auf dem „hohen Ross“. Dieses Klischee treffe ohnehin nicht für die Jungzüchter zu. Denn im Unterschied zu den Turnierreitern sitzen diese nicht im Sattel, sondern müssen die rassigen Vierbeiner vorführen und bewerten. Beim Wettbewerb geht es zuallererst darum, solide Kenntnisse der Pferdezucht und -haltung unter Beweis zu stellen. Danach muss beurteilt werden, wie andere Jungzüchter Tiere auf der sogenannten Dreiecksbahn vorführen und welche „Figur“ Letztere beim Freispringen machen. Die „Königsdisziplin“ aber stellt schließlich die eigene Präsentation dar. Per Los bekommt jeder Jungzüchter ein Pferd zugeteilt, das er vorzustellen hat. Keine leichte Aufgabe, wenn man vorher noch nie mit dem Tier zu tun hatte, versichert Rebecca. „Da braucht es viel Einfühlungsvermögen, aber auch ein gewisses Maß an Risikobereitschaft.“ Wie passt das zusammen? Beim Aufstellen, erläutert Rebecca, ist Ruhe gefragt, beim Vorführen aber muss es dynamisch zugehen. Das Pferd ist sozusagen aus der Reserve zu locken, ohne dass es durchgeht und erst wieder gebändigt werden muss. „Dies genau hinzukriegen ist die Hohe Schule.“

 

Rebecca muss die Faszination Pferd nicht beschreiben, sie lebt sie. Und kann andere schnell anstecken, wenn sie von der Entwicklung eines Fohlens zum „zweijährigen Halbstarken“ und vom anschließenden „Glücksgefühl“ spricht, diesen dann schließlich unterm Sattel gehen zu sehen. „Das habe ich wohl von meiner Mama mitbekommen, die mich frühzeitig schon begeistern konnte.“ Insbesondere für die Rasse Deutsches Sportpferd, die auf dem Hof in Bugk erfolgreich gezüchtet wird, wie die zahlreichen Plaketten im Stall belegen. Dieses Warmblut zeichnet sich durch einen ausgeglichenen Charakter und Vielseitigkeit aus, die sowohl den Einsatz im Spring- als auch im Dressurreiten und sogar im Fahrsport möglich macht. Dennoch darf man eines nie aus dem Auge verlieren, weiß Rebecca: „Das Pferd ist ein Fluchttier. Es muss mit Respekt behandelt werden!“ Wozu unbedingt gehört, für ausreichend Auslauf und genügend Zeit für die Futteraufnahme zu sorgen.

 

Respekt ist aber auch der Dreiundzwanzigjährigen zu zollen, nicht nur ihrer Erfolge wegen. Ihre Bewerbung für das Veterinärstudium wurde abgelehnt, weil die Abiturnote nicht gut genug war. Für Rebecca aber kein Grund aufzugeben. Sie entschied sich für die dreijährige Ausbildung als Tierarzthelferin. Die praktische Ausbildung absolviert sie in einer Praxis bei Fürstenwalde, die theoretische im Oberstufenzentrum in Potsdam. Demnächst stehen die Abschlussprüfungen an. Wenn die bestanden sind, will sich Rebecca neu bewerben. Zuvor aber gibt es die Deutschen Meisterschaften. Bisher ist es wohl noch keinem Jungzüchter gelungen, den Titel zu verteidigen, meint Rebecca. „Aber den Versuch ist es schon wert!“

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