Isegrim wirft viele Fragen auf

18.01.2017

© BauernZeitung

■ Paul Bierstedt ist Arbeitsgruppenleiter Fleischrind bei der RBB Rinderproduktion Berlin-Brandenburg GmbH.

 

Sie haben das 3. Wolfsplenum Mitte Dezember vergangenen Jahres aufmerksam verfolgt – mit welchen Eindrücken?
■ Es war für mich eine Premiere und daher ziemlich spannend. Ich hatte mich vorab schon informiert und wusste, dass hier verschiedene Meinungsgruppen zusammentreffen werden. Es hat mich dann um so mehr überrascht, dass es auf dem Plenum den Grundkonsens gab, dass wohl kaum einer den Wolf ausrotten will. Deutlich wurde aber auch die Angst der Weidetierhalter vor weiteren Übergriffen der grauen Räuber und großen finanziellen Schäden.

Hatten Sie durch Ihre Arbeit schon mit Wolfsrissen zu tun?
■ Mehrmals. Vor ein paar Wochen erst war ich bei einem Dexter-Züchter in der Nähe von Ziesar, dessen Mutterkuhherde bereits zum zweiten Mal attackiert worden war. Er hat zwei Kälber verloren. Zuvor hat es einen Betrieb in Sonnewalde erwischt. Von dem Kalb war außer der Wirbelsäule und ein paar Knochen kaum noch etwas übriggeblieben.

Wie ist die Stimmung unter Fleischrindzüchtern angesichts solcher Übergriffe?
■ Die meisten bemühen sich, sachlich damit umzugehen. Natürlich ist jedes gerissene Kalb eines zuviel und somit Anlass zur Sorge, weitere Tiere zu verlieren. Aber noch größer ist die Angst, dass die vom Wolf irritierte Herde in Panik gerät und ausbricht. Was passiert, wenn dabei Menschen zu Schaden kommen? Wie steht es um die Versicherung, wenn sich nicht hundertprozentig nachweisen lässt, dass der Wolf das alles verursacht hat? Auf diese und eine Reihe von weiteren Fragen gibt es bislang keine Antwort.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als der Vertreter des Umweltministeriums die steigende Zahl an Kälberrissen als „Ausrutscher“ abtat?
■ Ich dachte, ich höre nicht richtig. Das war eine Verharmlosung, die gerade angesichts des versammelten Fachpublikums einfach inakzeptabel ist. Natürlich wird der Wolf zunehmend Beute auch unter den extensiv gehaltenen Weiderindern machen, wenn das schon einige Mal erfolgreich war. Und lernen, auch noch so gut gesicherte Zäune zu überwinden.

Was erwartet der Rinderzuchtverband vom Wolfsmanagementplan?
■ Wir stimmen völlig überein mit den Forderungen des Schafzuchtverbandes, der auf einem vollen Ausgleich für Prävention wie auch für den eingetreten Schaden besteht. Bislang werden zwar Schutzzäune finanziert, nicht aber deren Aufbau und Unterhaltung. Unsere Mitgliedsbetriebe halten sich an die Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutz. Doch der Aufwand dafür ist immens. Diese Maßnahmen müssen praktikabler, mit weniger Bürokratie verbunden sein. Außerdem erwarten wir, dass ein Schadensausgleich ebenso für Mutterkuhhalter gewährt wird, die das im Nebenerwerb oder als Hobby betreiben. Und dass es eine unbürokratische Entnahme von Problemwölfen gibt.

Besonders unter jungen Leuten findet die Rückkehr des Wolfes Zustimmung. Trifft das auch auf Ihren Freundeskreis zu?
■ Nein. Ich stamme aus einem Dorf im Havelland und habe dort sowie in weiteren ländlichen Orten, aber auch in Potsdam viele Freunde. Die sind naturbegeistert und wissen, welch hohen Stellenwert die Weidetierhaltung für die Kulturlandschaft hat. Die kann nur dann gesichert werden, wenn das biologische Gleichgewicht bewahrt und die Zahl der Wölfe in Grenzen gehalten wird. Die ehemaligen Truppenübungsplätze und die Rekultivierungsflächen im Land bieten für eine bestimmte Anzahl an Wölfen genügend Lebensraum, der aber auf Kosten der Weidetierhaltung nicht beliebig ausgedehnt werden kann. Von der zu leben ist für Schäfer, aber auch Mutterkuhhalter schon schwierig genug. Es kann nicht sein, dass ihre Existenz gefährdet wird.

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