Frau wächst mit ihren Aufgaben!

06.05.2013

 

 

Wie hoch, meinen Sie, ist gerade Ihr Adrenalinspiegel? 

• Vor drei Stunden war er mit Sicherheit am höchsten. Jetzt lässt die Anspannung langsam nach. Aber um das mal einzuordnen: Gestern hab ich hier die Bullen mit gerichtet. Das mache ich beispielsweise auch auf der BraLa, letztes Jahr in Thüringen oder nächste Woche in Hamm. Das macht immer viel Spaß und ist auch aufregend, aber diese Aufregung kann man nicht vergleichen mit der vor der Bullenauktion. Im Dezember habe ich das erste Mal davon geträumt! Die Anspannung ist riesig. Die Züchter vertrauen mir ihre Tiere an. Für sie ist es ein Riesenaufwand – von der Auswahl der Bullen über das Führigmachen bis zum Transport ... Aber der Erfolg ist nicht zuletzt von den Leuten abhängig. Wenn keiner den Finger hebt, kann ich vorne Tango tanzen, aber das bringt nichts. Natürlich versuchen wir im Vorfeld, Angebot und Nachfrage einigermaßen aufeinander abzustimmen, aber vor einer Auktion weiß man nie, wie sie laufen wird.

 

Sind Sie zufrieden, so wie es heute gelaufen ist? 

• Sehr zufrieden. Ich glaub’, der teuerste Bulle lag bei 6.300 Euro. So hoch hab ich bisher noch keinen versteigert.

 

Wie sind Sie Auktionatorin geworden?

• Gibt es dafür eine Ausbildung?  Eine Extraausbildung gibt’s dafür nicht. Ich arbeite seit 2007 beim RBB, bin für die züchterische Beratung der Fleischrindzüchter im Süden Brandenburgs und Berlins zuständig. Zum einen bewerte ich die Tiere, köre die Bullen, mache aber auch die Vermarktung, vermittle Käufer und Verkäufer, fahre zu anderen Verbänden, um frische Genetik auszusuchen. Außerdem bereite ich Schauen und Auktionen vor. Ein schöner Mix zwischen der Arbeit vor Ort mit Kunden und ihren Tieren und der Arbeit an Computer und Telefon.

 

Und die Auktion ist die Krönung? 

• Die Bullenauktion ist für mich auf alle Fälle der Höhepunkt im Arbeitsjahr. Aber um auf die Ausbildung zurückzukommen: Ich bin aus Leverkusen, aus dem Rheinland. Meine Eltern hatten überhaupt nichts mit Landwirtschaft zu tun, aber ich fand es schon als Kind immer toll auf dem Bauernhof, besonders, wenn der Bauer mich mit in den Stall genommen hat. Nach dem Abi habe ich in Bonn Agrarwissenschaften mit dem Schwerpunkt Tierproduktion studiert. Nach verschiedenen Praktika war schnell klar, dass mein Interesse in Richtung Fleischrindzucht geht. Zwar haben alle gesagt: „Vergiss es, wenn du von der Uni kommst, kannst du erst mal irgendwelche Futtermittel verkaufen gehen“ – aber der RBB hatte eine Stelle ausgeschrieben, ich habe mich beworben und fünf Wochen später mein Pferd eingepackt und bin hergezogen. Im Praktikum bei einem Fleischrindzüchter hatte ich schon einiges gelernt, hier bin ich dann mit meinen Kollegen unterwegs gewesen, die mir eine Menge erklärt haben, was man auf der Uni nicht lernt. Aber man sollte schon mit Herz und Leidenschaft dabei sein, dann kriegt man auch was mit von der Fleischrindzucht und einen Blick für die Tiere. Und der ist für die Auktionen wichtig. Als der frühere Auktionator aufhörte, hat mich die Geschäftsführung gefragt, ob ich das machen würde, man würde es mir zutrauen. Kann man da Nein sagen? Ich bin in dem Jahr häufiger als üblich zu Auktionen gefahren und hab’ da nicht nur wie sonst auf die Tiere geachtet, sondern mich auf den Auktionator konzentriert, überlegt, was macht er gut, was kann ich mir abgucken …

 

Was haben Sie sich abgucken können, welche eigenen Erfahrungen gemacht? 

• Vor der ersten Auktion habe ich zu Hause vorm Spiegel geübt. Aber das funktioniert nicht. Ich hatte damals vor allem Angst davor, keine Stimmung in die Bude zu kriegen – das war aber grundlos. Ich habe gemerkt, die Leute sind auf meiner Seite, die Stimmung war schnell da. Das Schwere dabei ist eher, über drei Stunden die Konzentration zu halten. Sehen, Bieter und Gebot merken, zwischendurch etwas Gutes zum Bullen sagen, hinterher noch wissen, bei welchem Gebot man war ... Das hab’ ich vorm ersten Mal wirklich unterschätzt. Man darf nicht eine Sekunde an irgendwas anderes denken, dann ist es vorbei. Außerdem habe ich gelernt: Man muss versuchen, man selbst zu bleiben, wenn man da oben steht, und nicht versuchen, irgendjemanden nachzumachen. Das bringt nichts.

 

Aber wenn Sie doch mal nicht weiterwissen, reicht ein Blick nach rechts zum RBB-Tisch ... 

• Ja, absolut. Auch wenn ich bei der Auktion im Mittelpunkt stehe – es ist Teamarbeit. Von den Ringman, die schreien und mitgucken, wenn einer bietet, über die Ringschreiber, die dann zu den Leuten gehen, die etwas gekauft haben, die Leute am Tisch neben mir, die genau aufpassen und mir weiterhelfen, wenn ich mal aus dem Takt komme … Aber auch im Hintergrund arbeiten viele: Die Zuchtinspektoren für Vermarktung bereiten die Auktion in ihren Regionen vor, werben Kunden. Und nicht zu vergessen das Stallpersonal, die Leute, die die Halle vorbereiten, die Bürofrauen, die die Rechnungen schreiben – also 50 Leute beschäftigen sich bestimmt mit dem Thema Bullenauktion – die einen nur mal ‘ne Stunde, die Anderen länger.

 

Gab es in den drei Jahren eine Situation, die Sie nicht im Griff hatten, wo Sie hinterher gesagt haben – gerade noch mal gut gegangen? Es sind ja schon sehr beeindruckende Tiere. Wenn die mal nicht so wollen … 

• Beeindruckend schon, aber nicht bösartig. Höchstens aufgeregt. Und wenn sie sich erschrecken, haben sie Angst und wollen dahin, wo sie sich auskennen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass sie zurück in ihren Stall rennen, zurück zu ihren „Kumpels“, wo sie sich sicher fühlen. Wenn nicht gerade eine brünstige Kuh in der Nähe ist, passiert auch nichts. In einem großen Betrieb mit mehreren Herden stehen die Deckbullen auch zusammen auf der Weide, wenn sie nichts zu tun haben …

 

Wenn die Rasse wechselt, stehen immer wieder Auktionsgäste auf und gehen. Bei den Uckermärkern waren die zahlreichen Fleckvieh-Interessenten zum Beispiel schon alle fort. Wäre es nicht besser, die vielen Uckermärker an den Anfang zu nehmen? 

• Dass manche gehen, da kann man nichts machen, das ist eben so. Die Uckermärker werden gern für die Kreuzung für Mutterkuhherden genommen. Und wenn die Mutterkuhhalter eigentlich einen Fleckvieh- oder Cherolaisbullen wollten, aber keinen abbekommen haben, können sie immer noch auf Uckermärker, die ja eine regionale Rasse sind, umschwenken. Deswegen nehmen wir sie immer zum Schluss.

 

Fühlen Sie sich nach knapp sechs Jahren in Groß Kreutz als Brandenburgerin? 

• Ja. Wenn ich nach Leverkusen fahre, freue ich mich natürlich, meine Familie und Freunde wiederzusehen. Aber genauso freue ich mich, wenn’s zurückgeht nach Brandenburg. Ich arbeite gerne hier und hab’ mir auch privat was aufgebaut, viele nette Freunde und Bekannte und keinen Grund, hier wieder wegzugehen.

 

Das Gespräch führte Heike Mildner

 

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