Enge Fernbeziehung

11.05.2015

FOTOS: HEIKE MILDNER, HANSUELI KRAPF, THOMAS KRAFT

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Mein Name ist Peter Solluntsch, M. Sc. der Forstwissenschaften. Seit Dezember 2013 bin ich Mitarbeiter beim Landschaftspflegeverband Nordwestsachsen (LPV) und bearbeite das Projekt „Rotmilan – Land zum Leben“. Der LPV ist einer von elf Praxispartnern in Deutschland, die das Projekt vor Ort umsetzen. Wir betreuen in Sachsen eine Fläche von zirka 850 km². Das Projektgebiet liegt nördlich von Leipzig im Landkreis Nordsachsen. Prägend für das Landschaftsbild sind vor allem weite Felder, die intensiv bewirtschaftet werden, und ein geringer Waldanteil. Abwechslung in der Agrarlandschaft ist durch das Naturschutzgebiet „Vereinigte Mulde Eilenburg – Bad Düben“ gegeben. Hier gibt es die höchste Rotmilandichte in ganz Sachsen!“ Mit diesen Sätzen eröffnet Peter Solluntsch sein Projekttagebuch im Internet. Hier dokumentiert er in groben Zügen seine Arbeit und kommt zugleich einer seiner anderen Arbeitsaufgaben nach: der Öffentlichkeitsarbeit.

In diesen Tagen Ende April, Anfang Mai ist der Forstwissenschaftler jedoch weniger am Schreibtisch, als viel mehr mit Jeep, Karte und Fernglas in dem rund 330 km² großen Kontrollgebiet, das innerhalb des Projektgebietes liegt, unterwegs. Bevor sie sich wieder belauben, prüft er, in welchen Bäumen in diesem Frühjahr Milane brüten. Dabei darf er den Nestern nicht zu nahe kommen, damit die Vögel sich nicht gestört fühlen. Bei seiner Arbeit stützt er sich auf die Ergebnisse des Vorjahres. Tagebucheintrag Februar 2014: „Ich habe alle Hände voll zu tun. Mit GPS-Empfänger, Fernglas und Kamera ausgestattet durchstreife ich Wälder und Felder und halte Ausschau. Die Nester sind nicht einfach zu finden. Sie liegen an Waldrändern, in Feldgehölzen und Baumreihen zirka 10–20 m hoch, meist in einer massiven Gabelung des Baumes am Stamm.“ 40 Brutpaare hat der Forstwissenschaftler 2014 im Kontrollgebiet nachgewiesen und konnte dabei seinen Blick für die Greifer intensiv schulen. Viele Rotmilane seien in diesem Winter gar nicht wie üblich nach Südfrankreich und Spanien gezogen, so Solluntsch. „Milane sind Nahrungsopportunisten. Sie fressen, was am leichtesten zu erbeuten ist, was sie also am wenigsten Energie kostet.“ In diesem Jahr kann er vergleichen, wie sich der Bestand gegenüber dem Vorjahr verändert hat. „Das ist von den Daten her noch wenig belastbar, aber ein Anfang.“

Seine Projektkarte ist in zehn Quadranten geteilt. Die potenziellen Nester hat Solluntsch im Winter ausgekundschaftet. Potenziell, weil sich anhand der Nestform noch nicht sagen lässt, ob es von einem Rotmilan bewohnt wird. Es könnten auch Mäusebussarde, Krähen oder neuerdings Nilgänse sein. Letztere sind Einwanderer, die die Rotmilannester in acht bis 25 Metern Höhe für ihre Zwecke in Beschlag nehmen. Zudem nutzt der Waschbär die Nester als Tagesschlafplatz. Daher hat Solluntsch die Brutbäume mit Plastikmanschetten versehen, die verhindern, dass der Kleinbär die Rotmilane bei Brut und Aufzucht stört.
„Immer wieder finde ich tote Rotmilanjunge unter den Bäumen ... Es muss möglich sein, die Ernährungssituation für den Rotmilan zu verbessern.“


Dass es das bundesweite Schutzprojekt „Rotmilan – Land zum Leben“ überhaupt gibt und im Rahmen des Programms für biologische Vielfalt vom Bundesamt für Naturschutz gefördert wird, ist eine Reaktion auf den alarmierenden Rückgang des Greifvogels. Deutschlandweit hat der Bestand seit Anfang der 90er Jahre um 30 Prozent abgenommen. Das hat vor allem mit Veränderungen der Landnutzung zu tun. „In der DDR waren die Tierhaltungsbetriebe auf Futter aus eigenem Anbau angewiesen. Es gab mehr Flächen mit Klee und Luzerne, und das Grünland wurde mehrfach gemäht. Der Rotmilan muss von oben seine Beute sehen können. Wintergetreide und Raps stehen schon viel zu hoch, wenn die Jungen geschlüpft sind und der Nahrungsbedarf am größten ist“, erläutert Solluntsch. In seinem Projekttagebucheintrag vom Juni vergangenen Jahres steht: „Eine schlechte Nahrungsverfügbarkeit zum Zeitraum der Aufzucht kann dazu führen, dass bereits geschlüpfte Rotmilanjunge verhungern. Immer wieder finde ich tote Rotmilanjunge unter den Nestbäumen. Ein sinkender Rotmilanbestand ist die Folge. Genau hier möchten wir im Projekt ansetzen. Es muss möglich sein, die Ernährungssituation für den Rotmilan zu verbessern.“

Der Schlüssel dafür liegt in der Hand der Landwirte. Was sie tun könnten, weiß Peter Solluntsch genau, er weiß aber auch um die ökonomischen Zwänge. Um so mehr freut es ihn, dass das „Greening“, besonders aber das „Agrarumwelt- und Naturschutzprogramm“ (AUNaP) für Sachsen Argumentationshilfen in Form ökonomischer Anreize bei der Beratung von Landnutzern bietet. Die Beratung ist neben der Brutbestandserfassung und der Öffentlichkeitsarbeit die dritte Aufgabe des jungen Mannes. „Bisher lässt sich die Zahl der Beratungsgespräche noch an zwei Händen abzählen“, sagt er. „Erst jetzt haben wir eine echte Gesprächsgrundlage. Allerdings orientiert sich die Höhe der Ausgleichszahlungen an Durchschnittserträgen auf Durchschnittsböden, und der Boden im Projektgebiet ist überdurchschnittlich“, weiß Solluntsch.

Und wirklich könnten die Gegensätze auf der 850 km² großen Projektfläche nicht größer sein. Beiderseits der Mulde bei Eilenburg erstreckt sich Grünland, extensiv mit Schafen bewirtschaftet. Hier findet der Rotmilan Nestbäume und vor allem Mäuse und Maulwürfe, die neben Kleinvögeln, Aas, Regenwürmern und auch Fischen auf seiner Speisekarte stehen. Fährt man von dort Richtung Krostitz zur Autobahn, geht es derzeit durch ein gelbes Rapsmeer, das nur selten von Wintergetreide und in Kürze sprießendem Mais unterbrochen wird. Artenreich sieht anders aus, und Solluntschs Bestandsaufnahme der Brutpaare vom vergangenen Jahr spiegelt diesen Kontrast deutlich.

„Ab 2015 stehen wieder Gelder von der Europäischen Union für Agrar-Umweltmaßnahmen zur Verfügung. Sie beinhalten zum Beispiel die Förderung von Grünland, Brachflächen und Blühstreifen. Durch eine Kooperation mit Landwirten soll die Landwirtschaft so gestaltet werden, dass der Rotmilan neben intensiv bewirtschafteten Flächen wieder Land zum Leben hat“, schreibt Peter Solluntsch in seinem Projekttagebuch.

Ganz konkret könnte der Anbau kleinkörniger Leguminosen wie Klee und Luzerne, die in der ersten Mai- und zweiten Junihälfte geschnitten werden, die Nahrungssituation des Greifers verbessern. „In Sachsen wird der Anbau gefördert, wenn mindestens zehn Prozent ... der Ackerfläche derart genutzt werden“, heißt es in „Verantwortungsart Rotmilan – Praxishandbuch für Maßnahmen in Sachsen“, das allerdings eher ein Heft ist, und das Solluntsch bei seinen Beratungsgesprächen immer dabei hat. Ebenso könnten Grünstreifen von mindestens einem Hektar am Rande großer Ackerschläge den Rotmilan bei der Futterbeschaffung unterstützen. Ein Anbau von Sommergetreide würde die Futterbeschaffung im Juli begünstigen, wenn die jungen Vögel noch in der Nestlingsphase sind und versorgt werden müssen. Wer dann mit dem Stoppelumbruch bis Mitte September wartet, verlängert den positiven Nachklang dieser Maßnahme bis zur Zugzeit der Vögel.
„Es stellt sich ein schönes Gefühl ein, wenn ich die jungen Greife bei ihren ersten Ausflügen in der offenen Landschaft beobachten kann.“

Bis dahin gehen noch ein paar Monate ins Land. Gerade sind die Jungen am Schlüpfen, und Peter Solluntsch wird eifrig bemüht sein, per Fernglas zu entdecken, wie viele Jungvögel ihre Hälse aus den Nestern stecken. Und auch bis zur Umsetzung der beschriebenen Maßnahmen und anderer Hilfen, wie Grünlanderhalt, Staffelmahd, Nestschutzzonen bei Forstarbeiten und Nestbaumschutz, wird es wohl noch etwas Zeit, Beratung, Anträge und viel guten Willen brauchen. „All diese Maßnahmen helfen übrigens nicht nur dem Rotmilan. Auch andere Tierarten wie Rebhuhn, Feldhase und Hamster profitieren davon“, daher sei der Rotmilan auch eine sogenannte Verantwortungsart, sagt Solluntsch. Sein Wissen über den Rotmilan hat sich der Forstwissenschaftler, der in Tharandt studiert hat, weitgehend im Selbststudium erarbeitet. Seine Begeisterung motiviert ihn, das hört man auch seinem Projekttagebuch an: „Anfang Juli haben die jungen Rotmilane ihre ersten Flugversuche unternommen. Sie verlassen nun das Nest und sitzen als sogenannte Ästlinge in den benachbarten Baumkronen. Dort werden sie noch immer von ihren Eltern gefüttert und kehren regelmäßig zum Nest zurück. Mitte Juli sieht man dann schon viele der Jungvögel am Himmel kreisen. Am Anfang begleiten sie dabei noch ihre Eltern. Es stellt sich ein schönes Gefühl ein, wenn ich die jungen Greife bei ihren ersten Ausflügen in der offenen Landschaft beobachten kann.“

Heike Mildner
www.rotmilan.org

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