Duales Frühwarnsystem

08.04.2014

© Sabine Rübensaat

Unter einer Million Holstein-Kälbern kann maximal eins mit dieser Tricolor-Färbung zur Welt kommen. Wie in Neureetz letzten August. Besonders bemerkenswert, wenn es von einem Top-Vererber abstammt.

7.30 Uhr:

Es liegt Ruhe über dem Oderbruch-Dorf, die Milchviehanlage der Agrarprodukte eG Altreetz scheint verwaist. Das morgendliche Melken ist durch, gleich kommt der Tanklaster der Molkerei. Wolfgang Brand, Vorstandsvorsitzender, ist pünktlich zur Stelle. Ein kurzer, kräftiger Windstoß, und auch Ulf-Michael Stumpe schlägt auf. Seit 2009 hat der 31-jährige ebenso temperamentvolle wie burschikose Tierarzt die Betreuung des Milchviehbestandes der Genossenschaft unter Vertrag: Aktuell sind das 320 zu melkende Kühe mit einer Tagesleistung zwischen 32,5 und 32,7 Liter Milch. „Wir waren schon bei 35 Liter. Aber wir bauen derzeit, das versetzt unsere Tiere wohl ein bisschen in Unruhe“, sagt Brand.

Der Tierarzt muss so viel Understatement geraderücken: „Das hier“, sagt er, und beschreibt mit dem Arm einen Bogen, „ist einer der besten Betriebe in Brandenburg hinsichtlich Milchleistung und Fruchtbarkeit. Die Zwischenkalbezeit beträgt 380 Tage und weniger. Absolute Spitze!! Aber wir erzwingen nichts, obwohl jeder zusätzliche Tag betriebswirtschaftlich zu einem Mindererlös von 2,50 Euro führt.“ (Die Altreetzer dürften, erfahren wir im Laufe des Tages, außerdem vorbildhaft sein, was den Generationswechsel auf betrieblichen Schlüsselpositionen angeht. Dazu ein andermal.) „Die Agrarprodukte eG war mein Einstieg in die Milchproduktion“, erzählt Stumpe weiter.

Der in der Region gebürtige und aufgewachsene junge Mann hat nach dem Studium der Veterinärmedizin in Berlin an Universitätsprojekten mitgearbeitet, unter anderem in England ein Endoskopsystem für Pferde entwickelt. Als in der Heimat ein Nachfolger für eine Großtierpraxis gesucht wurde, „konnte ich nicht anders, als zuzusagen.“ Was ein wenig damit zu tun hat, dass es sich bei dem Kollegen, der da nachfragte, um eine „tierärztliche Institution“ in der näheren und weiteren Umgebung handelte. (Stumpes Verwurzelung im Oderbruch lassen wir mal außen vor.) Andererseits war die Neigung zum Beruf bereits durch seine Mutter ausreichend gestärkt worden, die zu DDR-Zeiten in einer LPG als Betriebstierärztin arbeitete und heute eine Kleintierpraxis betreibt.

Ja, Karla Stumpe habe damals mit ihm zusammen eine Landwirtschaftslehre absolviert, strahlt Wolfgang Brand. Eine vertrauensbildende Konstellation, aber da muss noch mancherlei hinzukommen. Von Anfang an spürt man ein Einvernehmen zwischen Betriebsleiter und Veterinär. Gemeinsam verfolgt man, jedenfalls mehrheitlich, die gleichen Ziele. Die mit Leistungsoptimierung auf der Grundlage von Tierwohl und Tiergesundheit grob umrissen sind. Brand wird konkreter: „Wir liefern Milch in Qualität S, haben fünf Jahre lang das Weiße Milchband, eine DLG-Auszeichnung für langjährige Erzeugung von Qualitätsmilch, bekommen. Da wollen wir nichts riskieren.“ Nun ist auch Anne Kalies vor Ort. Die 28-Jährige, ebenfalls im Oderbruch aufgewachsen, und Stumpe kennen sich seit dem Gymnasium.

Als er eine Partnerin für seine Praxis suchte, die seine Auffassung vom Beruf teilt, kam er auf die zierliche, aparte junge Frau, die dezenten Charme mit viel Kraft, Geschick und der nötigen Empathie fürs Tier verbindet. Den Heimvorteil, auch um die Mentalitäten der Hiesigen zuwissen, erwähnen wir nicht. Wohl aber, dass sie auch den nötigen „Stallgeruch“ mitbringt: Ihr Bruder führt in der Region den elterlichen Schweinemastbetrieb. Die Kalies-Stumpesche Philosophie sei erklärt: „Der Tierarzt sollte ein Frühwarnsystem sein. Deshalb sind zwei bis drei Hofbesuche in der Woche für uns ein Vertragsbestandteil, ohne den nichts läuft. Den Medikamenteneinsatz beschränken wir auf das wirklich Erforderliche.“ Im Gegensatz zu einem bestimmten Kollegenkreis in Deutschland, der gern mit dem  Verkauf von Medikamenten seinen Schnitt macht. Einer wie Stumpe kann wüten!

Vor zwei Jahren ist Anne Kalies bei ihm eingestiegen, was eine Arbeitsteilung zur Folge hatte. Ulf -Michael obliegt die Bestandsbetreuung von Milchvieh in acht Landwirtschaftsunternehmen, Anne hat sich auf Schweine spezialisiert und wird demnächst außerdem verstärkt die Betreuung von Schafbeständen übernehmen. Die beiden jungen Kollegen arbeiten eigenständig, donnerstags treffen sie sich in Altreetz. Gelegenheit, sich zu schwierigen Fällen und anderen Problemen zu beraten und einmal gemeinsam zu agieren. Es stehen Puerperalkontrolle, Sterilitäts- und Trächtigkeitsuntersuchungen an. Doch zuvor muss uns Ulf-Michael Stumpe unbedingt noch eine Optimal-Konstellation vorführen, die ein Tierarzt, so seine Erfahrung, nicht häufig antrifft. Die Hochleistungsgruppe des Bestandes steht an einem Außenfuttertisch vor dem Stall. „An einem so hellen Sonnentag wie heute werden die Tiere mit 100 000 Lux versorgt, nicht nur mit 400 Lux, wie es die Tierhalterverordnung in Ställen vorschreibt“, doziert Stumpe. „Die Sonne ist die Uhr der Fruchtbarkeit und eine solide Lichtversorgung ein wichtiger Faktor für die Fortpflanzung.“ Und weiter: „Hier gibt es ebenso viele Fressplätze wie Kühe – das ist phantastisch. Alle, Jung- und Altkühe, können gleichzeitig fressen, ohne Stress“, Stumpe jubelt. Oftmals müssen sich 2,5 Tiere einen Fressplatz teilen. In der Gangmitte wurde ein Schacht für die Gülle angelegt, die in einen ­Behälter hochgepumpt wird. So stehen die Tiere auf trockenem Untergrund.

Aber es kommt ­sogar noch besser: „Sie haben Auslauf, das fördert die Be­weglichkeit, sie können aber auch den Stall aufsuchen“ – eine ebene, mit Stroh ausgelegte ­Fläche ohne Liegeboxen. Eine Art Schlot sorgt für frische Luft. Er wurde, als das Dach defekt war, neu in den 1960er-Jahre-Stall eingebaut. Ohnehin eine überschaubare Investition, aber weil sie mit verbessertem Tier­komfort einherging, wurde sie von der öffentlichen Hand ge­fördert. Stumpe gefällt, „wenn sich die Leute einen Kopp ­machen, um mit möglichst wenig Mitteln große Wirkung zu erzielen“.

8.00 Uhr:

Im Büro von Anlagenleiter Harald Kalisch sehen sich Kalies und Stumpe auf einem Rechner die Problemfälle an. Der Betrieb hat 1997 ein Computerprogramm angeschafft, mit dem seither die relevanten Daten aller Milchkühe, wie tägliche Milchleistung, Erstkalbung, Medikamentengaben, Besamung, erfasst und in Grafiken dargestellt werden. Das verschafft dem Tierarzt schnell einen  Überblick.

8.30 Uhr:

Die Tiere, die Stumpe sich ansehen und gegebenenfalls behandeln soll, wurden bereits in ein Fangfressgitter getrieben, stehen fixiert auf Stroh. Ungern gesehen werde er auf keinem der Höfe, die er betreut, versichert Stumpe, aber das hier seien besonders komfortable Bedingungen für einen Veterinär. Schon schnallt er sich, in gebotener Ruhe, sein mobiles Ultraschallgerät um, das von einem am Mann oder an der Frau zu tragenden Akku gespeist wird. Trächtigkeits- und Sterilitätsuntersuchungen erleben die Tiere damit wesentlich sanfter. Im Bereich der Sterilitätsdiagnostik lassen sich außerdem Befunde an den Eierstöcken erheben, die sehr präzise sind, mit der Folge, dass sich der Einsatz von Hormonen vermindert. Genau, wie es Kalies und Stumpe wollen. Die Erhebungen machen es zudem möglich, gezielte Fruchtbarkeitsprogramme für einen Betrieb zu erstellen – mit wirtschaftlichen Effekten. Stumpe geht von Tier zu Tier, untersucht, diktiert Befund sowie Therapie dem ihn begleitenden Anlagenleiter.

Anne Kalies verabreicht Medikamente zur Stoffwechselregulierung, auch Vitamine oral, durchs Maul also. „Bevor wir in einem Tierbestand die Arbeit aufnehmen, analysieren wir die allgemeine Situation hinsichtlich Vitaminen und Spurenelementen, die Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit eines Bestandes haben. 80 Prozent der Tiere hier sind grundversorgt“, zieht Stumpe Bilanz. Und: „Die Futterrationen für Kühe, die kurz vor dem Kalben stehen, haben wir umgestellt. Sie enthalten jetzt auch saure Salze, die sich günstig auf das Nachgeburtsverhalten auswirken sollen. Darauf muss sich der Organismus einstellen, deshalb kontrollieren wir verstärkt.“ Bei einer Kuh haben Symptome ((Milchleistungseinbruch, Ausbleiben des Rinderns) eine Blutentnahme erforderlich gemacht.  

10.00 Uhr:

Dank der präzisen Vorbereitung durch die Mitarbeiter des Betriebes, moderner Technik und standardisierter Abläufe haben die Untersuchungen nur knapp eine halbe Stunde gedauert. Wir fahren nach Neureetz, zur Remontierungsabteilung des Betriebes. Wieder stehen Trächtigkeits- und Sterilitätsuntersuchungen an, diesmal ist Anne Kalies die Hauptakteurin. Das Stockmaß der Färsen passt besser auf die nicht gerade hochgewachsene junge Frau, die aber auch mit den Kühen gut zurechtkommt, wenngleich nicht überall die Stalleinrichtungen so „frauenfreundlich“ sind: „Wenn es nicht reicht, steht immer irgendwo ein Schemel herum, der mich größer macht.“ Im Besamungsbereich hat der Betrieb auf Stumpes Anregung – wieder: kleine Investition, große Wirkung – ein Fangfressgitter eingebaut. Übermütige Färsen stehen so ruhiger. „Wir können sie besser behandeln, auch der Besamer hat es leichter.“ Anne steigt mit dem Ultraschallgerät am Arm „in den Ring“, Sandro Marzini protokolliert präzise, was sie feststellt. Annes Fazit: „Das Erstbesamungsalter der Jungtiere ist noch nicht optimal, hier streben wir ein Alter von dreizehn Monaten an. Daher führen wir auch hier frühe Sterilitätsuntersuchungen durch“, sagt die junge Tierärztin.   

11.00 Uhr:

Sandro Marzini wird sich, die Anweisungen der Tierärztin befolgend, auch in den nächsten Tagen darum kümmern. Der junge Meister der Landwirtschaft lobt die Fachkompetenz und das Engagement (mit einer fast Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit) der Veterinäre, streitet sich aber auch mal, wenn ihm seine Erfahrungen anderes sagen als sie. Marzini verweist auf erste Erfolge. „Wir haben die Tränkeperiode der Kälber verkürzt und die leistungsgerechte Mischfutterration optimiert.“ Das von den Tierärzten vorgeschlagene Erstbesamungsalter ist zwar aus seiner Sicht noch zu früh, man sei aber gemeinsam und als Team auf gutem Weg dorthin. Derweil ist Färse …101 – Angst vor der Spritze? – ausgebüxt. Sandro und Anne fangen sie ein. Ja, bestätigt sie, es ist ein anstrengender Beruf!

Veterinärmedizin zu studieren, dazu habe sie sich ohne Wenn und Aber entschlossen, nachdem sie ein Praktikum bei einem Tierarzt in Australien absolviert hatte. „Die Arbeit mit Nutztieren fand ich schon immer spannend. Es war bereits zu Beginn meines Studiums klar, dass ich auf diesem Gebiet arbeiten möchte. Trotzdem bin ich einen Tag die Woche in der Kleintierpraxis von Ulf-Michaels Mutter tätig. Ich möchte auch auf diesem Gebiet den Anschluss nicht verlieren.“ Und weiter: „Ich war 26, als ich hierher kam. In einem Betrieb traten gehäuft Fälle von Labmagenverlagerung auf, gar nicht selten aufgrund eines Energiedefizits, das in eine Ketose mündet. Das kann man durch einen minimalinvasiven Eingriff wieder richten. Dafür haben wir extra ein Endoskop gekauft. Manchmal braucht man bei Problemen einen langen Atem, besonders als junge Tierärztin. Mittlerweile wird mir jedes Tier vorgestellt. Jede erfolgreich verlaufene Behandlung stärkt das Vertrauen zum Veterinär.“  

11.30 Uhr:

Stopp am Silo der Altreetzer: „Das Futter ist die Stellschraube Nummer eins für die Tiergesundheit. Mit qualitätsvoller Silage kannst du eine 30 Prozent höhere Tierleistung erzielen, das macht fünf Cent mehr pro Liter Milch“, sagt Stumpe, der die Silos aller Höfe kennt, die er betreut. „Der Tierarzt muss in der Vorhand sein“, betont er, der als einziger seines Standes in Deutschland das DLG-Seminar Silagequalität absolvierte. Seine Einschätzung: „Gerade Anschnittfläche, oben abgeräumte Kante, gut, es fehlt aber die Unterziehfolie, das führt zu Verlusten.“ Ackerbauexperte Wolfgang Brand ergänzt: „Nur gesunde Pflanzenbestände bringen auch gutes Silofutter. Wir füttern E-Weizen, weil wir ausschließlich diese Qualität erzeugt haben. Beim Körnermais achte ich auf Sorten mit leichtem Zelluloseaufschluss. Und wir produ­zieren Grünroggensilage, die hat eine  hohe Energiekonzentration.“

12.00 Uhr:

Mittagspause an der Tanke: Baguette in der Tüte, Kaffee in der Pappe – to go!

12.10 Uhr:

Auswertung der Blutprobe im Labor. „Diese kleine vollautomatische Station ermittelt auf der Grundlage eines trockenchemischen Verfahrens alle Parameter, die wir behandeln können. Innerhalb von 15 Minuten liegt das Ergebnis vor“, erläutert Stumpe. Bei Kuh …170 sieht es nicht gut aus. „Die Kalzium- und Phosphor-Mobilisation ist außer Rand und Band. Der Energiemangel muss behoben werden, damit sie wieder frisst.“ Hoffentlich schlägt das Medikament an. Aber auch das Töten, wenn tier­ethische Gründe es nahelegen, gehört selbstverständlich ebenfalls zum Beruf.

Der Nachmittag:

Er ist noch einmal mit Betriebsvisiten ausgefüllt. An Volleyballtraining oder Zeit für seine zwei kleinen Töchter ist für Ulf-Michael Stumpe noch nicht zu denken. Und auch Anne Kalies hat noch allerhand auf ihrer Agenda, bis sie im Stall ihres Bruders weitere Beobachtungen anstellen kann, die sie in ihrer Doktorarbeit auswerten wird. Sie forscht derzeit zum Thema Schwanzbeißen bei Schweinen.

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