Die wertvollste Ressource wächst nach

11.11.2013

Mit Spaß und Interesse bei der Arbeit:

Ronny Haufe und Sina Schwertfeger bei der Kontrolle der weiblichen Zuchtläufer.

Eigentlich könnten wir die Arbeit in der AG mit vier oder fünf Leuten weniger machen, erklärt Bodo Zier, einer der fünf Gesellschafter der Agrargesellschaft Prießnitz bei Naumburg. Aber man kann eben die „Alten“ nicht einfach aus dem Betrieb entlassen, man trägt Verantwortung und muss sie bis zur Rente bringen. Auf der anderen Seite, so findet er, sollte man die jungen Einsteiger in der Landwirtschaft auch festhalten. Wenn sich die Jugend erst für einige Jahre in anderen Regionen Arbeit suchen muss, lässt sie sich irgendwann auch dort nieder, gründet dort Familien und ist für den Ausbildungsbetrieb verloren. Diese Erfahrungen haben die Prießnitzer veranlasst, schon vor etlichen Jahren mit der Nachwuchsarbeit zu beginnen. Und sie zahlt sich aus. Über ein Viertel der Mitarbeiter ist heute jünger als 30 Jahre. 

Zur Philosophie des Unternehmens zählt aber auch, die Mitarbeiter – beim Lehrling angefangen – ordentlich zu entlohnen. Mindestlohn ist hier kein Thema, unterhalb der Grenze von 8,50 € pro Stunde ist eine Bezahlung für Zier unsozial. Ordentliche Arbeitsverhältnisse wie saubere und für alle nutzbare Umkleide- und Waschräume, einheitliche Arbeitskleidung und ein freundlicher Umgang miteinander tragen zusätzlich zum Erfolg der Personalführung des Unternehmens bei. Man muss aber auch Vertrauen zu den Lehrlingen haben, erklärt Zier, sie an die neue Technik lassen. Der Vorteil? Es spricht sich in der Region herum und die Zahl der Bewerbungen bricht nicht ab.

 

Von den Kühen zu den Schweinen

Ursprünglich wollte Sina mit Rindern arbeiten. Aber alles kam anders. Sina Schwertfeger fing in der AG Prießnitz 2003 mit einer Ausbildung zur Tierwirtin an – Schwerpunkt Rind – und arbeitet heute in der Sauenanlage des Unternehmens. Schon während ihrer Lehre musste sie häufiger im „Team Schweine“ helfen, das ihr dadurch ans Herz wuchs. „Wir arbeiten hier öfter zusammen, das macht einfach mehr Spaß“ antwortet sie lächelnd, wenn man sie nach den Gründen für den Wechsel fragt. Obwohl Sina auch für die Rinder ein Händchen hat, das beweist ein Sieg im Landeswettbewerb Melken in Sachsen-Anhalt, gilt ihr Interesse jetzt ganz den Zuchtsauen. 

Zusammen mit Ronny Haufe, der ebenfalls seine Ausbildung in Prießnitz absolvierte, wird  gemeinschaftlich mit den Tieren gearbeitet. Ronny ist seit 1998 im Unternehmen, auch er hat hier seine Lehre als Tierwirt durchlaufen. Danach folgten drei Jahre Fachschule und ein weiterer Abschluss als staatlich geprüfter Techniker für Agrarwirtschaft. Sein heutiges Arbeitsfeld umfasst hauptsächlich das Gesundheitsmanagement der Sauenanlage. Als sogenannte rechte Hand des Tierarztes führt er medizinische Behandlungen und Eingriffe wie das Impfen und Kastrieren der Ferkel durch. In Unterweisungen des betreuenden Tierarztes wurde er qualifiziert und ist dem Amtstierarzt als Verantwortlicher dieses Fachbereiches gemeldet. Auch Ronny hatte schon immer Interesse an der Arbeit mit Tieren und die Erfahrungen vom großelterlichen Hof unterstützten die spätere Berufswahl. 

 

Lieber in große Unternehmen 

„Vor 15 Jahren“, so Ronny, „gab es in der Landwirtschaft bereits gute Chancen eine Ausbildungsstelle zu bekommen, anders, als in anderen Wirtschaftsbereichen.“ Außerdem wollte er nie „Leibeigener“ in einem Familienbetrieb sein. In der Region bleiben und die für ihn günstigeren Strukturen nutzen, das war und ist der Plan. Er wird nicht weggehen, zumal die Perspektive, im Betrieb noch mehr Verantwortung zu übernehmen, gegeben ist. Große Unternehmen haben auch viele Vorteile für uns, argumentiert er, besonders die geregelten Arbeitszeiten sind ihm mittlerweile wichtig. Obwohl durchschnittlich sieben Stunden am Tag und sechs Tage pro Woche gearbeitet wird, sind die Bedingungen für junge Familien in der Sauenanlage nahezu ideal. Beide, Sina und Ronny, haben bereits Kinder und schaffen es ohne Probleme, sie nachmittags aus der Betreuung abzuholen.

 

Ohne Leistung keine schwarzen Zahlen

Um gute Arbeitsbedingungen bieten zu können und am Ende motivierte Mitarbeiter zu haben, muss ein Unternehmen wirtschaftlich rentabel sein. 2009 stand die AG Prießnitz vor der Entscheidung: Abriss oder Umbau der Sauenanlage? Seit zwei Jahren fuhr die Produktion Verluste ein, was für die Gesellschafter nicht mehr tragbar war. Man entschied sich für eine grundlegende Modernisierung der Ställe, wobei den Tieren von Anfang an 20 % mehr Platz, als gesetzlich gefordert, geboten wurde. Die BauernZeitung berichtete bereits über die neuen, sehr tiergerechten Verhältnisse im Stall (Heft 24/2011, S. 34-35). Doch wie sind die Erfahrungen nach drei Wirtschaftsjahren?

Klaus Hollstein, seit zehn Jahren Leiter der Anlage, ist sichtlich zufrieden. Mit der Modernisierung der Ställe kam auch neue Genetik. Heute sind die Prießnitzer Vermehrungsbetrieb für DanAvl-Hybridsauen. Stolz präsentiert er die Leistungen seiner Tiere (siehe Tabelle in Bildergallerie). Der Leistungsschub ging mit einem Wechsel vom Drei- zum Ein-Wochen-Rhythmus einher. Besonders bezahlt macht sich dabei, dass die überzähligen Ferkel leichter an Ammen umgesetzt werden können. „Milch haben die laktierenden Sauen genug“ weiß  Hollstein, man muss sie in dieser Phase nur ausreichend füttern. Über die mehr abgesetzten Ferkel pro Sau rechnet sich auch der höhere Futterverbrauch während der Laktation von bis zu 9 kg/Tag. Die Kosten belaufen sich im Mittel auf 10 € pro abgesetztem Ferkel, das sind ca. 30 % weniger als früher. 

Die Arbeitsspitzen im Betrieb sind gekappt und die morgendliche Besamung ist bereits Routine. Zweitbesamungen sind einfach innerhalb des 24-Stunden-Intervalls während der normalen Arbeitszeit von 7 bis 15 Uhr möglich. Die Jungsauen kommen ohne Biotechnik in die erste Rausche, damit wird gleichzeitig auf eine natürliche Fruchtbarkeit selektiert. Das Stroh, was sie zur Beschäftigung bekommen, wird vier Wochen zur „Quarantäne“ extra gelagert. Denn der Gesundheitsstatus ist für einen Vermehrungsbetrieb überlebenswichtig. Die Ställe der Anlage sind über Verbinder komplett geschlossen, mit dem Schwarz-Weiß-Bereich für die Mitarbeiter kommen keine äußeren Keime in das System. 

Insgesamt haben sich alle Investitionen in mehr Tierwohl weit über dem gesetzlichen Standard für die Prießnitzer gelohnt. Sie können wieder schwarze Zahlen schreiben. Damit erfüllen sie schon jetzt die meisten Bedingungen für das neue Bezahlungsmodell der Tierwohlinitiative des Lebensmitteleinzelhandels. Und neue Ziele gibt es auch: Die Mastplätze von derzeit 2 000 Stück sind zu erweitern. Alle Tiere sollen im Betrieb bleiben und regional gemästet werden.

Anja Nährig

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