Den eigenen Arbeitsplatz geplant

11.05.2016

© Heinrich Kuhaupt

Franziska Urban im Tierwohl gerechten Laufstall mit Stroheinstreu und 20 % mehr Platz pro Tier.

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Die Projektarbeit war der letzte Prüfungsteil ihrer zweijährigen Fortbildung zum Staatlich geprüften Betriebswirt an der Fachschule für Agrarwirtschaft in Stadtroda. Franziska Urban, die nach dem Abitur eine Berufsausbildung zum Tierwirt absolvierte, wird künftig die Leitung des Bereichs Sauenhaltung der Agrarprodukte Bernsgrün-Hohndorf übernehmen. Mit der erfolgreichen Verteidigung ihrer „Studie über die Wirtschaftlichkeit eines neuen Abferkel- und Deckbereichs in der Agrarprodukte Bernsgrün-Hohndorf eG“ beginnt für sie eine neue Herausforderung in ihrem Berufsleben.

 

Geplant ist Neubau des Abferkelbereiches.

Anlass der Arbeit war die geplante Zusammenlegung der bisher an zwei Standorten wirtschaftenden Sauenhaltung der Agrargenossenschaft nach Bernsgrün im Thüringer Vogtland. Dafür ist ein Neubau des Abferkelbereiches erforderlich, wobei grundsätzlich erst einmal die Frage der betrieblichen Machbarkeit sowie die betriebswirtschaftlichen Grenzen beleuchtet werden mussten. Zu klären war neben dem unternehmerischen Risiko auch die soziale Dimension, nämlich Verpflichtungen gegenüber Beschäftigten, die zum großen Teil auch Anteilseigner sind. Franziska hat in ihrer betrieblichen Studie neue Konzepte für eine nach neuestem wissenschaftlichen Stand noch tiergerechtere Sauenhaltung aufgezeigt und dabei Einsparpotenziale aufgedeckt, die eine verbesserte Wirtschaftlichkeit nachhaltig erwarten lassen. Die Schweineproduktion umfasst einen Bestand von 830 dänischen Muttersauen. Pro Jahr werden etwa 22 300 Läufer an verschiedene Mäster verkauft. Die Haltung der Schweine erfolgt bereits zu 80 % auf Stroh. Lediglich der Deckbereich und die Jungsauenaufzucht erfolgen auf Flüssigmist.

 

Bisher nur teilweise honoriert

In Sachen Tierwohl ist das Unternehmen seit vielen Jahren aktiv und in Thüringen bekannt. So wurde die Agrargenossenschaft bereits 2007 vom Sozialministerium mit dem Thüringer Tierschutzpreis ausgezeichnet. In Zusammenarbeit mit der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL) wurde zudem ein Versuch durchgeführt, bei dem es um die Ursachen und Maßnahmen gegen das bei Schweinen verbreitete Schwanzbeißen, der sogenannten Caudophagie, ging. Die Teilnahme an der „Initiative Tierwohl“, die endlich auch eine Honorierung von besonders tiergerechter Haltung vorsieht, war im Bereich der Sauenhaltung mit Platz 639 der Warteliste bisher nicht erfolgreich. Zu viele Antragsteller bewarben sich um die bislang begrenzten Mittel einer Gemeinschaftsinitiative vom teilnehmenden Lebensmitteleinzelhandel und anderen Trägern. „Das zur Verfügung stehende Geld ist einfach zu knapp“, ärgert sich auch der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens Andreas Höfer. Besser sieht es im Bereich der Ferkelaufzucht aus. Durch die Umsetzung der Kriterien „ständiger Zugang zu Raufutter“, „zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial“, „Saufen aus der offenen Fläche“, „Scheuermöglichkeit“ und „20 % mehr Platzangebot“ werden aus dem Fonds für jeden verkauften Mastläufer 2,40 € zusätzlich erlöst.

 

Erst optimieren, dann investieren

Zunächst beschäftigte sich Franziska mit den bisherigen Produktionsergebnissen. Ein betriebswirtschaftlicher Grundsatz besagt, dass man vor großen Investitionen oder anderen Umstellungen als erstes die aktuellen Leistungen und Kosten optimiert haben sollte. Hier war zu berücksichtigen, dass die in Teilen verschlissene bauliche Substanz das Erreichen von Höchstleistungen bei geringen Kosten schlichtweg unmöglich macht. Mithilfe des computergestützten Herdenmanagerprogramms „Supersau“ und der korrespondierenden Kostenstellenrechnung im Unternehmen wurden die produktionsökonomischen Leistungen und Kosten der Jahre 2013 bis 2015 ausgewertet. Dabei kam heraus, dass der Ferkelabsatz sich im Zeitablauf um 1,37 Ferkel pro Sau erhöhte. Die Steigerung kam sowohl durch den genetischen Fortschritt der dänischen Rasse als auch durch das Drehen an kleinen, aber vielen Schrauben zustande. Die Erlöse dagegen gingen in den drei Jahren durch geringer werdende Ferkelpreise zurück. Von Januar 2013 bis Mitte 2014 lagen die Ferkelnotierungen in einem Korridor um 60 € pro Stück, während danach die Ferkelpreise bis Ende 2015 auf existenzbedrohende 35 € rutschten. Erst ab Februar 2016 war wieder ein Aufwärtstrend für ein 28-Kilo-Ferkel zu vermelden.

 

Bewegung statt langem still stehen

Die Kostenseite wurde ebenfalls nach dem Kostenblockschema der DLG untersucht. Trotz einiger Sondereinflüsse, die eine Vergleichbarkeit im Zeitablauf erschweren, wurde deutlich, dass Wirtschaftlichkeitspotenziale unter anderem durch Optimierung bei den Futterkosten und im Bereich der Arbeitskosten, hier durch Straffung der Arbeitsabläufe und Optimierung der Auslastung, gehoben werden müssen. Das ist notwendig, wenn ein Neubau des Abferkel- und Deckbereichs Realität werden soll. Geplant ist die Erstellung eines Abferkelstalls mit zwei Abteilen, für jweils 120 Plätze. Durch großzügige Platzbemessung soll Raum für weitere 20 Ammensauen geschaffen werden, um einen optimalen Wurfausgleich zu ermöglichen. Kernpunkt des Vorhabens ist, dass die Sauen in einer Bewegungsbucht untergebracht werden, sie demnach nur sehr kurz fixiert werden müssen. Der Deckstall soll über 224 Selbstschutzstände verfügen. Die Besonderheit liegt darin, dass die Sauen auch hier in Gruppen gehalten werden können. Der Schutzstand ermöglicht es den Tieren, frei zu entscheiden, ob sie sich in ihrem Schutzstand zurückziehen oder sich frei in der Gruppenbucht bewegen möchten. Dieses System wird bislang meist nur im Wartebereich der Sauenhaltung eingesetzt. Mit dem Einbau dieser beiden Haltungsvarianten möchte die Bernsgrün-Hohndorf eG gegenüber zukünftigen Anforderungen besonders gewappnet sein.

 

Kosten separat voneinander betrachtet

Die betriebswirtschaftlichen Wirkungen schätzte Franziska kalkulatorisch auch mithilfe von Richtwerten der TLL ab. Als Referenzsystem nutzte sie die Betriebszweigabrechnung aus dem Jahr 2014. Auf der Leistungsseite wird eine Verbesserung in Höhe von rund 100 € pro Sau und Jahr erwartet, weil zum einen eine vorsichtige Leistungssteigerung kalkuliert wurde und zum anderen der bisher notgedrungene Verkauf von Babyferkeln aufgrund begrenzter Ferkelaufzuchtkapazitäten nicht mehr notwendig ist. Im Bereich der Direktkosten fallen vor allem mögliche und notwendige Futter- und Energiekosteneinsparungen ins Gewicht, die neben anderen Positionen eine Reduktion der Kosten in Höhe von insgesamt 94 € pro Sau ausmachen sollen. Die Arbeitserledigungskosten sollten ebenfalls um rund 70 € zurückgehen, vor allem weil Einsparungen der Arbeitszeit im Abferkelstall, bei der Fütterung, im Deckbereich und weniger Arbeitszeit für Reinigung und Desinfektion der Ställe erwartet werden. Mit der Investition werden zwangsläufig höhere Kapitalkosten wie Abschreibungen und Zinsen entstehen; die Gebäudekosten (ohne Zinsen) in Gänze werden sich damit um rund 90 € pro Sau und Jahr erhöhen. Dies gilt auch für Zinsen, die in dem Kostenblock „sonstige Kosten“ einbezogen worden sind. In der Agraproduktion Bernsgrün-Hohndorf eG werden Gemeinkosten, die gemeinsam von allen Betriebszweigen verursacht werden, gedrittelt und auf die definierten Betriebszweige Pflanzen-, Rinder- und Schweineproduktion umgelegt. Aufgrund auch anderer Ursachen verringert sich diese Umlage zugunsten der Schweinehaltung um rund 50 € pro Sau. Wenn die Kalkulation in der Weise aufgeht, dann lässt sich zumindest heute abschätzen, dass die Sauenhaltung zukünftig einen positiven Beitrag zum Betriebsergebnis erwarten lässt. Die Agrargenossenschaft wird danach Stückkosten von 53 € pro verkauften Mastläufer haben, die im Durchschnitt der kommenden Jahre als Mindesterlös erreichbar sein müssen.

 

Hoffen auf positive Signale von der Bank

Vorstandsvorsitzender Andreas Höfer erwartet durch die tiefgründige Studie, dass das Bauvorhaben durch die Investitionsförderung landwirtschaftlicher Unternehmen (ILU) genehmigt wird. Da solch ein Vorhaben nicht ohne zusätzliche Darlehen zustande kommen kann, wünscht sich der Vorsitzende auch positive Signale der finanzierenden Bank. Schließlich erwarten die Beschäftigen einen fairen Umgang von agrarpolitischer Seite, die verlässliche und praktikable Rahmenbedingungen schaffen sollte. Es nütze hierzulande niemandem, wenn die Schweineproduktion allmählich in Länder mit niedrigeren Standards abwandere und sich die Produktionsumstände dort kaum noch kontrollieren lassen.

Besonders hervorzuheben ist auch das Engagement der Unternehmensleitung um Andreas Höfer, die jungen Nachwuchskräften im Unternehmen viel Gestaltungsfreiraum überlässt und damit ein hohes Maß an Verantwortung überträgt. Franziska Urban ist nicht die erste Absolventin der Fachschule Stadtroda in Bernsgrün, die hoch motiviert die eigene Zukunft in der Agrarprodukte Bernsgrün-Hohndorf eG sieht.

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