Dem Himmel ganz nah

09.03.2016

© Petra Jacob

Dem Himmel ganz nah ...

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Wenn Anfang Juni der Frühling in den Frühsommer übergeht, beginnen in ganz Kirgisistan Viehhalter und Auftragshirten Schafe, Pferde, Rinder und gelegentlich Yaks auf höhere Weideflächen zu treiben. Ähnlich dem Almbetrieb in Bayern oder der Schweiz, suchen sie Weideland für die Sommermonate in den Höhenlagen. Zu den beliebtesten Sommerweiden in dem kleinen mittelasiatischen Land gehören die Flächen um den Song-Kul, einem Bergsee, der im Landesinneren 3 016 m hoch auf einem Gebirgsplateau liegt. Der See ist 29 km lang und 18 km breit. Die Weideflächen reichen bis an die Ufer. Das Plateau wird eingerahmt von Bergketten, die das ganze Jahr über mit Schnee bedeckt sind. Sie gehören zum berühmten Tienschan-Gebirgssystem, mit über 7 000 m hohen Gipfeln. Die Weideflächen sind eher mager, dafür wachsen reichlich Edelweiß und Enzian. Weit und breit steht kein Baum, wächst kein Strauch. So schön es ist, es ist auch eine harsche Gegend. Der Bergsee ist von November bis Mai zugefroren. Die meiste Zeit des Jahres ist die Natur sich selbst überlassen. Weidebetrieb findet nur von Juni bis Oktober statt. Für Familie Jukun beginnt die Weidesaison in der ersten Juniwoche am nördlichen Ufer des Sees, in einem Abschnitt, der sich Batai Aral nennt.

Ruhe und Einsamkeit


Die Jukuns sind jedes Jahr eine der ersten, die auf dem Plateau ihr Sommerlager aufschlagen – das Tschailoo, wie es auf Kirgisisch heißt. Hochsaison ist zwischen Juli und Mitte September. Dann werden sich hier zehn Familien die Weideflächen teilen, die übrigens nicht abgezäunt sind und die, wie alles Weideland in Kirgisistan, im Besitz des Staates sind und nach Plan verteilt werden. Die Flächen um den Song-Kul sind Viehhaltern aus den Regionen Koschkor, Nary und At-Baschi zugewiesen. Pachtverträge laufen maximal 49 Jahre. Die Pacht richtet sich nach der Zahl der Tiere. Zum Beispiel kostet es zwischen 250 und 300 Som, umgerechnet 3,25 und 3,90 € pro Saison, um ein Stück Vieh auf den Flächen von Batai Aral zu sömmern. „Es gibt mehr Anfragen als Stellplätze“, sagt Jukunay Jukun (Ende 50), die freundliche Bäuerin mit dem bunten Kopftuch im himbeerroten Kittelkleid. Für ihren Geschmack sind schon zu viele Hirten auf der Weide. Sie liebt die Ruhe und Einsamkeit, die diese Gegend bietet. Dabei stehen die einzelnen Sommerlager mit mehreren Hundert Meter Abstand voneinander. Das Umziehen mit den Tieren auf die Sommerweide kennt Frau Jukun von Kindesbeinen an. Vor ein paar Jahren ist ihr Mann gestorben. Jetzt sömmert sie ihre Tiere mithilfe drei ihrer vier Söhne, ihrer Schwiegertochter und einem Enkelsohn. Die Familie besitzt 190 Schafe, 30 Ziegen, 35 Pferde und 25 Kühe. Fünf der Pferde, einige Mutterkühe mit Kälbern und drei Milchkühe – um sich mit Milch selbst versorgen zu können – sind schon da. Mit einem angemieteten Transporter sind sie aus dem drei Stunden Fahrzeit entfernten Kochkor, wo die Familie den Rest des Jahres lebt, hochgefahren worden. Schafe und Ziegen sind dagegen in der Obhut eines Auftragshirten, der sie in einem mehrtägigen Marsch aufs Plateau bringen wird.

Leben in der Jurte


Auf über 3 000 m ist es in den kirgisischen Bergen zu kalt und unwirtlich, um dort dauerhaft zu leben. Das Wetter ist unberechenbar, das ganze Jahr über kann es schneien. Die Viehhalter wohnen daher in Jurten, die schnell auf- und abgebaut werden können. Sie erlauben ein problemloses Umziehen, falls das Weideland abgegrast oder ausgetrocknet ist. Das Grundgestell der Jurte ist ein im Kreis aufgestelltes hölzernes Scherengitter, das mit Dachstangen versehen wird. Darüber kommen Matten aus Schilfhalmen, dann mehrere Lagen Filzdecken. Zum Schluss wird die Konstruktion mit Seilen an Pflöcken in der Erde befestigt. Das Innere der Jurte ist in einen Frauen- und einen Männerbereich unterteilt. Der Hausrat ist in Truhen und Kästen verstaut. Bettdecken und Sitzkissen stapeln sich an der Wand. Auf dem Grasboden liegen kunstvolle Filzteppiche, auf denen abends die Bettdecken ausgerollt werden. Für den Fall, dass es sehr kalt wird, steht ein Eisenofen bereit. Sein Rauchabzug führt durch eine Öffnung zum Dach hinaus. Aufgrund der fehlenden Bäume und Sträucher in der Gegend wird er mit getrockneten Kuhfladen geschürt.

Gewöhnlich hat eine Jurte einen Durchmesser von vier Metern und bietet Platz für sechs bis zehn Personen. „Und wenn es richtig kalt wird“, lacht Frau Jukun, „kommen auch schon mal die Kälber mit in die Jurte.“ Im Moment stehen sie angebunden auf der Wiese. Nicht weit davon werden morgens und abends die Kühe gemolken. Einer der älteren Söhne sitzt dann in der Hocke vor den Tieren und melkt in einen Blecheimer. Sein jüngerer Bruder hilft ihm, indem er die zu melkende Kuh an den Hörnern festhält. Anschließend schleppen sie beide die gefüllten Milchkannen zur Jurte. Die auf kirgisischen Sommerweiden produzierte Milch ist vorwiegend für den Eigenbedarf gedacht. Sie wird, da Kühlmöglichkeiten fehlen, im Laufe des Tages verarbeitet. Mutter Jukunay sitzt im Gras und kurbelt heftig an einer Zentrifuge. Die Endprodukte Sahne und Milch dienen zum einen für die Herstellung von Kajmak, einer sauer gewordenen Sahne, dem Schmand ähnlich, aber vom Geschmack her etwas süßer. Kajmak gehört bei den Kirgisen zu jeder Mahlzeit. Außerdem entstehen Joghurt, Sauermilchquark und ausgelassene Butter. Diese Butter, der durch Erhitzen das Wasser, Milcheiweiß sowie der Milchzucker entzogen wurden, ist länger haltbar, ungekühlt bis zu neun Monate. Das Butterschmalz kann man außerdem stark erhitzen und zum Braten verwenden.

Eine Spezialität und heiß geliebt bei den Kirgisen sind die Kurut. Das sind aus getrocknetem Joghurt geformte Kugeln, die bei Milchüberschuss hergestellt und lange aufbewahrt werden können. Sie dienen als Wintervorrat, wenn die Tiere keine Milch geben. Dann werden die Kugeln mit heißem Wasser übergossen und es entsteht ein joghurtähnliches Getränk; die angetrocknete Rohmasse wird auch gern der Fleischbrühe zugesetzt. Milchprodukte sind neben Fleisch die Hauptnahrungsmittel der kirgisischen Viehhalter; es wird dabei eher gekocht als gebraten. Fleisch von jungen Bullen, Lamm oder Hammel gibt es das ganze Jahr über. Es wird auch sehr viel Pferdefleisch gegessen, das als idealer Energiespender gilt.

Volle Tische


Neben den Milchprodukten wird zu allen Mahlzeiten Fladenbrot gereicht, das vor dem Essen vom Tischherrn in Stücke gebrochen wird, um es zwischen die Schüssel und Teller zu legen – schließlich soll der Eindruck einer reichlich gedeckten Tafel entstehen. Für Kirgisen ist es nämlich eine Schande, wenn der Tisch beim Essen nicht richtig voll ist. Schwiegertochter Burutscha (25) ist für die Zubereitung der Speisen und die Bewirtung der Gäste zuständig. Neben dem Viehbetrieb spielt bei den kirgisischen Viehhaltern um den Song-Kul das Aufnehmen von Touristen eine immer größere Rolle. Für diesen Zweck hat Familie Jukun drei Gästejurten auf die Wiese gestellt. Sohn Omurbek (24) ist gelernter Koch und arbeitete bis voriges Jahr in einem Hotel am sehr touristischen Issyk-Kul-See. Mutter Jukunay hat ihn gebeten, diesen Sommer auf der Tschailoo mit auszuhelfen. „Im letzten Jahr hatten wir 300 Besucher allein aus dem Ausland“, erzählt Frau Jukun stolz. Und es werden immer mehr. Seit 14 Jahren kommen Touristen aus Russland und immer mehr auch aus Europa und Asien zu Besuch. Vermittler ist das Büro Community Based Tourism (CBT), eine Organisation, die im Jahr 2000 von der Schweizer Entwicklungshilfeorganisation Helvetas ins Leben gerufen wurde, um einen sogenannten sanften Tourismus entstehen zu lassen.

Für jeden ist diese Art von Urlaub – ohne Strom, fließendes Wasser, mit Plumpsklo und Trinkwasser aus dem See – sicher nicht geeignet. Aber es ist gerade das einfache Leben, das viele der Besucher erfahren möchten. Inzwischen gibt es 18 CBT-Büros, die in ganz Kirgisistan Aufenthalte in Jurten und Privathäusern, aber auch komplette Touren mit Privatchauffeur oder auf dem Rücken von Pferden vermitteln. Frau Jukun ist sehr zufrieden mit dem Zusatzeinkommen, dadurch kann sie jetzt zwei ihrer Kinder in eine höhere Schule schicken. „Meine Sparkasse“, nennt Frau Jukun ihre Tiere. Sie werden geschlachtet, wenn Geld gebraucht wird. Ein Großteil wird nach der Sommersaison im Herbst auf dem großen Tiermarkt in Kochkor verkauft. Für ein Pferd gibt es zurzeit rund 75 000 Som, umgerechnet 971 €, für ein Schaf um die 5 000 Som (65 €). Der Rest des Tierbestands steht in der kalten Jahreszeit auf Weideland bei Kochkor unweit des eigenen Hofes und wird mit Gras und Gerste zugefüttert.

Das Lieblingsgetränk


Auf der Fahrt zurück hinunter nach Koschkor, das auf 1 800 m liegt, geht es über unbefestigte Pisten durch eine grandiose Bergwelt. Dem Besucher wird noch einmal bewusst, wie abgeschieden und entfernt von der Zivilisation die Viehhalter am Song-Kul leben. Yak- und Schafherden ziehen vorüber, begleitet von Hirten hoch zu Ross. Am Fuß der Berge grasen viele Pferdeherden. Der Fahrer hält bei einer Gruppe von Männern mit witzigen Filzhüten und einigen besonders schönen Stuten. Mit einem Lachen schnappt er sich alte Plastikgetränkeflaschen aus dem Auto, gefüllt mit einer milchigen Flüssigkeit bringt er sie zurück. Er hat Kumys eingekauft, vergorene Stutenmilch, das absolute Lieblingsgetränk aller Kirgisen.

Kumys gilt hier als Allheilmittel, soll er doch bei verschiedensten Krankheiten helfen und die Schwachen stärken. Aufgrund seines hohen Vitamin- und Mineralstoffgehalts dient er den Steppenvölkern als Ersatz für frisches Obst und Gemüse. Durch die Gärung ist die Stutenmilch leicht alkoholhaltig. So kommt es nicht von ungefähr, dass ein kirgisisches Sprichwort besagt: „Die Zeit auf den Sommerweiden schenkt einem die besten Tage des Lebens.“

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