Wochenrückblick

11.02.2015

© Sabine Rübensaat

Der Landjugendball im Palais unterm Funkturm

Bildergalerie: Wochenrückblick

Wer dem Landjugendalter entwachsen ist, begegnet gerade jenen Veranstaltungen, die dem „Jungen Land“ auf der Grünen Woche höchstwahrscheinlich am wichtigsten sind, mit einer gewissen Distanz. Die Landjugendfete mit 5 000 Landjugendlichen in der Metropolishalle (7), der Landjugendball im Palais unterm Funkturm (1), der abendliche Abstecher zur Abba-Show – Gelegenheiten zur Begegnung, für die jede Generation ihre eigenen Vorlieben entwickelt. Wir lassen die Bilder sprechen …

Auch die Landjugendveranstaltung mit Theaterstück – in diesem Jahr von der Landjugend Rheinland-Nassau (6) – gehört zu den fest gefügten Traditionen des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL) auf der Grünen Woche. Sie findet immer am ersten Sonntagvormittag im Schatten der Landjugendfete im größten Saal am Platze – diesmal war es einer der nigelnagelneuen Sichtbetonbunker im City-Cube – statt. Zu den Ritualen bei dieser Veranstaltung gehört die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls der Landesverbände. „Wo sind die Württemberger?“ – „Hiiiieeeer!“ – oder so ähnlich. Als junger Mensch braucht man so etwas möglicherweise, zumal wenn die Jugend vom Lande endlich einmal die Gelegenheit hat, zuhauf zusammenzukommen. Auch bereits traditionell: der verbale Schulterschluss per Podiumsgespräch mit LandFrauen, Bauernverband und Landwirtschaftsminister.

Spannend wurde es beim Junglandwirtekongress am Montagmittag. Etwa 250 Junglandwirte waren der gemeinsamen Einladung von BDL und Bauernverband (DBV) gefolgt (9). Und niemand freute sich wohl mehr über die Einladung als Eckehard Niemann, Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), als einer der Gäste der Podiumsrunde (8). „Es ist das erste Mal, dass wir überhaupt eingeladen worden sind“, antwortet er auf die Frage aus dem Publikum, ob denn die AbL grundsätzlich gesprächsbereit sei. „Wenn Sie Einfluss im Bauernverband haben: Ich komme jederzeit“, ergänzt Niemann. Da war Bauernpräsident Joachim Rukwied, der eingangs gesprochen hatte, schon wieder bei einem anderen Termin und die Diskussion in vollem Gang. Wie man denn als Bauer bei einer Demo mit Leuten mitlaufen könne, die sagen: „Fleisch essen und Schlachten ist Mord“. Das sei doch wie bei Pegida, polemisierte ein aufgebrachter Rheinländer. Niemann entgegnete, dass es bei der „Wir haben es satt“-Demo eben sehr unterschiedliche Leute gibt, dass er solche Entgleisungen nicht in Ordnung findet, generell aber auch mit diesen Menschen das Gespräch sucht und führt. Auf die Frage, mit welchem Recht die AbL als Interessenvertreter der Bauern auftritt, wie viele Mitglieder sie denn überhaupt habe, antwortete Niemann, die AbL nenne sich nicht von ungefähr Arbeitsgemeinschaft. Sie habe 2 000 bis 3 000 Mitglieder, und ihre Stärke bestehe darin, sich nicht zulasten der Erzeugerpreise mit der Agrarindustrie, dem Raiffeisenverband, den Schlachtereien und Molkereien zu verbinden, sondern über den Tellerrand zu schauen.

Detlef Steinert, Chefredakteur der Deutschen Landwirtschaftszeitung (DLZ), der die Podiumsdiskussion moderierte, hatte es nicht leicht, nach den Eingangsstatements zum Thema „Ist Landwirtschaft in Deutschland noch zeitgemäß?“ die Runde ausgewogen zu gestalten. Bot doch der Beitrag von Niemann offenbar die meisten Reibungspunkte: Das Größenwachstum der Betriebe müsse ein Ende haben, denn immer weiteres Wachstum werde von den Verbrauchern nicht toleriert. Wenn man das „Wachsen oder Weichen“ auch nicht aufhalten könne, so könne man es doch bremsen. „Wir müssen Klasse statt Masse produzieren!“, so Niemann. Gehe die produzierte Menge um zehn Prozent zurück, werde der Preis um 20 bis 25 % steigen, eine Grundkenntnis der Agrarökonomie. Die Ferkelerzeuger haben beispielsweise in den letzten zehn Jahren kaum Geld verdient. „So weitermachen geht nicht, aber es ist eine Option, mit gesellschaftlicher Akzeptanz die Produktion runterzufahren und höhere Preise zu bekommen“, argumentierte Niemann.

Podiumsgast Markus Santelmann, der nach seiner Ausbildung den Betrieb neu strukturiert und um eine Hähnchenmast mit 8 000 Plätzen und eine Biogasanlage erweitert hat, sah das anders: „Wir müssen in bestimmten Mindestgrößen arbeiten, sonst rentiert sich die eingesetzte Arbeitszeit nicht“, betont der Junglandwirt. Und: „Das Ausland schläft doch nicht! Wenn wir anfangen, wenig und teurer zu produzieren, springen die doch sofort in die entstehende Lücke.“

Für Prof. Dr. Wolfgang Bokelmann von der Berliner Humboldt-Universität war wichtig, dass die Verantwortung nicht nur bei der Landwirtschaft gesucht wird, sondern auch weiterverarbeitende Industrie und Handel sich umstellen müssen. Außerdem ermutigte er, neue Vermarktungswege zu gehen, beispielsweise durch gebündelte Direktvermarktung. Der Beruf des Landwirts sei in der Öffentlichkeit weiterhin positiv belegt. Timm Fuchs, Vertreter des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB) teilte diese Ansicht. Für ihn sind die Landwirte von essenzieller Bedeutung für die Dörfer, vor allem da sie immer noch wichtige Arbeitgeber sind und mit ihren Aufträgen die örtliche Wirtschaft stärken. Konflikte zwischen Landwirten, Wohnbevölkerung, Tourismus und Wirtschaft gebe es. In jedem Fall müsse in der Diskussion vor Ort der beste Kompromiss für die Gemeinde gefunden werden. Aber ja: Der DStGB habe sich für eine Grenze bei der Privilegierung von Großmastanlagen im Außenbereich ausgesprochen.

Ein Junglandwirt aus dem Münsterland appellierte nach einer interessanten und teils sehr emotionalen Diskussion, „auch wenn wir in manchen Positionen auseinanderliegen, aktiver aufeinanderzuzugehen“ – und meinte damit die AbL und ihren Vertreter.

Einen sehr konkreten Blick in die Zukunft konnte man die Woche über am Landjugendstand wagen. Die Aktiven von Rheinischer und Hessischer Landjugend hatten zum Thema „Generation XY?!“ Aktionen vorbereitet, mit denen sich Standbesucher mit ihrer Zukunft vertraut machen konnten. Eine Alterungs-App sorgte für ein reifes Gesicht (2, 4), und mittels schwerer Schutzweste und Brille konnte man sich mal richtig alt fühlen (5). An einem Generationenbaum mehrten sich im Laufe der Woche Blätter (3) mit den Wünschen der Alten an die Jungen und umgekehrt, die beiderseits in mancherlei Hinsicht für Verständnis und Toleranz warben. Und so ist auch zwischen den Generationen gefragt, was zwischen Verbrauchern und Landwirten und zwischen diesen und jenen Bauern möglich sein sollte: Dialog und vernünftiges Miteinander. Heike Mildner

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