Wenn nur noch die Ruhe bleibt

12.11.2013

Filmplakat

Am Ende der Milchstraße

Am Anfang geht die Sonne auf. Noch ist kein einziger Mensch zu sehen. Ein paar Pferde laufen durchs Bild. Der Tag bricht an in einem Dorf mitten in Mecklenburg-Vorpommern, „am Ende der Milchstraße“ – so verheißt es jedenfalls der träumerische Filmtitel, der nicht nur auf einen mystischen Ort verweist, sondern auch dessen Isolation vorweg nimmt. Wovon ist diese kleine Gemeinde isoliert, die wie aus der Zeit gefallen scheint und doch vom historischen Wandel nicht weniger gezeichnet sein könnte?

Die Dokumentarfilmer Leopold Grün und Dirk Uhlig beobachteten über Jahre hinweg eine Handvoll Dorfbewohner, die exemplarisch für das Leben in vielen ländlichen Kommunen, ganz besonders in Ostdeutschland, stehen könnten: Bauer Maxe hat gesundheitliche Probleme und schafft es gerade so, die Arbeit auf dem Hof zu meistern, mit der er ohnehin kaum etwas verdient. Freude schenkt ihm seine Partnerin Cordula, mit der er erst seit Kurzem zusammen ist und die noch zur Hälfte in der Stadt wohnt, weil es ihr nicht immer leicht fällt, sich mit dem Landleben zu arrangieren. Ihre älteste Tochter Nicole besucht sie ab und zu. Sie hat einen Drogenentzug überstanden und kämpft mit einem schweren Augenleiden. Schon allein ihrer Biografie und ihres Gesundheitszustands wegen hat sie nur wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Unter seiner Arbeitslosigkeit leidet auch Maik, der dadurch wieder zurück zu seiner Mutter, der Pferdezüchterin Gabriele (u. l.), gezogen ist, die nach dem Tod ihres alkoholkranken Exmannes gerade so alleine über die Runden kommt.

Dies sind nur ein paar der Protagonisten, die der Dokumentarfilm porträtiert, und trotzdem werfen sie bereits die Fragen auf, denen sich „Am Ende der Milchstraße“ am ausgiebigsten widmet: Landflucht und Überalterung. Der Nachwuchsmangel in der Agrarwirtschaft ist kein Geheimnis, ebensowenig die Abwanderung gut ausgebildeter junger Menschen aus den strukturschwachen Regionen in die Städte und Ballungsgebiete. Der wütende Maik klagt in einem Moment direkt das System an, das nicht nur bedingungslose Flexibilität fordert, sondern auch den Willen, sich mit jeder Arbeit zufrieden zu geben und sei sie auch noch so schlecht bezahlt.  Und Harry,  zugezogen und  angekommen, auch wenn er eigentlich im Wohnmobil zu Hause ist, urteilt beim Angeln am See sogar nonchalant, es sei doch erwünscht, unten zu bleiben, wenn man einmal dort angekommen ist. „Wie wehrt man sich gegen eine nur schwer einzuklagende Ungerechtigkeit?“ Das war eine der Fragen, die den Filmemachern Uhlig und Grün bei ihren vielen Besuchen im Dorf offenbar in den Sinn kam. 

Im Film führt diese Frage zu einer hoffnungsvollen Perspektive. So werden nicht nur Leid und Entbehrung ins Bild gerückt, sondern auch Spaß, Humor und Hilfsbereitschaft. Die Dorfbewohner mögen zwar wenig haben, aber zusammen haben sie mehr als man vermuten würde. So wie es auf Dörfern schon seit Jahrhunderten gang und gäbe ist, trägt jeder seinen Teil zur Gemeinschaft bei: Die Landwirte helfen mit Nahrungsmitteln, während der Handwerker für Reparaturen zur Stelle ist. Es werden Dorffeste gefeiert und es wird sich gegenseitig besucht – allerdings auch mit einem beängstigend hohen und regelmäßigen Genuss von Bier und Schnaps. Jeder Moment in „Am Ende der Milchstraße“ birgt eben zwei Seiten. Auf die Ruhe und Idylle des Landlebens kann ohne Vorwarnung das Schlachten eines Schweins folgen, dem sich die Filmemacher allerdings mit dem gleichen Interesse nähern. Dem Film gelingt es daher stets vorurteilsfrei und objektiv zu bleiben. Keine Seite wird bevorzugt. Niemand wird bloßgestellt, wie es in TV-Formaten à la „Bauer sucht Frau“ üblich ist.

Die Fülle an Porträts und der gleichzeitige Verzicht auf Meinungsmache, zum Beispiel durch einen alles erklärenden Off-Kommentar, führen im Gegenzug unweigerlich zu einem Mangel an Information. In den wenigen Interviewpassagen des Films erfahren wir daher nicht alles über diese Menschen. Ihre Biografien bleiben größtenteils im Dunkeln. Was zählt, ist ihr Leben in der Gegenwart. Die Vergangenheit – sei es der Krieg, der Sozialismus oder die Nachwendezeit – ist allenfalls im Hintergrund schemenhaft zu erkennen, und die Zukunft bleibt ohnehin ungewiss. Dennoch leistet sich diese poetisch-naturalistische Dokumentation am Ende einen Fingerzeig Richtung Zukunft: Der Melker Oli (u., 2. v. l.)heiratet seine langjährige Freundin Lydia. Beide zieren auch das Filmplakat. Sie stehen auf dem Kornfeld und schauen für eine gefühlte Ewigkeit in die Kamera. Währenddessen wird es dunkel, und der Film verspricht uns einen Sonnenaufgang am nächsten Tag.

Conrad Mildner

Conrad Mildner ist 26, kommt aus einem Dorf in Vorpommern, lebt in Berlin, schreibt Filmkritiken für www.cinemaforever.blog.de, ist „der Blogger“ beim Abendjournal von ARTE und hat selbst schon einige Kurzfilme gedreht.

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