Wenn Mama früh zur Arbeit fährt

12.11.2013

Wichtel

© Sabine Rübensaat

Thaila Pahl-Prignitz, 38, und ihre drei Jahre jüngere Schwester Monik Bode haben ­ihre Berufung in dem Modell gefunden. Es ­funktionierte von Anfang an – in Tarnow, im ­mecklenburgischen ländlichen Raum. Denn der Bedarf war vorhanden. Die Betreuungsform wird möglicherweise noch gefragter, wenn ab 1. August 2013 alle Ein- bis Dreijährigen per Gesetz Anspruch auf ­einen Kita-Platz haben. Der geschätzte Bedarf von rund 780.000 und entsprechendem Personal wird bis dahin kaum zu decken sein.

Für die beiden hochgewachsenen blonden Frauen ist 2013 ein besonderes Jahr. Dann wird es zehn Jahre her sein, seit die ersten Kinder, dar­unter Monik Bodes Tochter Emily, in das „Wichtelstübchen“ am Rande von Tarnow nahe Güs­trow einzogen. Zum Jubiläum wollen sie und ihre Schwester Thaila Pahl-Prignitz zu einem Fest alle rund 50 Kinder einladen, die bisher von ihnen betreut wurden: mit viel pädagogischem Geschick (beide sind staatlich anerkannte Erzieherinnen, haben Praxiserfahrung), Einfühlungsvermögen, dem gewissen Draht zu den kleinen Rackern, einem Sack voll Liebe und Ideenreichtum. Womit die notwendigen bis hinreichenden Bedingungen für den Beruf definiert sind, von denen manche freilich nicht erlernbar, sondern naturellgegeben sind. „Manchmal muss man auch Nerven wie Drahtseile haben“, fügt Thaila hinzu, lachend glücklicherweise. Von Stress oder Anspannung ist an diesem Morgen ohnehin nicht ein Deut zu spüren. Lea-Marie, Charlyn-Marie, Merle, Emely, Finja Lene, Frieda sowie Hennes, Marlon und Mattes, zwischen eineinhalb und zweidreiviertel Jahre alt, sitzen auf ihren Stühlchen und versuchen, der himmelblauen Knete vor ihnen Gestalt zu geben. Frieda ist ein bisschen in sich gekehrt, aber auch das trifft hier auf Respekt. An sich soll es ein Igel werden, aber eigentlich ist jedes Phantasiegebilde „erlaubt“. Ziel der Übung aus pädagogischer Sicht: Materialien unterscheiden lernen, die Hände dafür sensibilisieren, die Motorik steuern, die Vorstellungskraft schulen. Nur scheinbar nebenbei wird das Sprachvermögen trainiert und der Wortschatz erweitert. Die Knete hat Monik aus Alaun, Mehl, Salz, Wasser, Öl und Lebensmittelfarbe selbst hergestellt. Zwar ist auch die handelsübliche für Kinder unbedenklich. Doch: „Meine ist weicher, lässt sich leichter modellieren. Sowieso macht mir so etwas Spaß“,  sagt die jüngere der beiden Schwestern. Sie ist der Kreativteil und mehrheitlich federführend für alle möglichen Events, während Thaila den handfesteren Kontrapunkt setzt und für Organisation, Papierkram, Finanzen steht. Schwesterliche Arbeitsteilung: Man ergänzt sich aufs Beste.

 

Es dauert nur ein paar Minuten, und die Kinder beziehen uns in ihre Runde ein, zeigen uns ihren großen Spielraum mit Bücherregal und Kuschelecke, Tisch zum Puzzeln, Malen, Basteln, Kinderküche mit Geschirr, dazu Bällebad, Rutsche, ein kleines Trampolin und mehr. Die zwei Schlafräume sind mit Bettchen für die Kleinen respektive Matratzen für die Größeren ausgestattet.

 

Mindestens zweimal am Tag geht es mit den „Wichteln“ an die frische Luft, zum Spielen, Spazieren, zum (altersgemäßen) Sport, und das bei fast jedem Wetter. Weil heute die Sonne von einem blauen Herbsthimmel scheint, erobern die Kleinen schnell den Spielplatz vor dem Haus, der ausschließlich von den Tageskindern genutzt wird. Alle machen sich über Kletterturm mit Rutsche, Wipptier, zwei Häuschen, Autos, Traktoren, Bagger, Schippe, Eimer, Schaufel her, unterschiedlich temperamentvoll.

 

Als sich Thaila Pahl-Prignitz und Monik Bode entschlossen, einen Neustart als Tagesmütter zu wagen, steckte das Berufsbild hierzulande mehr oder weniger noch in den Kinderschuhen. Nach einigen Jahren Tätigkeit in einem Kinderheim und in einer Kita war für Thaila die befristete Stelle als gemeindepädagogische Kraft in der Tarnower Kirchengemeinde ausgelaufen, und Monik, zuvor ebenfalls in einem Kindergarten beschäftigt, stand vor dem Ende ihres Mutterschaftsurlaubs. Jobs waren rar. Viele Gemeinden hatten angesichts knapper Kassen, rückläufiger Geburtenzahlen und Bevölkerungsabwanderung ihre Kitas geschlossen.

Inzwischen ist der Trend gegenläufig, und wenn ab 1. August 2013 alle Einjährigen einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz haben, wird sich die Lage weiter zuspitzen. Nach Schätzung des Deutschen Jugendinstituts fehlen schon jetzt über 25.000 Fachkräfte. Auch der Bedarf an Betreuungsplätzen, das Statistische Bundesamt geht von der Zahl 780.000 aus, ist, obwohl die Kommunen seit 2006 stetig mehr Plätze geschaffen haben, nicht gedeckt. Zudem knirscht es in dem Verhältnis zwischen den Bedürfnissen der Eltern und dem Angebot. Die einen brauchen für ihr Kind einen Ganztagsplatz in Wohnortnähe, anderen reicht eine Teilzeitversorgung bis in den Nachmittag. Auch vor diesem Hintergrund hat sich das Modell Tagesmutter mehr und mehr etabliert, Vorbehalte erledigten sich, je stärker sich die Qualität der Pflege durchsetzte. Es wurden entsprechende rechtliche Regelungen formuliert. So gilt seit 2005 die sogenannte Erlaubnispflicht, die jede Tagesmutter bereits ab dem ersten Tageskind beim Jugendamt einholen muss. Bis zu fünf Jungen und Mädchen darf sie betreuen. Pflichtnachweise wie Führungszeugnis und Gesundheitsbescheinigung reichen heute nicht mehr aus, oft sind Weiterbildungen erforderlich.

 

Thaila Pahl-Prignitz und Monik Bode begannen mit je drei „kleinen Geistern“. „Wenn uns die Sache zuerst auch wie ein Sprung ins kalte Wasser erschien, es hat von Anfang an bestens geklappt“, sagen die Schwestern. Die äußeren Bedingungen – Ausbildung und praktische Erfahrung sowie die nötigen Räumlichkeiten samt Ausstattung (geregelt in § 23 Sozialgesetzbuch VIII) – waren vorhanden. Ebenso der Bedarf. Gerade im ländlichen Raum verlängern sich die Arbeitszeiten für viele Eltern durch lange Fahrwege.

 

Aber auch der „Heimvorteil“ der beiden Schwestern dürfte ein Stück Startkapital gewesen sein. Thaila und Monik sind in der Region aufgewachsen. Und dass die Schwestern ebenso pädagogisch versiert wie liebevoll mit Kindern umgehen, wussten Eltern aus deren Arbeit in Kita und Kindergarten. Auf dem flachen Land ebenfalls nicht zu unterschätzen: Der väterliche Landwirtschaftsbetrieb mit Bullenmast, Mutterkuhhaltung und 200 Hektar Ackerland, in dem auch Thailas Mann arbeitet, genießt Ansehen in der Region. Thaila selbst engagiert sich seit neun Jahren ehrenamtlich im Kultur- und Sozialausschuss des Gemeinderates. Diesen beiden sollte man seine Kinder anvertrauen können. (Wobei immer auch die Chemie und die Vorstellungen und Werte von Erziehung zwischen Eltern und Tagesmutter stimmen sollten.)

Ohne die Arbeit ihrer Kolleginnen in den Kitas nur einen Deut abzuwerten, („Jede Art von Tagespflege mit Kindern hat ihre Berechtigung, wenn sie gut ist“), sehen die Schwestern (als gestandene Unternehmerinnen) im Modell Tagesmutter einige Vorteile: „Aufgrund der überschaubaren Anzahl der Kinder ist die Atmosphäre familiärer. Und wir haben die Möglichkeit, uns intensiver um das einzelne Kind zu kümmern, recht frühzeitig Talente, ob Sport, Tanz, Musik, zu erkennen und mit entsprechenden Reizen gezielt zu fördern.“ Einige der Kleinen verbleiben täglich bis zu zehn Stunden in der liebevollen Obhut der Schwestern. Die Eltern bekommen also manchen Sprung, manche Etappe der Entwicklung ihres Kindes nicht mit, zum Beispiel wann es gelernt hat, mit dem Löffel zu essen, die ersten Schritte wagte, dass es gern singt. Deshalb dokumentieren Thaila und Monik solche wichtigen Ereignisse mit der Kamera und stellen ein Portfolio zusammen, das sie den Eltern überreichen, wenn ihre Schützlinge die Tagesmütter verlassen. Das ist in der Regel der Fall, wenn sie drei Jahre alt, also „reif“ für den Kindergarten sind. Dann sollten sie: bis fünf zählen können, einen gewissen Wortschatz haben, in der Lage sein, die Grundfarben zu unterscheiden und mit der Schere umzugehen, sich im Wesentlichen selbstständig an- und ausziehen können.

 

Die beiden Tagesmütter werden nicht müde, sich immer wieder Neues auszudenken, um ihren Schützlingen Eindrücke und Erlebnisse zu verschaffen, die ihnen helfen, ihr Umfeld altersgemäß mit allen Sinnen zu erfassen. Besuche im Betrieb des Vaters sind gang und gäbe (oder der MeLa, wo das große Foto entstand), und das kleine Sommerfest bei einem seiner Berufskollegen ist ein absolutes Highlight. Das mit einer Anfahrt per Kutsche beginnt. Vor Ort können die Kinder Milch probieren, sich die Tiere ansehen, es wird gespielt, die Hüpfburg strapaziert. Aber auch eine schlichte Tour ins Blaue mit der Eisenbahn oder dem Bus bringt den Kindern neue Eindrücke.

 

Um selbst Anregungen zu finden, keinen Entwicklungstrend beim Modell Tagesmutter zu verpassen, absolvieren Thaila und Monik jährlich bis zu 25 Stunden Weiterbildungskurse. Unter anderem haben sie Lehrgänge zu Musik- und Bewegungserziehung für Kinder bis drei Jahre, zur Sprachentwicklung im Kleinkind­alter oder zum Thema Über-/Unterforderung belegt. Der Erste-Hilfe-Kurs am Kleinkind, die beiden nehmen Sprösslinge ab einem Alter von acht Wochen auf, wird jährlich aufgefrischt.

 

Über 100 Mitglieder hat derzeit der Verein der Tagesmütter ­Güstrow, dem auch die beiden Schwestern angehören. Thaila ist im Vorstand aktiv. „Wir wollen in erster Linie das Sprachrohr zu unserem wichtigsten Partner, dem Jugendamt, sein“, sagt die 38-Jährige. Die Bearbeitungszeiten von Anträgen auf Pflegeerlaubnis zu verkürzen sei eines der aktuellen Probleme. Vor Kurzem hat der Verein einen Brief an den Jugendhilfeausschuss des Landtags auf den Weg gebracht: „Für 2013 werden, was den Erstattungssatz für Tagesmütter durch die öffentliche Hand angeht, unterschiedliche Modelle diskutiert. Es scheint, sie würden mehrheitlich zu unseren Ungunsten ausfallen. Deshalb wollen wir signalisieren: Überrumpelt uns nicht mit Gesetzen, ohne sie zuvor mit uns diskutiert zu haben. Generell wollen wir den Kitas gleichgestellt werden. Wir leisten doch genauso gute Arbeit, oder?“ Kein Widerspruch!

Jutta Heise

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr