Was Los machen

04.10.2013

SonuVab!tch

SonuVab!tch auf der MeLa 2013

Siegfried Schulze (Name von der Redaktion geändert) war so geschockt, dass er seinen Stand verließ und schnurstracks auf die Bühne eilte, um Musiker und Moderatorin vor versammeltem Publikum zusammenzuniesen: Eine Zumutung sei das, er könne kaum ein Wort mit den Kunden wechseln. Die Erklärung, dass es sich lediglich um vier Titel im Rahmen eines JugendForums handele, das zudem seit langem angekündigt sei, konnte den Eiferer kaum besänftigen. Erst lautstarke Wortmeldungen aus dem Publikum mit der Bitte um Toleranz gegenüber den Lebensäußerungen junger Leute ließen den aufgebrachten Vertreter der Wirtschaft klein beigeben, sodass sonuVab!tch – wir haben die Band in Heft 37 vorgestellt – ihren zweiten Titel spielen konnte. Klar hatten die fünf jungen Mecklenburger die Boxentürme zu Hause gelassen. Aber auch die Unplugged-Variante mit verstärkten Akustikgitarren und kleinem Schlagzeug war noch laut genug, um die einen zu erfreuen und die anderen gegen sich aufzubringen – offenbar ein Standardkonflikt zwischen Alt und Jung und somit nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich ein passender Einstig in die Diskussionsrunde: Was ist los für Jugendliche, die auf dem Land leben wollen oder müssen – insbesondere was Freizeit und Bildung anbelangt? Wo klemmt’s und warum? Um diese Fragen sollte es gehen.

 

DJ-ing mit LandJugend

Steffen Könke nahm den musikalischen Faden auf und stellte Tribal Zone vor, ein DJ-ing-Projekt, das unter dem Dach der LandJugend Mecklenburg-Vorpommern gedeiht. Selbst organisierte Open-Airs, DJ-Workshops mit Profis aus der Szene, Workshops zur digitalen Musikproduktion – das alles kam bei den Jugendlichen gut an, und der LandJugendverband konnte finanziell Unternehmungen unterstützen, die Teamgeist fördern und zur Auseinandersetzung mit Musik und Technik sowie zu einer sinnvolle Freizeitgestaltung anregen.


Deutlich wurde an diesem Beispiel, was der Vorsitzende der LandJugend MV, Philipp Hänisch, im Verlauf der Diskussion mehrfach versicherte: Wenn jemand mit einer guten Idee zur LandJugend kommt, hat er alle Chancen unterstützt zu werden. Die Initiative solle jedoch möglichst von den Jugendlichen selbst kommen, damit nichts an ihnen vorbei organisiert wird. Die LandJugend konzentriert ihre Angebote auf die Wochenenden und Ferien. Leider würden immer mehr Clubs geschlossen, so Philipp Hänisch. Was bleibt, seien Bushaltestellen, Tankstellen oder andere öffentliche Einrichtungen. Hier müsse man die Jugendlichen abholen. Die LandJugend bietet daher beispielsweise ihre 24- beziehungsweise 48-Stunden-Aktionen an, in denen junge Leute in ihrem Dorf etwas für sich oder andere tun, zum Beispiel Spielplatz oder Bushaltestelle verschönern. Der Landjugendvorsitzende gab zu bedenken, dass man mit Projektfinanzierungen, die über ein oder zwei Jahre laufen, keine kontinuierliche Jugendarbeit leisten kann. Gute Leute zu finden und langfristig zu binden, sei damit fast unmöglich, dass ein Sozialarbeiter mehrere Jahre dieselbe Stelle hat, sei die absolute Ausnahme.


Wie weit man mit einer solchen Ausnahme kommen kann, erzählte Norgard Wodarz vom Familienzentrum Mirow – einer lebendigen Anlaufstelle für alle Generationen im Müritzstädtchen mit seinen 3 500 Einwohnern. Der Jugendklubleiter sei seit 13 Jahren derselbe und werde von der Gemeinde bezahlt. In der Woche würden Arbeitsgemeinschaften angeboten, die Junioren bringen den Senioren den Computer näher, es gibt gemeinsame Spielnachmittage und für die Ferienzeiten denkt man sich meist etwas Besonderes aus. So probten 7- bis 27-Jährige in den Osterferien ein Musical und führten es auf. Die Jugendlichen bauen gerade einen Bauwagen zum mobilen Jugendklub aus.


Apropos mobil: Auch über Mobilität wurde heftig diskutiert, denn Jugendliche, die noch keinen Führerschein haben, haben besonders im ländlichen Raum schlechte Karten. Die Produktionsschule Waren –  Lehrerin Alke Fahldieck war mit einer Schülerin zum JugendForum gekommen und berichtete – holt beispielsweise die Schüler selbst mit Kleinbussen aus den Dörfern ab und schafft die Grundbedingung für das Funktionieren der Einrichtung, in der sich sozial benachteiligte Jugendliche auf eine Berufsausbildung vorbereiten. In der Freizeit, ergänzt Schülerin Anna, bleibe ihr fast nur das Internet. Wenn mal ein Bus komme, sei er zu teuer und die Eltern hätten auch nicht immer Zeit zu fahren. Und die Zweitjüngste in der Runde, die bundesweit drittbeste Tierwirtin beim Berufswettbewerb, Claudia Wiese, ist froh, endlich den Führerschein zu haben, auch wenn der Sprit nicht gerade billig sei.

 

An einem Strang ziehen

Unter dem Dach des Landesjugendringes, der mit Christian Thönelt im Podium vertreten war, wird derzeit innerhalb einer Beteiligungswerkstatt über Mobilität gestritten: Jugendliche und Verkehrsplaner reden mit-einander über die Verkehrsplanung in Nordwestmecklenburg. Dr. Ute Fischer-Gäde, die diesen Prozess begleitet, aber eigentlich für die Schule für Landentwicklung im Podium saß, appellierte – nicht nur in puncto Mobilität – an das Bündeln von Ideen und Kräften über Regionen und Institutionen hinweg. Von der nächsten Förderperiode sei kein großer Geldsegen zu erwarten. Dennoch müsse man sich gemeinsam dafür einsetzen, dass wieder Geld in die Hand genommen wird, um Sozialräume für Jugendliche zu finanzieren. Andererseits müsse mehr Eigenengagement aktiviert und als wertvoll anerkannt werden. „Wir müssen wieder lernen, miteinander zu reden“ – manchmal sei das schon von Ortsteil zu Ortsteil ein Problem. Es gehe darum, Verantwortung zu übernehmen und an einem Strang zu ziehen, statt seine eigene Suppe zu kochen, sagte Fischer-Gäde. Und der Beifall zeigte, dass sie damit den Nerv vieler getroffen hatte.

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