Verletzte retten als Mannschaftssport

12.11.2013

Das Szenario, das das TRT Storkow zu bewältigen hat. © Heike Mildner

Ein Lkw-Hänger mit Baumstämmen rollt ungesichert auf eine Straße. Ein Pkw kommt darauf zu, kann zwar noch bremsen, rutscht aber dennoch mit der Motorhaube unter den Hänger. Die Karosse ist verzogen, die Türen lassen sich nicht öffnen. Der Fahrer sitzt noch im Auto. Dieses Szenario bietet sich dem Technical Rescue Team (TRT) Thüringen, als sie nach einer halben Stunde im „Arrest“ – schließlich sollen sie nicht sehen, was auf sie zukommt – mit dem schönen alten Mannschafts-W-50 der Feuerwehr Kummersdorf an den Unfallort gebracht werden. Der befindet sich gleich hinterm Gerätehaus der Storkower Feuerwehr und ist in der vergangenen halben Stunde bestens präpariert worden. Denn glücklicherweise sind die Szenarien zwar realitätsnah, aber für einen Wettbewerb erdacht und konstruiert, der für die 14 teilnehmenden Mannschaften zudem eine Weiterbildung ist: Rescue Challenge, die deutschen Vergleichswettkämpfe in Sachen Unfallrettung.

 

Dass hier so viele Anglismen im Spiel sind, ist kein falsch verstandener Aufwertungs- oder Modernisierungskrampf, der beispielsweise aus einem Hausmeister einen Facility Manager macht, sondern der Versuch, eine in Deutschland noch sehr junge Disziplin von vornherein am internationalen Standard auszurichten. Erst acht Jahre ist es her, dass ein deutsches Team aus Osnabrück auf eigene Faust an einer Weltmeisterschaft teilnahm und den Kontakt zur World Rescue Organisation (WRO) herstellte. Die Osnabrücker beschlossen, die Idee des Vergleichswettkampfes Unfallrettung in Deutschland bekannt zu machen, gründeten 2006 die Vereinigung zur Förderung des deutschen Unfallrettungswesens e. V. (VFDU) als einen Zusammenschluss von Feuerwehrleuten, Rettungsdienstlern, Ärzten und Mitgliedern des THW. Sie schrieb sich die Bildung eines deutschen „Rettungsstandards“ auf der Basis des internationalen Standards der World Rescue Organisation auf die Fahnen und führt Wettkämpfe wie diesen am vergangenen Wochenende in Storkow durch. Die beste Mannschaft – und das war kein geringer Anreiz für die Mannschaften – würde zur WM fahren, die in diesem Jahr in Florida stattfinden wird.

 

Auch für das Thüringer Team, das sich erst vor zwei Jahren aus Mitgliedern zweier Stützpunktfeuerwehren im Landkreis Sömmerda zusammengefunden hat, ist das eine große, wenn auch längst nicht die einzige Motivation. Heiko Vogt ist der Captain der sechsköpfigen Wettkampfmannschaft, zu der insgesamt 13 Trainierende gehören. Er gibt nicht nur während der gesamten Rettungsaktion den Ton an und entscheidet über Strategie und Taktik des Vorgehens, sondern spricht auch zuerst mit dem im Pkw eingeklemmten Fahrer. Dessen Wohlergehen steht schließlich im Mittelpunkt des Unterfangens. Beim Standard­szenario ist der Verletzte ansprechbar und nicht lebensgefährlich verletzt, sodass der Mannschaft 20 Minuten zur Verfügung stehen, um ihn möglichst schonend – ein besonderes Augenmerk liegt dabei immer auf der Ruhestellung der Halswirbelsäule – aus dem Auto zu bekommen. Zweite Wettkampfdisziplin ist die Rapid-Variante, bei der die Rettung in zehn Minuten erfolgen soll und daher eine etwas andere Strategie gefragt ist.

 

Nach den beruhigenden Worten des Captains wird dem Medic – dem Sanitäter im Team – der Zugang zum Patienten ermöglicht. Dafür brechen „Tools“ und „Saveties“ fachgerecht Scheiben aus dem Auto, entfernen Türen und – um am Ende den Patienten auf der Trage nach draußen zu befördern – oft auch das ganze Dach. Für die hydraulisch und elektrisch betriebenen Geräte wie Schneider und Spreizer sind zwei sogenannte Tools verantwortlich, die beiden Safeties sorgen vornehmlich für die Sicherheit am Unfallort – auch für die des Teams. Jeder Grat wird abgedeckt, Leitungen und Autoteile so gelegt, dass niemand über sie fällt, beim Glasbruch hat sich jeder mit einem Mundschutz gegen den Glasstaub schützen.

 

Schaut man sich die Altersstruktur der Mannschaften an, wird schnell klar, dass dies eher eine Sache für „alte Hasen“ ist. Heiko Vogts Sohn Sebastian ist bei den Thüringern mit 25 der Jüngste in der Mannschaft. Er studiert mittlerweile in Erfurt angewandte Informatik, ist aber als Tool noch immer begeistert bei der Sache. Mit dem ersten Wettkampf hier in Storkow ist er wie seine Kollegen recht zufrieden. Immerhin haben sie den Verletzten innerhalb der vorgegebenen Zeit geborgen, was nicht jeder Mannschaft gelingt, und auch die Wettkampfrichter fanden bei der Auswertung lobende Worte.

 

Jüngster bei der gastgebenden Mannschaft, dem TRT Storkow, ist der 28-jährige Steve Mietzelfeld. Er ist von Anfang an, also seit 2008, im Storkower Team und hat für diese Meisterschaft extra zwei Wochen Urlaub genommen. Nicht wegen irgendwelcher Extra-Trainingseinheiten, sondern um bei der Vor- und Nachbereitung der Meisterschaft zu helfen. Denn zu tun ist eine Menge. Allein die Beschaffung und Vorbereitung der knapp 50 Unfallwagen ist eine Herausforderung. Die Schrottkarossen müssen im Vorfeld dem erdachten Szenario entsprechend „zurechtgestutzt“ werden. Dazu werden sie per Kran angehoben und aus drei, vier oder fünf Metern Höhe auf diese oder jene Seite fallen gelassen. Außerdem gilt es, die Kollegen über den Wettkampf hinaus gut zu versorgen. Und das scheint den Storkowern rundum gelungen. So viel Publikumsresonanz habe man bei den Wettkämpfen bisher selten gehabt, schätzt Jens-Oliver ­Greie vom VFDU ein.

 

Die Vorbereiter des Szenarios für die Storkower zollen den Gastgebern augenzwinkernd Respekt: Ein Pkw ist gegen einen Mast gefahren. Adebar guckt den Rettern von oben zu. Auch hier muss das Dach ab. Der Kapitän entscheidet sich fürs Aufrollen. Bei der Auswertung später wird diskutiert, ob es nicht besser gewesen wäre, zu „tunneln“, also den Verletzten durch den Kofferraum herausziehen. Axel Topp, Leiter des vierköpfigen Wertungsteams, betont, auf welch hohem Niveau alle teilnehmenden Mannschaften mittlerweile arbeiten. Die Unterschiede würden immer geringer und es würde somit auch immer schwerer, die besten zu benennen. Dennoch kann nur eine Mannschaft zur WM. 2013 ist es das Team aus Sinntal in Hessen. Gewonnen allerdings, haben wohl alle.

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