Trommeln im Gleichschritt

28.10.2014

© Christine Schindler, Spielmannszug Zabeltitz (4)

Die Nachwuchsmannschaft Zabeltitz mit Übungsleitern bei den Landesmeisterschaften 2014. © Spielmannszug Zabeltitz

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Ein rotes Vereinsshirt besitzt Klein-Noah, sieben Monate alt, bereits. Und nur zu gern streift ihm das seine Mami, Heike Ehresmann, über, die in der roten Bluse des Spielmannszuges Zabeltitz ebenfalls eine überaus gute Figur macht. Seit über 20 Jahren trägt die junge Frau in ihrer Freizeit liebend gern Rot-Weiß. Als sie acht oder neun war, hat sie sich bei den Spielleuten angemeldet. „Mir hat das so gut gefallen, wenn die Truppe auf Dorffesten, beim Fasching oder zum Sportfest aufgetreten ist. Zu der Musik gab es immer gute Stimmung. Da wollte ich auch mitmachen“, erinnert sich Heike Ehresmann an die Anfänge ihrer Karriere als „Spielfrau“. Heute ist die 31-jährige Direktionsassistentin in einem Industriebetrieb in der Nähe von Meißen nach Feierabend verantwortlich für die 50 acht- bis 15-jährigen Nachwuchsmusiker im Zabeltitzer Spielmannszug des Landessportbundes. Eine ganz schön große Truppe und erfolgreich noch dazu: Im Juni dieses Jahres erspielten sie sich unter den elf angetretenen Mannschaften den sächsischen Jugend-Landesmeister – und zogen gleichauf mit der sieggewohnten Erwachsenenformation. 120 aktive Mitglieder zählt dieser Verein insgesamt, der in diesem Jahr sein 90-jähriges Jubiläum feierte. Alle Achtung. Schließlich ist es heutzutage nicht gottgegeben, dass eine Freizeitorganisation auf dem Dorf so viele Jahrzehnte mit so großem Erfolg agiert. Auch in Nordsachsen sind nach der Wende viele junge Leute fortgezogen, die Geburtenzahlen sanken, und es gibt eine Menge Konkurrenz in Großenhain und Umgebung. Hip-Hop, Skater-, Fußball- und zig andere Sportvereine. Man kann tanzen lernen, kegeln, angeln, Tennis spielen, Kaninchen und Rassegeflügel züchten oder sich sozial engagieren. Nichtsdestotrotz: „Noch haben wir genug Nachwuchs“, schätzt die Jugendleiterin die Lage ein. Allerdings sei das kein Selbstläufer. Der Präsident des Zabeltitzer Spielmannszuges, Jens Partuscheck, lässt es sich deshalb zu Schuljahresbeginn nie nehmen, Kinder aus den zweiten bis vierten Klassen und deren Eltern zu einer Kennenlernstunde einzuladen. Im vorigen Jahr kamen zehn Mädchen und Jungen, in diesem Jahr nur fünf. „Wahrscheinlich waren die Fußballer mit ihrer Werbeaktion schneller“, vermutet der Mann. „Das soll nicht noch mal passieren. Wir werden künftig früher anfangen.“ Aber den Fünfen, die mit ihren Eltern zur Schnupperstunde gekommen sind, hat offenbar gut gefallen, was ihnen Jens Partuscheck offerierte. Er stellte die Spielmannszug-Instrumente vor: Lyra, verschiedene Trommeln, Becken, Querflöte, Signalhorn und den Tambourstab des Spielführers. Und der Mann, der seit 1972 diesen Gerätschaften wohlklingende Töne entlockt, hat auch dieses Mal wieder Eindruck gemacht. Auch bei den Eltern. Denen gefiel zudem, was der Präsident über das Finanzielle und das Vereinsleben erzählte. Der Mitgliedsbeitrag für ein Jahr beträgt für Kinder und Jugendliche 40 Euro (Erwachsene zahlen 20 Euro mehr). Instrumente und Vereinskleidung stellt der Verein. Für die Fahrten zu Auftritten oder Wettbewerben werden die Eltern ebenfalls nicht zur Kasse gebeten.


Wo sonst kann man für einen derart günstigen Obolus ein Musikinstrument erlernen? Wo ist man bis ins Erwachsenenalter hinein in eine überschaubare Gemeinschaft eingebunden und gut beschäftigt, und wo gibt es dazu noch derart viel Abwechslung, die die Auftritte und das Wettkampfgeschehen mit sich bringen? Und dass bei dieser Art Freizeitbeschäftigung Disziplin und Ordnung gefordert sind, kann kaum verkehrt sein. Das überzeugt die Eltern.


Also sieht man die meisten Kinder aus der Schnupperstunde im Anfängerkurs wieder, der bis Weihnachten geht. Dort bekommen sie mit, dass es gar nicht so einfach ist, einer Flöte Töne zu entlocken, dass es aber toll ist, wenn es dann klappt. Und sie merken, ob das Musizieren im Gleichschritt wirklich zu ihnen passt. „Nur die allerwenigsten springen wieder ab“, weiß die ausgebildete Übungsleiterin Heike Ehresmann, die ebenso wie ihre „Kolleginnen“ ein gutes Händchen für die Kleinen hat. „Wir betreiben doch ein Hobby, das soll Spaß machen.“ Es wird viel herumgealbert, und es passt auch gut, dass man bei den herbstlichen Lampionumzügen, die die Spielleute derzeit begleiten, schon mal die Stimmung in der Truppe erschnuppern kann. Nach Weihnachten geht es richtig zur Sache. Wer dabeibleiben will, tritt in den Verein ein. Dann wird zwei Mal in der Woche geübt. Schließlich sollen die Neuen nach und nach fit an ihren Instrumenten werden – das dauert immerhin rund zwei Jahre. Und die, die schon länger dabei sind, müssen viel proben, um bei Festen, Feiern und Wettkämpfen eine gute Figur zu machen. „Für ein Kind ist es eine enorme Koordinationsleistung, aus dem Gedächtnis heraus ein Instrument zu spielen und dazu mit den anderen im Gleichschritt zu laufen, nicht abzudriften und auch noch auf den Stabführer zu achten, um den Einsatz nicht zu verpassen. Aber sie kriegen das hin! Bestens sogar“, lobt die Jugendleiterin.


Kein Wunder also, dass sich die Auftrittswünsche häufen. Heike Ehresmann koordiniert die Termine und achtet mit dem Vorstand darauf, dass der Spaß nicht zu kurz kommt. Als Belohnung für „Gold“ bei der Landesmeisterschaft geht’s beispielsweise in den Heidepark Soltau. Der Verein lädt zu Mau-Mau-Abenden, zur Weihnachtsfeier, zu Geburtstagsfesten, zum Fasching oder zum Winterlager ein. Nicht nur die Lebensgemeinschaft von Heike Ehrensmann (Querflöte) und ihrem Partner Ronny Dietrich (große Trommel) kam bei derartigen Gelegenheiten zustande. Es gibt einen ganzen Pärchenreigen und neben Klein-Noah noch weitere Vereins-Babys. Und weil es bei den jungen Musikanten nicht ohne den Zuspruch von Mutti und Vati geht, wird stets zu Schuljahresbeginn zum Elternabend eingeladen – mit anschließendem Grillen und einer netten Runde. Über mangelnde Beteiligung wird hier nicht geklagt. „Ein Glück, denn wenn die Eltern nicht hinter dem Hobby der Kinder stehen, kann es schwierig werden.“ Gelegentlich ist ihre Mithilfe gefragt, wenn Kinder zum Auftrittsort transportiert werden müssen oder sei es nur, den Sohn oder die Tochter an einem kalten Winterabend von der Probe abzuholen, damit auf dem eiskalten Heimweg nicht die Lust am Marschblasen und an der nächsten Trainingsstunde verloren geht.


Apropos Marsch: Das Repertoire, das heute von einem Spielmannszug vorgetragen wird, ist längst nicht mehr so marschlastig und schon gar nicht mehr altbacken. Zwar gibt es für die Pflicht bei einer Meisterschaft vorgegebene Stücke, und zugegeben – die sind teils traditionell. Aber bei der Wettbewerbskür und zu ihren Auftritten, da hauen die jungen Leute und auch die Älteren mächtig auf die Pauke. Bei Stimmungsliedern und intonierten Hits kocht der Saal. Erst recht, wenn die „Trommelshow“ loslegt. Da lassen es die Männer aus dem Spielmannszug krachen, die vom Musizieren in der Formation immer noch nicht genug haben. Selbst Leitern und Fässer werden dabei mit den Trommelschlägeln im Rhythmus traktiert. Auf der Grünen Woche hat die Truppe ganze Hallen gerockt. Die Zuschauer tobten vor Begeisterung. Und ist es da ein Wunder, wenn die Jugend dabeibleibt?

 

INTERNET

 

•    www.spielmannszug-zabeltitz.de

 

Trommelshow:

•    www.hauptpunkt2.de
•    www.facebook.com/Hauptpunkt2

Spielmannszug-Zabeltitz

•    www.spielleute-sachsen.de

 

Geschichtliches und Heutiges
• Der Ausdruck Spielmann lässt sich bis ins achte Jahrhundert zurückverfolgen. Aufzeichnungen aus dem 13. Jahrhundert besagen, dass Flöte und Trommel gemeinsam gespielt wurden. Im deutschen Heer des 19. Jahrhunderts umfasste der Spielmannszug die Tamboure und Hornisten der Infanterie, die Signale gaben und Märsche spielten. Mit den aufkommenden Turnfesten wurde die Spielmannsmusik zu einem festen Bestandteil dieser Feste.
• Der Verwalter des Rittergutes Zabeltitz wollte 1924 den Turnverein wieder aktivieren, gründete dazu einen Spielmannszug und organisierte Schauveranstaltungen. Der Verein wuchs und agierte bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg fanden sich die Spielleute wieder zusammen und schlossen sich dem DTSB (Deutscher Turnund Sportbund) an. 1967 schaffte man den Aufstieg in die Sonderklasse der Spielleute des DTSB, nahm an großen Musikschauen bei Turn- und Sportfesten in Leipzig teil und gewann zahlreiche Pokale.
• Der Spielmannszug Zabeltitz ist heute Mitglied im SSV Zabeltitz-Treugeböhla e. V., im Landes- Musik- und Spielleutesportverband e. V. und im Landessportbund Sachsen. 1991 wurden die Zabeltitzer erstmals Sachsenmeister und holten sich diesen Titel bis heute 14 Mal. Der Nachwuchsspielmannszug errang 1997, 2001 sowie 2014 den sächsischen Landesmeistertitel. Bei den „Deutschen Meisterschaften der Sportspielmannszüge“ errangen die Erwachsenen drei Mal die Bronzemedaille.

 

Schnupperkurs
Kinder der zweiten bis vierten Klasse aus Zabeltitz und Umgebung, die Interesse daran haben, ein Instrument zu lernen und im Spielmannszug mitzuwirken, sind herzlich willkommen und können sich noch bis in den November hinein jeweils dienstags um 17 Uhr beim Anfängerkurs der Spielleute im Übungsraum im ehemaligen Gemeindeamt von Zabeltitz einfinden.
Fragen dazu beantwortet Jens Partuscheck, Tel. (0174) 5 26 13 99.

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