Markt für Mehl und Möglichkeiten

10.07.2017

© Sabine Rübensaat

Josefa Rosenkranz

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Sollen wir sie Jungunternehmerin nennen? Hm, klingt nach raketenartigem Durchstarten, frühem Aufstieg, Risikobereitschaft und Marktnischenspürnase. Aber: Für wen oder was steht hier „jung“? Für die Person, für das Unternehmen? Immerhin waren laut KfW-Report der letzten Jahre 40 Prozent der jährlich rund 860 000 Deutschen, die sich mit einer neuen Geschäftsidee etablierten, jünger als 35 Jahre. Josefa Rosenkranz ist 32 und seit zwei Jahren Inhaberin gleich zweier Mühlenmärkte in Thüringen. Das Verkaufsmodell definiert sie als „regionalen Bauernmarkt mit Schwerpunkt Naturkost und Mühlenprodukte sowie Tierfuttermitteln und Tierbedarf“. Sensationell hört sich das nicht an, aber es greift. Lest weiter, Leute!

Ausbau des Handels als Schlüssel

Erfunden haben es ihre Eltern, Frank und Christine Rosenkranz, ein bisschen gestoßen von den wirtschaftlichen Umbrüchen der Wendezeit. Frank Rosenkranz führt die seit über 400 Jahren existierende Ruhmühle in Ebersdorf in dritter Generation. 1993 hat sein Vater ihm das Zepter übergeben. Doch es brauchte neuen Input, um wirtschaftlich weiterbestehen zu können. „Wir wollten schon dichtmachen“, erzählt der Müllermeister. Aber warum zuvor nicht den marktwirtschaftlich erprobten Kollegen im benachbarten Franken einen Besuch abstatten und sie nach ihren Erfahrungen fragen? Rosenkranz‘ bringen eine ebenso plausible wie schwierig umzusetzende Erkenntnis mit: „Entweder du lässt dir etwas einfallen, um am Markt teilzunehmen, oder bist schnell außen vor.“ Der Müller beschloss: „Wir konzentrieren unser Portfolio auf bestimmte Sorten Mehl, Anderes wird von Industriemühlen zugekauft.“ Und: „Wir richten einen Mühlenladen ein.“ Eine Novität damals, Dinge gleich am Ort ihrer Herstellung zu vermarkten. Den kleinen Verkaufsraum im Erdgeschoss des Mühlenbetriebes gibt es nach wie vor: überschaubar das Angebot, kuschelig das Ambiente, ein Pendant zu den Mühlenmärkten mit ihrer mehrere Hundert Quadratmeter großen Fläche. Ausbau der Handelstätigkeit sei der Schlüssel, befand Familie Rosenkranz im Laufe der Zeit, um den Mühlenbetrieb wirtschaftlich in die Zukunft zu führen. Im März 2000 eröffnete sie im Industriegebiet Schleiz-Oschitz den ersten Mühlenmarkt. Es muss auch deutschlandweit der erste seiner Art gewesen sein, schätzt Müllermeister Rosenkranz, nicht ohne Stolz. Er wurde anfangs genauso von Christine Rosenkranz geleitet wie jener, den man in Bad Lobenstein etablierte. Den später für einige Zeit in Neustadt/Orla betriebenen Markt hat man wieder aufgegeben, obwohl er gut lief. Expansion um jeden Preis und in jede Dimension? Dieses Gesetz der Marktwirtschaft lehnt Familie Rosenkranz ab. Ihre Geschäftsphilosophie: Wachstum in überschaubarer, ja nötiger Größe, um es mit sozialem Engagement zu paaren. Zwei Mühlenmärkte zu führen, ging bald über Christine Rosenkranz‘ Kräfte, zumal ihr die Belieferung von kleineren Kunden per Transporter obliegt. Josefa hatte 2014 ein Studium der Betriebswirtschaft abgeschlossen. Zierlich, klein, strahlt sie eine große Ernsthaftigkeit aus und bekennt gleich, ein ausgesprochener „Zahlenmensch“ zu sein. Erst mal war sie als Angestellte ihrer Eltern in die Mühlenmärkte eingestiegen. Eher pragmatisch der Grund: „Ich musste mein Bafög zurückzahlen“, sagt sie. Die Sache liegt ihr, ob sie es nun wahrhaben will oder nicht, je mehr sie sich in Details hineinfindet. Ihre Mutter schlägt ihr bald die Inhaberschaft der Märkte vor. Ein bisschen haben ihr die Eltern schließlich noch „in den Ohren liegen“ müssen, sich zu entscheiden. Immerhin gab es für Josefa noch manch andere beruflich interessante Option. 

Ich verstehe den Mühlenmarkt als einen regionalen Bauernmarkt.

Zwar hatten die Eltern einige Grundlagen hinsichtlich von Geschäftsidee, Startkapital und Mühen des Anfangs geschaffen. Aber auf immer reicht so ein Vorschuss nie und nimmer. Insofern lassen sich Josefas „anfängliche Hemmungen und Ängste, allen Ansprüchen gerecht zu werden“, gänzlich nachvollziehen. Jetzt, nach zwei Jahren Regie über die beiden Mühlenmärkte, ist davon kaum noch etwas zu spüren. Einen möglichen Rest kompensiert sie mit detailliertem Fachwissen zu den Produkten und ihrer Geschäftsphilosophie, die – ganz im Sinne ihres Vaters – auch von neuen Ideen geprägt ist. Josefa führt uns durch den Mühlenmarkt in Bad Lobenstein, der sich auf 800 m2 in einer aus eigenen Kräften errichteten Halle erstreckt und in einem kleinen Einkaufszentrum liegt: Supermarkt, Schuhgeschäft, Bäcker, Sparkasse für die rund 7 500 Einwohner der Stadt und die der Umgebung. Zehn Prozent der rund 7 000 ständig im Sortiment befindlichen Artikel sind made by Ruhmühle Ebersdorf: die Familie als verlässlich(st)er Partner. Der Kleinbetrieb und dessen Mehle sind dominant. Ganz neu sind Dinkelmehl, wofür Frank Rosenkranz vor Kurzem extra eine von der Wirtschaftsförderung gesponsorte Dinkelschälanlage eingebaut hat, und Emmervollkornmehl. Der Müllermeister: „Wir als Ruhmühle konzentrieren uns vor allem auf Nischenprodukte wie Backschrote, die für große Mühlen uninteressant sind, stellen auch Spezialmehle her wie Malzmehl und glutenfreies Mehl.“ Zu etwa 20 % sind Naturkostprodukte vertreten, Nudeln, Cornflakes, Crunchys, Flohsamen, Leinsaat; manche Müsli-Mischung ist nur hier erhältlich. Gefragt sind auch Low-Carb-Produkte, so ziemlich alles eben, was im Trend liegt. Da nichts an ihr vorbeigehen soll, was gerade unter dem Aspekt gesunder Ernährung angesagt ist, informiert sich die junge Geschäftsfrau immer wieder in Zeitschriften und im Internet, besucht einschlägige Messen. Jeden Morgen widmet sie konsequent eine Stunde dieser Fachinformation. Wissenszuwachs für den Kunden (mit nachfolgender Kauflust) steht auch obenan, wenn sie einmal im Monat wechselnde Naturkostprodukte näher vorstellt, beispielsweise Purpurweizen; dazu gibt es Aktionen je nach Saison. Ein Rezept beizusteuern ist Pflicht. So geht Vermarktung heute!

Regionalität ist das A und O

Last but not least, weil sie 80 Prozent des Angebots ausmachen: Futtermittel für Haus- und Nutztiere, Aufzucht- und Mastfutter für Geflügel, Futter für Kaninchen, Pferde, Fische, Hunde, Katzen, Nager, Tauben und Rassegeflügel (naturreines Geflügelfutter ist derzeit ein Renner). Für dieses Sortiment ist der Mühlenmarkt bekannt. Alle vierzehn Tage gibt es außerdem einen Lebendgeflügelverkauf.

Donnerstags und freitags ist frisches Brot im Angebot, ohne Fertigmischungen von einem Traditionsbäcker gebacken. „Regionalität ist für mich das A und O, die Bioschiene rangiert an zweiter Stelle.“ Bevor sie ein neues Produkt listet, recherchiert Josefa gründlich, testet es selbst oder mit ihren vier Angestellten auf dem mindestens einmal im Quartal stattfindenden Teamtreffen. Summa summarum: Der Mühlenmarkt trifft den Nerv seiner Kunden. Zirka 140 täglich sind es im Durchschnitt. Das Einzugsgebiet geht über den Saale-Orla-Kreis hinaus. Der Markt trägt sich selbst. Mit den Mühlenmärkten konnte aber auch der Rückgang des Mehlabsatzes der väterlichen Mühle an umliegende Backbetriebe kompensiert werden. „Ich habe mich ganz gut reingefunden“, resümiert Josefa. Respekt vor dem Geschäft habe sie immer noch. „Man hat den Erfolg für sich, aber auch den Misserfolg, haftet eigenverantwortlich“, sagt sie. Das Schwierigste am Job? Mit richtigen Margen einkaufen, von Agrarbetrieben, von Groß- und Einzelhandel, möglichst von hiesigen Händlern. Rechenkunst und Prognosen sind angesagt. Geöffnet sind die Märkte wochentags immer von 9 bis 18 Uhr. Josefas Arbeitstag beginnt früh um sieben und endet oft um 22 Uhr: „Es gibt bei guter Organisation Spielräume, die andere nicht haben, so für ein verlängertes Wochenende.“ Das sie mit ihren Freunden genießt. Manchmal begleitet sie sogar ihren Vater zu einem seiner Müllerkollegen: Blick auf die Basis schadet nie.

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