Markenzeichen: Sorbisch modern

06.05.2015

© Sabine Rübensaat

Sarah Gwiszcz

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Habt ihr es gesehen? Wie sie wieder aussah!!!“ Vor zehn, 15 Jahren musste sich Sarah Gwiszcz (gesprochen Gwisch) ständig solche Sprüche anhören, wenn sie durch ihr Heimatdorf Ragow unweit von Lübbenau ging. Ein echter Punker mit Irokesenhaartracht und noch dazu die Enkeltochter einer gut bekannten aus Raddusch, Lehde und Ragow stammenden Familie, das war für manch ältere Nachbarn schon ein Schock oder zumindest Stoff für zehn Minuten Dorftratsch. Doch wiederum kam dann auch die Bemerkung: „Die ist aber eigentlich ganz nett, und sie hat ordentlich gegrüßt.“ Sarah Gwiszcz hat heute noch ihren Spaß daran, wenn sie davon erzählt, dass es ihr gelang, Aufmerksamkeit zu erregen. Schließlich wollte sie ein Aufreger sein. Nicht so artig und angepasst, sondern sie wollte mit ihrem rebellischen Outfit auch ihre Haltung zeigen: „Seid nicht so spießig, seid tolerant, tut was gegen rechts, lehnt euch dagegen auf.

Inzwischen trägt die 26-Jährige eine mintgrüne Mähne mit schwarzen Strichen. „Das ist mein Markenzeichen.“ Im Dorf ist die ungewöhnliche Haarfarbe kein Thema mehr, da hat man sich längst dran gewöhnt – eher wird bewundernd darüber geredet, was die junge Spreewälderin heute auf die Beine stellt.

Sie hat mit elterlicher Hilfe in einem ehemaligen Stallgebäude auf dem Hof ihrer Familie ein Modeatelier eingerichtet und entwirft, fertigt und verkauft dort nun schickmoderne, alltagstaugliche und noch dazu spreewaldtypische Damenmode. T-Shirts, Blusen, Röcke, Kleider, Hosenröcke, Mäntel, sogar ein Hochzeitsgewand – das meiste im derzeit angesagten knallrot oder senfgelb und oft kombiniert mit Blaudruck, und dort, wo es passt, auch mal mit Samt oder Spitze. „Ich orientiere mich an der Spreewälder Arbeitstracht. Die Frauen gingen ja alle in Schwarz und Blau und in Leinen aufs Feld und in den Stall.“ Allerdings: Ein leibhaftiges Vorbild hatte die junge Frau in ihrem Umfeld nicht. „Bei uns im Dorf ist die Tracht im Alltag völlig ausgestorben.“ Aber es kursieren noch Fotos von den Omas und alten Tanten, von denen eine Kahnfährfrau war. Und die trug bis weit in die 80er Jahre hinein Tracht. Im Leben der kleinen Sarah spielte die Spreewaldkluft jedoch keine Rolle mehr.

Die Eltern sorgten indes dafür, dass sich das Kind auf allen möglichen künstlerischen Gebieten ausprobieren konnte. Die Mama besuchte mit ihr Malkurse, man schnupperte hier und dort, Sarah lernte nähen, und dann stand fest: Ich will Modedesignerin werden. Der Satz von der „brotlosen Kunst“ fiel offenbar nicht, vielmehr gab es weiterhin eine helfende elterliche Hand und einen Studienplatz in der Designschule in Berlin. Und hier kommt dann ein wundersamer glücklicher Zufall ins Spiel: Mitten in der Ausbildung – ohne Zutun der gebürtigen Spreewälderin stand dort das Thema „Sorbisch modern“ auf der Agenda. Wie gemacht für Sarah Gwiszcz. „Da hab ich mich natürlich gleich reingekniet und gewusst: Das ist es! Das hatte was mit mir und meiner Herkunft zu tun. Auch wenn das anfangs etwas verschüttet war. Aber je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso mehr fesselte es mich.“ Sarah belegte einen Blaudruckkurs. Zwei komplette Outfits mussten angefertigt werden: Sie waren ein Erfolg. Die Farbkombination von Senfgelb und dem Blaudruckstoffharmoniert in den Augen der Designerin und der Trägerinnen der Modelle bestens. Auch die Modelehrer honorierten das Engagement entsprechend, was die junge Frau natürlich motivierte, zur Abschlussarbeit in die gleiche Richtung zu gehen und dann auch noch eins draufzusetzen. In Büchern aus dem vorigen Jahrhundert hatte sie von den „wilden Spreewaldfrauen“, den „Wurlawys“, gelesen. Das waren Geister in Frauengestalt, die in alten Zeiten die Spreewaldmädchen in Angst und Schrecken versetzten und die pfif figen unter ihnen aber auch zu mancher List animierten, sodass sie ihnen entkamen. Geschichten, die so recht nach dem Geschmack einer ehemaligen Punkerin waren. Sie ließ sich davon und zudem von Geistergeschichten aus Mexico inspirieren, und heraus kam eine verwegene Kollektion, die auf der ersten Modenschau in der Heimatregion zwar die Traditionalisten irritierte, die Jüngeren jedoch begeisterte. „Klar, die Sache mit den Totenköpfen ist mehr Show, aber manchen jungen Mädels gefällts. Ein Shirt oder Tuch damit kann es schon sein“, so die Erfahrung von Sarah Gwiszcz mit den wachsenden Kundenkontakten. Die pflegt sie seit September vorigen Jahres im eigenen Altelier auf dem Hof der Eltern in Ragow. „Sie haben mir unheimlich viel geholfen“, ist sie froh über den guten Start. Aber dafür, dass sie die richtigen Modelle im Angebot hat, sorgt sie selbst. „Sie müssen tragbar sein, man muss sich darin wohlfühlen, und ich wollte etwas besonderes anbieten, was es sonst nirgends gibt.“ Der Renner bei den reiferen Kundinnen ist der Wollblazer mit Blaudruckstoffabgesetzt. Sogar die Mitarbeiterinnen in der Touristeninformation in Lübbenau tragen ihn. Manche Kundinnen nehmen auch noch den passenden schmalen Rock dazu. Junge Mädels lieben die nach Spreewaldart dick gerafften Röcke – aber die sind nun nicht wadenlang, sondern minikurz. Äußerst frech sieht das aus. Was auch gut läuft, sind die kantig genähten und mit Baumwollspitze abgesetzten Jerseymützen, die mit diesem Schnitt ein bisschen wie eine original Spreewälderinnenhaube aussehen. Da haben manche Mädels extra drauf gespart, und die waren dann ganz enttäuscht, als sie auf dem Weihnachtsmarkt mal für eine kurze Zeit ausverkauft waren.

„Das Geschäft läuft ganz gut“, bekennt die junge Unternehmerin für den Anfang zufrieden. Kundinnen sind neben Frauen aus der Gegend, die mit den einmaligen Stücken zeigen wollen, wo sie herkommen, auch so mache begeisterte Spreewaldtouristinnen, die sich etwas Einmaliges mit nach Hause nehmen wollen. Aber werden auch am nächsten Tag wieder Interessenten kommen? Noch ist die Angst da, dass man mit dem Gewerbe nicht genug verdienen könnte. Denn auch wenn die Sachen noch so gut sind und das Lob noch so reichlich ausfällt: Die Stücke müssen über den „Ladentisch“ gehen. Doch die fast maßgeschneiderte Handarbeit hat ihren Preis, und die richtige Kalkulation ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. „Echten handgearbeiteten Blaudruck kann ich gar nicht verarbeiten – der ist viel zu teuer. Das bezahlt hier in der Gegend niemand.“ Also verwendet die junge Designerin halbindustriell hergestellte Ware. Auf Märkten und Modenschauen kann sie selbst sehen, wie die Sachen ankommen und was besonders gut geht. Aber dummerweise sind die bei den Großhändlern angebotenen Stoffmuster immer nur einige Monate vorrätig. „Wenn ich dann wegen des guten Absatzes nachordern will, geht das nicht mehr, und es muss ein neues Muster aufgelegt werden.“ Das regt die junge Geschäftsfrau derzeit maßlos auf – zumal sie nicht weiß, wie das Problem zu lösen ist.

Da hat sie es mit den „echten“ sorbischen Trachten leichter. Auf einer Figurine trohnt mitten in ihrem Atelier ein geerbtes Prachtstück aus alten Tagen. Die Familie ihres Freundes aus dem Spreewalddorf Stradow hat es der jungen Frau überlassen, weil sie das Know-how für die Aufarbeitung besitzt. Sarah Gwiszcz übernahm das gute Stück liebend gern. Erstens, weil das jetzt zu ihrem Leben dazugehört und zweitens weil sie endlich auch einmal in voller Tracht beim Zapust-Umzug mitlaufen wollte. Zuvor musste das ererbte Stück noch gekürzt und hier und da ausgebessert werden – aber bitteschön nicht irgendwie, sondern mit den Utensilien, die bei der Vetschauer Tracht von alters her vorgeschrieben sind. Da kommt es auf jedes Detail an, weiß die junge Spreewälderin inzwischen. Von Bedeutung ist die Höhe der Borte, die Anordnung des Samtbandes oder die Form der Schürtzenschleife. Genau festgeschrieben ist das nirgends, aber es wurde überliefert, wie es zu sein hat, und man hält sich an diese Traditionen. Mitte Februar war dann der große Umzug. Und Sarah war mit allem Drum und Dran dabei. Da habe sie gespürt, eine echte Spreewälderin zu sein.

ziehdirwasan.blogspot.de

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