Haltestelle für gute Gespräche

06.02.2014

© Sabine Rübensaat

Stellvertretend für das 30-köpfige Team aus Brandenburgern und Mecklenburgern, die den Landjugendstand auf der Grünen Woche vorbereitet haben, sprachen wir mit Ulrike Brandt und Daniel Kopperschmidt.

Die Präsenz der organisierten Landjugend auf der Grünen Woche hält seit Jahren die Form. Daher kann man sich unaufgeregt den Inhalten widmen. Neben einem bis auf den letzten Platz gefüllten Junglandwirtekongress (siehe Seite 45), einer Jugendveranstaltung mit 3 000 Teilnehmern nebst aufwendigem Theaterstück der Landjugend Württemberg-Hohenzollern und feuchtfröhlichen Festivitäten in den Abendstunden überraschten in diesem Jahr die Landesverbände Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg mit einem besonderen Gemeinschaftsprodukt: Sie bauten und betreuten auf dem Erlebnisbauernhof  in Halle 3.2 eine Bushaltestelle mit Unterstand, Bank und Orientierungskarte. Und da – welchen landlebengeprüften Leser wun-dert’s – der Bus ausblieb, stand gleich noch das Moped von Opa daneben. Eine schöne Inszenierung, die nicht nur staunende Blicke auf sich zog, sondern in vielfältiger Weise das Gespräch der Landjugend zum Thema Nummer Eins (oder zumindest Anderthalb), der Mobilität im ländlichen Raum, anregte.


Für den ersten Kontakt sorgte ein spezieller Vier-Fragen-Test unterm Haltestellenschild, für dessen Bestehen der „Landjugendführerschein“ – je nach Anzahl der richtig beantworteten Fragen von Fahrrad bis Mähdrescher – ausgehändigt wurde. „Etwa 300 Landjugendführerscheine haben wir in der vergangenen Woche herausgegeben“, freut sich Ulrike Brandt, stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes MV. Verweist doch diese Zahl darauf, dass die Idee  prima funktionierte. Außerdem konnten Messebesucher auf einer Landkarte signalisieren, wie sie die Mobilität in ihrer Herkunftsregion beurteilen. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie verschieden die Ansprüche sind. Ein Berliner beurteilte seine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr als ‚mangelhaft‘, weil seine S-Bahn nicht mehr alle fünf, sondern nur noch alle zehn Minuten kommt“, wundert sich Daniel Kopperschmidt vom Landesvorstand der Brandenburgischen Landjugend. Der Wirtschaftsassistent, Fachrichtung Informationsverarbeitung, lebt in Ganzer im Kreis Ostprignitz-Ruppin. Er habe das Glück, an einer der Hauptverkehrsadern zu wohnen. „An Wochentagen kommt zwischen 6 und 20 Uhr jede Stunde der Bus und auch am Wochenende gibt es viermal täglich die Möglichkeit in die nächst größere Stadt zu kommen“, sagt Daniel, der im Gegensatz zum Berliner seine Situation als positiv in der Karte verzeichnet hat. Aber so unterschiedlich ist das.


Wirklich Grund zu jammern hätte Ulrike Brandt, denn in ihrem Dorf hält der Bus nur einmal in der Woche. Ohne Führerschein und Auto wäre die Agrarbetriebswirtin, die im Nachbarort in einem Lohnunternehmen arbeitet und Mutter ist, aufgeschmissen.
Um die Frage, wie die Mobilitätssituation in ländlichen Gebieten zu verbessern sei, rankten sich am Landjugendstand nicht nur die Gespräche mit Tagesbesuchern und Landjugendlichen, Verbandsspitzen, Produktköniginnen und Berufswettbewerbssiegern, sondern auch mit politischen Verantwortungsträgern aller Couleur. CDU-Generalsekretär Dr. Peter Tauber war darunter, Staatssekretäre wie Katharina Reiche, Peter Bleser, Caren Marks und Dr. Robert Kloos, Abgeordnete aus Land-, Bundestag und EU-Parlament und nicht zuletzt der Landwirtschaftsminister aus Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Till Backhaus. Um sich ihres Zuspruchs auch nach Ende der Messetage zu versichern – und notfalls eindrucksvoll daran zu erinnern – entstanden jede Menge Fotos mit wechselnden Gesichtern, aber einem Motiv:   Person sitzend auf Moped (Spatz mit Starmotor, wie versichert wurde), die ein vorbereitetes Schild mit einer Aussage, die sie unterstützt, in die Kamera hält: „Ich mache mich für die Zukunft ländlicher Räume stark!“ oder „Ich stehe für solide, verlässliche und finanzielle Förderung der Jugendarbeit ein!“ oder „Mobilität stärken = ländlichen Raum stärken“. Wir werden sehen, ob diese aussagekräftigen Fotos noch weitere Verwendung finden werden. „Wir haben viele interessante Gespräche geführt, Kontakte geknüpft  und viel Lob und Zuspruch für den Stand bekommen“, resümiert Ulrike und hofft, dass diese Gespräche erst der Anfang waren.


Ein spontaner Landjugendchor  habe sich zur Eröffnung des Erlebnisbauernhofes gebildet, erzählt Daniel. Am Stand gegenüber, der über Tiertransporte informierte, war ein Tiertransporter ausgestellt. Den nun hatten einige Tierschutzaktivisten erklettert, um ihre Ansicht zu verbreiten. Mit „Ihr könnt nach Hause gehen“ sei ihnen die Landjugend immer wieder ins Wort gefallen, so Daniel. Die Gesprächs- und Besuchsangebote der Junglandwirte hätten die Kletterer indes nicht angenommen. Auf der Jugendveranstaltung im ICC wurde BDL-Bundesvorsitzende Magdalena Zelder deutlich: „Ich habe es satt, dass andere unsere Arbeit satt haben. Ich habe es satt, dass wir täglich verunglimpft werden – als Mörder, Tierquäler, Kapitalisten. Wir sind bereit für Diskussionen und akzeptieren andere Gedanken und Überzeugungen, aber bei Hetzkampagnen, die auf Nichtwissen beruhen, geht mir die Hutschnur hoch“, so Zelder in ihrer Ansprache. Aber da sind wir schon wieder beim nächsten Thema, auch wenn das mit ersterem durchaus zusammenhängt. Wenn man nicht mehr ohne große Umstände zu den  Orten gelangt, an denen Lebensmittel produziert werden, wird das Unwissen vermutlich weiter wachsen. Heike Mildner



Mehr Beiträge zum Thema  „Mobilität auf dem Land“ finden Sie als Download auf der Website des Bund Deutscher Landjugend

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr