Geschäftsführer mit 15

11.04.2016

© Sabine Rübensaat

Lernort Laden. Eric Lipfert und Fabian Panzer erwirtschaften bereits Gewinn. Ein Stück davon wollen sie vielleicht in ein Graffiti an der Fassade stecken.

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Marktgespür, Geschäftssinn, zugleich Correctness und traumhafte Sicherheit in gesetzlichen Vorschriften, derer es bekanntlich nicht wenige gibt in Branchen, die Lebensmittel erzeugen oder damit handeln, – aus diesen Bausteinen sollten Leute gemacht sein, die einen Dorfladen führen. Richtig? Sich darin zu schulen, sozusagen das Leben zu trainieren, auch wenn man später beruflich nicht adäquat einschlagen möchte, damit kann man nicht früh genug anfangen. Fabian Panzer und Eric Lipfert sind 15 und zwei der drei Geschäftsführer des Lädchens auf dem Gelände der Hermann-Lietz-Schule Haubinda, einem Ortsteil der thüringischen Gemeinde Westhausen. Als Dritter im Bunde agiert auf diesem Posten Niklas Jupe, aber der ist am Tag unseres Besuchs anderweitig beschäftigt. Merke: Es gibt auch Pflichtfächer in einer Schule! Die kaufmännische Karriere der beiden jedenfalls begann mit der Idee der Umweltpädagogin Susanne Plaumann, das als Lagerhalle bereits länger zweckentfremdete ehemalige Domizil der freiwilligen Feuerwehr des 80-Seelen-Ortes zu renovieren und in einen Mini-Supermarkt zu verwandeln: einen der besonderen Art! Denn hier sollten nur Waren über den Tisch gehen, die ökologisch erzeugt und regional, klimafreundlich vermarktet werden. Wir kommen um den oft zitierten, dabei nicht erschöpfend definierten Begriff nicht herum: Nachhaltigkeit (man könnte auch formulieren „dauerhaft intelligentes Handling begrenzter Vorräte“) ist in Haubinda Prinzip, inner- wie außerhalb des Unterrichts. Vor nicht langer Zeit wurde die Heizanlage per modernster Technik optimiert; die erst vor einem Jahr eingeweihte neue Mensa verarbeitet weitgehend saisonale Zutaten, die auf kurzen Wegen auf das Internatsgelände gelangen; das Umland der Schule, 90 Hektar Wiesen und Wälder, wird im Rahmen des Kulturlandschaftspflegeprogramms gepflegt. Dafür wurde die Schule von Unternehmen und Institutionen mehrfach ausgezeichnet, gewann den Titel „Energiesparmeister 2015“, errang den 3. Platz im Wettbewerb „Thüringer Klimahelden“, erstritt den „Zukunftspreis 2015“ des Landwirtschaftsministeriums. Wirtschaft/ Umwelt/Europa heißt eines der drei Wahlpflichtfächer an der Schule, das auch Praxiskurse zur Berufsorientierung enthält, wozu etwa das Backen im letzte Weihnachten eingeweihten Backhaus zählt. Für das Fach haben sich auch Eric und Fabian entschieden. Da ist die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit, Regionalität und Klimaschutz an der Tagesordnung. Gut fürs Management im Dorfladen.

Das Gebäude „sah zuerst ziemlich übel aus“, sagt Eric Lipfert, „es stand voller Wasser“. Frisch ans Werk! Von der Planung über die Renovierung waren die Schüler eingebunden, haben alles Technische selbst auf die Beine gestellt, aufgeräumt, Mobiliar gefertigt, Fußboden gelegt. Allen voran, nehmen wir an, jene, die sich in die Gilden Holz- und Metallbearbeitung eingeschrieben haben. Gilden? Ein Zusammenschluss Gleichgesinnter; man kann auch Interessen- oder Arbeitsgemeinschaft sagen. Etliche davon hat die Hermann-Lietz-Schule, handwerklich oder künstlerisch orientiert, wofür die Bildungsstätte, 1901 als reformpädagogisches Landerziehungsheim gegründet, über Thüringen hinaus bekannt ist. Die Schüler können je nach Klassenstufe eine oder zwei Gilden belegen, bei „Nichtgefallen“ im laufenden Turnus auch wechseln. Die Gilde Landwirtschaft hat hohen Stellenwert, nicht nur weil der Begründer der Schule ein Bauernsohn war. Bewirtschaftet werden neben Streuobstwiesen auf dem Internatsgelände gut 20 Hektar Grünland. Für größere Flächen wird ein Lohnunternehmer engagiert. Eine Herdbuchzucht von 50 Coburger Fuchsschafen plus Nachzucht und vier Pferde für den Reitunterricht machen den wichtigsten Part des Viehbestandes aus.

Was die Gilden herstellen, ist nur auf Schulfesten oder dem Weihnachtsmarkt zu sehen und zu erwerben gewesen, bis der Dorfladen im März 2015 öffnete, den man deshalb „im Untertitel“ auch „Schaufenster“ nennt. Im Einzelnen sind das: Vogelhäuschen, Mausefallen, Strickwaren, Gefilztes, Schul-Maskottchen Hermelinchen aus den Kreativwerkstätten, Gebrauchsgegenstände aus der Töpferei, jahreszeitlich abhängig Blumen und Gemüse aus dem Gartenbereich. Ladenprägende Accessoires wie Lampen oder Körbe für Präsente sind ebenfalls in den Schülergilden entstanden. Dazu können Lernende, Erzieher-Kollegium, Gäste, Haubindaer Einwohner Schulmaterial, Getränke, Süßigkeiten kaufen – alles ökologisch produziert, fair trade. Der Renner ist der Apfelsaft von Früchten der Streuobstwiesen. Rund 7 000 Liter wurden 2015 vor allem für die Selbstversorgung gepresst. Gleichauf in der Beliebtheitsskala: Honig von eigenen zehn Bienenvölkern, komplettiert von dem eines örtlichen Imkers. Nach den vorrangigen Kompetenzen der Jungs der Gilde Dorfladen befragt, sagen die beiden Geschäftsführer, die jeden Donnerstagnachmittag höchst selbst hinterm Tresen stehen: „Du musst gut mit Menschen reden und interessant verkaufen können, so wie jeder andere Geschäftsführer auch, nur eben im Kleinen“. Was ihnen rechtlich aufgrund ihres Alters, oder sagen wir besser ihrer Jugend, noch nicht gestattet ist, beispielsweise Kooperationsverträge unterzeichnen, übernehmen Lehrer. Schulassistentin Sabine Fuchs ist da besonders engagiert. Doch bei Absprachen mit Zulieferern, beispielsweise dem Getränkehersteller Thüringer Waldquell, sitzen die jungen Geschäftsführer stets mit am Verhandlungstisch. Auch die Preisgestaltung fällt in ihr Ressort, wenngleich auch hier hin und wieder eine Lehrkraft draufguckt. „Mit der Zeit ist man drin im Stoff“, sagt Fabian cool. Immerhin: Der Laden macht Gewinn, der zunächst in die weitere Ausgestaltung des Raumes gesteckt wurde. „Was das Sortiment angeht“, sagt Eric, „experimentieren wir noch ein bisschen.“ Gerade hat Thüringer Waldquell einen Testkasten mit noch nicht erprobten Getränkesorten geliefert. Das Feedback der Käufer bekommen die Lieferanten ebenso wie die Gilden ohne viel Zeitverzug von Panzer und Lipfert frei Haus. „An sich“, sagen beide, „haben wir bei der Auswahl der Produkte noch nie einen Griff ins Klo getan.“ Doch fest steht auch: Man sammelt nicht nur positive Erfahrungen, wie könnte es anders sein auf einem Versuchsfeld fürs richtige Leben. Da können einen Verordnungen, Bestimmungen, Paragrafen schon ganz schön ausbremsen. „Wir haben anfangs Leberwurst im Glas angeboten. Die Zutaten lieferten unsere Schweine, ein Fleischer hat sie verarbeitet. Aber wir hatten keine Möglichkeit, die Gläser so zu lagern, wie es vorgeschrieben ist.“ Die Leberwurst verlor ihren Platz im Sortiment. Stattdessen stieg man auf Räucherschinken um. Der ging auf dem Weihnachtsbasar 2015 weg – wie geschnitten Brot. Ach, ja das kommt für den Eigenbedarf einmal im Monat duftend und knackig-frisch aus dem schon erwähnten Backhaus und findet bei Schülern wie Lehrern riesigen Anklang.

Dass Werbetafeln ein eigen Ding sind, ist noch so eine Erfahrung. Mal sind sie zu groß, mal wird der Standort, den man für geeignet befand, nicht genehmigt. Schulleiter Burkard Werner erläutert den nächsten Fall: Apfelgelee. „Es müsste, um den Vorschriften zu entsprechen, stets den gleichen Zuckergrad aufweisen. Das ist unter unseren Bedingungen so gut wie unmöglich. Wir haben Kochprotokolle angefertigt, von jeder Charge müsste eine Probe eingeschickt werden. Aufwand, den wir nicht treiben können.“ Doch: „Unser Ziel ist, in zwei bis drei Jahren den Dorfladen auf volle Touren zu bekommen. Auf der Wiese davor, neben dem Backhaus, planen wir ein kleines Café, in dem der selbst gebackene Kuchen serviert wird. So hätten wir wieder einen Dorfmittelpunkt.“ Das letzte Wort sollen die beiden Geschäftsführer haben: „Man fällt manchmal hin, aber die Erfolgsmomente überwiegen“, sagen Fabian und Eric unisono optimistisch. Und, so soll es sein in einer Schule: „Man lernt unheimlich viel dazu, wie man Inventur macht zum Beispiel, aber auch in rechtlichen Fragen.“ Was in Deutschland ja nicht schwer ist, wobei die von Bundesland zu Bundesland oftmals unterschiedlichen Vorschriften die Dinge noch weiter komplizieren.

Kaufmännische Karriere hin oder her, was ihre beruflichen Vorstellungen angeht, haben die beiden – derzeit – andere Pläne: Fabians Ambitionen (sein Vater war mal Weltmeister im Rennrodeln) liegen akzentuiert im sportlichen Bereich. Eric möchte „in die Verwaltung“, wo er bereits Praktika absolviert hat, oder einen sozialen Beruf ergreifen. Aktuell steht aber erst mal eine Seminararbeit an: Die beiden drehen einen Dokumentarfilm über das Bienenjahr: vom ersten Ausflug bis zum Honigschleudern.

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