Eine Frage der Bodenhaftung

15.12.2014

© Heike Mildner

Kutschfahrt

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Während man sich von staatlicher Seite verordnungsreich um eine Zunahme der Artenvielfalt bei Flora und Fauna bemüht, wird die humane „Artenvielfalt“ auf dem Lande immer reicher: Naturund Ruhesuchende mit Onlinearbeit oder im Ruhestand, stadtgenervte Pendler, Künstler mit hohem Platzbedarf, Hobbygärtner und Freizeitlandwirte – die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Sie gesellen sich zu denen, die immer schon auf dem Lande gelebt – und die längste Zeit ihres Lebens auch gearbeitet haben. Eine Mischung, die mancherorts für vitales Dorfleben und anderswo für dicke Luft sorgt. Beim diesjährigen Vitaregiotag in Wulkow (Ostbrandenburg) ging es um das, was sie alle, die auf dem Lande leben, verbindet: die Veränderungen, die leise in den Grundbüchern und manchmal wahrnehmbar vor der Haustür vor sich gehen: „Welche Chancen gibt es für lebendige Dörfer und nachhaltiges Wirtschaften, wenn Agrarkonzerne und branchenfremde Investoren zu Großgrundbesitzern werden?“, hatten die Veranstalter, Netzwerk BIOFestbrennstoffMOL, Ökospeicher und LandBau, drei gemeinnützige Wulkower Vereine, das Grundthema vorgegeben. Der Feind ist also ausgemacht. Aber da er viele Gesichter hat, sich nicht gern in die Karten schauen lässt und vielen eher als eine Art „Nebel des Grauens“ erscheint, ging es zunächst um sein Profil.

 

Landgrabbing im Osten

Moderator Carlo Horn, Landwirt mit einem Biobetrieb im Nebenerwerb und Naturland-Fachberater, führte die gut 50 Vitaregio-Teilnehmer in die Problematik Landgrabbing ein. Er legte dar, wie der Boden im Zusammenklang mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz speziell nach der Finanzkrise 2008 als Investitionsobjekt ungeheuer attraktiv wurde, wie die Boden- und Pachtpreise explodierten und insbesondere kleine und mittlere Betriebe mit überschaubarem finanziellem Hinterland immer weniger mithalten konnten. Ostdeutschland mit seinen großflächigen Betrieben sei für Investoren besonders lukrativ, weil vielerorts mit Generationswechseln zukunftsweisende Entscheidungen getroffen wurden und werden.

 

Horns Eröffnung war so interessant, dass die geplante Dreiteilung des Auditoriums fast aufgehoben worden wäre. Doch dann begaben sich die Interessierten an „Energie und Ökonomie“ und „Lebendige Dörfer“ doch in andere Räume. Bei „Land- und Forstwirtschaft“ gab Gabriele Keller, die für die Serie „Landwirtschaft in Ostdeutschland“ der Berliner Tageszeitung TAZ über die KTG Agrar SE recherchiert und geschrieben hatte, Einblicke in das Wirtschaften des Agrarriesen mit 32 000 Hektar in Deutschland und 8 000 Hektar in Litauen. Sie erzählte von ihrem Besuch in Oranienburg, von wo aus viele Aktivitäten, beispielsweise die Ernte, gesteuert werden. Die Arbeit aller mit GPS ausgestatteten Maschinen, auch der 40 Mähdrescher, die sich dem Erntezeitfenster folgend von Süd nach Nord voranarbeiten, bis sie in Rügen eingeschifft werden, um in Litauen weiterzuernten, wird in Oranienburg am Computer verfolgt, vernetzt und gesteuert. Das ist gigantisch, macht Technikbegeisterten die Augen feucht und anderen ein flaues Gefühl im Magen. In Oranienburg würden 25 KTG-Angestellte auf 4 000 Hektar, also 0,6 auf 100 Hektar arbeiten, referiert Gabriele Keller, der Durchschnitt in Ostdeutschland liege bei 1,8, der im Süden Deutschlands bei 4,6. Anekdoten machen in der Gruppe die Runde, wonach im Oderbruch großzügig konzernfremde Felder mitgeerntet worden und die Fahrer auf den Maschinen mangels deutscher Sprachkenntnisse nicht zu stoppen gewesen seien. Die Frage steht im Raum, für wen das Land unter solchen Umständen noch Arbeit bietet. Wer auf die Unternehmenswebsite www.ktg-agrar.de schaut, dem stellt sich die börsennotierte Aktiengesellschaft naturgemäß in besserem Licht dar – einschließlich „Selbstverpflichtung zum sozialen Flächenerwerb“.

 

 

Solidarischer Landbau

Nachdem sich der Nebel etwas gelichtet hat, stellen sich der Runde alternative Landbewirtschafter vor, die mit viel Idealismus und Kreativität das Landleben bunt machen. Da ist zum Beispiel Valentin Kätzl (u. l.)aus Friedrichsaue im Oderbruch. Er versorgt seine Kunden in Frankfurt (Oder) das Jahr über mit Kartoffeln und Gemüse in Form von Ernteanteilen und wird von ihnen mit 70 Euro pro Monat entlohnt. Außerdem helfen sie ihm an mindestens einem Wochenende bei der Arbeit. Auf www.ackerbande.de erfährt man mehr über dieses Beispiel für solidarische Landwirtschaft – so der Begriff für diese Form des Wirtschaftens, die in Amerika entstanden, in Japan, China sehr populär ist und auch hierzulande von sich reden macht.

 

Wenn Geld nicht alles ist

Über diese und andere ökonomische Trampelpfade abseits der Finanzautobahnen hatte zuvor Dr. Ute Scheub berichtet. Sie versammelte Beispiele alternativen Wirtschaftens aus aller Welt in ihrem Buch „Glücksökonomie“ (320 Seiten, 19,95 €, oekom Verlag, München, 2014) und zum Onlinelesen auf www. gluecksoekonomie.net. Auch mit privatem Geld unterstützt die Autorin eine solche Initiative: den Hof Apfeltraum, eine Biogärtnerei in Eggersdorf bei Müncheberg, die ihren Hofausbau erfolgreich über den Verkauf von Aktien finanziert, und die in diesem Jahr bereits ihren 20. Geburtstag feiert (mehr unter www.hof-apfeltraum.de). Wenn Valentin Kätzls Projekt auf Dauer klappen soll, so hat der junge Mann mit bayerischen Landwirtswurzeln anhand seiner ersten Erfahrungen hochgerechnet, braucht er mindestens 20 Hektar Land. Derzeit hat er insgesamt acht Hektar, davon drei Hektar Grünland, aufgeteilt in weit verstreute Kleinflächen. Bei Einstiegsangeboten von 12 500 Euro pro Hektar im Oderbruch, von denen er gehört habe, scheint ein Landkauf innerhalb seines Solidar-Unternehmens noch die größte Utopie zu sein. Die Eigentümer hätten eine große Verantwortung bei der Entscheidung, an wen sie ihr Land verkaufen oder verpachten, sagt Kätzl.
Immerhin 15 Hektar Pachtland hat Michel Garand (2. v. l.) in Müllrose. Auf seinem „Hof Ubuntu“ – benannt nach der Zulu-Maxime „Umuntu ngumuntu ngabantu“ oder zu deutsch „Eine Person ist eine Person durch andere Personen“ – baut er „ökologisch, lokal, fair“ Kartoffeln, Kürbisse, Ringelblumen und Topinambur in Permakultur an, hält Schafe und Bienen und verkauft Wolle, Honig, Früchte, getrocknete Blüten, Tee und Ringelblumenöl auf regionalen Märkten. Mit seinem „open-business-Projekt“ will er demonstrieren, wie man mit einfachen, lokal vorhandenen Ressourcen seinen Lebensunterhalt nachhaltig selbst bestreiten kann. Kostproben der ersten Ernte, die Tees und Blüten ansprechend verpackt, brachte er zum Vitaregiotag mit.

 

Diplom-Agrarwissenschaftler Jan Sommer (2. v. r.) hat vor sieben Jahren mit einem Hof und zwei Hektar Land angefangen und bewirtschaftet heute 27 Hektar. Auf seinem Waldpferdehof in Dahmsdorf betreibt er bestandes- und umweltschonende Waldwirtschaft mit Arbeitspferden. Studenten der Hochschule Eberswalde können bei ihm lernen, wie das funktioniert (www.waldpferdehof.de). Außerdem ist er Kreistagsabgeordneter der Grünen und setzt sich dafür ein, dass der Bodenkauf an Auflagen gebunden wird. Er begründet das: Auf einem Teil seines Landes wachsen dank seiner Art zu wirtschaften selten gewordene Ackerwildkräuter. Das benachbarte Stück wurde verkauft. Wenn dort demnächst gegen Unkraut gespritzt wird, werden auch „seine“ Wildkräuter dran glauben, ist er überzeugt. Beim Bieten auf das Land habe er nicht mithalten können.

 

Start in den 90ern

Bis zur Rente werde sie ihr Land abgezahlt haben, lächelt die Wulkower Lokalmatadorin Ulrike Raulfs (r.). Sie hat gleich nach der Wende mit der Landwirtschaft angefangen. Damals waren die Pachtpreise gering, sie hätte sonst gar nicht erst beginnen können, erzählt die Biolandwirtin, die 170 Hektar bewirtschaftet, Pinzgauer züchtet und eine Direktvermarktung aufgebaut hat. Sie hat von allen in der Runde die längste Erfahrung und weiß, wie hart ein kleiner Landwirtschaftsbetrieb den Menschen fordert. In Wulkow sieht man jedoch auch, wie weit es die Mitstreiter des Ökospeichers, zu denen sie gehört, gebracht haben: Ein lebendiges Dorf mit einem noch lebendigeren Zentrum unter dem Dach des alten Speichergebäudes.

 

In dessen mit Lehm gedämmten und ausgebauten Räumlichkeiten hatten sich andere Arbeitsgruppen derweil zu den weiteren Themen verständigt und trugen zur Schlussrunde die Ergebnisse zusammen: Beispiele gemeinschaftlicher Energieversorgung sollten Schule machen, die Kommunen – besonders nach Eingemeindungen zu größeren Verwaltungsgemeinschaften – wieder mehr Gestaltungsspielraum im Sinne der kommunalen Selbstverwaltung bekommen, die AG „Lebendige Dörfer“ müsse sich zum Lobbyisten der ländlichen Entwicklung profilieren. Einig war man sich, dass Agrarriesen ohne Bindung an die Strukturen vor Ort lebendigen Dörfern nicht zuträglich seien. Politik und Landeigentümer seien gefragt. Erstere, damit die verbliebenen BVVG-Flächen kleineren Strukturen zugute kommen, letztere, da sie entscheiden, wem sie ihr Land verpachten oder verkaufen. Ein Zusammenhang zwischen dem Maß an wahrgenommener Verantwortung für die anliegenden Dörfer und der Betriebsgröße, also quasi zwischen Wirtschaftsfläche und Bodenhaftung, wurde in Wulkow indes mehr behauptet als thematisiert. Aber vielleicht ist diese Frage ja genauso rhetorisch wie die in der Abschlussdiskussion, ob und wozu Dörfer unter modernen landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen überhaupt noch gebraucht werden. Was meinen Sie?

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