Ein Dorf sieht braun

12.11.2013

Idyllisches Dorf:

restaurierter Mühlenhof in Nienhagen (Vorharz). © Sabine Rübensaat

Die 1.200 Karten für die „Skinhead-Party“ am Sonnabend vor Pfingsten in der „Hopfendarre“ waren im Vorfeld ausverkauft. Der Veranstaltungsort genießt in der rechten Szene einen guten Ruf – sehr zum  Ärger für manchen der 380 Einwohner von Nienhagen im Vorharz. Zwei Nienhagener betätigen sich  als Konzertveranstalter und haben  in dem Besitzer der „Hopfendarre“ einen Partner gefunden – eine private Veranstaltung, die nicht verboten werden kann, und deren Teilnehmer durch die Polizei auch noch zu schützen sind. So sei die Gesetzeslage, bemerkt Knut Buschhüter vom Ordnungsamt.

Es gibt nur Auflagen, die unter anderem den Ablauf der Veranstaltung, die Lautstärke, den Alkoholkonsum und die Musik betreffen. Da neben deutschen Bands mit den Namen „Endstufe“ (mit dem „s“ als Rune) und „Faustrecht“ (sie haben ein Zahnrad, das an das Symbol des Reichsarbeitsdienstes erinnert, in ihrem schwarz-weiß-roten Signet) auch Gruppen aus Belgien, Italien und den USA kommen, hat man deren Texte – die einzureichen, gehörte auch zu den Auflagen – übersetzt und teilweise indiziert.

Wenn der Wolf im Schafspelz pogt

Die Veranstalter bitten ihre Besucher um „ordentliches Verhalten im Dorf“. „Achtet auf Eure Kleidung! Kein Zutritt mit 86a Symbolen oder ähnlichem!“, steht auf der Veranstalterseite im Internet (gemeint ist § 86a des Strafgesetzbuches zum „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“). Und auch auf das „Zeigen des Grußes“ mögen die Gäste verzichten. Die Szene soll sich zahnlos zeigen.

Doch wird man das Gefühl nicht los, dass hier der Wolf im Schafspelz pogen geht. Andere, illegale Veranstaltungen rechter Musikfreunde enden vorschnell durch das Eingreifen der Polizei. Áuf die Dauer befriedigt das nicht. Die Nienhagener Veranstalter schöpfen den Rahmen der bundesdeutschen Gesetzgebung, die Neonazis ja gern als viel zu liberal empfinden, genüsslich aus.

Im Juli 2011 gab es eine Konzertnacht ähnlichen Ausmaßes. Fünf Hundertschaften Polizei waren in Nienhagen im Einsatz. Das Geld, das das kostet, hätte Bürgermeisterin Christina Brehmer (Die Linke) lieber für die örtliche Jugendarbeit zur Verfügung. Seit 2008 ist Bürgermeisterin von  Schwanebeck mit 2 300 Einwohnern; seit 2010  gehört Nienhagen dazu. Seitdem hat sich die politische Gemengelage verändert: Lag der Anteil der NPD-Wähler bei der Bundestagswahl 2009 noch bei 4,3 % (Erststimme), stieg er bis zur Landtagswahl 2011 auf 7,9 % und ist mehr als doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt, der bei 3,6 % liegt.

Kaum Geld für die Jugendarbeit

Hätte Christina Brehmer das Geld zur Verfügung, könnte sie über ein neues Angebot für die Nienhagener Jugend nachdenken. Die hat offiziell einen Raum bei der AWO, der aber nicht angenommen wird. Im sechs Kilometer entfernten Schwanebeck wurde der „Jugendtreff“ 2011 wiedereröffnet. Mit der Bezahlung von 25 Wochenstunden für einen Betreuer fördert der Landkreis Harz die Einrichtung. Am Wochenende ist geschlossen. Bisher ist der Treff für Jugendliche unter 21 Jahren gedacht, es darf nicht geraucht und getrunken werden, und die Bürgermeisterin möchte „wenigstens in etwa wissen, was läuft“.

Ein Dorfgemeinschaftshaus mit 200 Plätzen und ein Puppenmuseum sind die kulturellen Glanzlichter im Dorf. Die Ortsfeuerwehr hat aufgegeben, die Gaststätte ist seit Jahren geschlossen. Zwar engagiert sich die Schule in Schwanebeck  als „Schule ohne Rassisimus“, doch der Nährboden für Neonazis ist vohanden und wird mit solchen Massenveranstaltungen noch attraktiver.

Wir sprachen mit Christina Brehmer über die Situation.

Wie stehen die Nienhagener zu den Neonazikonzerten? 

Christina Brehmer: Nienhagen ist ein kleines Dorf, da halten sich viele mit ihrer Meinung zurück. Im April hat der Verein Miteinander, ein Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt, zu einer Veranstaltung ins Dorfgemeinschaftshaus eingeladen. Es gab den Dokumentarfilm „Blut muss fließen“, der mit versteckter Kamera in der rechten Musikszene gedreht wurde, und eine Podiumsdiskussion mit Innenminister Holger Stahlknecht. 60 Leute kamen und die Medien. Die Älteren, die wissen, wohin rechtes Gedankengut führt, wären gerne gekommen, haben sich aber nicht getraut. Wir stehen erst am Anfang einer öffentlichen Meinungsbildung. Der Film hat gezeigt, was auf solchen Konzerten läuft, wie menschenverachtend die Texte sind, wie aggressionssteigernd die Musik. Und er hat den Blick für die Symbolik der Neonazis geschärft.

Die 18 an der Mauer vor der Dorfkirche beispielsweise?

Brehmer: Genau, so was. Dass die Ziffern für die Reihenfolge der Buchstaben im Alphabet und 18 für die Initialen Hitlers bzw. die 88 für den Nazigruß steht, hab ich vorher nicht gewusst. Auch manche Jugendliche rennen mit entsprechenden T-Shirts hier rum. Man sieht sich um, schüttelt den Kopf und geht weiter. Aber das reicht nicht aus ...

Haben denn die Nienhagener die Möglichkeit, ihre Meinung zu den Nazikonzerten irgendwie öffentlich kundzutun?

Brehmer:  Gemeinsam mit dem Bürgerbündnis für ein gewaltfreies Halberstadt haben wir einen offenen Brief veröffentlicht, den man mit seiner Unterschrift  unterstützen kann. Meiner Meinung nach muss aber nicht nur der politische Wille jedes Bürgers, sondern auch der der Gemeinde, der Stadt, der Verbandsgemeinde, des Landkreises, des Landes und der Bundesrepublik Deutschland klar definiert sein: Ist das, was in Nienhagen und anderswo an Veranstaltungen der Neonazis los ist, politisch gewollt, oder wehren wir uns dagegen?

Ist Nienhagen auf dem richtigen Weg?

Brehmer:  Ich hoffe. Jedenfalls  wächst hier allmählich der Mut zur Meinungsäußerung, aber das geht sicher nicht von heute auf morgen, sondern muss sich entwickeln. Ein Nienhagener Bürger hat in einer Petition an den Landtag die Frage gestellt, ob die Landesregierung willens und in der Lage sei, die rechtlichen Rahmenbedingungen konsequent und sachgerecht in Anwendung zu bringen oder anzupassen, damit die Nienhagener nicht noch weitere Jahre mit gewaltverherrlichenden Musikveranstaltungen konfrontiert seien. Eine Antwort steht wohl noch aus. Es ist gut, wenn so was von den Bürgern kommt. Von den Jugendlichen würde ich mir etwas mehr Initiative wünschen. Wenn sie selbst für ihre Belange eintreten wie zum Beispiel für einen Jugendklub, kann ich mich besser für sie einsetzen.

Zu den Erstunterzeichnern des offenen Briefes: "Bürger sagen NEIN zu Nazikonzerten" gehören neben Nienhagener Bürgern Vertreter der Kommunal- und Landespolitik, Schulen, Bürgerinitiativen und Kirche. Per Email kann man Kontakt aufnehmen, Erfahrungen oder Anregungen mitteilen oder Mut machen:

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