Eigener Bienenwagen

10.06.2013

Christian Trittin von seinem Bienenwagen © Sabine Rübensaat

Die Arbeit lief schneller als erwartet. Als wir Freitagnachmittag auf den Hof der Agrargenossenschaft Wörlitz in Gohrau rollen, beginnt für die Mitarbeiter in der Pflanzenproduktion gerade das Wochenende – auch für Christian Trittin, der hier gelernt hat, jetzt als Landwirt arbeitet und dessen familiäre Herkunft nichts mit der des gleichnamigen Politikers zu tun hat, wie wir im Laufe des Tages erfahren werden.  Zwei Wochen hat er mit seinen Kollegen Anwelksilage gefahren. 600 ha Grünland sind geschafft, drei Silos gefüllt. Die Ökoflächen, die zum Teil im Wörlitzer Park liegen, sind erst am 1. beziehungsweise 15. Juni dran. Mit Schlepper und zwei großen Hängern durch Dörfer, Wald und Wiesen zu fahren, dabei fahrtechnische Hindernisse zu meistern, zur rechten Zeit am rechten Ort und per Betriebsfunk ins Gesamtgeschehen eingebunden zu sein, ist für den 20-Jährigen eine angenehme Arbeit. Überhaupt mag er die Abwechslung in der Pflanzenproduktion. Immer wieder andere Tätigkeiten, neue Herausforderungen. Und das Betriebsklima stimmt. Das hat er schon bei seinem Schülerpraktikum gemerkt, darum wollte er auch seine Ausbildung in diesem Betrieb machen. Außerdem sei er eben ein „echtes Elbauenkind“, mag die Elbwiesen, den Deich, den Fluss. In Wörlitz hat Christian eine eigene Wohnung, nur am Wochenende fährt er ins rund 60 km entfernte Heimatdorf zur Familie, den alten Kumpels – und eben zu seinen Bienen.

Vorbei an Gerste, Raps und Flieder geht es quer über die Dörfer. Seegrehna, Pratau, Mühlanger, Iserbegka, Elster, Listerfehrda, Gorsdorf, Grabo, Rade, Düßnitz und endlich

Axien. Christian könnte die Strecke wahrscheinlich mit verbundenen Augen fahren: früher auf dem Moped, auch im Winter, dann mit seinem tiefergelegten Polo. Vergangenes Wochenende brachte ihn der noch zum Sputnik-Springbreak-Festival nach Pouch. Heute gibt es Wichtigeres: die Bienen.


Gerhard Trittin, Christians Opa, hat seinen Bienenwagen gleich neben dem seines Enkels vor einem blühenden Rapsfeld zu stehen. Der 80-Jährige, der in Pommern die Imkerei von seinem Vater gelernt hat, war vor der Wende Leiter der Tierproduktion der hiesigen LPG. Jetzt sind  die Tiere kleiner, aber weitaus zahlreicher: Mit je zehn Bienenvölkern sind er und sein Enkel Christian in den Raps gewandert. Die ganze  Woche über hat Gerhard Trittin neben den Bienen auch das Wetter und das Rapsfeld im Blick und weiß, welche Arbeiten fürs Wochenende anliegen. Von ihm hat Christian das Imkern, speziell die Hinterbehandlung beim Bienenwagen gelernt. Seit sechs Jahren hat er seinen eigenen Bienenwagen, und mittlerweile verstehen sie sich fast blind: beim Entnehmen der Waben,  beim Aufbau neuer Völker, beim Behandeln mit Oxal- und Ameisensäure gegen die Varroamilbe und bei all den anderen Tätigkeiten, die zur Imkerei gehören. „Leider ist Christian der mit Abstand Jüngste in unserem Verein“, sagt Gerhard Trittin besorgt. Doch spürt man auch, wie stolz er darauf ist, in seinem Enkel einen gelehrigen Schüler gefunden zu haben. Außerdem hätten sich erst kürzlich zwei interessierte Bienenfreunde gemeldet, die sich im bevorstehenden Rentenalter der Imkerei zuwenden möchten – gut für die Bienen und auch gut für den Raps.


Auf etwa 30 ha produziert das Landgut Elbeland Axien eG Hybridraps-Saatgut. Dass genügend Bienenvölker für die Bestäubung sorgen, ist Voraussetzung für das Gelingen. Beate Trittin, Christians Mutter, war früher Pflanzenschutzbeauftragte des Betriebes und hat zum Thema Neonikotinoide und Co. eine eigene Auffassung, die sich auf Erfahrungen von Pflanzenschutz- und Imkerseite stützt. Sie erklärt die Zusammenhänge: Das Rapssaatgut werde mit Insektiziden gebeizt, um die Keimlinge vor dem Befall durch Rapserdflöhe und die Kleine Kohlfliege zu schützen. Abriebfeste Beize und geeignete Drilltechnik seien dafür die sinnvollste Lösung, denn zur Aussaatzeit Ende August sind die Flächen für die Bienen uninteressant. Es sei davon auszugehen, dass der Wirkstoff in der Pflanze bis zur Rapsblüte im April weitestgehend abgebaut ist, sagt sie. „Natürlich sind die Landwirte daran interessiert, die Pflanzen gesund und schädlingsfrei zu halten. Wenn die Blütenbehandlung ansteht, suchen in Axien Imker und Landwirte das Gespräch. Die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln, die als nicht bienengefährlich eingestuft sind, sowie besondere Sorgfalt bei der Einhaltung der guten fachlichen Praxis sind selbstverständlich“, schildert Christians Mutter die regionale Strategie. Zudem würden  die Vermehrungsraps-Bestände entweder in den frühen Morgenstunden oder spät- abends behandelt. „So wird die Gefahr herabgesetzt, dass durch direkten Kontakt die Flügel der Bienen verkleben und sie in ihrer Orientierungsfähigkeit beeinträchtigt werden“, erläutert sie, während die beiden Frei-zeitimker den Bienen in die Kästen schauen.


Heute muss Christian prüfen, ob die Bienen Weiselzellen, die Waben für eine neue Königin, angelegt haben. Schlüpft sie unkontrolliert, verlässt die alte Königin in einem Schwarm getreuer Arbeiterinnen den Bienenkasten. Darauf muss man als Imker vorbereitet sein. Durch den langen Winter sind auch die Bienen mit ihrer Arbeit in Verzug, hat Christian beobachtet. „Die Flora hat schneller aufgeholt als die Fauna, obwohl innerhalb einer Woche eine Menge passieren kann“, sagt er, die Räucherpfeife im Mundwinkel. Aber der Wind weht den Rauch, der beruhigend wirken soll, in eine andere Richtung. Gewitterstimmung, die Bienen sind nervös. Keine zwei Minuten später hat er seinen ersten – und an diesem Abend einzigen – Stich. Kaum, dass darüber ein Wort zu verlieren wäre. Gelassen nimmt er die beiden Kastenbeuten auseinander, die auf Wunsch seiner Mutter angeschafft wurden, um die Bienenwagen zu ergänzen. Die Kästen lassen sich leichter transportieren – beispielsweise zu den Kirschbäumen ihrer Brüder in Jessen, auf deren Weingut sie arbeitet.


Für den Sonnabend kommender Woche setzen Opa und Enkel den nächsten Schleudertermin an. Dann wird der Raps abgeblüht sein, und die Waben mit dem Rapshonig müssen geleert werden, um sortenreinen Honig zu ernten. Ein Tag, an dem die ganze Familie hilft: Christian und sein Opa holen abwechselnd die Rahmen aus den Kästen, Vati Lutz pendelt mit dem Auto zwischen Wagen und Schleuderraum, um sie bei Christians Mutti und ihrer Schwiegermutter abzuliefern, die traditionell das Schleudern und Abfüllen übernehmen. Dort wird auch Christians jüngerer Bruder Sebastian mit zupacken. Noch am selben Abend werden die Bienenwagen  an ihren neuen Standort  zu den Robinien „wandern“. Fürs Umsetzen der Wagen darf sich Christian beim Landgut Elbeland einen Traktor leihen. Schließlich kann er als Landwirt gut damit umgehen.

Dass sich die Arbeit auf einem Anwesen von 6 000 m2 Fläche, mit einem großen Garten mit Gewächshaus, einem halben Dutzend Schafe, Hund, Katze und Kaninchen, auf alle, die auf ihm leben, verteilen muss, haben die Trittins quasi schon mit der Muttermilch aufgesogen. Auch wenn Christian im Herbst seine zweijährige Fachschulausbildung zum staatlich geprüften Agrartechniker in Haldensleben antritt und der Weg nach Hause dreimal so lang ist wie jetzt, wird er sich auf seine Familie verlassen können. Und glücklicherweise hat auch Christians Freundin Verständnis für seine Arbeit und die Bienen. Sie habe gerade die Schule abgeschlossen und möchte Tierärztin werden, erzählt er mit dem bekannten Leuchten im Blick. „Passt doch!“, möchte man meinen und fährt mit dem guten Gefühl vom Hof, dass bei „echten Elbauenkindern“ Bienenfleiß und Familiensinn manchmal zusammenkommen – erst recht, wenn sie in fleißgen Familien mit Sinn für Bienen aufwachsen.

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