Die Frauen von Meura

09.03.2016

© Sabine Rübensaat

Meura in Thüringen ist mit etwa 350 Pferden Europas größtes Gestüt, das sich mit der Zucht von Haflingern befasst.

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BauernZeitung: Landläufig wird Pferden eine große Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht zugeschrieben. Auch bei Ihnen sind mehr als zwei Drittel der Mitarbeiter weiblich. Sie sind also nicht die einzige Frau hier. Ihre Mutter, Martina Sendig, führt den angeschlossenen Reiterhof, und Helen Reichel ist als Familienmitglied und studierte Pferdewissenschaftlerin eine weitere weibliche Verstärkung. Neben vielen anderen, die das Team komplettieren.
Anke Sendig: Fünfundneunzig Prozent unserer Bewerber sind weiblich, so auch die Azubis. Meist wird die weibliche Leidenschaft für das Umsorgen von Pferden und Anlehnen an den zuverlässigen Partner Pferd durch den Beruf erfüllt. Wenn alles passt, bleibt man gern. Die meisten Mitarbeiter sind vom Praktikum über die Lehre den Weg zu ihrem heutigen Platz in unserem Team gegangen. Dass sie sich bei uns wohlfühlen, liegt sicher an der Vielseitigkeit der Arbeit, ein Stück weit wohl auch an der familiären Atmosphäre. Frühstück, Mittag, Kaffee nehmen alle gemeinsam ein – selbstverständlich auch unsere zum Team gehörenden sechs Männer, die hoch qualifizierte, engagierte Arbeit als Pferdewirtschaftsmeister oder Trainer, im Weideteam oder als Ausbilder im Reit- und Fahrbereich leisten.

Männern keine Kompetenzen zuzugestehen, über dieses Stadium sind selbst Feministinnen hinaus.
■ Auf eines sind wir aber stolz: Jede Frau, die bei uns arbeitet, kann sich beruflich verwirklichen und sich zugleich den Traum vom Familienleben erfüllen. Wir versuchen, ihnen entgegenzukommen, mit flexiblen Arbeitszeiten und Ähnlichem.

Leider müssen trotz Bemühungen seitens der Politik noch zu viele Frauen wählen zwischen Karriere und Familie, können nicht beides vereinbaren, sind nicht frei in ihrer Entscheidung.
■ Ich bin selbst ein Familienmensch, lebe mit meinem Mann, meiner Mutter, meinen beiden Kindern und dem erwachsenen Sohn meines Mannes und seiner Lebensgefährtin zusammen: ein Mehrgenerationenhaus.

Die Affinität zum Pferd wurde Ihnen sicher von Ihrem Vater in die Wiege gelegt.
■ Als Kind oder Jugendliche habe ich mich wenig für Pferde interessiert. Das Reiterliche liegt mir nach wie vor weniger. Zuallererst wollte ich Humanmedizin studieren, das war mein großer Traum, auch wenn dieser nicht dem Wunsch meines Vaters entsprach.

Ich habe in Moskau mit dem Medizinstudium begonnen, bin kurz vor der Wende aber nach Jena gegangen und habe auf Betriebswirtschaftslehre umgesattelt. Mit der Privatisierung des Gestüts hat mein Vater mich ins Boot geholt, wo ich mit diesem neuen Aufgabengebiet zusammenwachsen musste. Die Leidenschaft für die Medizin und die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse haben mir dabei geholfen. Die Vielseitigkeit des Betriebes, der Umgang mit Mensch und Tier und die Natur machten aus der Arbeit eine Lebensaufgabe mit Leidenschaft.

Ihr Vater galt als sehr streng und leistungsorientiert.
■ Leistung ist wichtig, aber wichtiger sind Vertrauen, Wertschätzung und das Verfolgen eines gemeinsamen Ziels – das ist meine Devise der Unternehmensführung. Man muss deshalb nicht alles können, aber das, was man beherrscht, auch gut machen. Dass es dem Tier gut gehen muss, das haben wir von meinem Vater gelernt. Heute sagt man artgerechte Haltung dazu, oder man spricht von Tierwohl. Alles, was dafür nötig ist, ist bei uns gegeben. Wir bewirtschaften zirka 250 Hektar Grünland, meist in Hanglage, nahezu ideale Aufzuchtbedingungen für Jungpferde. Im Sommer gehen die Tiere auf große naturbelassene Weiden, im Winter sind sie in geräumigen Laufställen untergebracht.

Teamplayer, Motivator, Admininistrator? Wo ordnen Sie Ihren Führungsstil ein?
■ Irgendwo dazwischen. Der Betrieb ist in Verantwortungsbereiche geteilt. Jeden Morgen besprechen sich die Teamleiter kurz zu den Tagesaufgaben, freitags werden die nächste Woche und wichtige Events besprochen. Zugleich erfordert die Vielseitigkeit, die Gestüt und Reiterhof bieten, ein großes Maß an Flexibilität. Da muss oft umgedacht werden, Kommunikation ist wichtig. Und die funktioniert nicht nur zwischen den Frauen, sondern auch mit „unseren“ Männern. Mein Vater war eher ein Vertreter des autoritären Führungsstils, seiner Zeit gemäß. Heute ist der Betrieb auf mehreren Säulen aufgestellt. Wir sind ein gutes Team, jeder kennt seine Aufgaben und seine Verantwortung, ob Mann oder Frau – also eher Teamplayer.

Das Gestüt ist bekannt für seine Zuchterfolge. Parallel dazu bieten Sie ein großes Spektrum an Leistungen an, von der Ausbildung bis zur Stutenmilchprodukten. Warum?
■ In der heutigen Zeit ist ein breites Leistungsspektrum unabdingbar. Die Zucht von Pferden erfordert auch eine anschließende gute Ausbildung – der Pferde wie der Reiter. Nur so kann man den wachsenden Kundenwünschen entsprechen. Gut ausgebildete Pferde und Reiter sind eine gute Basis für Reittourismus und Reiterferien, ergänzt um die tolle Natur und die familiäre Atmosphäre für unsere Gäste. Pensionspferde gibt es auch – wer die weite Anfahrt nicht scheut, wird mit großzügigen Reitanlagen, Rundumbetreuung der Pferde und bestens qualifizierten Reitausbildern belohnt. Wir präsentieren uns und unsere Pferde oft auf Messen und sportlichen Veranstaltungen. 2015 wurde Naminio Fahrponychampion des Moritzburger Fahrponychampionats und erreichte Rang fünf beim Europachampionat in Mailand unter dem Sattel.

Man kann nicht unentwegt wachsen und auch nicht ständig Neues erschaffen. Es braucht eine Balance zwischen Bewährtem und Innovationen.
■ Grundsätzlich basiert der Betrieb auf 50 Jahren Zucht von Haflingern und Edelbluthaflingern – also sehr viel Bewährtem. Der Weg bis heute war steinig, und es gab viele Wegbegleiter, Freunde, Verwandte, Sympathisanten. Ohne deren Unterstützung wären wir heute nicht, wo wir sind. Aber es geht nicht ohne Wachstum. In diesem Sinne entwickeln wir immer wieder neue Angebote, in der Ausbildung, bei der Organisation von Reit- und Fahrkursen, durch bauliche Neuerungen. So entstanden ein Grillpavillon, ein Kleintiergehege, Veränderungen der Hengstboxen und vieles mehr. In diesem Jahr kommt ein Fahrradschuppen dazu.

Wie macht man auch Mitglieder einer Gastfamilie glücklich, die reiterlich nicht interessiert sind?
■ Hier helfen uns unsere sportlichen Männer mit der Erkundung von Fahrradtouren und Wanderrouten. Diese können wir dann unseren Gästen empfehlen oder eine geführte Tour anbieten.

Ihr Vater erfuhr nicht nur wegen seiner Fachkompetenz, sondern auch wegen seiner ehrenamtlichen Arbeit Hochachtung.
■ Ehrenamt muss sein! Ich bin Stellvertreter Bereich Ost der Interessengemeinschaft Edelbluthaflinger. Wir engagieren uns in verschiedensten Vereinen und Verbänden, ob touristisch, landwirtschaftlich oder mit Ausrichtung Pferdezucht. Mit dem Reit- und Fahrverein organisieren wir Sportveranstaltungen mit dem Pferd, in die auch unsere Kinder und Jugendlichen des Vereins und die Azubis einbezogen werden. Mein Vater hat mich überall hin mitgenommen, auf Veranstaltungen, Messen, um Weitblick zu bekommen, Ansprechpartner kennenzulernen. Wie ich es erfahren habe, setzen wir es heute in der Unternehmensphilosophie um.

Wie behauptet man sich als weiblicher Unternehmer in einer Männerpferdewelt?
■ Mit Biss, Kontinuität und Teamwork, auch mit den Männern, das ist das oberste Gebot.

Das Gespräch führte JUTTA HEISE

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