Chris Rupsch und die Fledermäuse

13.11.2013

Chris Rupsch mit Fledermaus (Große Abendsegler) © Heike Mildner

Chris Rupsch sieht hoch zu den Kronen der uralten Platanen. Hunderte Male hat sie auf der Bossewiese in Quedlinburg gestanden oder auf ihrem Klappstuhl gesessen und nach oben geblickt wie jetzt. Allerdings später, wenn die Vögel schlafen und den Luftraum den Fledermäusen überlassen. Hier ist es vor allem der Große Abendsegler, der in verlassenen Bruthöhlen oder hohlen Ästen Quartier bezogen hat.

Bevor Chris die Bossewiese 2010 unter verschärfte Beobachtung nahm, ahnte man nur, dass Fledermäuse hier zu Hause sind. Ob ihrer nachtaktiven Lebensweise entziehen sich die einzigen Säugetiere, die fliegen können, weitestgehend dem Blick der Allgemeinheit. Man muss schon genauer hinsehen.

Und das tat Chris in ihrem freiwilligen ökologischen Jahr (FÖJ). Sie erarbeitete eine Karte von der Bossewiese, in der die etwa 40 Höhlen verzeichnet sind. Genutzt wird die Karte von den meist ehrenamtlichen Fledermausbetreuern und bei Baumpflegemaßnahmen. Denn die Flattermänner – 21 Arten gibt es in Sachsen-Anhalt – stehen unter Schutz. Wenn Chris Rupsch von „ihren“ Abendseglern erzählt, kommt man mit dem Zuhören kaum hinterher...

 

 

Hatten Sie schon vor Ihrem FÖJ mit Fledermäusen zu tun? 

Chris Rupsch: Nur ganz am Rande. Mit neun oder zehn war ich mit meinem Papa auf Mutter-Kind-Kur und habe eine Fledermausexkursion mitgemacht. Das hatte aber keine direkten Folgen. Vor zwei Jahren hatte ich dann das Abi gemacht, aber noch keinen Studienplatz. Dann bin ich an die FÖJ-Stelle gekommen. Bernd Ohlendorf, der Leiter der Referenzstelle für Fledermausschutz in Sachsen-Anhalt, war meine direkte Bezugsperson. Von ihm hab ich alles gelernt und mir das „Fledermausvirus“ eingefangen.

 

 

Was ist an der Arbeit mit den Fledermäusen so spannend?

Rupsch: Hier auf der Bossewiese hat der Große Abendsegler, meine Lieblingsfledermaus, sein Paarungsquartier. Dann sitzen die Männchen in den Höhlen, rufen, verbrennen Körperfett, stinken und locken mit alldem die Weibchen an. Befruchtet wird die Eizelle im Körper der Weibchen aber erst nach der Winterpause. Ende Mai beginnt die Wochenstubenzeit. Die Weibchen bilden dann Gruppen und hängen zusammen in Höhlen, Baumhöhlen oder Kästen, die wir für sie aufgehängt haben, um die Jungen aufzuziehen.

 

Was macht Ihr genau?

Rupsch: Im Sommer sind wir draußen, schlagen uns die Nächte um die Ohren. Die Fledermäuse werden mit Netzen gefangen, gewogen, beringt, es werden Blut-, Speichel-, Urinproben genommen – alles von A bis Z. Tagsüber gibt man dann die Daten ein. Im Winter ist es dasselbe, nur dass man dann die Winterquartiere aufsucht und in alle möglichen Höhlen muss, um sie zu finden – die berühmte Nadel im Heuhaufen.

 

Was hat der Große Abendsegler, was andere nicht haben?

Rupsch: Es ist die erste Art, mit der ich gearbeitet habe. Der Große Abendsegler ist zudem groß – 25 bis 30 g schwer und 30 bis 40 cm Flügelspannweite –, und dabei niedlich. Das Vampir-Klischee erfüllt er am allerwenigsten. Er hat eher ein hübsches kleines Hundegesicht mit Hundenase und richtige Ohren – total süß! Außerdem kann man die Großen Abendsegler hören. Und das macht es leichter, sie zu orten.

 

 

Ich dachte immer, die verständigen sich im Ultraschallbereich?

Rupsch: Der größte Teil der Fledermauskommunikation spielt sich in einem Frequenzbereich ab, der für das menschliche Ohr einfach zu hoch ist. Zum Vergleich: Eine Stimmgabel schwingt mit etwa 440 Herz (Hz). Das menschliche Ohr nimmt etwa zwischen 16 Hz und 18 Kiloherz (kHz) wahr. Fledermäuse rufen mit Lauten zwischen 9 und 200 kHz. Ihre tiefsten Töne liegen gerade so im Bereich unserer Wahrnehmung. Der Große Abendsegler „spricht“ jedenfalls so  tief, dass ich ihn hören konnte – und dann auch gesehen habe.  

 

 

Gabs im FÖJ erstmal ’ne Runde Theorie?

Rupsch:  Beides. Ich hatte in der Landesreferenzstelle in Rossla nicht nur ein Büro, sondern auch ein Zimmer zum Übernachten. Meine Vorgängerin hat mich eingewiesen in die Computersachen – Eingabe der Daten, Vorbereitung von Fledermausaktionen, Kindercamps, für den Chef das Fahrtenbuch vorbereiten und so was. Und dann ging’s gleich voll los.

 

 

Wie ist es denn dann zu dem Projekt Bossewiese gekommen?

Rupsch: Es gibt bei uns zwei n Anbieter für das FÖJ: SUNK, eine  Stiftung für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz, und IJGD – Internationale Jugend und Gemeinschaftsdienste. Ich war bei der SUNK, bei der alle Leute, die so ein Jahr machen, eine eigene Idee entwickeln und am Ende des Jahres eine Projektarbeit abgeben, die sie selbst gemacht haben. Mein FÖJ-Chef Bernd Ohlendorf  hatte selbst auf der Nordharzseite Projekte angefangen und Fledermauskästen aufgehängt. Das passte gut, denn ich komme aus der Gegend und konnte an der Stelle weitermachen.

 

 

Mit dem Studium hat es nach dem FÖJ noch nicht geklappt?

Rupsch:  Ich will Veterinärmedizin studieren. Der NC liegt  bei 1,3 – das heißt  für mich Wartesemester. Nur fünf Unis bilden aus, und man kann immer nur zum Wintersemester einsteigen. Die Hürden sind also hoch. Und wenn’s dann klappt mit dem Studium, könnte es immer noch schwierig werden ...

 

 

Was machen Sie, bis es so weit ist?

Rupsch:  Zurzeit bin ich Präparationsassistent im Heineanum in Halberstadt. Das ist ein n Naturkundemuseum mit 170-jähriger Geschichte, das auf Ferdinand Heine zurückgeht und eine riesige vogelkundliche Sammlung hat. Ich lerne da eine Menge über das Präparieren toter Tiere.

 

 

Und ist das auch so was wie ein FÖJ?

Rupsch:  Das heißt EQ-Praktikum, also Einstiegsqualifikationspraktikum, ist vom Arbeitsamt und soll eigentlich in einer Lehre münden. Ich wollte es unbedingt machen, obwohl’s da nur 200 Euro gibt im Monat bei 40 Wochenstunden. Mit Hartz IV hätte ich das Doppelte. Aber ich konnte problemlos zu den ganzen Bewerbungsgesprächen fahren.

 

 

Also doch kein Studium?

Rupsch: Doch. Aber bis dahin mach ich eine n Ausbildung zum Tierpfleger, Fachrichtung Forschung/Klinik in Berlin.

 

Das ausführliche Porträt lesen Sie in BauernZeitung Heft 27/ 2012.

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