Blick auf den Teller und über den Rand

11.11.2013

Turnhalle Werbellinsee

Gut gefüllte Turnhalle beim Jugendkongress "Zukunft Denken. Zukunft Gestalten." am Werbellinsee.

Auf den ersten Blick wirkt das Gelände verwaist. Herbstlich entlaubte Bäume, große Gebäude, teils saniert, teils unsaniert, breite, menschenleere Asphaltstraßen. Kann man 300 Leute übersehen? Es nieselt. Eine junge Frau kommt über den Platz. Sie sucht, was ich suche: das Gebäude 29, wo der Jugendkongress eröffnet werden soll. Ich nehme sie im Auto mit, wir suchen gemeinsam weiter und treffen eine Dritte, die weiß, wo wir hin müssen. Auch sie steigt mit ins Auto. Dass Prof. Dr. Harald Wenzel  eine halbe Stunde später den „individuellen Nahverkehr auf Basis fossiler Energien“ dem Vorhof der Hölle überantworten wird, wissen wir da glücklicherweise noch nicht. 

 

Wünsche an die Zukunft

Die Nummer 29 auf dem Plan für das über hundert Hektar große Gelände entpuppt sich als Turnhalle. Und die ist voll! Über 300 junge Leute zwischen 16 und 27 werden es sein, wenn auch die letzten den Weg zum Werbellinsee gefunden haben. Sie kommen per Zug und Shuttlebus aus ganz Deutschland, und von denen, die schon da sind, hatten die Jugendlichen aus Koblenz mit mehr als zwölf Stunden die längste Anreise. Das finden die Moderatoren Laura und Simon zum Auftakt durch frontale Publikumsbefragung schnell heraus. Wie viele im Saal tragen sie die roten Shirts des „teamGLOBAL“ und die blauen der YEPs, der Young European Professionals. Das sind zwei Netzwerke, die unter dem Dach der Bundeszentrale für politische Bildung agieren und die den dreitägigen Kongress „Zukunft denken. Zukunft gestalten“ gemeinsam ausrichten, um sich darüber zu verständigen, „was sie sich von der Zukunft wünschen, und erleben, was die Welt von heute ausmacht“ – wie es in der Ankündigung heißt. Trifft sich hier die politische Elite von morgen? Wer weiß. In jedem Fall ist es keine geschlossene Gesellschaft. Wer mitmachen möchte, kann es, Interesse an europa- und weltpolitischen Themen vorausgesetzt.

 

EU-Agrarpolitik und ihre Auswirkung

Alice Schmidt ist eine von den YEPs, studiert Philosophie und Politikwissenschaft und hat ihre Bachelorarbeit über die „Auswirkungen der EU-Agrar- und Handelspolitik auf afrikanische Entwicklungsländer“ geschrieben: Wie hat sich die Landwirtschaftspolitik der EU entwickelt? Wie verhält sich die EU auf internationaler Ebene bei Verhandlungen wie den Doha-Verhandlungen im Auftrag der WTO*? Wie haben sich die GAP-Reformen der vergangenen Jahrzehnte auf einzelne afrikanische Länder ausgewirkt? Am Beispiel von Ghana machte sie deutlich, wie EU-Hühnerfleischexporte dem Erfolg von Entwicklungshilfeprojekten, die einheimische Bauern unterstützen,  zuwiderlaufen. Und am Beispiel von Burkina Faso zeigte sie, wie der Export von Milchpulver aus der EU denen, die durch den Besitz einer Kuh das Schulgeld für ihre Kinder aufbringen, das Leben schwer macht. Die 23-Jährige, die mittlerweile ihren Master in Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt am Main macht, kennt sich aus mit politischen Winkelzügen und mit offenem wie verstecktem Protektionismus. Ich bin gespannt auf ihre Arbeit, die sie mir schicken will. Beim Jugendkongress wird sie mit zwei anderen jungen Frauen den Workshop über „Fleisch und die BRIC-Staaten“ leiten. 

 

Brasilien, Russland, Indien und China

BRIC-Staaten. Ein Kürzel, das an diesem Wochenende am Werbellinsee in aller Munde ist. Gemeint sind Brasilien, Russland, Indien und China, wo mit fast drei Milliarden Menschen über 35 Prozent der Weltbevölkerung leben. „Diese Staaten sind besondere Wachstumsmärkte für die Wirtschaft. Deswegen lohnt es sich, einmal genauer hin zu schauen, was dort passiert“, sagen die Organisatoren. Und das tun die jungen Leute in den drei Tagen und haben bei den selbst organisierten 40 Workshops in vier Mal vier Stunden besonders Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft der BRIC-Staaten im Blick. Glücklicherweise wird dabei nicht nur geredet. Theaterworkshop, Poetry Slam, Kleidertauschbörse, Rollenspiele, Filme, Ausstellungen und World-beat-party geben Anregungen über das gedachte, geschriebene oder gesprochene Wort hinaus. 

 

„I need a Dollar“

Nach dem Eröffnungsvortrag, den ich mir hier bis zuletzt aufhebe, suche und finde ich das Haus 6 und besuche dort den Workshop „I need a Dollar“, denn diese Aussage, so denke ich mir, können besonders viele Junge-Land-Leser unterschreiben. Im Seminarraum sehe ich Danny und seine Gebärdendolmetscherin wieder, die mir schon in der Sporthalle aufgefallen sind. Bevor es losgeht, unterhält sich die 20-köpfige Runde mit Danny über sein Taubstummsein. Beim „Energizer“, einem kurzen Stehgreifspiel, bei dem immer die die Plätze tauschen, die eine ausgerufene Eigenschaft teilen – weiße Socken, eine Abneigung gegen gestellte Fotos oder absolvierter Berlinbesuch – warten alle geduldig mit dem Losrennen, bis für Danny übersetzt wurde. Dann geht’s ums Eingemachte.

Wo bekommt man Geld her, um seine Ideen und Projekte umzusetzen? Referentin Yasmen Babar hangelt sich durch die Möglichkeiten, öffentliche Fördermittel von EU, Bund und Ländern zu bekommen. Alles sehr kompliziert, wie es scheint. Doch Thy-Diep Ta macht am Beispiel eines ihrer aktuellen Projekte namens Cooking for Europe deutlich, wie relativ einfach es war, von „Jugend in Aktion – EU“ 6 000 Euro zu bekommen, um in sechs Städten mit jungen Leuten gemeinsam zu kochen, zu essen und dabei über Europa zu reden. Eine Sache, die sie sich selbst ausgedacht hat. Und den Projektantrag zu schreiben sei gar nicht so schwer gewesen, meint die junge Frau mit vietnamesischen Wurzeln. Der Leipziger Stephan Popp erläutert den Workshopteilnehmern, wie Crowdfunding funktioniert, bei dem für bestimmte Ideen gezielt Geldgeber gewonnen werden. Unter www.visionbakery.com kann sich ein Bild davon machen, wer nicht auf den Beitrag dazu warten möchte, der in der nächsten Junges-Land-Ausgabe zu lesen sein wird. Auch das Workshopteam ist begeistert und spekuliert weiter: Damit könne man möglicherweise den Eigenanteil einwerben, der für viele Projektförderungen von öffentlicher Hand nötig sei.

 

Blick über den Tellerrand

Der Kongress, es ist der vierte seiner Art, wurde übrigens von der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) finanziert. Beeindruckend ist, dass neben Svetlana Alenitskaya von der BPB nur wenige Über-27-Jährige an diesem Wochenende auf dem Gelände der einstigen „Pionierrepublik Wilhelm Pieck“ unterwegs sind. Alles, was hier angeboten wird – und das ist wirklich eine Menge –, wurde von den Jugendlichen selbst auf die Beine gestellt. Dennoch ist man nicht ganz unter sich, sondern hat sich Experten herangeholt, die den Blick über den Tellerrand, der hier in aller Ausführlichkeit praktiziert wird, schärfen. Zum Beispiel den bereits erwähnten Prof. Dr. Harald Welzer, der in der eingangs gesuchten Sporthalle den Eröffnungsvortrag hält. Der Mittfünfziger – sein jüngstes Buch heißt „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ – erzählt darüber, wie sich dieses „Selbstdenken“ im Laufe der Lebenszeit verliere. Als junger Mensch sei er beispielsweise noch demonstrieren gegangen, später im Sozialwissenschaftsstudium habe er seine Naivität verloren: Die Welt sei ja viel zu  komplex, als dass man sie als Einzelner verändern könnte. Irgendwann habe er festgestellt, dass es möglich ist, angepasst zu leben und sich unangepasst zu fühlen, erzählt Welzer mit leicht ironischem Unterton. Er war einer der ersten, die sich als Sozialpsychologe zum Klimawandel äußerten. Das Wichtige daran sei doch, wie die Menschen damit umgehen. Manche Folgen des Klimawandels seien schon jetzt zu spüren. Bei den Auseinandersetzungen in Darfur beispielsweise gehe es nicht um ethnische Konflikte, sondern um Fragen der Landnutzung, die durch die Wüstenbildung prekär werden.  Wir in der „Komfortzone“ könnten nicht weiter so tun, als ginge uns das nichts an, argumentiert Welzer, erntet Zustimmung und wird konkreter. „Wenn eine Ölbohr-Plattform absäuft und die Umwelt schädigt, schimpfen wir auf die Firma. Wenn in Bangladesh tausend junge Leute in einer Textilfabrik ums Leben kommen, schimpfen wir auf die Anbieter von Billig-T-Shirts.“ Aber immer werde der Unfall als Problem betrachtet, das eigentliche Problem sei jedoch der Normalfall. Welzer wettert gegen Stadtgeländewagen und gegen Smartphones, denen wir unsere Freiheit opfern und die uns in den „Zustand der freiwilligen Entmündigung“ führen. Statt der Befriedigung von Bedürfnissen hinterherzuhecheln, die erst durch die Hersteller geschaffen werden, gehe es darum wieder selbst zu denken und selbst zu handeln, auch wenn alle anderen etwas anderes tun. Mit seiner Plattform www.futurzwei.com wendet sich der Wissenschaftler, der auch die Welt der Akademiker hinterfragt, dem wirklichen Leben zu. Hier sammelt er Beispiele fürs Selbstdenken, die er als „Flaschenpost in die Normalgesellschaft“ versteht. Auch wenn Welzer mit der Verbannung des „Individualverkehrs auf der Basis fossiler Energie“ nicht gerade Begeisterung im jungen Publikum entfacht (Wo bleibt denn da die Freiheit? – Gibt es ein Menschenrecht auf Autofahren?) – der Soziologe macht Mut: Wenn drei bis fünf Prozent der Bevölkerung umdenken, besteht Ansteckungsgefahr. „Die Möglichkeiten, die man hat, sind größer, als immer gesagt wird“ und  „Wir müssen raus aus dem Kreislauf von Kaufen und Wegschmeißen!“ Und damit wiederum rennt er bei den Versammelten ganz sicher offene Türen ein. 

Heike Mildner

 

Die Ergebnisse des Kongresses werden auf www.bpb.de, Menüpunkt „Veranstaltungen“ nachzulesen sein. Bereits jetzt findet man dort ausführliche Informationen über die Netzverke YEP und forumGLOBAL.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr