Mensch-Maschine-Schnittstelle: Die Arbeit von morgen

10.01.2014

© Sabine Rübensaat

Unter- und Überforderung durch automatische Prozesse und technische Probleme liegen oft dicht beieinander.

Welche Auswirkungen haben Prozesse der Technisierung auf gesellschaftliche Strukturen der Arbeits- und Lebenswelt im Agrarsektor? Und welche sozialen Technikfolgen ergeben sich für den Einzelnen aus dem Trend zu Elektronik und Automatisierung in der Landwirtschaft? Diese Fragen wurden in Experteninterviews Vertretern aus verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen, die im Bereich hochautomatisierter Agrartechnik über ein großes Wissen verfügen, in der Schweiz gestellt. Das Expertenfeld schätzt soziale Technikfolgen für die Anwenderinnen und Anwender recht homogen ein. Es wird auf zahlreiche Vorteile des technischen Fortschritts, aber auch auf gesteigerte Anforderungen bis hin zu Abhängigkeit und Überforderung hingewiesen.

Folgen des technischen Fortschritts

Die Sä- und Pflanztechnik sowie die Stall- und Melktechnik zeichnen sich in den letzten Jahren maßgeblich durch eine Rationalisierung und Automatisierung der Arbeitsabläufe und Verfahren aus. Mechanisierte und teils schon automatisierte Prozessabläufe bestimmen mit immer weitreichenderen Konsequenzen die Arbeitsweise und damit die Arbeitsplätze der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung. Kontrovers diskutiert werden beabsichtigte und unbeabsichtigte Folgen des (agrar-)technischen Fortschritts. Einerseits gilt Technik als zukunftsweisend, wohlstandssichernd und komfortsteigernd und wird als Notwendigkeit für die Gestaltung einer guten oder auch besseren Zukunft gesehen. Andererseits sind Folgen von Technik auszumachen, die nicht als wünschenswert gelten: Wegfall von Arbeitsplätzen durch Rationalisierung und Automatisierung, negative Folgen für die natürliche Umwelt und für die menschliche Gesundheit, soziale Technikfolgen, Abhängigkeit von Technik. Hieraus ergeben sich zwei leitende Fragestellungen:

• Welche Auswirkungen haben Prozesse der Technisierung auf gesellschaftliche Strukturen der Arbeits- und Lebenswelt im Agrarsektor?
• Welche sozialen Technikfolgen resultieren für den Einzelnen aus dem Trend zu Informationstechnologien und Automatisierung in der Landwirtschaft?

Empirische Erhebungen zur Abschätzung sozialer Technikfolgen hochautomatisierter Agrartechnik liegen unseres Wissens für den deutschen Sprachraum nicht vor. Werden Technikfolgen behandelt, stehen zudem häufig ökonomische und ökologische Motive im Mittelpunkt.

Gemeinsames Fazit aus den bisherigen Untersuchungen zu Technikakzeptanz und Technikwahrnehmung ist die Notwendigkeit der Differenzierung zwischen unterschiedlichen Technikbereichen, unterschiedlichen Gruppen der Öffentlichkeit und unterschiedlichen sozialen Kontexten, die in der Debatte zu technischen Fragen eine Rolle spielen. Um die Experten in den Interviews auf hochautomatisierte Agrartechnik zu fokussieren, wurde konkret nach sozialen Technikfolgen zweier ausgewählter Technikbereiche gefragt: Präzisionslandwirtschaft (Landwirtschaft mit Satellit und Sensor) sowie Melktechnik (Automatische Melksysteme – AMS).

Zur Beantwortung der Fragestellungen wurden insgesamt 18 Experteninterviews mit Angehörigen verschiedener gesellschaftlicher Teilsysteme durchgeführt: Experten aus dem sozialen System (sechs Landwirte), aus dem ökonomischen System (vier Landtechnikhersteller und -händler), aus dem Wissenschaftssystem (drei Wissenschaftler, Landtechniklehrer), aus dem politisch-administrativen System (drei Mitglieder von Vereinen/Verbänden) sowie aus dem intermediären System (zwei landwirtschaftliche Redakteure).

Es wurden mithilfe eines Auswertungsschemas Kategorien gebildet. Sie werden nachfolgend thematisch geordnet präsentiert.

Hightech-Agrartechnik: Pro und Kontra

Im Expertenfeld werden die erwünschten und unerwünschten Folgen des agrartechnischen Fortschritts thematisiert. Die Mechanisierung und Automatisierung vieler Arbeits- und Produktionsabläufe lässt die körperliche Belastung der in der Landwirtschaft Beschäftigten abnehmen und ermöglicht mehr Flexibilität. Verbesserungen der Maschinen in Komfort, Arbeitssicherheit und Ergonomie gestatten ein schnelleres und ermüdungsfreieres Arbeiten, so die befragten Experten einstimmig. Zeitgleich treten neuartige Risiken hochautomatisierter Technik auf: die Monotonie der Arbeit, das Vigilanzproblem, fehlendes Situationsbewusstsein sowie die Gleichzeitigkeit von Über- und Unterforderung der Anwender. (Das Vigilanzproblem umschreibt das Problem bei einer Tätigkeit in hybriden Systemen ständig wach und konzentriert zu bleiben.)

Autonomiegewinn oder Anpassungszwang

Die Rolle des Menschen bei der Steuerung hochautomatisierter Agrartechnik ist zwiespältig. Einerseits wird er zum passiven Anlagenüberwacher degradiert, andererseits richten sich an ihn hohe Erwartungen, wenn kritische Situationen oder Störfälle auftreten. Ein Befragter deutet dies an: „Mit einem Melkroboter muss man immer der Feuerwehrmann sein. Wenn Probleme auftauchen musst du immer in Bereitschaft sein und dafür sorgen, dass diese rasch behoben werden können.“ (R., Kursleiter Melktechnik und Landwirt). Doch je komplexer die Technik ist, desto geringer ist die Chance, selbst noch etwas reparieren zu können. Die Machtlosigkeit im Falle eines Störfalls sowie die Tatsache, dass die Anwendenden auf (teure) externe Spezialisten angewiesen sind, führt nach Ansicht der befragten Fachleute verstärkt zu der Befürchtung, Unabhängigkeit einzubüßen.

Abhängigkeit von Technologien steigt

Die Abhängigkeit von technischen Systemen ist nicht mehr wegzudenken und wird zwar als Risiko betrachtet, doch aufgrund des so gewonnenen Komforts und Effizienzgewinns  aber auch Anwendungszwangs in Kauf genommen. So sind Umweltauflagen in Form von Düngerbilanzen oder die Aufzeichnungspflicht für Tiermedikamente bereits alltäglich, viele Tätigkeiten müssen elektronisch dokumentiert werden. „Die Abhängigkeit von Technik ist eigentlich nicht wegzudenken, es ist ein Risiko, aber man hat keine andere Wahl.“ (M., Landwirt). Ein Betrieb, der nicht mit den technischen Entwicklungen mithält, katapultiert sich selbst ins Abseits, so ein Großteil der Antworten der befragten Experten.

Erhöhte Anforderungen an komplexe Systeme

Die Einarbeitung in komplexe technische Systeme bedarf einer gewissen Anstrengung und oftmals einer langwierigen Aneignungsphase, um sie im Alltag problemlos und gezielt nutzen zu können. Fähigkeiten im Informations- und Arbeitsmanagement gewinnen stark an Bedeutung. „Je mehr automatisiert, je mehr Sensortechnik eingesetzt wird, desto mehr Informationen habe ich vom Tier, von der Herde, vom Melkablauf … All diese Informationen müssen während der Managementarbeit vom Anwender ausgewertet werden.“ (Z., Melktechnikhändler und Landwirt). Von Arbeitskräften auf Hightech-Betrieben wird zunehmend ein Verständnis für komplexe technische Systeme gefordert, was ein hohes Ausbildungsniveau voraussetzt. Aus- und Weiterbildung sowie Support seitens der Händler und Hersteller werden von den Fachleuten als zentrale Punkte gesehen, um neue Technik geschickt und gezielt einsetzen zu können.

Landwirt als Manager im Hightech-Betrieb

Einstimmig befinden die befragten Experten, dass die rasante Entwicklung der Agrartechnik das Berufsbild der Landwirtin oder des Landwirtes hin zu einem Agrarmanager, der in einem Hightech-Betrieb arbeitet, verändert (Abb.). Der Einzug von Informationstechnologien und Automatisierung in die Landwirtschaft bringt eine Verschiebung des Anforderungsprofils in Richtung planerische und überwachende Tätigkeiten mit sich. Nimmt allerdings die Auswertung von Computerdaten und damit die Interpretation digitalisierter Informationen überhand, kann die natürliche Beobachtungsgabe für Tiere und Pflanzen, und damit wertvolles Wissen, verloren gehen: „Wichtig ist, dass der Landwirt auch in Zukunft selber gut die Natur beobachten kann. Er muss entsprechend reagieren können und es darf nicht soweit kommen, dass er nur noch irgendwelche Computerdaten auswertet.“ (N., Landtechniklehrer und Landwirt). Andererseits wird die Komplexität des Wissens zunehmen und es stellt sich die Frage, wer in der Praxis mit dieser Komplexität noch angemessen umgehen kann. Neue Wissenssysteme und anwenderfreundliche Technologien sind gefordert. Die Überlebensfähigkeit von Ein-Mann-Betrieben – die alles Wissen auf sich vereinen – wird von einem Großteil der befragten Experten infrage gestellt.

Technischer Fortschritt und Strukturwandel

Die Expertenmeinungen gehen auseinander, ob der technische Fortschritt (mit Blick auf Rationalisierung und Automatisierung) den Strukturwandel in der Landwirtschaft be- oder entschleunigt (Abb.). Ein High-Tech-Beruf könnte positive Effekte auf die Beschäftigungs­situation im ländlichen Raum haben, indem durch den hohen Bedarf an Wissenstransfer, Aus- und Weiterbildung sowie IT-Support für die Landwirte zusätzlich Arbeitsplätze geschaffen werden. „Bei den jungen Fahrern muss man doch mit der Zeit gehen und Anreize setzen, das macht auch den Job interessant …“ (B., Lohnunternehmer). Andererseits könnte die fehlende Rentabilität des Einsatzes hochautomatisierter Agrartechnik, v. a. in kleineren Betrieben, langfristig zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führen. Ein Befragter resümiert: „Wie es das Bauernsterben gibt, wird es auch das Landmaschinenhändlersterben geben.“ (D., Landtechnikhändler). Fest steht, dass der technische Fortschritt das Anforderungsprofil der in der Landwirtschaft Beschäftigten verschiebt und Veränderungen im landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt hervorrufen wird. Die Gewinnung von Fachkräften für die Bedienung der hochkomplexen Maschinen wird schwieriger werden: „… dass man keine qualifizierten Mit­arbeiter mehr  findet, das ist eines von den größten Problemen, oder die qualifizierten Mitarbeiter zu dem Preis, den wir zahlen können, das ist das andere Problem …“ (W., Verbandspräsident und Landwirt).

FAZIT: Die Experteninterviews liefern eine erste – durchaus homogene Einschätzung sozialer Technikfolgen hochautomatisierter Agrartechnik und haben gezeigt, dass Agrartechnik eine gewisse Ambivalenz besitzt. Die technische Entwicklung stellt hohe Anforderungen an die Anwendenden, verschiebt das Anforderungsprofil der in der Landwirtschaft Beschäftigten und wird Veränderungen im landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt hervorrufen. Gerade in der Landwirtschaft ist einer nut-zeradäquaten Gestaltung der Mensch-Maschine-Schnittstellen verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken. Technische Entwicklungen müssen sich dabei an den ergonomischen und kognitiven Möglichkeiten und Grenzen der Menschen orientieren.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis, Heft 2/2013, S. 63–66.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr